George Balanchine

Serenade

Das Wechselspiel von Tanz und Musik in Balanchines sinfonischem Ballett »Serenade«

Von PhD Gretchen Horlacher, Musikwissenschaftlerin, Associate Professor of Music, School of Music, University of Maryland

»Seht die Musik, hört den Tanz!« sagte George Balanchine, denn er war ein vollendeter Musiker und Choreograf. Balanchine schuf das handlungslose Ballett »Serenade«, um jungen Tänzern beizubringen, »welche Haltung man auf der Bühne einzunehmen hat.« Sein Stil verlangt sowohl von den Solist*innen als auch vom Corps de Ballet, dass sie in hohem Tempo und in immer neuen geometrischen Konstellationen tanzen, immer passend zu Tschaikowskys raffinierter Musik.

Noch bevor sich der Vorhang hebt, bewegt sich eine drängende Melodie unaufhaltsam abwärts, und doch steht das gesamte Corps, wenn wir es zum ersten Mal sehen, völlig still. Ihre atemberaubende Anfangsformation füllt das Rechteck der Bühne mit auffälligen diagonalen Reihen (die »doppelte Raute«), aber da die Melodie weitergeht, warten wir darauf, dass sich die Tänzerinnen bewegen. Schließlich reagieren sie auf die eindringliche Melodie, indem sie Arme und Füße vollständig in Position bringen. Sie sind nun bereit zu tanzen.

Während des gesamten Balletts gestaltet das Corps die Bühne passend zur Musik. Wenn sich Melodien aufbauen, lösen sich die eng zusammenstehenden Gruppen allmählich auf, um sich über die Bühne zu verteilen oder eine Solistin einzukreisen. Niemals dienen sie als bloßer Hintergrund, sondern bilden Wege, durch die sich eine Solistin bewegt, wenn sie einhergehend mit der Musik eine neue Melodie einführt. Die Bewegungen der Gruppen definieren den Anfang und das Ende einer musikalischen Phrase.

Auch Solist*innen interpretieren Melodien, indem die Choreografie die Noten spiegelt. Im zweiten Satz (Walzer) steigt Tschaikowskys Melodie sanft in einer Aneinanderreihung von musikalischen Höhepunkten an. In diesem Pas de deux werden die Gipfelmomente durch diagonal ausgestreckte Beine der Ballerina sowie die anmutigen Hebungen durch ihren Partner genau markiert. Wenn die Walzermelodie gegen Ende des Satzes wiederkehrt, hebt und senkt sich auch das Corps, während es über die Bühne huscht. 

Diese Beziehungen kennzeichnen die »Handlung« von »Serenade«: Man lernt, »die Musik zu sehen und den Tanz zu hören.«

Frei und in Mozarts Geiste – Tschaikowskys Serenade für Streichorchester op. 48

Von Dr. Ulrich Linke, Musikwissenschaftler

1880 beschloss Pjotr I. Tschaikowsky, sich für einige Monate auf das ländliche Gut seiner Schwester im ukrainischen Kamenka, wohin die großväterlichen Wurzeln des Komponisten zurückreichten, zurückzuziehen, um dort zu entspannen. »Ich tue jetzt absolut gar nichts und streife tagelang durch Wälder und Felder«, schrieb er im September 1880 an seine Mäzenin Nadeshda von Meck. Aber nur wenige Tage später steckte er bereits wieder voller Tatendrang: »Wie unbeständig pflegen immer all meine Absichten zu sein, mich längere Zeit der Erholung zu widmen! Kaum hatte ich eine Reihe vollkommen müßiger Tage verbracht, als ich einen unbestimmten Zustand von Trübsinn und sogar von Unwohlsein empfand, d.h. ich begann schlecht zu schlafen, fühlte mich müde und schwach. Heute hielt ich es nicht länger aus und beschäftigte mich ein wenig mit der Planung einer künftigen Symphonie; - und was glauben Sie? Gleich wurde ich gesund, munter und ruhig.« Und Arbeit hatte Tschaikowsky mehr als genug: Neben Korrekturen, Fertigstellungen und Überarbeitungen komponiert er »ohne jede Neigung und Lust« die in Auftrag gegebene Festouvertüre 1812 op. 49 und die aus innerem Antrieb komponierte »Streicherserenade« op. 48.

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Gewidmet wurde die »Serenade« dem Moskauer Cellisten und Chorleiter Karl Albrecht (1836  ̶  1893). Bei ihm speiste Tschaikowsky in den 1870er Jahren täglich, schätze ihn als einen unkonventionellen Freund, den er um musikalischen Rat fragte, den er nicht selten um Geld anpumpte, mit dem er einen vertraut-scherzhaften Umgangston pflegte und dessen Sohn Yevgeny sein Patenkind war. Tschaikowsky achtete Albrechts weitgestreute Interessen »für Geologie, Entomologie und Mechanik; für letztere besaß er sogar ein gewisses Talent und erfand jeden Augenblick irgendeinen Apparat oder eine Vorrichtung zu einem gewöhnlich sehr fernliegenden und unpraktischen Zwecke. Im Sommer sammelte er leidenschaftlich allerlei Käfer und Schmetterlinge« (Hermann Laroche).

