„Für mich ist ein Klang ein Lebewesen.“
Im Gespräch mit Jörg Widmann über seine Doppelrolle bei der Staatskapelle, die Kraft der Sprache und das Wunder des Augenblicks.
Jörg Widmann ist in dieser Spielzeit der Sächsischen Staatskapelle Dresden in einer Doppelrolle zu erleben: Erstmals in der Geschichte des Orchesters vereint er die Titel Capell-Compositeur und Capell-Virtuos in Personalunion.

Jörg Widmann © Marco Borggreve
Jörg Widmann, ohne zu übertreiben: Sie sind ein Multitalent, sind Komponist, Klarinettist, Dirigent und Dozent. Nicht zuletzt aber auch ein leidenschaftlicher Kommunikator und sogar Kolumnist. Was bedeuten Ihnen die Sprache, das Schreiben, das öffentliche Einmischen?
— Mir ist Sprache immer schon wichtig gewesen. Ich bewundere deshalb Leute wie Robert Schumann, der eigentlich nie schlechte Texte verfasst hat. Wer sonst wagt sich an Faust? Er hat sich mit Lord Byron, Eichendorff, Justinus Kerner, Lenau, Heine und vielen anderen beschäftigt. Dafür habe ich ein Faible, und ich drücke mich gerne in Sprache aus. Es ist ein Teil von mir.
Schumann hatte ja selbst seine Neue Zeitschrift für Musik und über seine Kollegen empathisch und meist wohlwollend geschrieben. Er hat die Musikkritik durch seine Sprache gewissermaßen gegründet und selbst wieder zur Kunst gemacht. Wenn er beispielsweise Berlioz in Deutschland vorstellt, merkt man zunächst, dass ihm dessen Musik, die Symphonie fantastique, überhaupt nicht gefällt. Und dann, am nächsten Morgen, kommt plötzlich dieser wunderbare Satz: „Wollen wir mal diesen feurigen Jüngling nicht mit der Krämer-Elle messen.“ Das heißt doch, wir müssen unsere Kriterien ändern, weil diese Musik so neu ist. Das finde ich großartig. Aber Sie haben Recht, die Sprache ist mir auch ein wichtiges Ausdrucksmittel.
Interessant: Wenn ich nach dem Schreiber Jörg Widmann frage, sprechen Sie sofort von Schumann.
— Ja. Das sagt vielleicht auch etwas über mich aus. (lacht)
Sie sind in dieser Saison zugleich Capell-Virtuos und Capell-Compositeur. Wie kam es zu dieser besonderen Verbindung?
— Zunächst einmal ist das – entschuldigen Sie dieses altmodische Wort, aber hier gilt es – für mich eine riesige Ehre. Mit diesem fantastischen Orchester eine ganze Saison verbringen und mitgestalten zu dürfen, darauf freue ich mich ungeheuer. Ich habe natürlich ein großes Glück in meinem musikalischen Leben, dass ich mit sehr vielen wunderbaren Orchestern arbeiten darf, aber das hier ist wirklich etwas ganz Besonderes.
Zu dieser Personalunion in meinem Leben ist es auf ganz natürliche Weise gekommen. Dass ich Komponist, Klarinettist und später auch Dirigent geworden bin, ist bei mir fast zwangsläufig entstanden. Bei mir kommt alles von der Klarinette. Ich habe mit sieben Jahren angefangen, Klarinette zu spielen, und kurz danach mit dem Komponieren begonnen. Manchmal werde ich gefragt, wann ich mich entschieden hätte, Musik zu machen. Eigentlich nie. Ich habe einfach angefangen, Musik zu machen – und dann war klar, dass ich gar nicht anders kann, als das ein Leben lang zu machen. Später kam das Dirigieren dazu. Aber wenn wir dieses Gespräch jetzt Mitte des 19. Jahrhunderts geführt hätten, wäre diese Verbindung wahrscheinlich gar nicht der Erwähnung wert gewesen, weil sie ganz normal war. Mendelssohn etwa stand ständig vor Orchestern. Man spürt diese Kenntnis des Orchesters in seiner Musik. Für mich hat diese Einheit der Musik, des Musikdenkens nie aufgehört.
„Manchmal werde ich gefragt, wann ich mich entschieden hätte, Musik zu machen. Eigentlich nie.“
Ihr Dresdner Auftakt im Sonderkonzert der Staatskapelle hat von Weber über Ihre eigene Musik zu Mendelssohn geführt. Romantik pur! Ein persönliches Programm?
— Wenn mich die Staatskapelle im Weber-Jahr einlädt, im Weber-Jahr ihr Capell-Compositeur und Capell-Virtuos zu sein, war natürlich klar, dass wir Weber machen würden. Ich liebe ihn wirklich sehr und verteidige ihn auch gegen manche Musikerinnen und Musiker, die seine Musik zwar irgendwie gut finden, sie dann aber doch nicht für ganz erstklassig halten. Das ist falsch. Ich finde, es ist fantastische Musik.
