Carmen ist zugleich Torero und Stier

Regisseurin Nadja Loschky über die Neuproduktion von Georges Bizets Carmen

Eifersucht, Liebe, Schmerz, Tod, Sehnsucht, … was ist für Sie das Hauptthema in Carmen?
Carmen ist ein sehr reicher Stoff, der sich aus verschiedenen Perspektiven beschreiben lässt. Was für uns im Zentrum steht, ist die Betrachtung der Figur des Don José. Ausgangspunkt dieses Interesses war das Motto, mit dem Prosper Merimée seine Carmen-Novelle versehen hat. Es ist ein frauenfeindliches Zitat des spätantiken griechischen Epigrammatikers Palladas: „Jede Frau ist wie Galle, doch hat sie zwei gute Stunden: eine im Hochzeitsbett, die andere dann im Tod.“ Das hat uns neugierig gemacht. Wie sieht eine Welt aus, in der eine derartig gewalttätige Äußerung einen Widerhall findet? Und wie sehen die Menschen aus, die sich in einem solchen Kosmos bewegen?

Mit Don José und Carmen treffen zwei Menschen aufeinander, die vollkommen diametral entgegengesetzte Vorstellungen von der Welt und von ihrem Leben haben. Beide jedoch, das lässt sich festhalten, sind in ihrem jeweiligen Wesen Sprengsätze. Für einen Augenblick treffen sie aufeinander, wie magnetisch angezogen, verhaken sich vorübergehend und könnten dann auch wieder voneinander lassen und weiterziehen. Aber Don José trifft eine andere Entscheidung als Carmen. Das ist tödlich.

Welche Biografie hat Carmen: Ist sie ein Mythos, eine Kunstfigur oder doch eine reale Figur aus Fleisch und Blut?
— Die Figur Carmen hat sicher Berührungspunkte mit all diesen Dimensionen. Zunächst einmal müssen wir davon ausgehen, dass sie eine Frau mit einer Biografie ist. Eine Sängerin kann auf der Bühne nicht ein Prinzip verkörpern. Carmen ist eine Frau, die eine Geschichte, auch bereits ein Leben hinter sich und Erfahrungen gesammelt hat. Sie ist eine einsame, traumatisierte Frau, von Anbeginn. Ein Gespenst der Freiheit.

Aus dieser biografischen Situation heraus kommt sie zu ihrer Perspektive auf die Welt, auf die Liebe, auf die Gesellschaft. Und sie handelt danach. Die Figur der Carmen ist aber auch von Anfang an überdimensional angelegt und projektiert. Aus dem ganz konkreten Zusammenhang kann sie herausgelöst und zu einer mythologischen
Gestalt werden, die durch die Jahrhunderte geistert. Sie verkörpert all das, was bürgerliche Begriffe unterwandert und aushebelt, was widerständig ist und sich nicht halten lässt – ein Gegenentwurf zu trautem Heim, Kirche, Religion. Carmen legt mit ihrer Existenz das Archaische frei und bedroht all das, was die Gesellschaft zusammenhalten könnte.

Carmen glaubt an das Schicksal, da es in den Sternen feststeht, welches Ende ihr Leben nehmen wird. Ist Carmens Leben determiniert?
— Carmen glaubt an das Fatum ihrer Herkunft. Ihr Weg ist vorgeschrieben, und sie wird ihn konsequent abschreiten. So geht die Geschichte. Diesem unausweichlichen Fatum unterwerfen sich selbst die Götter. Carmen bleibt ihrer Herkunft treu. Das ist die einzige Treue, die sie hält. Sie nimmt das Schicksal ihrer Tötung an, so wie sie auch ihre Orakelsprüche annimmt, den antiken Held*innen der Mythologie gleich, die den Tod akzeptieren. Sie erreicht ihren Tod wie das Ende eines Weges.

