Oper

Capriccio

Richard Strauss

Konversationsstück für Musik in einem Aufzug Text von Clemens Krauss und Richard Strauss

Premiere 8. Mai 2021

In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

 
Info
  • Beginn: 18:00 Uhr

  • Ort:  Semperoper Dresden

  • Werkeinführung (kostenlos)
  • 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller
    Info
    • Beginn: 19:00 Uhr

    • Ort:  Semperoper Dresden

    • Werkeinführung (kostenlos)
    • 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller

    • Nachgespräch im Anschluss an die Vorstellung (kostenfrei).

    • Führungen in der Semperoper
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      • Beginn: 19:00 Uhr

      • Ort:  Semperoper Dresden

      • Werkeinführung (kostenlos)
      • 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller

      • Führungen in der Semperoper

        »Capriccio«, als Konversationsstück mit Musik untertitelt und 1942 in München uraufgeführt, wurde zur Summe von Richard Strauss’ kompositorischem Schaffen, seinem Abschied von der Oper und zeigt sein (ambivalentes) Beharren auf der Autonomie der Kunst in Zeiten des Weltkrieges: In einem Rokokoschloss bei Paris verhandeln der Dichter Olivier, der Komponist Flamant und die Gräfin Madeleine nicht nur ihr erotisches Verhältnis zueinander, sondern gleich die – operngeschichtlich fundamentale – Frage, was wichtiger sei für die Oper: die Musik oder das Wort? Prima la musica, poi le parole? Was Richard Strauss dazu eingefallen ist, ist vom Feinsten und von übergroßem Beziehungsreichtum. Angefangen mit dem wunderbaren Streich-Sextett zu Beginn der Oper, über das dahinperlende Parlando, den scheinbar schwerelosen Gesprächston, Fuge, Sonett und Oktett bis hin zum poetischen Mondscheinstück und dem sentimental-ironischen Finale. Wie fragt die unentschiedene Gräfin zum Ende ihr Spiegelbild? »Kannst du mir helfen, den Schluss zu finden für ihre Oper? Gibt es einen, der nicht trivial ist?«

        Handlung

        Anlässlich der Vorbereitungen ihrer Geburtstagsfestlichkeiten hat die junge, verwitwete Gräfin Madeleine Flamand, einen Komponisten, und Olivier, einen Dichter, in ihr Schloss in der Nähe von Paris geladen. Beide beobachten, wie die Gastgeberin hingebungsvoll einem Streichsextett lauscht, das Flamand für sie komponiert hat. Musiker und Dichter lieben Madeleine und ereifern sich über die Frage, ob Wort oder Musik den Vorrang habe: »Prima le parole, dopo la musica oder Prima la musica, dopo le parole«. Theaterdirektor La Roche, der während des Konzerts geschlafen hat, hält nichts von solchen Auseinandersetzungen. Er ist auf dem Schloss, um ein Schauspiel von Olivier für die Festlichkeiten in Szene zu setzen. Madeleine tritt, begleitet von ihrem Bruder – dem Grafen –, dazu: Auch sie weiß nicht, welcher Muse sie den Vorzug geben, ob sie sich für Flamand oder Olivier entscheiden soll … Der Graf hat es da leichter, er liebt Clairon, eine berühmte Schauspielerin, die an diesem Tag zur Probe erwartet wird. Clairon trifft ein. Sie und der Graf wetteifern im wechselseitigen Rezitieren eines Sonetts aus Oliviers neuem Schauspiel. Flamand fühlt sich durch die Worte zum Komponieren inspiriert und enteilt, während Olivier die Gelegenheit nutzt, um der Gräfin (vergebens) eine Liebeserklärung zu machen. Flamand kehrt zurück und trägt Oliviers vertontes Sonett vor. Madelaine ist begeistert und nimmt es als Geschenk beider an. Olivier besucht die Einstudierung seines Stückes durch La Roche. Nun erklärt Flamand seinerseits Madeleine seine Liebe – und wird zu einem Rendezvous am nächsten Tag um elf Uhr in die Bibliothek bestellt. Nachdem sich alle wieder im Salon versammelt haben, präsentiert La Roche eine junge Tänzerin sowie ein italienisches Sängerpaar dem erlesenen Kreis. Die Diskussion um die Vorherrschaft der Künste flammt wieder auf: mit großer Emphase plädiert La Roche dafür, dass sich alle Künste auf der Bühne der Inszenierung unterzuordnen haben; außerdem fehle es an Werken, die echte und wahre Menschen darstellen. Der Graf macht zur Überraschung aller den Vorschlag: »Schildert euch selbst! Die Ereignisse des heutigen Tages – was wir alle erlebt –.« Flamand und Olivier erhalten den Auftrag, eine entsprechende Oper zu verfassen. Die Künstler sind begeistert und brechen zur Heimreise nach Paris auf, der Graf begleitet Clairon und Madeleine bleibt allein zurück. Als der Haushofmeister meldet, dass Olivier am folgenden Tag um elf in der Bibliothek auf sie warte, fällt ihr ein, Flamand um dieselbe Zeit dorthin bestellt zu haben; für wen soll sie sich entscheiden? »Wählt man einen, verliert man den anderen.«

