Ballett

Schwanensee

Aaron S. Watkin

Ballett in zwei Akten

Premiere 21. November 2009

Musik von Pjotr I. Tschaikowsky

 
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  • 19:00 – 21:35 Uhr
  • Pause nach 65 Minuten

  • Ort:  Semperoper Dresden
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                    • Ort:  Semperoper Dresden

                      Sie sind der Inbegriff des klassischen Balletts: die verwunschene Schwanenprinzessin Odette und ihre Schwanenmädchen. Und es ist kaum zu glauben, dass »Schwanensee« für Pjotr I. Tschaikowsky zur größten Enttäuschung werden sollte, denn die Moskauer Uraufführung von 1877 fiel komplett durch. Erst 1895 sorgten die Ballett-Visionäre Marius Petipa und Lew Iwanow in ihrer Deutung für die unsterbliche Verbindung von Pracht und Virtuosität sowie lyrisch-elegischem Ausdruck. Beide Elemente manifestieren sich in den weiblichen Hauptpartien: Odile, der schwarze Schwan, eine Verkörperung der machtvoll-verführerischen, extrovertierten Frau. Odette, der weiße Schwan, als poetisch überhöhter Ausdruck introvertierter weiblicher Zartheit und Verletzlichkeit. Dazwischen die Liebe Siegfrieds, der im entscheidenden Moment versagt und alles zerstört. Chefchoreograph und Ballettdirektor Aaron S. Watkin hat sich in seiner Neukreation von 2009 des Klassikers behutsam und aus tiefer Kenntnis der Traditionen angenommen. Herausgekommen ist ein »Schwanensee« von zeitloser Eleganz, Poesie und Anrührung, der in der meisterhaften Interpretation des Semperoper Ballett immer wieder begeistert.

                      Handlung

                      Zwei Welten, die  nebeneinander existieren – Ein Mann und eine Frau, durch ihre Liebe vereint und durch einen verhängnisvollen Zauber dem Untergang geweiht – Tschaikowskys makellose Musik.

                      Das Ballett der Ballette – ein zeitloser Klassiker »Schwanensee«

                      Kaum zu glauben, dass ausgerechnet »Schwanensee« für den Komponisten Tschaikowsky zur größten Enttäuschung seiner Karriere wurde: Die Moskauer Uraufführung von 1877 fiel bei Presse und Publikum komplett durch. Das Ballett sei »so schwach, wie es kaum vorstellbar wäre«, kritisierten die St. Petersburger Nachrichten und eine Mäzenin Tschaikowskys befand alles »sehr hässlich« und das Ballett »choreografisch sehr schlecht«.

                      Der künstlerische Misserfolg des ersten »Schwanensee«-Choreografen Wenzel Reisinger, der keinerlei Zugang zur Musik fand und behauptete, Tschaikowskys Musik sei schlichtweg nicht in Tanz umzusetzen, überschattete auch den Ruhm des Komponisten. Die märchenhafte Auferstehung seiner Musik mitzuerleben, war dem Komponisten zu Lebzeiten nicht mehr vergönnt. Erst 1895, achtzehn Jahre nach der unglücklichen Uraufführung, sorgten zwei Visionäre aus St. Petersburg für die Unsterblichkeit von Ballett und Musik: Marius Petipa und Lew Iwanow.

                      Auch darin liegt sicher ein Geheimnis der Wirkung dieses Balletts: Zwei Choreografen teilen sich die Arbeit an einem Werk. Petipa blieb seinem in vielen Balletten erprobten Schema mit einer klaren Trennung in pantomimische und getanzte Passagen treu, Iwanow betonte das lyrische Element. Petipa schuf die »Gesellschaftsbilder«, Iwanow die »Schwanenbilder«. In ersteren dominieren Pracht und Virtuosität, in letzteren steht lyrisch-elegischer Ausdruck im Vordergrund.  Beide Elemente manifestieren sich in den beiden weiblichen Hauptpartien: Odile, der schwarze Schwan, eine Verkörperung der machtvoll-verführerischen, extrovertierten Frau. Odette, der weiße Schwan, als poetisch überhöhter Ausdruck introvertierter weiblicher Zartheit und Verletzlichkeit. Dazwischen die Liebe eines Mannes, der im entscheidenden Moment versagt und alles verliert!

