Oper

Into the Woods / Ab in den Wald

Stephen Sondheim

Musical in einem Prolog und zwei Akten Buch von James Lapine, Gesangstexte von Stephen Sondheim. Deutsch von Michael Kunze. Fassung für zwei Tasteninstrumente.

Premiere 21. Mai 2022

In deutscher Sprache

Ein witziges und zugleich tiefgründiges Märchen für Erwachsene: Der Bäcker und seine Frau wünschen sich ein Kind; der kleine Hans wünscht sich, dass seine Kuh wieder Milch gibt; das Aschenputtel wünscht sich einen Prinzen, Rapunzel wünscht sich auch einen; und die Hexe wünscht sich, von einem Fluch erlöst zu werden. Sie alle ziehen in den Wald, wo sich Wünsche erfüllen und böse Flüche lösen sollen. Aber je tiefer sich die Märchenfiguren im dunklen Wald verirren, desto klarer wird, dass manche Wünsche besser nicht in Erfüllung gehen sollten. – »Into the Woods« ist ein aberwitziges Märchen-Musical, das Stephen Sondheim 1987 am Broadway herausbrachte und das mit über 700 Vorstellungen einer seiner größten Erfolge wurde. Der Songtexter und Komponist Sondheim steht für eine besondere Form des amerikanischen Musiktheaters, das sich durch eine intelligente und überraschende Handlung ebenso auszeichnet wie durch Sprachwitz und musikalische Anspielungen.

Handlung

1. Akt
Der Bäcker und seine Frau wünschen sich sehnlichst ein Kind. Doch ihre Nachbarin, die Hexe, hat das Paar mit einem Fluch belegt, weil der Vater des Bäckers einst sechs magische Bohnen aus ihrem Garten gestohlen hatte. Um den Fluch zu lösen, sollen die beiden der Hexe vier Zutaten für deren Zaubertrank bringen: Eine Kuh so weiß wie Milch, ein Cape so rot wie Blut, Haar so gelb wie Mais und einen Schuh so rein wie Gold. Der Bäcker und die Bäckerin gehen im Wald auf die Suche. Und im Wald treffen sie tatsächlich auf den Jungen Hans mit seiner Kuh Milchweiß und auf das Rotkäppchen mit seinem roten Cape, sie begegnen Rapunzel mit gelben Haaren und dem Aschenputtel mit einem goldenen Schuh. Alles könnte so einfach sein, wenn nicht jede der Märchenfiguren im Wald ihre ganz eigene Geschichte verfolgen würde.

2. Akt
Der Fluch der Hexe kann gebannt werden, aber nun droht neues Unheil: Aus den magischen Bohnen, die der Bäcker von seinem Vater geerbt hat, ist eine riesige Bohnenranke geworden, von der aus ein Riese herabsteigt. Der kleine Hans tötet den Riesen und ruft neues Unheil hervor: Die Frau des Riesen will den Tod ihres Mannes rächen. Sie zerstört große Teile des Märchenwaldes und tötet sowohl die Frau des Bäckers als auch Rotkäppchens Großmutter. Die Überlebenden können schließlich ihre Kräfte bündeln und mit vereinten Kräften die Riesin besiegen. Der Bäcker erzählt seinem Kind eine Geschichte: Es war einmal …

Werkeinführung

»Rein in den Wald!« singen Aschenputtel, Rotkäppchen, die beiden Prinzen, Bäckersfrau und Bäcker sowie Hans und machen sich, getrieben von ihren Sehnsüchten, auf in den Märchenwald, auf dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Wie es dazu kommt, ob sich die Wünsche erfüllen, vor allem aber auch, wie das Musical »Into the Woods« selbst entstanden ist, und was seine Besonderheiten ausmacht, davon berichtet Dramaturg Johann Casimir Eule im Opernführer online zu Stephen Sondheims Musical.

Porträtzeichnung Johann Casimir Eule
Johann Casimir Eule, Chefdramaturg; Zeichnung nach einem Foto von Ludwig Olah

Gewusst, wie – Erinnerung an Stephen Sondheim

Der Musical-Maestro Stephen Sondheim war auch ein großer Lehrer und machte aus seiner Kunst kein Geheimnis

Als ich Stephen Sondheim kennenlernte, war er schon Legende. Mein Mentor Harold »Hal« Prince, mit dem Stephen große Erfolge gefeiert hatte, stellte mich vor. Und zwar auf einer vorweihnachtlichen »Tree Trimming Party«, zu der Hal und seine Frau Judy alljährlich einluden. Nahe dem mächtigen Christbaum in dem vier Meter hohen Raum stand der berühmte Musical-Autor im Kreis von Bewunderern. Es wurde viel gelacht, dabei gab der schlanke Mann mit dem gestutzten Vollbart und den langen Haaren eine Art Seminar.