        Ich mag eigentlich keine »Oper« mehr schreiben …

        Stationen der Entstehung von »Capriccio«

        Die erste Anregung zu »Capriccio« erhält Richard Strauss von Stefan Zweig, dem Librettisten seiner Oper »Die schweigsame Frau«. Stefan Zweig empfiehlt eine Komödie des Abbé Giovanni Battista de Casti, die in der Vertonung von Antonio Salieri 1786 in Schloss Schönbrunn zusammen mit Mozarts Singspiel »Der Schauspieldirektor« uraufgeführt wurde: 

        »Verehrter Herr Doktor, ich studiere hier eben den Abbate Casti. Das kleine Stück ist an sich nicht brauchbar, könnte aber in ähnlicher Form leicht geformt werden. Bezaubernd daran ist der Titel ,Prima la musica, poi le parole‘ (Erst die Musik, und dann die Worte), den man für diese leichte Komödie jedenfalls übernehmen sollte, und manche Einzelheit.«
        Stefan Zweig auf einer Postkarte an Richard Strauss, Wien am 23. August 1934

        Richard Strauss steht unter dem Druck der Nationalsozialisten, sich von seinem jüdischen Librettisten Zweig loszusagen. Er widersetzt sich hartnäckig. Zum Eklat kommt es, als die Gestapo einen Brief abfängt, in dem er sich Stefan Zweig gegenüber für seine seit 1933 übernommene Funktion als Präsident der Reichsmusikkammer rechtfertigt. Der Brief wird von der Gestapo an den Reichspropagandaminister Joseph Goebbels weitergeleitet. Dieser reagiert empört und ordnet die sofortige Entlassung von Richard Strauss aus seinem politischen Amt an:

        »Richard Strauß schreibt einen besonders gemeinen Brief an den Juden Stefan Zweig. Die Stapo fängt ihn auf. Der Brief ist dreist und dazu saudumm. Jetzt muß Strauß auch weg. Stiller Abschied. Keudell muß es ihm beibringen. Diese Künstler sind doch politisch alle charakterlos. Von Goethe bis Strauß. Weg damit. Strauß ,mimt den Musikkammerpräsidenten‘. Das schreibt er an einen Juden. Pfui Teufel!«
        Tagebuchnotiz von Joseph Goebbels am 5. Juli 1935

        Stefan Zweig versucht Richard Strauss davon zu überzeugen, dass eine weitere Zusammenarbeit in seinem eigenen Sinne nicht möglich sei. Als künftigen Mitarbeiter schlägt er ihm den Theaterwissenschaftler Joseph Gregor vor:

