Bohuslav Martinů – ein Kosmopolit
Eine Skizze über einen
aufrichtigen und ergreifenden
Künstler des 20. Jahrhunderts

Porträt Bohuslav Martinů © Lars Leetaru
„Der Künstler sucht stets nach dem Sinn des Lebens, seinem eigenen und dem der Menschheit, nach der Wahrheit. Ein System der Unsicherheit hat Einzug in unseren Alltag gehalten. Der Druck der Mechanisierung und Uniformität, dem er unterworfen ist, ruft nach Protest, und dem Künstler bleibt nur ein Mittel, dies auszudrücken: die Musik.“
Diesem Credo ist der tschechische Komponist Bohuslav Martinů zeitlebens gefolgt. Er gehört zu den produktivsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und hat auch geschichtlich vieles miterlebt: den Ersten und den Zweiten Weltkrieg sowie den Eisernen Vorhang. Knapp 400 Werke hat er geschaffen, darunter sind mehr als 20 Konzerte, sechs Sinfonien, Lieder, Chorwerke, Kantaten, Werke für Kammermusikbesetzung, aber auch 15 Opern und 14 Ballette zu finden. Obschon Martinů sich sein Leben lang für verschiedene Stilrichtungen interessiert hatte, fand er seine eigene musikalische Sprache – mit Einflüssen aus der Barockzeit bis zum Neoklassizismus, aber auch dem Impressionismus oder dem aufkommenden Jazz. Trotzdem blieb er seinen Wurzeln treu, denn die Volksmusik seiner Heimat, typisch für tschechische Komponisten – denken wir an Antonín Dvořák, Leoš Janáček oder Bedřich Smetana –, findet Einzug in eines seiner letzten Werke: The Greek Passion.
Bohuslav Martinů wurde am 8. Dezember 1890 in der tschechischen Kleinstadt Polička unter der Turmspitze der Jakobskirche geboren. Sein Vater hatte als Schuster ein kärgliches Einkommen und nahm daher zusätzlich die Stelle als Turm- und Brandwächter an. Bis zu seinem siebenten Lebensjahr hat Martinů den Turm nie verlassen. Akustisch war das Leben der Familie vom mächtig-dumpfen Klang der großen Turmuhr geprägt. Dem Ticken der Uhr konnte Martinů nicht entfliehen. Dafür sah er in seiner Kindheit die Welt von oben, aus der Vogelperspektive, und begutachtete die Menschen auf dem Marktplatz wie umhereilende Ameisen. Die kleine Turmkammer muss sich beengend angefühlt haben, sodass es mehr als natürlich erscheint, dass Martinů sich abnabeln, reisen und die weite Welt sehen wollte.
Nachdem er im Kindesalter Violinunterricht bekommen hatte, begann er als 16-Jähriger am Prager Konservatorium dieses Instrument zu studieren; wegen Nachlässigkeiten kam es aber nicht zum Abschluss. Trotzdem fand er in eine Anstellung als Geigenlehrer in der Musikschule seiner Geburtsstadt. Als er 1922 am Konservatorium in Prag einen zweiten Anlauf nahm, klappte es besser: Er studierte diesmal Komposition bei Josef Suk, dem Schwiegersohn Antonín Dvořáks. Doch er war zu neugierig und gab sich „nur“ mit der tschechischen Musik nicht zufrieden. Ihn interessierte in dieser Zeit der französische Impressionismus, wofür er 1923 das erste Mal sein Heimatland verließ, um mittels eines Stipendiums bei Albert Roussel in Paris zu studieren. Martinů wurde hier zum Kosmopoliten und seine Reiselust gedieh immer weiter. In Europa musste er miterleben, wie die Nationalsozialisten an Macht gewinnen. Er floh in die neutrale Schweiz und lernte den Basler Mäzen Paul Sacher kennen, der ihn bis bis zu seinem Lebensende stark unterstützen wird. Sacher wurde auch sein Freund und sagte: „Ich habe in meinem ganzen Leben keinen einfacheren, aufrichtigeren und ergreifenderen Menschen gekannt.“ Martinů stand wegen seiner Beziehungen zur tschechoslowakischen Exilregierung in London bei den Nationalsozialisten auf der Schwarzen Liste und floh daher im Winter 1941 über Spanien und Portugal und gelangte schließlich mit einem der letzten Dampfer in die Vereinigten Staaten von Amerika. Im Exil hatte er mit Heimweh zu kämpfen.