                      Akt I 
                      Bild 1 – Feierlichkeiten zur Volljährigkeit Prinz Siegfrieds
                      (Am Hof eines sächsischen Schlosses)
                      Prinz Siegfried feiert mit seinem engen Freund Benno von Sommerstein und den jungen Höflingen seine Volljährigkeit. Siegfrieds Tutor, Wolfgang, verkündet die unerwartete Ankunft der Mutter des Prinzen, der verwitweten Königin. Sie bedeutet ihrem Sohn, dass es nun, da er volljährig ist, an der Zeit sei, zu heiraten und so die Königskrone zu empfangen. Daher habe sie für den folgenden Abend einen prächtigen Ball zu seinen Ehren organisiert. Vier Prinzessinnen der einflussreichsten europäischen Höfe seien geladen, von denen er eine zur Braut erwählen müsse. Die Neuigkeit über die anstehende Heirat wird von den jungen Höflingen ignoriert und der letzte Abend in Freiheit ausgiebig gefeiert. Bei Einbruch der Nacht erscheint eine Formation von Schwänen am Horizont, und Benno überredet Siegfried zur Jagd. Siegfried und Benno begeben sich auf die Jagd nach den Schwänen.

                      Bild 2 – Odettes Geschichte
                      (An einem Seeufer)
                      Siegfried und Benno folgen der Formation von Schwänen tief in den Wald hinein und gelangen an einen See. Als sie ihre Armbrüste anlegen und zielen, fliegt ein einzelner Schwan heran. Sie sind gebannt, als der Schwan sich vor ihren Augen ein wunderschönes Schwanenmädchen verwandelt. Dieses eilt auf die beiden zu und fragt, warum sie und ihre Freundinnen verfolgt würden. Siegfried versichert ihr, dass sie ihnen kein Leid zufügen wollten, sie hätten nur Schwäne gejagt. Das Schwanenmädchen antwortet, dass die Schwäne, die sie zu töten suchten tatsächlich sie selbst und ihre Gefährtinnen waren und erzählt ihnen ihre Geschichte:

                      »Kurz nach meiner Geburt starb mein Vater. Meine Mutter, eine gute Fee, verliebte sich alsdann in einen Baron und heiratete ihn. Mein Stiefvater, Baron von Rothbart, jedoch gab sich als böser Zauberer zu erkennen, der meine Mutter zugrunde richtete. Meine Großmutter vergoss so viele bittere Tränen um das Schicksal ihrer Tochter, dass aus ihnen dieser See entstand. Baron von Rothbart derweil band meine Freundinnen und mich durch einen abscheulichen Fluch an sich, der uns in Schwäne verwandelte. Die Kräfte meiner Großmutter vermochten nur, diesen Fluch zu mildern. Und so leben wir als Schwäne am Tage, aber als Schwanenmädchen in der Nacht. Auch beschützt sie uns mit diesen Kronen. So lange wir sie tragen, kann Baron von Rothbart uns nicht weiter schaden. An dem Tag, an dem ich die wahre Liebe eines Mannes finde und ihm diese Krone zu Füßen lege, ist der Fluch gebrochen. Ist seine Liebe jedoch nicht aufrichtig, bin ich dazu verdammt, den Rest meines Lebens ein Schwan zu sein.«

                      Siegfried und Benno sind tief bewegt und schwören beide, niemals wieder Schwäne zu jagen. Odette, so der Name des Schwanenmädchens, lädt die beiden ein, mit ihr und ihren Schwanenmädchen den Abend zu verbringen. Im Tanz verliebt sich der Prinz leidenschaftlich in Odette, die jedoch zögernd reagiert. Benno, der das Dilemma der Situation erkennt, versucht Siegfried zur Rückkehr zum Schloss zu bewegen, doch Siegfried schwört Odette ewige Liebe und Treue. Sie dagegen entsinnt sich ihres Schicksals und nimmt ihm das Versprechen ab, diesen Schwur auch auf dem morgigen Ball zu halten, denn, denn nur dann vermag sie ihm ihre Krone zu Füßen zu legen. Mit dem Aufgang der Sonne, verwandeln sich Odette und ihre Schwanenmädchen wieder in Schwäne und fliegen davon.