        »Aber es ist eine traurige Zeit, in der ein Künstler meines Ranges ein Bübchen von Minister um Erlaubnis fragen muß, was er componieren und aufführen darf. Ich gehöre halt auch zur Nation der ,Bedienten und Kellner‘ und beneide beinahe meinen rasseverfolgten Stefan Zweig, der sich nun definitiv weigert, offen und geheim für mich zu arbeiten, da er im dritten Reich keine ,Spezialduldung‘ beansprucht.«
        Notiz von Richard Strauss aus dem Jahr 1935

        Joseph Gregor bemüht sich um eine gute Zusammenarbeit und liefert insgesamt sieben Libretto-Entwürfe für das neue Stück, mit denen er Richard Strauss jedoch nicht zufriedenstellen kann. Am 14. September 1939 weiht Strauss den Münchner Operndirigenten und hervorragenden Kenner der Musikgeschichte Clemens Krauss in die Konzeption seines »Capriccio« ein. Dieser empfiehlt, Strauss solle wie im Fall des »Intermezzo« dazu selbst den Text verfassen. Er ermutigt den inzwischen an seinem Vorhaben zweifelnden Komponisten zur Weiterarbeit:

        »... ich mag eigentlich keine »Oper« mehr schreiben, sondern möchte mit dem Casti so etwas ganz Ausgefallenes, eine dramaturgische Abhandlung (in weiterem Sinn wie die »Weisen des David«) eine theatralische Fuge (auch der gute alte Verdi hat’s am Schluß des »Falstaff« nicht lassen können) – denken Sie an Beethovens Quartettfuge – das sind so die Greisenunterhaltungen! – schreiben! Ob Gregor so was leisten kann – ich kann’s noch nicht sagen. Bis heute hat er’s noch nicht verstanden, was ich eigentlich will: keine Lyrik, keine Poesie, keine Gefühlsduselei –: Verstandestheater, Kopfgrütze, trockenen Witz! Vielleicht könnte es ein logischer nüchterner französischer Kopf! Hermann Bahr hätte es vielleicht gekonnt oder »der Schweigsame«! Vielleicht bringe ich Gregor noch dazu: er hat ja Talent, Einfälle und ist sehr willig, hat nur noch zuviel »Poesie« im Leibe!«
        Richard Strauss an Clemens Krauss am 14. September 1939

        »Hat denn das überhaupt einen Sinn, dieses Stück zu schreiben, jetzt im Krieg, wer wird sich dafür interessieren?... Vielleicht haben Sie recht. Schreiben wir es eben für uns und noch ein paar Leute, die noch nicht den Verstand verloren haben, machen wir es zu unserem eigenen Vergnügen!«
        Richard Strauss in einem Gespräch mit Clemens Krauss, aufgezeichnet von Rudolf Hartmann

        Am 28. Oktober 1939 kündigt Richard Strauss Joseph Gregor die weitere Zusammenarbeit auf, nachdem er Clemens Krauss als neuen Mitstreiter gewonnen hat:

        »Im Oktober 1939 wurde es mit seiner Arbeit ernst. Aus dieser Zeit stammen die ersten Briefe an mich, die mich aufforderten, ihm beim Verfassen des Textes zu helfen. Ich hatte ihn um Skizzen und Entwürfe gebeten, um sehen zu können, wie er sich das Ganze vorstelle. Wir unterhielten uns dann in vielen angeregten Gesprächen über den Plan dieses Stückes. So wurde aus der Streitdiskussion bzw. dem Vorspiel auf dem Theater ein ganz selbständiges Theaterstück. Strauss sträubte sich immer mehr, selbst an die Abfassung des Textes heranzugehen. Und nur mit List und Tücke konnte ich ihn dazu bringen, mir kleine Entwürfe zu schicken. Bis Strauss mir eines Tages schrieb: ,...Sie haben mich schon so oft und so gut beraten, gerade diesen Stoff in neue dramaturgische Bahnen gelenkt... Sie wissen am besten, was ich brauche, was meiner Art entgegenkommt... schreiben Sie mir doch das Buch...‘ Und ich sagte zu; der Stoff hatte mich selbst schon viel zu sehr gepackt und es durfte auch keine Rolle spielen, dass mein eigentlicher Beruf mir nur wenig Zeit für diesen ,Seitensprung‘ lassen konnte!«
        Clemens Krauss in einem Interview

