Oper

Die andere Frau

Torsten Rasch

Uraufführung. Musiktheater in zehn Szenen Libretto von Helmut Krausser

Premiere 22. Januar 2022

Plätze auf der Bühne der Semperoper

 
Info
  • 19:00 – 20:45 Uhr
  • Keine Pause

  • Ort:  Semperoper Dresden

  • Werkeinführung (kostenlos)
  • 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller
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    • 19:00 – 20:45 Uhr
    • Keine Pause

    • Ort:  Semperoper Dresden

    • Werkeinführung (kostenlos)
    • 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller

    • Nachgespräch im Anschluss an die Vorstellung (kostenfrei).
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      • Ort:  Semperoper Dresden

      • Verkaufsstart wird zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben

      • Werkeinführung (kostenlos)
      • 45 Minuten vor Beginn der Vorstellung im Opernkeller

        Im Auftrag der Semperoper hat der Komponist Torsten Rasch gemeinsam mit dem Schriftsteller Helmut Krausser aus der biblischen Geschichte von Abram und seiner Frau Sarai ein Musiktheaterwerk entwickelt. »Die andere Frau« erzählt die Dreiecksgeschichte um die »Leihmutter« Hagar, die nach der Geburt von Sarais Sohn Isaak doch verstoßen wird. Die biblische Geschichte steht für die Entstehung der drei monotheistischen Weltreligionen, für Krieg und Frieden, Hass, Heimatverlust, Liebe und Toleranz. Torsten Rasch bezieht in seine Komposition frühe babylonische Textfragmente ein und öffnet mit Passagen für die iranische Sängerin Sussan Deyhim ein Fenster in eine ganz andere Musikkultur. Ursprünglich für die Spielzeit 2019/20 geplant, bringt die Semperoper »Die andere Frau« nun endlich auf die Bühne und lädt ihr Publikum an einen ungewöhnlichen Ort ein: Opernhandlung und Zuschauer finden gemeinsam auf der Bühne der Semperoper ihren Platz. Der Zuschauerraum wird Teil der Bühnenhandlung und erlaubt dem Publikum einen veränderten Blickwinkel auf seinen angestammten Platz.

        Handlung

        Abram und seine Frau Sarai sind auf der Flucht vor Krieg und Hungersnot. In Ägypten, wo sie Zuflucht gefunden hatten, musste Sarai sich als Abrams Schwester ausgeben, um ihn zu schützen. Doch er hat sie nicht vor den ägyptischen Männern beschützt. Nun kann sie keine Kinder mehr bekommen. Sarai ist verbittert, doch Abram vertraut weiter auf Gott, der ihm eine segensreiche Zukunft im »gelobten Land« Kanaan verheißen hat. Da Sarai weiß, dass Abram für diese Zukunft eine Dynastie begründen muss, schlägt sie ihm vor, mit der jungen Sklavin Hagar ein Kind zu bekommen und dieses Kind als Erben großzuziehen. Abram, stolz auf seine Männlichkeit und durchdrungen von der Idee, ein Auserwählter Gottes zu sein, befielt Hagar, sich ihm hinzugeben und sein Kind auszutragen. Doch aus Eifersucht bereut Sarai ihren Plan schon bald. Ihre Eifersucht wächst, als Hagar schwanger wird. Hagar fürchtet um ihr Leben und will in die Wüste fliehen. Doch dort erscheint ihr ein Engel, der sie zum Bleiben bewegt und ihr den Namen des Sohnes verkündet: Ismael. Sarai sieht ihre Stellung als Ehefrau Abrams immer mehr in Frage gestellt und weigert sich, das Kind anzuerkennen. Sie will die Nebenfrau Hagar fortjagen, sobald diese ihre Aufgabe als Leihmutter erfüllt hat. Als Abram die Nachricht von der Zerstörung der Städte Sodom und Gomorrha erhält, reagiert Sarai hartherzig und ohne Mitgefühl. Da erscheinen drei geheimnisvolle Gäste – in Wahrheit drei Engel –, die Sarai prophezeien, dass sie doch noch einen Sohn bekommen wird: Isaak. Sarai triumphiert über Hagar, die vergeblich darauf hinweist, dass Ismael Abrams erstgeborener Sohn ist. Sie fordert von Abram, Hagar zu töten, um die Konkurrenz der beiden Frauen und der beiden Söhne zu beenden. Doch Abram weigert sich, einen Mord zu begehen und unterwirft sich dem Willen Gottes. Vorgeblich um sie zu schützen, schenkt er Hagar die Freiheit  und fordert sie auf, schnellstens zu fliehen. Hagar durchschaut Abrams feige Entscheidung und zieht mit ihrem Sohn in die Wüste. Die drei Engel prophezeien, dass beide Söhne überleben und zu Gründungsfiguren von zwei Weltreligionen werden. 

