Im Chaos der Gefühle

Regisseur Dirk Schmeding spricht über Männer- und Frauenbilder, Ökonomisierung der Gefühle und was es für ihn bedeutet, erstmals an der Semperoper zu inszenieren.

Mit Die lustige Witwe traf Lehár den Nerv seiner Zeit und löste auf der ganzen Welt einen regelrechten „Witwe-Taumel“ aus. Was hat dich als Regisseur an diesem vermeintlich so vertrauten Werk besonders gereizt?

— Das Wort „Taumel“ trifft es perfekt! Die lustige Witwe ist ein Stück, das zwischen den Zeiten und Stilen taumelt: Die goldene Ära der Operette schwingt noch nach, aber Lehár und seine Librettisten brechen die Gesetze des Genres frech auf. Geschlossene Handlung weicht Tanz und Revue, das Stück schlägt wilde stilistische Haken. Und auch emotional taumelt es gewaltig: Die Figuren geraten im Chaos ihrer Gefühle ins Schleudern. Auf der Jagd nach Liebe – und meistens nach Geld – müssen sie all ihre Glaubenssätze hinterfragen. Genau diese Umbruchstücke reizen mich als Regisseur besonders. Weil die Form nicht starr geschlossen ist, eröffnet das Werk meinem Team und mir riesigen Freiraum zum szenischen Erfinden. Doch aller Operettenwahnsinn wird in diesen tollen, teils widersprüchlichen und dennoch sehr nahbaren Charakteren geerdet, weshalb Die lustige Witwe schon immer eins meiner Lieblingsstücke gewesen ist.

Alles dreht sich um den hochverschuldeten fiktiven Staat Pontevedro, der durch eine Heirat mit der reichen Witwe Hanna Glawari gerettet werden soll – welche Bezüge siehst du zu unserer heutigen Zeit?

— Wo soll ich anfangen? Wollen wir zum Beispiel über die Kürzungen in der Kultur sprechen, die wir gerade überall so schmerzhaft zu spüren bekommen? Der Kern des Stücks liegt meiner Meinung nach tiefer und schmeckt wie alle Kerne bitter: Die lustige Witwe beschreibt eine uns vertraute Gesellschaft, die schlicht alles in Währung umrechnet – inklusive der Zwischenmenschlichkeit. Beziehungen werden rein transaktional: Das Gegenüber ist kein Mensch mehr, sondern wahlweise eine Investition, ein Risiko oder eine Rendite. Lehár zeigt uns diese Ökonomisierung der Gefühle mit einem Lächeln – aber die Diagnose trifft uns dennoch.


Die lustige Witwe kurz gefasst

Um das bankrotte Pontevedro zu retten, plant Baron Zeta eine strategische Heirat: Sein Sekretär Graf Danilo soll die vermögende Witwe Hanna Glawari für sich gewinnen. Da Danilo in ihr jedoch seine verflossene Liebe aus vergangenen Tagen wiedererkennt und nicht als geldgierig gelten will, schwört er, ihr seine Liebe unter keinen Umständen zu gestehen.


Der erste Akt spielt in der Pontevedrinischen Botschaft in Paris, der zweite im Pariser Domizil Hanna Glawaris, der dritte im nachgebauten Maxim – wo habt ihr Die lustige Witwe verortet?

— Mit meiner Bühnenbildnerin Martina Segna war schnell klar: Festgebaute Räume tun diesem Stück nicht gut. Um Lehárs enormem Tempo zu folgen, brauchten wir eine offene Form für fließende Übergänge. Wir denken Die lustige Witwe von der Revue her – als Trip in immer traumhaftere Welten. Uns interessieren weniger konkrete Orte als die inneren Zustände der Figuren; ein Bilderreigen im Geist von Federico Fellinis Film Stadt der Frauen. So wird selbst das legendäre „Maxim“ zu Danilos Fiebertraum: eine letzte wilde Party, bevor ihn die Realität einholt.