Die englische Sprache bereitete ihm Schwierigkeiten. Dennoch konnte er Erfolge verzeichnen, da Orchester wie das Boston Symphony Orchestra, das Cleveland Orchestra oder das New York Philharmonic Orchestra seine Werke spielten. Er kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg zurück nach Europa, blieb aber hauptsächlich in Frankreich und der Schweiz. Seine Heimat besuchte er bis zu seinem Tod nicht mehr – ab 1948 war die Tschechoslowakei kommunistisch und Martinů staatenlos. 1952 nahm er die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an und pendelte anschließend zwischen den USA und westeuropäischen Ländern. In den USA hatte er verschiedene Lehraufträge angenommen und komponierte nebenher, so zum Beispiel das dreiteilige Oratorium Gilgamesch-Epos. Während Martinů in Nizza daran arbeitete, kam es zur persönlichen Begegnung mit dem griechischen Schriftsteller Nikos Kazantzakis, der im 20 Kilometer entfernten Antibes wohnte. Martinů war begeistert von dessen Roman Alexis Sorbas, doch auf Anregung Kazantzakis’ entschied er sich für den umfangreichen Roman Der wiedergekreuzigte Christus – auch als Griechische Passion bekannt – zur Vertonung. Man darf durchaus das Gilgamesch-Epos als eine Vorstudie von The Greek Passion lesen, denn in beiden Werken stehen existenzielle Fragen des menschlichen Zusammenlebens im Vordergrund. Die Kernbotschaft für Martinů war einerseits von humanistischen Fragen und bei The Greek Passion zusätzlich von religiösen Themen geprägt. Das Libretto entstand in den Jahren 1954 bis 1956 in Nizza und New York in Zusammenarbeit zwischen Martinů und Kazantzakis. Die Komposition schloss Martinů 1957 ab. Doch das Royal Opera House Covent Garden, wo die Uraufführung eigentlich stattfinden sollte, lehnte diese ab, da dort der Sprechanteil des Schauspielers zu groß erschien. Es gab Bestrebungen von Herbert von Karajan, das Werk an der Wiener Staatsoper aus der Taufe zu heben, doch auch daraus wurde nichts. Martinů nahm die Kritik ernst, überarbeitete das Werk und schloss eine neue Fassung im Januar 1959 ab. Die Uraufführung erlebte Martinů nicht mehr; er verstarb an einer Krebserkrankung am 28. August 1959 im schweizerischen Kantonsspital Liestal. Paul Sacher jedoch sah die Dringlichkeit, dass The Greek Passion uraufgeführt werden sollte, ließ seine Kontakte zum Stadttheater Zürich spielen, und so wurde dieses gewaltige und eindrückliche Werk dort am 9. Juni 1961 auf der Bühne präsentiert.
„Ich glaube, ich kann
besser Musik schreiben,
als über sie zu schreiben.“
Dem Martinů-Forscher Aleš Březina ist es gelungen, die verschiedenen Fassungen zusammenzustellen. Martinů hatte nach der Absage aus London Kompositionsskizzen der ersten Fassung als Weihnachtsgeschenke an Freunde verschenkt. Březina konnte einen großen Teil der Skizzen ausfindig machen und so die Urfassung rekonstruieren, die 1999 bei den Bregenzer Festspielen zum ersten Mal gespielt wurde.
Text Benedikt Stampfli