„Für mich bedeutet frei zu sein, sich selbst treu zu bleiben“

Ein Gespräch mit Caterina Piva über Bizets letzte Oper Carmen. Sie singt die Titelrolle und gibt damit ihr Hausdebüt

Wie kaum eine andere Opernfigur steht Carmen für die Freiheit. Was genau versteht sie unter Freiheit?
— Ich habe mich schon immer gefragt, was „Freiheit“ für Carmen bedeutet, und ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf eine befriedigende Antwort gefunden habe. Ist Freiheit lediglich ein „Ich tue, was ich will“, oder steckt dahinter etwas Tieferes? Bedeutet die Akzeptanz ihres schrecklichen Schicksals, frei zu sein? Das Konzept der Freiheit ist nicht so simpel, wie es scheint. Für mich bedeutet frei zu sein, sich selbst treu zu bleiben – im Bewusstsein dessen, dass man dabei bisweilen andere verletzen könnte. Es ist ein sehr sensibles Gleichgewicht zwischen der eigenen Identität und der Rücksichtnahme auf andere. Carmen mag es bisweilen an Taktgefühl und Empathie fehlen; sie ist zudem eine gewalttätige Frau (man denke etwa an den Streit mit Manuelita), denkt nur an sich selbst und schert sich weder um Regeln noch um Konventionen – doch genau diese Radikalität macht sie zu einer so einzigartigen und faszinierenden Persönlichkeit.

Was gefällt Ihnen an der neuen Inszenierung von Carmen an der Semperoper besonders gut?
— Ich finde, diese Inszenierung hat viel zu sagen: Ich schätze die Tatsache, dass die gesamte Geschichte aus der Perspektive von Don José erzählt wird – und dank dieses Blickwinkels können wir deutlich erkennen, wie er in das „Ideal“ von Carmen verliebt ist, und nicht in Carmen selbst. Sie verkörpert etwas zutiefst Wildes, das er weder in sich selbst noch in Micaëla finden kann.

Die Musik ist sehr kraftvoll und einprägsam – geprägt von deutlichen Kontrasten in Tempo, Dynamik und Rhythmus. Was genau macht diese Musik für Sie so besonders?
— Diese faszinierende Partitur ist ein perfektes Porträt der Carmen: wild, respektlos, geheimnisvoll, schillernd. In jeder Note lässt sich ihre Seele erahnen, doch für mich wird sie stets eine unnahbare Frau bleiben. Die Partie ist stimmlich nicht übermäßig anspruchsvoll, verlangt jedoch eine meisterhafte Beherrschung der Phrasierung, rasche Stimmungswechsel und eine enorme Persönlichkeit. Ein entscheidendes Element ist für mich die Sinnlichkeit – sowohl im Schauspiel als auch in der Stimme; dabei meine ich nicht die vordergründige Art, sondern jene subtilere Form, die sich aus Blicken und einer tiefen inneren Präsenz speist.

In den vergangenen Wochen haben Sie intensiv für diese Neuproduktion geprobt. Was gefällt Ihnen an der Semperoper und an Dresden?
— Diese Produktion markiert mein Debüt in Deutschland, und ich könnte nicht glücklicher sein: Die Semperoper strahlt Geschichte aus und verfügt über eine Akustik, die den Gesang wunderbar trägt. Ich hatte das große Vergnügen, eine Aufführung des Parsifal zu besuchen, und war vom wunderbaren Klang des Orchesters tief beeindruckt. Jede einzelne Note scheint einen aus jedem Winkel des Saales zu erreichen! Die Arbeit an der Semperoper war ein wahres Vergnügen; alles war hervorragend organisiert, und ich habe viele freundliche Menschen und Kollegen kennengelernt … und natürlich habe ich es auch sehr genossen, durch das wunderschöne Dresden zu spazieren, die Museen zu bewundern und am Flussufer zu entspannen!