Bühnenräume im Zeitenwandel

Frank Philipp Schlößmann hat bisher an den großen Opernhäusern des In- und Auslandes zahlreiche Kostüm- und Bühnenbilder erschaffen und mit vielen namhaften Regisseuren zusammengearbeitet. Für die Semperoper gestaltete er bereits in der Vergangenheit die Bühnenbilder zu Brittens Ein Sommernachtstraum (2002), Bergs Wozzeck (2004), Hasses Cleofide (2005) und Verdis La Traviata (2009). Nun zeichnet er für den Bühnenraum von Richard Wagners Parsifal verantwortlich, einem Werk, das in Dresden eine spannende Rezeptionsgeschichte aufweist. Katrin Rönnebeck, Mitarbeiterin des Historischen Archivs, ist mit ihm über Bühnenräume von damals und heute ins Gespräch gekommen: 

Katrin Rönnebeck — Als Parsifal 1914 – nach der 30-jährigen Schutzfrist – endlich auch an der Dresdner Hofoper zur Erstaufführung gebracht werden durfte, waren die Erwartungen groß: Viele hatten die Bayreuther Aufführung von Wagners Bühnenweihfestspiel als Maßstab im Hinterkopf. Damals war es der Hoftheatermaler Otto Altenkirch, den die künstlerische Leitung des Hauses mit der anspruchsvollen Aufgabe betraute, das erste Parsifal-Bühnenbild für Dresden zu kreieren. Er war dafür bekannt, mit seinen impressionistischen Bühnenbildern die Atmosphäre eines Musikwerkes eindrucksvoll für die Bühne zu verdichten. Ein Original-Entwurf von Parsifals „Einöde“ befindet sich heute im Bestand des Historischen Archivs, weitere Kunstwerke können vom 28. März bis 27. September 2026 in einer Ausstellung über Otto Altenkirch im Stadtmuseum besichtigt werden. 

Frank Philipp Schlößmann, wie schauen Sie heute nach mehr als 100 Jahren auf diese Entwürfe?

Frank Philipp Schlößmann — Ich finde die Entwürfe von Altenkirch beeindruckend und modern - vor allem „Einöde“ und „Der heilige Waldsee“. Das erinnert mich sehr an Adolphe Appia, dem es ja wichtig war, nicht die Realität selbst, sondern die Empfindungen dazu auf die Bühne zu bringen. Ich hätte mir die Produktion von Otto Altenkirch damals sehr gern angesehen. Schade, dass das heute nicht mehr möglich ist.

KR — Wir können tatsächlich nur versuchen, diesen ersten Dresdner Parsifal mit Hilfe einzelner Relikte zu rekonstruieren. Es ist wie ein Puzzlespiel. Beispielsweise geben die historischen Rezensionen durchaus einen Eindruck von der musikalischen Umsetzung sowie der Kostüm- und Bühnenbildgestaltung. Altenkirchs Entwürfe wurden auf einen Rundhorizont mit den Ausmaßen von 22 mal 60 Metern gemalt. Das war eine Herausforderung für die Kollegen der Werkstätten, die in großen Filzschuhen auf den Bildern hin und her liefen und mit dicken, an langen Stöcken befestigten Pinseln malten. Die Fernwirkung des entstehenden Gemäldes wurde von einem eigens dafür konstruierten Laufsteg aus beurteilt… Heute geht man diesbezüglich sicher anders vor?

Fertigstellung der Bühnen-Dekoration Parsifal in den Dekorationswerkstätten der Sächsischen Staatstheater © Romy Krüger

FPS — Natürlich gibt es im digitalen Zeitalter andere technische Möglichkeiten, eine künstlerische Idee zu verwirklichen. Die theoretische Vorarbeit ist da deutlich einfacher. Aber die künstlerische Umsetzung der Idee bedeutet heutzutage nach wie vor Handarbeit. Toll, was Dekorationswerkstätten und Technik bei unserer aktuellen Inszenierung geleistet haben. Aber einen großen Unterschied zu den früheren Arbeiten gibt es natürlich: Altenkirch entwarf eher zweidimensionale Kulissen, in denen er durch geschickte Licht- und Farbspiele versuchte, eine Raumtiefe zu erzeugen. Unsere Bühnenraumidee 2026 ist dreidimensional – eine Kirchenruine. Sie wird im Laufe der Handlung gedreht, ist wandelbar, von überall einsehbar und birgt viele Spielmöglichkeiten in sich.