        Es kommt zu einer intensiven und fruchtbaren Zusammenarbeit. Am 24. Februar 1941 meldet Richard Strauss Clemens Krauss die Beendigung seiner »Capriccio«-Partitur. Als Uraufführungsort schlägt er Salzburg vor, weil er der Wirksamkeit seines Stücks in Bezug auf ein breites Publikum misstraut.

        »Vergessen Sie nicht: ,Capriccio‘ ist kein Stück fürs Publikum, wenigstens nicht für ein Publikum von 1800 Personen pro Abend. Vielleicht ein Leckerbissen für kulturelle Feinschmecker, musikalisch nicht sehr bedeutend, jedenfalls nicht so wohlschmeckend, daß die Musik darüber hinweghilft, wenn sich das große Publikum für das Buch nicht erwärmen sollte. In Ihrer Mitarbeiterfreude überschätzen Sie freundlicher Weise, glaube ich, das Stück. Buch und Musik zusammen (wenn man jedes Wort Text versteht, Sie die Philharmoniker dirigieren und Ihre Leibgarde singt), dürfte einen für bessere Leute angenehmen Abend ergeben – an die eigentliche Bühnenwirksamkeit im gewöhnlichen Sinne glaube ich nicht und an einen wirklichen Premierenerfolg im normalen Hoftheaterrahmen auch nicht.«
        Richard Strauss an Clemens Krauss am 12. Oktober 1941

        Clemens Krauss hält an seinem Plan fest, die Uraufführung von »Capriccio« für Juli 1942 in München anzusetzen. Doch der Termin muss verschoben werden.

        »Es wird von allen Seiten (von den Sachbearbeitern im Ministerium sowohl als von verschiedenen mir befreundeten Fachkreisen) von dem Juli-Termin dringend abgeraten. Die politische Lage und die damit verbundenen militärischen Aktionen, wie von allen Seiten (auch von mir) vermutet war, dürften in diesem Monat ihren Kulminationspunkt erreichen. Die Verkehrs-Verhältnisse, die schon jetzt dazu führen, sämtliche verfügbaren Lokomotiven und Eisenbahnwagen nur für das Militär sicherzustellen, werden sich wahrscheinlich in diesen Monaten nicht bessern. Es wird mir von allen Seiten geraten, die Premiere erst im September – nach den Salzburger Festspielen – herauszubringen.«
        Clemens Krauss an Richard Strauss am 2. März 1942

        Die Premiere findet schließlich unter der Schirmherrschaft des Reichsministers Joseph Goebbels am 28. Oktober 1942 im Münchner National-Theater statt. Bis zur Zerstörung des Münchner Opernhauses am 2. Oktober 1943 wird »Capriccio« dort mit großem Erfolg gespielt.

        »Haben Sie inzwischen den Briefwechsel Kr–St–rauss etwas studiert und vielleicht herausgefunden, daß am Capricciotext doch einige Gedanken wenigstens von mir sind? Krauß ist so stolz auf sein Libretto, daß ich ihm bis jetzt gerne die Autorenschaft daran zugestanden habe oder wenigstens dazu geschwiegen habe, wenn er sie so ziemlich ganz für sich in Anspruch nimmt. Ich schweige auch weiterhin seinen sonstigen großen Verdiensten um mich und mein Werk zu Liebe – aber in der Biographie müßten discret doch einige kleine Feststellungen erfolgen vor Allem, daß die Hauptgedanken größtenteils von mir, die sehr geschickte textliche Formulierung (auch einige Scenen ganz) großenteils von Krauß sind, dies bitte vorläufig ganz unter uns!«
        Richard Strauss an seinen Biographen Willi Schuh am 10. Dezember 1942

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