Glücklich mit der eigenen Identität
Q&A mit der Komponistin Laura Kaminsky über die Entstehung von As One von David Salazar

Laura Kaminsky © Rebecca Allan
Was bedeutet As One für Sie und was sollen die Zuschauer Ihrer Meinung nach daraus mitnehmen?
— Für mich ist As One (AO) ein Stück über Selbstfindung und die Suche nach wahrem Glück, erzählt aus der Perspektive von Hannah, einem selbstironischen, manchmal in sich versunkenen, witzigen, intelligenten und suchenden Menschen. Hannah ist auch transgender, und die Oper ist ihre Odyssee von der Jugend bis ins Erwachsenenalter. Letztendlich ist es sowohl die Geschichte einer Transgender-Person auf der Suche nach ihrer eigenen Wahrheit und daraus resultierendem Glück; und gleichzeitig ist es eine universelle menschliche Geschichte. Was ich mir erhoffe, dass die Menschen mitnehmen – und ich weiß, dass sie es tun, nach dem, was ich von Zuschauer*innen bei allen bisherigen Aufführungen gehört habe –, ist, dass wir alle uns selbst treu bleiben müssen. Ehrlichkeit erfordert Mut, und die Suche nach dieser Wahrheit ist nicht ohne große Herausforderungen. Die Herausforderungen, denen die Trans*Community in einer Welt gegenübersteht, die oft intolerant und voller Ignoranz und Hass ist, sind extremer als bei den meisten anderen, aber der Kern unserer Geschichte ist, dass Ehrlichkeit zu Glück führen kann, und zu dem Gefühl, eins mit sich selbst zu sein, und dass jeder Mensch diese Möglichkeit in seinem Leben haben sollte.
Welche musikalische Sprache hast du für dieses Werk gewählt? Wie hat sie sich im Laufe des Entstehungsprozesses entwickelt?
— Hannahs Persönlichkeit bestimmte die musikalische Sprache. Hannahs Geschichte ist eine Reise, daher gibt es „Reisemusik“, die treibend und energiegeladen ist; aber ein Teil der Reise ist nachdenklich und innerlich, daher gibt es gefühlvolle, „innere“, reflektierende Musik, dargestellt durch ein Viola-Solo voller Blues-Stimmung, wobei die Viola im gesamten Stück als Verkörperung von Hannahs Persönlichkeit dient. Wiederkehrende Motive verleihen Hannahs Odyssee einen musikalischen roten Faden, und es gibt Ausschnitte aus Weihnachtsliedern während der dreiteiligen Weihnachtssequenz sowie einen Ausschnitt von Grieg, der Hannahs Entscheidung ankündigt, nach Norwegen zu gehen, um Erfüllung zu finden. Außerdem gibt es erschütternde Musik während einer Szene, in der Hannah angegriffen wird. Eine ungewöhnliche Entscheidung, die ich traf, war, das Streichquartett nicht nur spielen, sondern zeitweise auch singen zu lassen und die Musikalische Leitung sprechen zu lassen. Ebenfalls von Hannah vorgetragen, nicht gesungen, ist eine Liste mit Namen von Opfern von Gewalt gegen Transgender-Personen weltweit (eine unbeschreiblich traurige Liste, die es aufzunehmen galt und die bei jeder Aufführung aktualisiert werden muss) während der Szene, in der Hannah nach dem Angriff zu sehen ist.
Wie bist du auf die Stimmlagen gekommen?
—Die Entscheidung, eine Rolle auf zwei Sänger*innen – einer Mezzosopranistin und einem Bariton – aufzuteilen, war das Ergebnis eines „Aha“-Erlebnisses, als ich die Gelegenheit hatte, die Mezzosopranistin Sasha Cooke und den Bariton Kelly Markgraf im Rahmen eines Festivals zur Musik der Sowjetzeit bei einer Aufführung im Symphony Space in New York City vorzustellen. Die Zusammenarbeit mit diesen außergewöhnlichen Künstler*innen weckte in mir den Wunsch, etwas speziell für sie zu schreiben. Ich hatte bereits begonnen, eine Oper über eine Transgender-Person zu konzipieren, und nach der Zusammenarbeit mit Sasha und Kelly kam mir der Gedanke, dass sie nicht nur in der Oper mitspielen, sondern sogar eine einzige Person sein könnten, und sich die Rolle der Hannah teilen. Überraschenderweise war ihre Antwort positiv, als ich sie fragte, ob sie diese ungewöhnliche Prämisse in Betracht ziehen würden. Mit dieser Zusage entwickelte ich die Welt und die Klangwelt des Stücks weiter. Das führte zu der Entscheidung, ein Streichquartett einzusetzen – dieses einheitliche Ensemble, das eben wie eins – „as one“ – ist, vom tiefsten C des Cellos bis zur höchsten Note der Violine. Ein Streichquartett schien die einzig mögliche Ensemble-Option zu sein, um die beiden Stimmen zu unterstützen und Hannahs Welt zu erschaffen. Da ich gerade mein sechstes Quartett, Rising Tide, für das Fry Street Quartet fertiggestellt hatte und die Zusammenarbeit mit ihnen eine außergewöhnliche Erfahrung war, lud ich sie ein, Teil der wachsenden As One-Familie zu werden, und war begeistert, als sie zusagten.
