„Carmen ist Don Josés Obsession und gleichzeitig sein Fluch.“

Nadja Loschky, die Regisseurin der Neuproduktion Carmen, über ihre Lesart und die Männer-Figuren Don José und Escamillo – ergänzt durch Perspektiven der Sänger Attilio Glaser und Krzysztof Bączyk

Gespräch
Benedikt Stampfli

Kaum eine andere Oper ist so beliebt beim Publikum wie Carmen und wurde in ganz unterschiedlichen Lesarten auf die Bühne gebracht. Was ist für dich das Besondere im Carmen-Stoff?
Nadja Loschky — Die Figur der Carmen ist über die Jahrhunderte hinweg zum Mythos geworden. Ihr Wesen, ihr Handeln, ihr Schicksal zieht die Menschen bis heute in ihren Bann. Bizets Carmen von 1875 ist einer der berühmtesten Titel der Operngeschichte. Er basiert auf Prosper Mérimées Novelle von 1845, der ein bemerkenswertes Zitat des griechischen Epigrammatikers Palladas vorangestellt ist und wie eine Leseanleitung verstanden werden kann: „Das Weib ist bitter wie Galle; doch gibt es zwei Gelegenheiten, wo es [dieses Weib], angenehm ist: im Bett und auf der Bahre.“ Das ist die perfekte Startrampe für die nun folgende Erzählung von Carmen, der Frau, die lebt, singt, lacht, liebt und schließlich von Don José ermordet wird. Warum? Was macht diese Frau eigentlich so gefährlich? In der Figur der Carmen muss etwas verborgen sein, das mit aller Gewalt und ein für allemal ausgelöscht werden muss. Was ist das? Diese zentralen Fragen haben uns in der Vorbereitung der Produktion umgetrieben. Carmen ist nicht nur eine Person mit einem singulären Schicksal. Sie ist vielmehr ein Prinzip, ein Phänomen – verkörpert in diesem einen Menschen mit dem Namen Carmen. Von diesem Blickwinkel aus wird ihre Geschichte zu einer Parabel.

Carmen ist kein frivoles, sogenannt „ewig lockendes Weib“ – sie entstammt einer tiefer liegenden Schicht von Mythos und antiker Tragödie, sie ist Sirene und Schicksal zugleich. Sie verkörpert den absoluten Lebenswillen und fordert gleichzeitig den Tod heraus. Dieser scheinbare Widerspruch ist sinnbildlich für diese Figur.

„Meiner Meinung nach ist Carmen ein Torero, der viel mehr mit der Liebe, als mit dem Stier spielt.“
Krzysztof Bączyk

Das Militaristische spielt eine wichtige Rolle in deiner Lesart, ausgehend vom spanischen Faschismus. Warum ist das in Carmen verankert?
— Das hat im Wesentlichen mit der Figur des Don José zu tun und mit der Welt, aus der er kommt. Wir haben versucht, uns vorzustellen, wie diese Welt aussehen könnte und das so nah wie möglich in unsere Gegenwart hineinzubringen. Spanien war bis 1975, bis zum Tod Francisco Francos, eine Diktatur. Sie begann mit faschistischen Versprechen von Ordnung und Einheit und endete als erstarrtes autoritäres System, das Freiheit systematisch unterdrückte. Das Land hat ja bis heute mit den Folgen dieser Diktatur zu kämpfen. In diesem System und seinen Werten ist Don José in unserer Lesart aufgewachsen. Es schien uns wichtig zu beschreiben, wie die Gesellschaft aussieht, in der Carmen eine derartige Bedrohung darstellt, dass sie vernichtet werden muss. Dabei spielt das Militär als eine Welt der Männer immer noch eine wichtige Rolle.

„Don José verkörpert für mein Empfinden eine toxische, archaische Männlichkeit. Sie ist geprägt von ‚Ehre‘, Besitzanspruch und der weitgehenden Unfähigkeit, negative Gefühle anders als durch Wut oder Gewalt auszudrücken. Ich halte ihn im Kern für unsicher und fragil.“
Attilio Glaser

Was fasziniert Don José an Carmen mehr als an Micaëla?
— Micaëla entspringt der gesellschaftlichen Ordnung, die Don José kennt und in der er aufgewachsen ist. Ehe, Heimat und Familie sind die Koordinaten, die ihm Sicherheit und Stabilität geben. All das verkörpert Micaëla. Sie verhält sich regelkonform, sie ist zuverlässig, berechenbar, tugendhaft.