Eine von Professoren und Studenten vorgetragene inoffizielle Premiere der »Serenade« fand Ende 1880 im Moskauer Konservatorium statt, die öffentliche Uraufführung erklang dann im folgenden Herbst. Dem Werk war ein unmittelbarer Erfolg beschieden und so gelangte es schnell ins Repertoire verschiedener Orchester. Auch Tschaikowskys gestrenger Lehrer Anton Rubinstein lobte die Komposition uneingeschränkt. Lediglich Nadeshda von Meck konnte nur wenig mit der »Serenade« anfangen, die sie vierhändig mit »Bussy« (wie sie ihren Protegé Claude Debussy liebevoll nannte) aus dem Klavierauszug spielte. Sie empfand sie als »reine Musik, die nur den Verstand […] beeindruckt und weder das Herz noch die Nerven berührt«, wie sie dem Komponisten im August 1881 mitteilte. Sie blieb jedoch die einzige kritische Stimme im Umfeld des Komponisten.

Der musikalische Schöpfer der Serenade für Streicher

Von Benedikt Stampfli, Regina Genée, Dramaturg*in

Pjotr I. Tschaikowsky wurde am 7. Mai 1840 in Wotkinsk im Ural als zweiter Sohn des Ingenieurs und Oberstleutnants Ilya Petrowitsch und dessen zweiter Ehefrau Alexandra Andrejewna geboren. Die Musik spielte in seiner Familie eine wichtige Rolle, denn die Mutter brachte den Kindern das Klavierspiel bei und sang viel. Zunächst studierte Tschaikowsky neun Jahre Rechtswissenschaft in St. Petersburg, bevor er einen neuen Weg einschlug und ab 1862 bei Anton Rubinstein am neu eröffneten Konservatorium Komposition und Instrumentation studierte. Nur drei Jahre später, nach Beendigung der Studien mit dem Abschlussdiplom, siedelte Tschaikowsky nach Moskau über. Dort entstanden erste erfolgreiche Kompositionen, wie die 1. Symphonie (1866) und die Ouvertüre »Romeo und Julia« (1869). Er reiste viel, begegnete anderen Komponisten und lernte deren Ästhetik kennen. Darüber hinaus arbeitete er auch als Musikkritiker und besuchte beispielsweise 1876 Bayreuth, um der Uraufführung von Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen« beizuwohnen.

Im gleichen Jahr komponierte Tschaikowsky die Ballettmusik zu »Schwanensee« und Nadeschda von Meck, eine vermögende Witwe und aufrichtige Bewunderin, die ihn ab diesem Zeitpunkt finanziell großzügig unterstützte, suchte die Bekanntschaft des Komponisten. Ende der 1870er Jahre vertonte er »Eugen Onegin«, nach der gleichnamigen Vorlage von Alexander Puschkin, und konnte damit 1881 einen sehr großen Erfolg am Bolschoi-Theater feiern. Ab 1878 wirkte Tschaikowsky auch zunehmend als Dirigent: Auf einer großen Konzerttournee durch Europa machte er u.a. 1889 Halt in Dresden und dirigierte die Dresdner Philharmonie, die noch keine 20 Jahre zuvor als »Gewerbehaus-Kapelle« gegründet wurde. 
Tschaikowskys Serenade für Streicher in C-Dur aus dem Jahr 1880 war das Resultat musikalischer Studien mit einem Schwerpunkt auf den Werken Wolfgang Amadeus Mozarts  ̶  einem Komponisten, dessen Ästhetik Tschaikowsky für sein eigenes kreatives Schaffen als äußerst inspirierend empfand. Schließlich war es gerade eine Aufführung des Dramma Giocoso »Don Giovanni« gewesen, welche Tschaikowskys Leidenschaft für Musik entfacht hatte. Uraufgeführt wurde die Streicherserenade letztlich 1882 in Moskau.

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Ein paar Jahre später brachte er auch andere bedeutende Werke hervor, wie die beiden letzten Opern »Pique Dame« (1890) und »Iolanta« (1891), die Ballette »Dornröschen« (1890) und »Der Nussknacker« (1892) sowie die 5. und 6. Symphonie (1888/1893). Die letzten Lebensjahre des Komponisten waren von zahlreichen Erfolgen und Auszeichnungen geprägt, z.B. die Garantie einer lebenslangen Rente seitens Zar Alexander III. an ihn (1888) oder die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Cambridge (1893) an ihn. Tschaikowskys große Erfolge – hauptsächlich als Komponist – sind jedoch nur ein Teil seiner Lebensgeschichte: Zeitlebens hatte er mit Depressionen zu kämpfen; Hauptgrund dafür war seine vor der Öffentlichkeit verborgene Homosexualität. Aus den Briefen an seinen Bruder Modest kann man erahnen, wie sehr sich Tschaikowsky aufgrund seiner »verbotenen« sexuellen Neigung am Rand des Wahnsinns bewegt haben muss und auch suizidgefährdet war. Ende Oktober 1893 dirigierte er die Uraufführung seiner 6. Symphonie in St. Petersburg. Nur wenige Tage später, am 6. November, starb er an den Folgen einer Cholerainfektion. Ob das tatsächlich die Todesursache war, bleibt bis heute ein Rätsel. Denn es gibt auch die Gerüchte, dass sich Tschaikowsky mit Arsen vergiftet habe, weil ein »Ehrengericht«, bestehend aus Mitgliedern der St. Petersburger Rechtsschule, wo er auch studiert hatte, ihn aufgrund seiner sexuellen Neigung aufgefordert hatte, sich das Leben zu nehmen.

Probeneinblick (1/12)


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