Besonders am Herzen liegt mir Webers Klarinettenquintett. Wir haben es in der Orchesterfassung gespielt. Dazu dann meine Kompositionen Fantasie für Klarinette solo und Danse macabre, zwei ganz unterschiedliche Stücke, sowie am Ende dann eines meiner Leib- und Magenstücke, Mendelssohns Reformationssinfonie.
Für mich ist ein Programm bauen im Wortsinne, auch: Komponieren, Zusammensetzen, eine ganz eigene Form des Komponierens.
Zu Weber gibt es auch eine persönliche Verbindung: über Ihren früheren Lehrer, Gerd Starke, der Mitglied der Staatskapelle war.
— Ja, und das berührt mich sehr. Mein wichtigster und langjährigster Klarinettenlehrer, Gerd Starke, war in den 1950er-Jahren Mitglied der Staatskapelle Dresden. Er hat mir immer von diesem Orchester erzählt und geschwärmt. In seiner Münchner Wohnung hing ein herrliches Porträt von Weber. Er ist vor einigen Jahren gestorben, ich hoffe, dass er von oben mitbekommt, dass ich jetzt selber mit seinem Orchester Musik machen darf.
Sie begegnen der Staatskapelle ja im Grunde genommen zum ersten Mal – ein Experiment mit offenem Ausgang?
— Das ist es immer! Aber ich bin quasi mit dem tollen Sound der Staatskapelle aufgewachsen, kenne diesen silbrigen Klang etwa von der berühmten Freischütz-Aufnahme mit Carlos Kleiber oder aus den Hornkonzerten mit Peter Damm. Es hat Anfang der 2000er-Jahre einmal ein Konzert mit Jan Vogler gegeben, da wurde mein ganz frühes Cellokonzert gespielt, und ich war dabei, aber das ist jetzt 25 Jahre her. Seitdem gab es keinen Kontakt.
Insofern freue ich mich sehr, jetzt auf Tuchfühlung mit diesem Orchester zu gehen. Es ist tatsächlich ein offener Ausgang, das finde ich sehr schön, denn es betrifft ja auch die Programme, die wir hier konzipiert haben, das ist eben auch „Komponieren“. Zudem war mir wichtig, mit den Akademistinnen und Akademisten zu arbeiten, das war auch ein Wunsch des Orchesters. Da werden wir ein Konzert machen und über die Spielzeit verteilt beispielsweise mein Lied für Orchester mit Gustav Mahlers Lied von der Erde aufführen. Ich finde, das ist eine wunderbare Kombination, und ich freue mich sehr, dass Daniele Gatti dieses Konzert dirigiert. Ich werde auch ein neues Werk für die Staatskapelle komponieren. Ich nenne es Alla marcia, Ode an Beethoven für groß besetztes Streichorchester. Die Zusammenarbeit mit der Kapelle ist wirklich meine größte Freude und Herausforderung in dieser Saison.
„Wenn ich dirigiere, atme ich mit dem Orchester.“
Wäre der Komponist Widmann ohne den Klarinettisten Widmann denkbar – und umgekehrt?
— Ich kann mir das eine ohne das andere nicht vorstellen. Manchmal stehen sich Komponieren und Klarinettespielen rein zeitlich etwas im Weg, aber da bin ich inzwischen viel besser organisiert als noch vor ein paar Jahren. Die verschiedenen Arten des Musikmachens befruchten sich gegenseitig. Wenn ich dirigiere, atme ich mit dem Orchester. Das ist wahrscheinlich gar nicht anders möglich. Ich bin schließlich Bläser, ein Ton ist für mich etwas Physisches, Haptisches. Für mich ist ein Klang ein Lebewesen.
Insofern – beide Arbeiten beeinflussen sich. Mein Klarinettenspiel hat auf das Komponieren und Dirigieren einen wesentlichen Einfluss. Umgekehrt gilt das aber auch, das durchdringt sich.
Ich schreibe noch ganz altmodisch von Hand. Und ich merke, dass ich bei Fortissimo- und Tutti-Stellen fester mit dem Bleistift aufdrücke. Allein daran sieht man, dass für mich Musik im Wortsinne etwas Physisches ist.
Eine Aufführung muss jeden Abend neu entstehen und mit Leben gefüllt werden. Wenn ich fünfmal ähnlich spiele und am Vorabend genauso gespielt habe wie heute, sind vielleicht alle glücklich – ich aber bin todunglücklich. Ich erwarte von jedem Künstler und von mir selbst, dass die Musik als Ereignis im Moment entsteht.