Hanna ist finanziell und erotisch selbstbestimmt, während Danilo den Standpunkt vertritt: „Verliebe dich oft, verlobe dich selten, aber heirate nie!“ Welche Männer- und Frauenbilder prallen hier aufeinander – und wie modern sind Hanna und Danilo aus deiner Sicht?

— Natürlich geht es im Stück um ziemlich überkommene Rollenvorstellungen … im berühmten „Weibermarsch“ wissen die Herren ein Lied darüber zu singen. Mit dem fiktiven „Pontevedro“ lassen die Autoren nicht nur ein Staatssystem kollabieren, sondern auch ein veraltetes Männlichkeitsbild. Und es macht ja auch enormen Spaß zuzusehen, wie den Herren ihre chauvinistische Haltung um die Ohren fliegt. Doch Hanna und Danilo sind viel komplexer: Lehár zeichnet hier weniger ein Geschlechter-, sondern ein erstaunlich böses Menschenbild. Niemand vertraut dem anderen, jeder unterstellt dem Gegenüber das Schlimmste. Ihre Beziehung wird zum „Krieg“, wie sie selbst sagen, zum reinen Kräftemessen, bei dem nur das Gewinnen zählt. Aber genau das ist doch das Wunderbare an der Operette: Sie blickt spöttisch auf das Schlechteste im Menschen und schlägt daraus funkelnde Komödie. So bleibt die Witwe herrlich unromantisch, schmonzettenfrei – und verdammt nah am echten Leben.

Lehárs mitreißende Musik verbindet Tänze von Polka bis Cakewalk mit unvergesslichen Melodien – gleichzeitig steckt in ihr eine erstaunliche Ernsthaftigkeit. Was liegt für dich unter den berühmten Ohrwürmern wie „Lippen schweigen“ oder dem Vilja-Lied: Welche Sehnsucht oder welcher Konflikt wird darin eigentlich verhandelt?

— Wir haben ja zuvor schon beschrieben, dass Die lustige Witwe das direkte Produkt einer nervösen Umbruchszeit beim Wechsel vom 19. ins 20. Jahrhundert ist. Das dringt dem Stück aus allen Poren! Die Figuren werden im schnellen Wechsel von Lehárs Tanzrhythmen gnadenlos durchs Stück getrieben. Sie finden darüber kaum zur Besinnung.

Erst in den seltenen Momenten des Innehaltens bricht das Eigentliche durch: Unter den Glanz-Nummern wie dem Vilja-Lied oder „Lippen schweigen“ liegt keine schmalzige Seligkeit, sondern die melancholische Erkenntnis, wie oft das Leben schiefgeht. Das Verfehlen des eigenen Glücks, der Schmerz über falsches Timing und die Angst, sich verwundbar zu machen – das ist die Sehnsucht, die unter diesen Ohrwürmern brennt, und die jeder kennt, der einmal echt verliebt war. Ich denke, genau hier liegt das Erfolgsgeheimnis der Lustigen Witwe.

Wie ist es für dich, erstmals an der Semperoper zu inszenieren?

— Es ist aufregend! An ein Haus zu kommen, in dem Tradition so spürbar ist, flößt natürlich Respekt ein – das macht mich wirklich ein wenig nervös. Aber meine Erfahrung zeigt auch: Diese Unruhe verfliegt rasch, sobald man sich in die Arbeit stürzt. Bei einer Operette gibt es zum Glück reichlich zu tun, und ich kann mich dabei auf das phänomenale Know-how der Semperoper-Belegschaft verlassen. Wie es sich wirklich anfühlt? Das frage mich am besten Ende November nach der Premiere nochmal!


Gespräch Dorothee Harpain

Die lustige Witwe

Premiere
29. November 2026

Vorstellungen:
2., 12., 27. Dezember 2026 & 
1., 8., 10., 15., 17., 25., 31. Januar 2027

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