        Pausengespräch mit dem Regisseur Immo Karaman

        Regisseur Immo Karaman inszeniert die Uraufführung »Die andere Frau«. Kai Weßler hat mit ihm über das Erkunden eines neuen Musiktheaterwerkes und die Herausforderungen der Oper gesprochen.

        Porträtzeichnung des Regisseurs Immo Karaman
        Immo Karaman, Regisseur; Zeichnung Semperoper

        Werkeinführung

        »Die andere Frau« ist ein Auftragswerk der Semperoper Dresden. Dramaturg Kai Weßler erläutert Hintergünde zum Werk und zur Inszenierung. 

        Porträtzeichnung des Dramaturgen Kai Weßler
        Kai Weßler, Dramaturg; Zeichnung Semperoper

        Zugehörige Veranstaltungen

        Leider findet in dieser Saison keine Vorstellung mehr statt.

        Zerstörungen und Fluchten

        Gespräch mit dem Komponisten Torsten Rasch über seine Oper »Die andere Frau«

        Torsten Rasch, »Die andere Frau« ist eine Oper über ein biblisches Thema des Alten Testamentes, die du als Auftragswerk der Semperoper Dresden komponiert hast. Die Dreiecksgeschichte um Abram, seine Frau Sarai und deren Sklavin Hagar ist ein Kammerspiel inmitten einer großen biblischen Erzählung. Was bildet den Reiz dieser Geschichte?

        Torsten Rasch Die biblische Geschichte erstreckt sich über mehrere Jahre und ist eigentlich sehr viel ausgedehnter als in der Oper, in der Ereignisse wie die Flucht nach Ägypten, die Zerstörung der Städte Sodom und Gomorra oder die Opferung Isaaks nur angedeutet werden. Aber wir beschäftigen uns auch mit nur einem der vielen Abraham-Erzählstränge, der ganz dramatisch, aber eigentlich einfach und archetypisch ist: Liebe, Hass, Verrat, Verlust. Das Außergewöhnliche an dieser Geschichte ist, dass sie einerseits als ein Familiendrama gelesen werden kann, andererseits aber diese ungeheuren Implikationen in sich trägt, deren Auswirkungen wir heute noch erfahren. 

        Wenn man das Libretto von Helmut Krausser liest, dann fällt auf, wie hart die Figuren miteinander umgehen, wie kalt etwa Abram über Sarais Alter und ihre Kinderlosigkeit spricht oder wie Hagar im Grunde als Objekt behandelt wird. Wie empfindest du diese Sprache und die Figuren, die durch diese Sprache entstehen? 

        Torsten Rasch Die Sprache hat eine große Brutalität, aber auch eine große Poesie. Vor allem hat sie etwas von der Archaik der biblischen Sprache und ist dennoch auf ihre ganz eigene Art aus unserer Zeit, das war mir sehr wichtig. Man muss ja bedenken, dass die archaische Welt der Bibel eine ganz andere Gesellschaft war als unsere heutige, und die Differenz zwischen dieser archaischen Welt und der Gegenwart darf nicht verwischen. Es gibt in der biblischen Vorlage nur etwas mehr als ein Dutzend Sätze in wörtlicher Rede. Helmut Krausser musste also sehr viel Dialog neu erfinden. Er hat sich dafür in das Denken der biblischen Zeit hineinversetzt, und versucht, für das archaische Denken eine moderne Sprache zu finden und auch die biblische Gewalt mit der modernen Sprache nachzuempfinden. Um das Beispiel aufzugreifen: Hagar ist für Abram und Sarai ein Gegenstand, denn als Sklavin sind sie und ihr Kind – in der Logik der antiken Welt – Sarais Eigentum, auch wenn wir heute Hagar natürlich als einen gleichwertigen Menschen betrachten. Für uns entsteht genau dadurch ein Konflikt, weil wir nicht mehr so denken wie die Menschen der Alten Welt. Wenn Hagar dann aus der Wüste zurückkehrt, erleben wir, wie aus dieser Sklavin ein Individuum geworden ist, welches nun einerseits ihren ehemaligen ›Herrschern‹ voller Selbstbewusstsein entgegentritt, andererseits aber mit der gleichen Zerrissenheit wie diese kämpfen muss. 