Das klingt nach einem ziemlich hohen Anspruch.
— Ja, aber genau darin liegt für mich das Glück. Nach einer langen Reise, einem verpassten Flug, Chaos und Hektik kann es passieren, dass ich ankomme und allein schon das Stimmen des Orchesters Adrenalin-Glücksgefühle bei mir auslöst, wie prickelnder Champagner. Und wenn dann die Musik losgeht, dann kann ich noch so lange in der Luft gewesen sein, dann bin ich nur noch da und sehr glücklich, dass ich das machen darf.
Bei all diesen Tätigkeiten hat der Tag aber weiterhin nur 24 Stunden. Wie organisieren Sie sich?
— Ich pflege schon mein Privatleben, bin aber tatsächlich mit am glücklichsten, wenn ich Musik machen darf. Doch ich habe gelernt, anders mit meiner Zeit umzugehen. Bis vor etwa fünfzehn Jahren habe ich fast alle meine Kompositionen nachts geschrieben. Mein Körper hat mir irgendwann sehr deutlich gesagt, dass er das so nicht mehr will, das ist nicht gesund.
Heute bin ich gerne früh, um halb acht, am Schreibtisch. Wenn mir das früher jemand erzählt hätte, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Aber jetzt verstehe ich den Schumann-Titel Gesänge der Frühe noch einmal auf eine ganz andere Weise.
Und ich versuche, auf Tourneen nach den Konzerten nicht mehr nachts zu komponieren. Wenn ich hier in Dresden als Dirigent und Klarinettist bin, dann bin ich das. Dann schreibe ich keine Note.
Ich nehme mir längere Kompositionsphasen, am Stück. Drei oder vier Tage zwischen Tourneen, die sehen im Kalender zwar frei aus, aber man ist zu erschöpft und bereitet schon das nächste Projekt vor. Das bringt also gar nichts.
Nach meiner ersten Woche in Dresden werde ich deshalb eineinhalb Monate nur zu Hause in München sein und ein neues Orchesterstück beginnen. Darauf freue ich mich sehr.
Komponieren Sie eher im Auftrag oder aus einem inneren Bedürfnis heraus?
— Beides. Manchmal habe ich eine Idee oder eine Besetzung im Kopf und denke, das könnte ein Liederzyklus werden, den möchte ich jetzt schreiben. Dann gibt es vielleicht noch gar keinen Auftrag.
Mittlerweile steht allerdings über Jahre ziemlich genau fest, was ich schreiben werde. Das ist manchmal absurd – man weiß ja nicht, was in drei Jahren ist oder ob es einen selbst dann überhaupt noch gibt. Aber Kompositionen brauchen eine lange Vorlaufzeit, insofern ist es meist so, dass es einen Auftrag oder eine Auftragsserie und Koproduktionspartner gibt. Aber das Allerwichtigste bleibt für mich trotzdem dieses schönbergsche „Kunst kommt von Müssen“. Ich muss das schreiben. Es braucht eine innere Notwendigkeit. Ein Anlass ist etwas Äußeres, aber für uns Komponisten nicht unwichtig.
Ein Auftrag oder eine Deadline können hilfreich sein. Aber die innere Notwendigkeit muss durch das Stück selbst beglaubigt werden.
Sie haben sich in der Vergangenheit auch kulturpolitisch zu Wort gemeldet. Wie wichtig ist Ihnen der öffentlich-rechtliche Rundfunk?
— Gerade für die Kultur ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk heute wichtiger denn je. Natürlich gab es in den vergangenen Jahren aus gutem Grund Anlass zur Kritik, und ich finde, man sollte bereit sein, diese Kritik anzuhören. Aber was gute Sender und gute Journalistinnen und Journalisten im Theater- und Musikbereich leisten, indem sie den Kulturauftrag mit Leben erfüllen, ist enorm wertvoll.
Vieles ist derzeit bedroht, auch weil das Geld an allen Ecken und Enden fehlt bzw. von der Politik anders und nicht immer glücklich priorisiert wird. Fatal wäre allerdings, wenn man die Themen gegeneinander ausspielt. Ich sage es etwas plakativ: den Kindergarten, der neu gebaut werden soll, gegen die Kulturförderung. Beides ist wichtig. Beides sind Grundnahrungsmittel. Auch die Kultur!
Ich äußere mich politisch nicht besonders oft. Aber wenn kulturpolitisch etwas passiert und Orchester oder Institutionen in ihrer Substanz gefährdet werden, habe ich in der Vergangenheit immer meine Stimme erhoben und werde das auch in Zukunft tun.
Denn wenn weiter gekürzt wird, geht etwas verloren. Auch von unserer Kultur, von der Art, wie wir leben wollen. Und das müssen wir gemeinsam verhindern.
Gespräch Michael Ernst