Was war die größte Herausforderung bei der Entstehung dieser Oper?
— Dass wir nicht auf traditionelle Weise vorgegangen sind. Normalerweise gibt es einen Auftrag, eine Geschichte, dann ein Libretto, dann die Partitur, dann die Besetzung, Workshops und das Bühnenbild und schließlich die Inszenierung. Hier gab es ein Konzept, eine Besetzung, ein Instrumentalensemble, ein Bühnenbildkonzept, aber keine Geschichte, keinen Auftrag, kein Ensemble. Nach und nach fügten sich die Teile zusammen. Nachdem feststand, dass es Sasha und Kelly sowie das Fry Street Quartet machen würden, suchte ich nach einer Geschichte und stieß dank meiner Frau Rebecca, die mir half, mögliche Ideen zu finden, auf Kimberly Reeds Film Prodigal Sons. Nachdem wir ihn gesehen hatten, sagte ich zu Rebecca: „Ich muss Kim finden; sie muss dabei sein.“ Mit Kim an Bord einigten wir uns auf das grobe Konzept einer Geschichte der Selbstfindung, und das filmische Element war gesichert, aber die eigentliche Geschichte fehlte noch. Dann trafen Mark und ich uns bei einer Jury für Fördermittel bei Opera America, und ich erzählte ihm von unserem Projekt. Er war fasziniert, und ich lud ihn ein, als Librettist zum Team zu stoßen, wobei er sich diese Rolle mit Kim als Co-Librettistin teilte, die auch unsere Filmemacherin war. Endlich fügte sich alles zusammen, und American Opera Projects stieg als Auftraggeber, Entwickler und schließlich Produzent in einer Partnerschaft mit BAM ein, mit dem Plan, das Werk 2014 uraufzuführen.
Wie war die Zusammenarbeit mit Mark Campbell bei As One? Was hast du aus dieser Zusammenarbeit gelernt?
— Der Aufbau des Teams für As One war ein langwieriger Prozess, der zu einer bis heute andauernden Zusammenarbeit mit Kimberly Reed und Mark Campbell geführt hat; derzeit arbeiten wir gemeinsam an unserer dritten Oper. Die Zusammenarbeit mit Mark und Kim ist in jeder Hinsicht berauschend. Sie sind klug, einfühlsam, witzig, anspruchsvoll, unerbittlich, offen, beharrlich, lyrisch, deklamatorisch und sprühen in jedem Moment vor Energie. Wir haben eine zutiefst befriedigendes „Ménage à trois“ aufgebaut, eine kreative Dreierbeziehung, in der wir uns alle gegenseitig respektieren, herausfordern und dabei helfen, den besten Ausdruck unserer Ideen in unserer gemeinsamen Arbeit zu finden.
Gibt es einen musikalischen Moment, den Sie besonders lieben? Welcher ist das und warum?
— Ich glaube, Mark, Kim und ich würden alle die Szene „To know“ als unseren Favoriten nennen. Es ist ein entscheidender Moment, der Moment der Selbstfindung, in dem Hannah eine Transgender-Frau im Fernseh-Interview sieht und die überwältigende Erkenntnis hat, dass sie genau das ist. Sie geht in die Bibliothek und sucht nach allen Büchern über Transgender. Sie tut dies heimlich, da sie nicht entdeckt werden will, aber sie ist begeistert, als sie erfährt, dass sie nicht die Einzige ist. Die Freude am Lernen, an der Selbstfindung und an der Verbundenheit wird in dieser Szene dargestellt, und zwar mit Humor und glückseliger Unbekümmertheit.
Was bedeutet Oper in der heutigen Welt und warum ist sie wichtig?
— Die Oper erzählt Geschichten. Wir brauchen Geschichten. Sie verbinden uns als Menschen in einer gemeinsamen Erfahrung, und durch die Musik und die Worte, die Inszenierung und das Bühnenbild kann diese Erfahrung transformativ und transzendent sein. Ich könnte endlos weiterreden, werde es aber nicht tun, außer zu sagen, dass ich mich glücklich schätze, diese Kunstform entdeckt zu haben und neue Werke in einer Zeit zu schaffen, die sich zu einer goldenen Ära der Oper entwickelt.
Interview David Salazar für OperaWire. Zuerst erschienen als „Q&A: Composer Laura Kaminsky On the Development of As One“ am 14. März 2018.
Übersetzung Martin Lühr
As One
Laura Kaminsky, Mark Campbell & Kimberly Reed
Premiere
20. Juni 2026
Vorstellungen
22., 25., 26. & 28. Juni 2026