Er dozierte gerne. Höchst unaufdringlich, durchsetzt mit selbstironischen Nebensätzen und kleinen Anekdoten, mit der Überlegenheit eines erfahrenen Experten. Ich hatte das Glück, ihn in den Achtziger- und Neunzigerjahren wiederholt zu treffen, bei ihm zu Hause und im Kreis anderer Kollegen. Wertvolle Lehrstunden, von denen ich seither profitiere.

Für ihn war das Musical nicht das, was viele Broadway-Producer darunter verstanden. Keine Weiterentwicklung des Vaudeville-Theaters, sondern die ehrgeizigste Form von Schauspiel. Großes, erzählendes Theater mit Musik. Dazu bedarf es eines komplizierten Handwerks, das Sondheim möglichst vielen Autoren beibringen wollte. Und so sprach er nie über eigene Werke, sondern über das Know-how, auf dem sie beruhten. Sein überragendes Talent kannten die Zuhörer ohnehin.

»Less is more« – und immer auf etwas Unausgesprochenes achten!

Zunächst warnte er davor, die Wahl des Stoffes vom »Markt« oder einem Auftraggeber abhängig zu machen. Eine Geschichte musste mit und durch Musik erzählt werden. Idealerweise sollte man sich an ein Thema wagen, das man als Herausforderung empfinde. Nur wer sich frage, ob er gut genug sei, könne etwas Gutes machen. 

Was die Liedertexte angeht, blieben mir drei seiner Maximen im Kopf. Eins: »Content dictates form« – der Inhalt muss die Form bestimmen Zwei: »Less is more« – weniger ist mehr. Und drei: »God is in the details« – zentral sind die Einzelheiten. Er bestand darauf, dass jedes Lied im Musiktheater ein Minidrama sein müsse. Und hinter dem Gesagten müsse etwas Unausgesprochenes stehen (»No song without subtext!«). Auch müssen die verwendeten Worte zu dem Charakter passen, der das Lied singt. Zu oft werde vergessen, meinte er, dass Liedertexte gesungen werden. Sie dürften nicht »clever«, poetisch oder kompliziert sein, vielmehr so klar und einfach, dass man den Sinn beim ersten Hören versteht. Nicht zuletzt deshalb sollen sie sich reimen. Der Reim erleichtert das Ergänzen von überhörten Textteilen.

Nie habe ich jemanden getroffen, der freigebiger mit Ratschlägen und gut gemeinter Kritik war. Sondheim machte kein Geheimnis daraus, wie er vorging. Zuerst suchte er nach der Idee, dann arbeitete er den Text aus und zuletzt vertonte er ihn. Beim Erarbeiten des Textes lag er auf dem Sofa, den Schreibblock vor sich. Sein Werkzeug war ein Bleistift mit weicher Mine. Am Rand der Seite listete er mögliche Reime auf. Wenn ihm kein Reim mehr einfiel, ergänzte er die Liste aus dem Reimlexikon.

Wenn er nicht arbeitete, entwarf er Kreuzworträtsel. Ich schrieb ihm einmal einen Dankesbrief, der aus einem selbsterdachten Kreuzworträtsel bestand. Trotz aller Mühe - für ihn viel zu leicht. Selbst das berüchtigte Kreuzworträtsel der New York Times löste er in zehn Minuten. In gewisser Weise war das ein Training für seine Arbeit als Texter. Auch da musste er ja einen bestimmten Inhalt in eine vorgegebene Anzahl von Silben packen.

Oft feilte er mehrere Tage an zwei Zeilen. Er wollte perfekt sein und ärgerte sich, wenn es ihm nicht gelang. Bis ins hohe Alter kritisierte er sich dafür, dass er in dem Song »I feel pretty« der Maria in »West Side Story« die Zeile »It’s alarming how charming I feel« in den Mund gelegt hatte. Das war musikalisch und elegant, aber es passt nicht zur Herkunft und zum Charakter der jungen Frau, die es singt. Vergebens versuchte Stephen, nachträglich den Text zu ändern. Leonard Bernstein und Hal Prince sahen keinen Grund dazu.

Es wäre schade, sich an Stephen Sondheim allein als Schöpfer bedeutender Werke des Musiktheaters zu erinnern. Er war auch ein großer Lehrer.

Michael Kunze

Michael Kunze ist Schriftsteller und Musical-Librettist. Seine sogenannten Drama-Musicals, darunter »Elisabeth«, »Tanz der Vampire« und »Mozart!«, wurden in 16 Sprachen übersetzt und haben weltweit bisher 26 Millionen Zuschauer erreicht.

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