Die Literatur sei widerständig

Autorin
Antonia Krinninger


Vor fünfzig Jahren erschien Reiner Kunzes Buch "Die wunderbaren Jahre". Das Buch erzählt vom Alltag in der DDR. Nun wird sein Hintergrund erforscht. 
N. ist frech. Ein unüberlegter Kommentar bricht ihm das Genick. Von diesem Schüler müsse man sich trennen, verkündet der Offizier der Nationalen Volksarmee beim Fahnenappell. Der Elftklässler wird aus der Freien Deutschen Jugend ausgeschlossen, seine Zukunft hat er damit verspielt. 


N. ist einer der Protagonisten in Reiner Kunzes Buch "Die wunderbaren Jahre", das 1976 erschien. Eigentlich heißt er Utz Rachowski. Wie viele andere hat er Kunze erzählt, was er in der DDR erlebt hat. Dass seine Geschichte authentisch ist, beweisen Briefwechsel und Gesprächsprotokolle: "Reiner Kunze wollte gegen den Vorwurf gewappnet sein, die Wahrheit zu verdrehen oder Dinge erfunden zu haben", sagt Linda von Keyserlingk-Rehbein. Sie entschlüsselt die Rätsel hinter dem Werk, mit dem Reiner Kunze vor fünfzig Jahren Deutschland die Augen geöffnet hat.

Zum Archiv, das Reiner Kunze in seinem Haus in Niederbayern angelegt hat, gehören Korrespondenzen, Fotos, Kunstwerke und Dokumente. "Es ist ein Schatz", sagt von Keyserlingk-Rehbein, Historikerin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kunze Stiftung. Mit ihrem Kollegen Markus Gerstmeier und dem Team des Labors für Kulturdigitalisierung an der Universität Passau hat sie 2019 mit der Digitalisierung begonnen. 20.000 Digitalisate von über 5000 Dokumenten und Objekten sind mittlerweile in einer Datenbank erfasst. Einige Exponate zeigt die Wanderausstellung "Ich habe die tschechische Sprache geheiratet", die am 29. September auf dem Vorplatz der Deutschen Nationalbibliothek eröffnet wird. Linda von Keyserlingk-Rehbein hat sie kuratiert. Mit Reiner Kunzes Werk kam sie während ihres Studiums in Berührung. Seine prägnante Sprache habe sie in ihren Bann gezogen.

Reiner Kunze kam 1933 in Oelsnitz im Erzgebirge zur Welt. In den Fünfzigerjahren studierte er an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Philosophie und schlug die Journalistenlaufbahn ein. Im "Roten Kloster", wie die Fakultät für Journalistik genannt wurde, lernte er das Handwerk im Sinne des SED-Regimes. "Er war anfangs stramm auf Linie", sagt von Keyserlingk-Rehbein. Doch seine Parteitreue bröckelte bald. Seine ersten Gedichte veröffentlichte er 1953.

Sie sind in gemäßigter Kleinschreibung gehalten. Großgeschrieben sind Satzanfänge, Orte und Namen. Einer taucht immer wieder auf. Das große E in seinem Leben, wie er sagte. Elisabeth Littnerová hörte seine Gedichte im Radio. Sie schrieb ihm. Aus anfänglicher Bewunderung entwickelte sich ein intensiver Briefwechsel. Nach 400 Briefen fragte Reiner Kunze, ob sie seine Frau werden wolle. Sie sagte Ja, ohne ihn ein einziges Mal gesehen zu haben. Dreiundsechzig Jahre waren die beiden verheiratet. "Sie war ein Mensch, mit dem man glücklich zusammen weinen konnte", sagte Kunze über sie. Im Januar 2024 wurde sein Gedicht "Bittgedanke, dir zu Füßen" traurige Realität: "Stirb früher als ich, um ein weniges früher / Damit nicht du / den weg zum haus / allein zurückgehn mußt"

Elisabeth Kunze brachte ihm die tschechische Poesie näher, die sein Schaffen prägen sollte. Als Ärztin sicherte sie die wirtschaftliche Existenz des Paars: "Dass er seinem Gewissen folgen konnte, verdankt er auch seiner Frau", sagt Keyserlingk-Rehbein. Als 1968 der Prager Frühling niedergeschlagen wurde, gab Kunze sein SED-Parteibuch zurück. Der Staatssicherheitsdienst verstärkte die Überwachung. 3971 Seiten zählt seine Stasi-Akte. Er blieb standhaft, veröffentlichte weiter und übersetzte Gedichte seiner verfolgten Dichterfreunde aus der Tschechoslowakei. "Die Übersetzung ist besser als das Original", schrieb ihm Milan Kundera voller Bewunderung. Gleichzeitig begann er mit der Arbeit an "Die wunderbaren Jahre". Unter der Hand verbreitete sich die Nachricht, dass er Gesprächspartner suche.