                      Akt II
                      Bild 1 – Rothbarts Betrug an Siegfried und das gebrochene Versprechen
                      (In einem prunkvollen Saal des Schlosses)
                      Die Adligen versammeln sich zum Ball. Fanfaren verkünden die Ankunft der vier Prinzessinnen aus den Königshäusern Aragon, Ungarn, Neapel und Russland. Die Königin fordert Siegfried auf, seine Braut zu wählen. Plötzlich erscheint ein unerwarteter Gast. Baron von Rothbart trifft in Begleitung einer Gruppe von Damen im Schwanenkostüm ein, darunter seine Tochter Odile, ein Ebenbild Odettes. Schon bald kann Siegfried ihr nicht länger widerstehen und ergibt sich der Macht seiner Gefühle. Spontan küsst er Odiles Hand. Die Königin ist über diesen Bruch der Etikette entsetzt und weist ihn zurecht. Dies ist der Moment, auf den Baron von Rothbart gewartet hat. Er fordert Siegfried auf, seine ewige Liebe für Odile vor dem versammelten Hof zu schwören und, um ihre Hand anzuhalten. Unerwartet erscheint Odette vor den Fenstern der Halle und versucht verzweifelt, Siegfried vor der Tücke zu warnen – doch ohne Erfolg. Doch Siegfried, berauscht von Odile, legt den Schwur ab, sie zu ehelichen. Doch gleich darauf begreift er, dass er in die Irre geführt wurde und er damit seinen Schwur gegen Odette gebrochen hat.   Verzweifelt verlässt er den verheerenden Hof und eilt zurück zum See.

                      Bild 2 – Der Liebe Triumph
                      (Am Seeufer)
                      Die Schwanenmädchen versuchen Odette zu trösten, die über Siegfrieds Verrat bestürzt ist. Da trifft Rothbart mit seiner Entourage ein, demütigt und prophezeit Odette: Mit dem ersten Sonnenstrahl am nächsten Morgen wird sie auf ewig zum Schwan verwandelt. Siegfried kommt hinzu und versucht sie zu retten, doch der rachsüchtige Rothbart besteht darauf, dass Siegfried seinen Schwur erfüllt, Odile zu heiraten. Siegfried wird von den schwarzen Schwänen fortgebracht. Die Schwanenmädchen drängen Odette, Siegfried zu vergessen und sich in Sicherheit zu bringen. Sie aber ist fest entschlossen, ihn ein letztes Mal zu sehen. Die Großmutter setzt all ihre Kräfte ein, um Siegfried von Rothbarts Zorn zu befreien und ihn für eine letzte Zusammenkunft zu Odette zurückzuführen. Ein Sturm zieht auf. Siegfried erscheint und bittet Odette um Vergebung, da er durch Rothbart getäuscht wurde. Odette vergibt ihm und überantwortet sich dem Tode, statt ihr Schicksal anzunehmen. Sie nimmt ihre schützende Krone ab, legt sie Siegfried zu Füßen und erklärt ihm ihre Liebe. Rothbart nutzt den Moment, die nun ausgelieferte Odette zu vernichten, doch Siegfried versucht sie zu schützen. Besänftigt vom Wissen, dass Odette dem Tode geweiht ist, zieht sich Rothbart zurück. Siegfried bekräftigt seinen Liebesschwur für Odette und entscheidet sich für den gemeinsamen Tod mit ihr. Er nimmt Odette in seine Arme, und als der Sturm seinen Höhepunkt erreicht, ruft die Großmutter das Paar in den See, nicht länger ein Ort aus Tränen, sondern ein Ort der Liebe, wo sie vereint sein können bis in alle Zeiten.

                      »Seine Musik ist durch und durch Ballettmusik...«

                      »Die wirkliche Berufung Tschaikowskys war das Ballett«, schrieb der Tänzer und Choreograf Michail Fokin 1913 anlässlich des 20. Todestags des Komponisten.