Carmen ist das absolute Gegenteil: Sie ist exzessiv individualistisch und vollkommen nihilistisch. So, wie sie selbst das Extrem mit allen daraus resultierenden Konsequenzen lebt, so fordert sie das auch von ihrem Gegenüber. Sie überschreitet permanent das bürgerliche Maß und fordert es heraus. Das fasziniert und befremdet Don José gleichermaßen. Und daraus entsteht ein Reiz, der zur Besessenheit wird. Er will sie festhalten und besitzen, aber das ist mit Carmen nicht möglich. Sie verlacht ihn nur und gibt sein Tun und sein Selbstverständnis der Lächerlichkeit preis. Sie stellt all das infrage, was ihn ausmacht: seine Männlichkeit, sein gesellschaftliches Dasein, sein Seelenheil. Carmen ist Don Josés Obsession und gleichzeitig sein Fluch. Er ist Carmen nicht gewachsen, er wird durch sie aus der Gesellschaft herauskatapultiert.

„Don Josés Wunsch nach Besitz und Bindung ist eine Reaktion auf die Bedrohung durch Carmens absolute Freiheit. Er ist unfähig, mit weiblicher Selbstbestimmung umzugehen.“
Attilio Glaser

Wie liest du die Männlichkeit in Carmen?
— Die Männlichkeit wird in Carmen in sehr verschiedenen Facetten beschrieben und lässt sich nicht auf einen Begriff bringen – die Oper beschreibt die Welt in ihrer Komplexität. Dennoch sind wir als Regieteam aufgerufen, Entscheidungen zu treffen und Lesarten vorzuschlagen.

Die zwei markantesten Männer sind sicher Don José und Escamillo, der Torero. Escamillo ist eine öffentliche Figur. Er lebt von seiner Anerkennung und seinem Erfolg. Seine Identität ist stabil, weil sie von außen bestätigt wird: durch den Applaus, die Arena, den Ruhm. Er weiß, wer er ist, und muss es nicht ständig infrage stellen. Auch in der Liebe bleibt er souverän. Carmen ist für ihn ein Begehren, ein Risiko, ein Moment – aber nicht der Mittelpunkt seiner Existenz. Er kann sie lieben, ohne sie besitzen zu wollen.

Don José dagegen ist eine instabile Persönlichkeit – auf der Suche nach Fixpunkten, die ihm Halt geben. Sein Konflikt spielt sich nicht in der Arena, sondern in ihm selbst ab. Er kommt aus einem Wertesystem von Ordnung, Pflicht und Moral, und genau daran zerbricht er. Er ist abhängig von Bindung. Liebe ist für ihn nicht Spiel, sondern Sinnstiftung. Carmen wird zum Zentrum seines
Selbst – und damit zur Bedrohung, sobald sie sich entzieht. Der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Charakteren liegt im Umgang mit Freiheit: Escamillo akzeptiert Carmens Freiheit und bleibt dennoch ganz bei sich. Don José erlebt diese Freiheit als Kränkung und Verlust seiner Identität. So wird Escamillo zum Spiegel, in dem Don José seine eigene Unsicherheit erkennt. Nicht der Rivale zerstört ihn, sondern die Erkenntnis, dass er ohne Carmen nicht existieren kann – während Escamillo aufgrund seiner Persönlichkeit dazu imstande ist.

„Psychologisch gesehen verliert sich Escamillo nicht in Carmen, Don José hingegen schon – so entgeht Escamillo zwar einer Niederlage, doch Carmen selbst bleibt ihm verwehrt.“
Krzysztof Bączyk

Carmen

Premiere am 1. Mai 2026
Vorstellungen: 3., 6., 9., 14., 17., 23., 25. Mai & 
1., 5., 12., 20. Juni 2026

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