"Die wunderbaren Jahre" erzählt poetisch verdichtet vom Alltag in der DDR, von den Repressalien, den absurden Regeln, mit denen das Regime die eigene Bevölkerung in die Verzweiflung trieb. Es ist die Gegenerzählung zur ostalgischen Nachbetrachtung der DDR. Wer aus der Reihe tanzt, wird gebrochen. Im ersten Teil gibt Kunze denen eine Stimme, die keine Öffentlichkeit haben: Kindern, jungen Menschen, der normalen Bevölkerung. Ihre Namen verrät er nicht: "Dieses konspirative Arbeiten, das war seine Art des Widerstands", sagt von Keyserlingk-Rehbein.

Genauso wie Kunze selbst sind seine Protagonisten keine lauten Widerständler. Ein Mädchen, dessen Rock man nicht beschreiben kann, "denn schon ein einziges Wort wäre zu lang". Ein junger Mann, der "mit der topografischen Vorstellung von der Hohen Tatra im Kopf und den Bergsteigerschuhen an den Füßen" in die Ferne trampen will. Sie wollen Jeans tragen und Nickelbrillen, sie wollen Gitarre spielen und das Meer sehen. Sie schreien nicht. Sie sagen leise Nein und müssen dafür büßen. Mit seiner sensiblen Sprache setzt Kunze präzise Schnitte und legt die Grausamkeit des SED-Regimes offen. Es sind "scharf aus der DDR-Wirklichkeit herausgestochene Medaillons", sagte Heinrich Böll in seiner Laudatio, als Kunze für sein Werk den Georg-Büchner-Preis erhielt.

Der zweite Teil des Werks trägt den Titel "Café Slavia". Darin gibt Kunze seinen tschechoslowakischen Freunden ihre Bühne zurück. Einer von ihnen ist ein Lyriker und hochgeachteter Wissenschaftler, der aus Protest 1968 sein Institut verließ: "Seitdem wird in der Tschechoslowakei seinem Namen nur noch die Öffentlichkeit eines Wohnungstürschildes und einer Postanschrift gestattet." Dass er hier von Ludvíc Kundera schreibt, weiß Keyserlingk-Rehbein, weil Kunze die Briefe und Postkarten, aus denen er zitiert, unter "Allgemeine Korrespondenzen" abgeheftet hat. Das historische Material hat er nach der Veröffentlichung dem Kulturjournalisten Jürgen P. Wallmann anvertraut. Mit der Bitte, es aufzubewahren, denn was mit ihm passieren würde, wenn "Die wunderbaren Jahre" in der Welt sei, das wisse er nicht.

Seine Sorge war gerechtfertigt. "Der politische Druck und die Drangsalierungen verschärften sich nach der Veröffentlichung erheblich." Es folgte der Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR, was einem Berufsverbot gleichkam. 1977 konnte er mit Frau und Tochter die DDR verlassen. "Die wunderbaren Jahre" wurde im Westen zum Bestseller, im Osten verboten. "Man konnte sich in geheime Listen eintragen, um es für eine Nacht zu bekommen", sagt Keyserlingk-Rehbein.  

Das Buch wurde heimlich abgeschrieben. Eine dieser Kopien hat Reiner Kunze 1997 per Post erhalten. Die Seiten sind mit einer Spiralbindung zusammengehalten. Auf der ersten Seite steht mit Füller geschrieben: "Mit herzlichem Dank für Ihre wundervolle Prosa, dieses Exemplar, das mich durch die DDR Zeit begleitete an Sie zurück." Der Absender brauche es jetzt nicht mehr. Es solle Kunze für immer daran erinnern, auf welch wundersame Weise Literatur sich verbreiten kann.

"Reiner Kunze war für viele ein emotionaler Anker", sagt Keyserlingk-Rehbein. Am von ihr mitgegründeten Labor für Demokratiebildung untersucht sie mit Studenten, wie dieses Werk heute wirken kann. Reiner Kunzes Literatur ermögliche einen Perspektivwechsel. Sie mache Lebenswelten in Diktaturen begreifbar.

"Nehmt meine Literatur und macht euch widerständig gegen totalitäre Systeme", das sei der Auftrag, den der 93 Jahre alte Dichter seiner Stiftung mitgegeben habe. Gerade jetzt kann er Vorbild sein. Standfest, sensibel, abhold aller Grobheiten seiner Zeit, wie ihn Böll beschrieb. Oder wie er selbst in seinem Vers zur Jahrtausendwende formulierte: "Wir haben immer eine wahl, / und sei's, uns denen nicht zu beugen, / die sie uns nahmen." ANTONIA KRINNINGER


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Die wunderbaren Jahre kurz gefasst

Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Reiner Kunze schuf Torsten Rasch ein Musiktheater, das in kleinen Szenen das Leben in der DDR nachzeichnet und dabei gleichzeitig Fragen nach Selbst- und Fremdbestimmung, Individualität und Konformismus und dem Wert von Idealen stellt.


Die wunderbaren Jahre

Premiere am 16. Oktober 2026
Vorstellungen: 18., 20., 21., 24., 27., Oktober 2026 & 
27. Juni, sowie 01., 03., 06. Juli 2027

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