                      Wenn uns heute dieses Urteil vielleicht ein wenig zu eng gefasst erscheint, so müssen wir doch zumindest für Tschaikowskys Bühnenschaffen feststellen, dass zwar alle seine drei Ballette, von den zehn vollendeten Opern jedoch nur »Eugen Onegin« und »Pique Dame« im gängigen Repertoire sind – Aufführungen der »Jungfrau von Orleans», von »Mazeppa« oder »Iolanthe« usw. sind vergleichsweise selten.

                      Dass in Tschaikowskys sinfonischer Musik vielfach tänzerische Elemente vorkommen, wurde bereits zu seinen Lebzeiten diskutiert und wird für den Zuhörer im Konzert immer wieder erfahrbar. Nicht von ungefähr griffen viele Choreografen des 20. Jahrhunderts wie George Balanchine, Kenneth MacMillan und John Cranko, um nur einige zu nennen, für ihre Choreografien auch auf seine Instrumental- und Orchesterwerke zurück.

                      Umso mehr mag es aus heutiger Sicht überraschen, dass die Musik zu »Schwanensee« von vielen Kritikern nach der Moskauer Uraufführung am 20. Februar 1877 als »einförmig und langweilig«, ja als »blass und äußerst monoton« empfunden wurde. »Für Musiker«, so war zu lesen, »ist sie (die Musik) vielleicht eine interessante Sache, aber für das Publikum ist sie trocken.« 

                      Vergleichsmaßstab für Tschaikowskys Zeitgenossen waren Ballette wie die nur wenige Wochen zuvor in St. Petersburg uraufführte »La Bayadère« mit ihrer zweifellos abwechslungsreichen, temperamentvollen und schmissigen, aber auch recht flachen Musik von Ludwig Minkus. Ballettspezialisten wie Cesare Pugni, Ludwig Minkus u.a. waren Handwerker im besten Sinne, die noch während der Proben kompositorisch jeder Vorgabe und Änderung des Ballettmeisters folgen konnten. Sie schufen eine passgenaue, sehr eingängige Tanz-Musik, die allerdings ohne inhaltlichen Tiefgang und durchaus austauschbar war. So verzeichnete zum Beispiel Cesare Pugnis Partitur zu Arthur Saint-Léons Ballett »Das bucklige Pferdchen« von 1864 Einlagen von insgesamt achtzehn Komponisten!

                      Tschaikowsky hingegen hatte vor der Arbeit an »Schwanensee« bereits drei Sinfonien und andere Orchesterwerke geschrieben und brachte diese Erfahrungen – und auch diesen musikalischen Anspruch – mit in die Arbeit am »Schwanensee« ein. Zwar findet man in der Musik zu »Schwanensee« durchaus Anklänge an die Tradition des spezialisierten Ballettkomponisten. So werden die Solovariationen musikalisch durch ein obligates Soloinstrument begleitete (im »Schwarzer Schwan-Pas de deux« zum Beispiel durch ein Violin-Solo). Und die klischeehaft blechlastig instrumentierten Coda-Teile der klassischen »Pas«, also der mehrteiligen Tänze, bilden übertrieben knallige Abschlüsse. Doch brachte Tschaikowsky sein sinfonisches Denken und sein kompositorisches Können auch innerhalb der ihm durch Balletttraditionen einerseits und das konkret zu behandelnde Libretto andererseits gesteckten Grenzen vielfältig zum Einsatz.

                      Nicht nur verdeutlichte Tschaikowsky inhaltliche Bezüge musikalisch durch eine stilistische Übereinstimmung der erklingenden Melodien und spiegelte mit Hilfe der Orchestrierung Personenkonstellationen und Entwicklungen wider. Er schuf für seine Musik von »Schwanensee« auch eine innere Organisation mittels der verwendeten Tonarten: Durch ihren jeweiligen Verwandtschaftsgrad mit der Grundtonart H wird die Musik zu den verschiedenen Personen, Handlungsentwicklungen und Ereignissen innerhalb des Dramas positioniert und eingebunden.

                      Die divertissementartigen Nationaltänze des dritten Aktes werden auf ebendiese Weise durch ihre Tonarten als hübsches tänzerisches Beiwerk entlarvt, das sich vor allem aus der Balletttradition und den Erwartungen des Publikums erklärte, nicht aber aus Notwendigkeit des Dramas.

