Tiefgründig und emotional berührend
Hyo-Jung Kang und James Kirby Rogers über John Crankos Onegin
Du hast schon oft die Rolle der Tatjana getanzt. Was verbindest du mit diesem Ballett?
Hyo-Jung Kang — Onegin begleitet mich seit Beginn meiner beruflichen Laufbahn. Durch John Crankos Werke habe ich entdeckt, wie tiefgründig und emotional berührend Handlungsballette sein können. Schon als junge Tänzerin hatte ich das Gefühl, dass Onegin nicht einfach nur ein Ballett ist, sondern das wahre Leben widerspiegelt.
Meine erste Tatjana kam unerwartet: Ich durfte die Rolle als Gast in meiner Heimatstadt Seoul tanzen. Es war einer der unvergesslichsten
Momente meiner Karriere.
Was macht Onegin so besonders?
— Die Menschlichkeit dieses Balletts. Die Geschichte zeigt, wie Stolz, Sehnsucht, Angst und falsches Timing ein Leben verändern können. Es ist diese emotionale Komplexität, die das Publikum weiterhin so tief bewegt.
Wie siehst du die Figur der Tatjana und ihre Entwicklung?
— Tatjana ist schüchtern und ruhig, aber nicht schwach. Ihre Stärke kommt von ihrer Ehrlichkeit. Sie wagt es, wahrhaftig zu lieben, sich der Ablehnung zu stellen und später – vielleicht am mutigsten – die Liebe, von der sie einst geträumt hat, abzulehnen.
Tatjana beginnt als junges Mädchen, die von Büchern und Fantasie geprägt ist, und wird allmählich zu einer bodenständigen und emotional klaren Frau. In der Schlussszene versteht Tatjana
den Preis der Sehnsucht und den Wert der Verantwortung. Sie steht fest zu ihrer Wahrheit, und diese stille innere Stärke macht ihren Tanz so authentisch und zeitlos.
Du tanzt dieses Jahr zum ersten Mal die Rolle des Onegin. Wie bist du mit diesem Ballett in Berührung gekommen?
James Kirby Rogers — Ich war 16 Jahre alt, als ich Onegin mit dem San Francisco Ballet sah. Es war das erste abendfüllende Ballett, das mich von Anfang bis Ende gefesselt hat. Die Choreografie war unglaublich stark, die Musik zutiefst ergreifend.
Wie wirst du dich vorbereiten?
— Erst einmal werde ich den Roman von Alexander Puschkin genau lesen. Dann werde ich versuchen, ausgehend von dem, was Reid Anderson-Gräfe und die Probenleiter*innen über das Stück sagen, meinen eigenen Zugang zu dem Werk zu finden und meine persönliche Interpretation zu entwickeln.
Was macht dieses Ballett für die Tänzer*innen und das Publikum interessant?
— Für mich als Tänzer ist faszinierend, dass das Stück von einer Vielzahl legendärer Tänzer*innen interpretiert wurde, und es ist eine große Ehre, Teil dieser Geschichte zu werden. Ich kann es kaum fassen, dass ich in das Kostüm von Tänzern schlüpfen werde, die ich als Student bewundert habe. Für das Publikum ist es spannend, wie klar und eindrücklich Cranko diese besondere Liebesgeschichte erzählt, in der zwei so starke Charaktere aufeinandertreffen.