KR — Wagner bezeichnet seinen Parsifal nicht als Oper, sondern als Bühnenweihfestspiel. Wie haben Sie sich diesem Werk genähert?

FPS — Natürlich haben wir im Inszenierungsteam zunächst viele Gespräche geführt. Der Stoff Parsifal ist unglaublich vielschichtig und es scheint unmöglich, für alle Bedeutungsebenen visuelle Übersetzungen zu finden. Das wird dem Produktionsteam 1914 vielleicht ähnlich gegangen sein. Aber seitdem hat sich das Theaterverständnis grundlegend geändert. 
Das Publikum heute verfügt über völlig andere Wahrnehmungsgewohnheiten als damals. In Zeiten von Netflix, Social Media, in denen die visuelle Abwechslung dominiert, ist es wichtig, die Zuschauer auch an diesem Punkt abzuholen, um damit den Zugang zu dem komplexen Werk zu erleichtern. Für uns war schnell klar: Wir wollen nicht die einzelnen Akte illustrieren, sondern es braucht eine starke visuelle Grundidee. Es ist ein realer Raum, den es heute überall gibt. Eine Kirchenruine, ein historischer Ort, spirituell aufgeladen. Von hier, aus dem Jetzt heraus, entwickelt sich die Geschichte um den reinen Toren. Von hier aus werden wir Zeugen, wie der Mythos von Parsifal und den Gralsrittern lebendig wird. 

KR — Das Thema Verwandlung spielt in Wagners Werk eine zentrale Rolle. Nicht nur im metaphysischen Sinne der Reifung des reinen Toren zur Erlöserfigur, sondern laut Regieanweisungen auch ganz bühnenpraktisch. Inwieweit gibt es in der aktuellen Inszenierung überhaupt solche Ortswechsel? 

FPS — Auch in unserem Konzept wechseln die Räume. Aber nicht klassisch illustrierend im Sinne einer zurückgelegten Strecke von A nach B – von der Waldlichtung zur Gralsburg. Wir erweitern vielmehr den Assoziationsbereich um neue Dimensionen, starten die Geschichte in einer realen Gegenwart und reisen zurück in die mythische Vergangenheit. Das ermöglicht spannende Reibeflächen und natürlich jede Menge Verwandlungen.

KR — Die Welten im Parsifal sind erlösungsbedürftig und stehen einander als konträre Prinzipien gegenüber: In der männlich dominierten Gralswelt werden erstarrte Rituale zelebriert, in Klingsors Zaubergarten regiert die weibliche Lust. Das vermeintlich Gute, Helle wird dem vermeintlich finsteren Bösen gegenübergestellt. Diesen Dualismus setzte Altenkirch 1914 sehr deutlich in Farbe und Form um. Was erwartet uns in der aktuellen Inszenierung?

FPS — Diese Ambivalenz ist hochinteressant: Uns ist wichtig, die Licht- und Schattenaspekte immer gleichzeitig zu denken und zu zeigen, quasi als zwei Seiten einer Medaille. Ein gutes Beispiel dafür ist die Enthüllung des Grals im ersten Aufzug: Eigentlich ein energiespendendes Ritual für die Gralsbrüder, das die Zugehörigkeit und Gemeinschaft stärken und mit neuem Leben erfüllen soll. Gleichzeitig erleben wir zu den heiligsten Klängen, dass das Ritual Amfortas‘ unmenschliches Leid noch verschlimmert. Heilung für alle bedeutet Leid für den Einzelnen. Das ist das Gegenteil von Empathie und umso deutlicher wird, dass es nur durch ehrliches Mitleid zu wahrer Erlösung kommen kann. Hier liegt letztendlich der Kern dieses beeindruckenden Stückes. Eine zeitlose Botschaft, die 1914 genauso aktuell war wie sie es heute ist!

KR — Vielen Dank für das Gespräch.

Ausstellung im Stadtmuseum

Otto Altenkirch

Landschaft – Alla Prima

28. März bis 27. September 2026

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