In einem Brief an die tschechoslowakische Schriftstellerin Milena Jesenská schrieb Franz Kafka: „Liebe ist, dass Du mir das Messer bist, mit dem ich in mir wühle.“ Was bedeutet Ihnen dieser Satz für Carmen?
— Carmen hat kein Interesse daran, sich einzugliedern und anzupassen, sie ist zutiefst anarchistisch und exzessiv. Sie benutzt ihre Sinnlichkeit als Waffe und Machtmittel, sie ist zugleich Torero und Stier.

Carmen sucht die Fülle in einer Welt, die nichts als Leere zur Verfügung zu stellen scheint. Dass „Liebe“ Tod heißt, weiß sie von Anfang an. Als hätte sie in Don José den Vollstrecker ihres Schicksals gesucht, steuert sie direkt auf ihn zu. Sie führt ihren eigenen Tod unbewusst selbst herbei. 

Don José ist bereits ein verurteilter Straftäter mit einer gewalttätigen Vergangenheit, als er auf Carmen trifft. Er ist eine instabile Persönlichkeit, die nach Orientierung und Halt sucht. Das Militär und die soldatische Ordnung sind ein Stützpfeiler auf dieser Suche nach männlicher Identität. Das bürgerliche Idyll mit Micaëla als der reinen keuschen Frau ist die andere Seite dieses Versuchs, feste Koordinaten in seine Existenz zu bringen und sich einzugliedern. 

Bei Carmen erfährt Don José eine Dimension, die er bei Micaëla nicht findet. Er will Carmen festhalten, aber das ist nicht möglich. Durch Carmen wird er aus der Gesellschaft herauskatapultiert. Er steuert nicht, er ist passiv und reaktiv. Durch sie verliert er alles.

Ist Don José nur Täter oder vielleicht nicht auch ein Opfer eines männlich geprägten Machtapparats?
— Don José möchte ich nicht als ein Opfer beschreiben. Er projiziert die Verantwortung für seine eigenen Handlungen oder Zustände auf die anderen – und vor allem auf Carmen. Im Kern werden hier die psychologischen Mechanismen von frauenfeindlichem, rassistischem Hass beschrieben.

Ganz im Gegensatz zu Carmen denkt Don José nicht in der Kategorie Freiheit, sondern in den Kategorien Bindung und Besitz. Das ist das fundamentale Missverständnis zwischen den beiden. Sex gilt der einen als Befreiung von einer Verpflichtung, dem anderen aber als deren Eingehen. Er kann ihr lebend nicht Herr werden, er will sie aber besitzen. Da ihm das nicht gelingt, soll sie auch kein anderer haben.

Was bedeutet die Bohemienne-Atmosphäre, gibt es das heute noch und spielt dabei die spanische Verortung eine zentrale Rolle?
Carmen spielt im südlichen Spanien. Das werden wir auch nicht ändern – das spezifische Klima dieser spanischen Welt zu erkunden, ist zentraler Gegenstand unserer künstlerischen Auseinandersetzung. Alle Begriffe, die in dieser Oper aufeinanderstoßen – Geschlechterverhältnisse, Krieg, Kirche, Trauma und Bürgerlichkeit –, haben Künstler in den verschiedenen Epochen beschäftigt, die dabei zu sehr produktiven Einsichten gelangt sind.

Da denken wir natürlich an Goya, an Federico García Lorca, an Luis Buñuel und Salvador Dalí, aber auch an Guillermo del Toro. Von all diesen Künstlern wird auf ganz unterschiedliche
Weise der Zusammenprall einer harten und gewaltsamen Realität mit den eruptiven Kräften des Irrationalen und der Fantasie beschrieben. Mit diesen Welten im Gepäck bewegt man sich mitten hinein in den Kosmos der Carmen von Georges Bizet.


Nadja Loschky inszeniert u.a. an der Oper Frankfurt, an der Oper Graz, an der Komischen Oper Berlin und am Opernhaus Zürich. Zudem ist sie Intendantin am Theater Bielefeld.