        Meist wird über Hagar von Abram und Sarai verfügt, doch ihr erster Gang in die Wüste ist ihr eigener Entschluss. Dennoch hast du diese Szene in der Komposition ausgespart. Warum? 

        Torsten Rasch Hagars Erlebnis in der Wüste ist in der Bibel ein ungeheurer Vorgang: Gott spricht zu Hagar, der Sklavin, durch einen Engel. So wie er – ganz im Gegensatz zu Noah, dem er »nur« einen Traum schickte und ihn so vor der Sintflut bewahrte, – auch zu Abraham spricht. Er baut nun eine Beziehung zu einzelnen Menschen auf, und das ist ein ganz neuer, revolutionärer Akt. Dazu kommt, dass Hagar der erste Mensch ist, der diesem Gott einen Namen gibt: Gott, der mich sieht. Dennoch habe ich die Schlüsselszene nur mit einem kurzen Orchesterzwischenspiel dargestellt, an dessen Ende der Chor den Namen Ishmael intoniert; mit diesem Wissen, ein Kind namens Ishmael zu gebären, kehrt Hagar zurück. Ich denke, eine komponierte Szene – eigentlich ja ein Höhepunkt der Erzählung – hätte den Fokus zu sehr auf dieses Ereignis gelegt und Hagars Verwandlung zu einfach erklärt. Diese Erfahrung in der Wüste, die für uns ein Geheimnis bleiben kann, lässt Hagar »neu« werden. Sie wird zu einem Subjekt, wo sie bislang nur Objekt war. Und diese »neue« Hagar ist der eigentliche Höhepunkt, nicht die Ursache, wie es dazu kam.

        Abram bzw. Abraham, wie er am Ende der Geschichte heißt, gilt als Stammvater der drei monotheistischen Weltreligionen, des Judentums, des Christentums und des Islams. Welche Rolle spielt dieser Aspekt der Geschichte für dich?

        Torsten Rasch Dieser Aspekt ist natürlich für mich – wie auch für den Zuschauer – immer immanent, während die Protagonisten nichts von der Bedeutung wissen, die sie später erlangen werden. Vielleicht ahnen sie es. Aber nicht nur ihre zukünftige Bedeutung spielt eine Rolle, sondern auch die Vergangenheit, aus der sie kommen. So wie auch wir unsere Vergangenheit kennen, in der Gegenwart leben, aber nicht wissen können, was die Zukunft bringt. Ich denke, dass die dritte Ebene der Partitur genau diese Perspektive eröffnet, also dass dieses intime Familiendrama in einem viel größeren Zusammenhang stehen kann. Bei der Arbeit zu «Die andere Frau« war das Buch »The Woman Who Named God« von Charlotte Gordon für mich sehr wichtig. Darin gibt es ein Kapitel über die Klagegesänge über die Zerstörung der Stadt Ur (siehe Seite 25 dieses Heftes), jener Stadt, von der die Wanderung Abrams und Sarais ihren Ausgang nimmt. Dieser Klagegesang ist einer der ältesten Texte der Menschheit überhaupt. Er erschien mir als eine sehr schlüssige dritte Ebene des Werkes, weil er diese kammerspielartige Situation um Abram, Sarai und Hagar in Beziehung zu einer größeren Geschichte setzt: einerseits zu ihrer Vergangenheit, ihrer Zukunft und zu den Entscheidungen, die sie in ihrer Gegenwart treffen. Diese zusätzlichen Texte werden von einer Figur gesungen, die wir die Augenzeugin genannt haben. Das trifft sehr genau, weil sie einerseits als Augenzeugin der Zerstörung der Stadt Ur fungiert – natürlich geschah deren Zerstörung viel früher und nicht zu Abrams Zeit, – aber sie ist Teil der Vergangenheit –, sie aber gleichzeitig auch die Augenzeugin aller Zerstörungen und Fluchten ist, die bis heute weltweit stattfinden. 

        Das Gespräch führte Dramaturg Kai Wessler für das Programmheft von »Die andere Frau«, in dem Sie die vollständige Version des Interviews lesen können. 

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