                      Die musikalische Fassung von »Schwanensee« bei der Uraufführung 1877 ist aufgrund mangelnder Quellen unbekannt – die Vermutungen reichen von einer mehr oder weniger unangetasteten Partitur bis hin zu größeren Eingriffen durch den Moskauer Ballettmeister und Choreografen der Uraufführung Julius Reisinger.
                      Der mit Tschaikowsky befreundete Musikkritiker Nikolai Kaschkin schrieb in seinen »Erinnerungen an Peter Tschaikowsky«, dass dessen Musik nach und nach durch Einlagen aus anderen Balletten ersetzt wurde, bis »fast ein Drittel der ›Schwanensee‹-Musik aus fremden Musikeinlagen« bestand.

                      Da Kaschkin diese Vorgänge jedoch nicht datiert hat, können sie zeitlich nicht eingeordnet werden und beziehen sich möglicherweise erst auf die beiden Neueinstudierungen des Balletts durch Reisingers Nachfolger Joseph Hansen 1880 und 1882, für die Fremdeinlagen bekannt sind.

                      Was Tschaikowsky von Einschüben fremder Musik in sein Werk hielt, erfuhr die Ballerina Anna Sobetschtschanskaja, die sich für ihre Vorstellungen als Odette/Odile einen eigenen Pas de deux von Marius Petipa hatte choreografieren lassen – zur Musik von Ludwig Minkus. Tschaikowsky protestierte energisch, ließ sich Minkus’ Musik kommen und komponierte der Ballerina zu Petipas Choreografie eine passende neue Musik, so dass sie den Tanz ohne erneute Probe in ihre Vorstellungen einbauen konnte.

                      Die heutigen Einstudierungen von »Schwanensee« beziehen sich bis auf wenige Ausnahmen auf die große Neuproduktion des Balletts durch Marius Petipa und Lew Iwanow in St. Petersburg 1895.

                      Der Dirigent und Ballettkomponist Riccardo Drigo erstellte dafür eine neue musikalische Fassung und nahm in der Partitur, neben vielen Kürzungen und kleineren Umstellungen, auch signifikante Änderungen vor. Zum Beispiel wurden der Walzer und der Pas de trois im ersten Akt vertauscht und die einzelnen Teile innerhalb des »Tanz der Schwäne« im zweiten Akt in eine neue Reihenfolge gebracht.

                      Am augenfälligsten – und auch heutzutage nach wie vor beibehalten – war sicherlich die Verlagerung des Pas de deux aus dem ersten in den dritten Akt: Die Musik, die wir das »schwarzer Schwan-Pas de deux« kennen, stand ursprünglich nach dem Pas de trois im ersten Bild. Zudem fügte Drigo drei von ihm orchestrierte Stücke aus Tschaikowskys Klavierstücken op.72 in den dritten und vierten Akt ein. Doch selbst mit diesen Eischüben war die Partitur nun ein Viertel kürzer als im Original. Auch in der weiteren Aufführungsgeschichte sind Musik und Libretto von »Schwanensee« immer wieder bearbeitet, dem Geschmack der Zeit und den Intentionen des jeweiligen Choreografen angepasst worden. Dies schließt auch Bemühungen ein, anhand überlieferter Tanznotationen die Version von Petipa/Iwanow möglichst genau zu rekonstruieren, oder, rückgreifend auf Tschaikowskys Autograf, die Partitur wieder in der ursprünglichen, von ihm komponierten Form zum Erklingen zu bringen. Diese lange, immer wieder aufs Neue stattfindende künstlerische Beschäftigung mit »Schwanensee« zeigt, wie recht der namhafte russische Musikkritiker Hermann Laroche hatte, als er, weitaus verständiger als seine bereits zitierten Kollegen, über Tschaikowskys Partitur urteilte: »Seine Musik ist durch und durch Ballett-Musik von einer Qualität, die sie auch für den seriösen Musikfreund interessant macht.«

                      Der Text von Frank-Rüdiger Berger stammt aus dem Programmheft »Schwanensee«.

                      Website des Autors

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