„Das Schöne am Absurdismus ist: Es spielt keine Rolle.“
Ein Gespräch mit Henry Websdale, dem Dirigenten der Kammeroper Die kahle Sängerin
Du bist Korrepetitor an der Semperoper, nun wirst du hier erstmals dirigieren. Was sind für dich die Herausforderungen, worauf freust du dich?
— Das Schwierigste ist, sich in kurzer Zeit mit allen Aspekten des Stücks vertraut zu machen. Ich habe das Glück, von erfahrenen Sänger*innen und Musiker*innen umgeben zu sein, die dieses Stück größtenteils schon einmal gespielt oder gesungen haben. Als Dirigent hat man dafür zu sorgen, dass jeder Einzelne sein Bestes geben kann, ohne den Blick für das Ganze zu verlieren.
Was für ein Orchester verwendet Luciano Chailly in seiner Kammeroper Die kahle Sängerin nach dem gleichnamigen Stück von Eugène Ionesco und wie klingt die Musik?
—Das Orchester ist in drei verschiedene Gruppen unterteilt: Streicher, Holzbläser und Zupfinstrumente, die jeweils unterschiedlichen Charaktergruppen in der Oper entsprechen. Der Unterschied zwischen diesen Instrumentengruppen kann recht deutlich sein, insbesondere die spärliche Textur der Zupfinstrumente, aber die gesamte Partitur ist eng mit Variationen einer Tonreihe verbunden, die er zu Beginn im Vorspiel festlegt. Chailly war ein Eklektiker, und trotz der straffen musikalischen Struktur gibt es eine Fülle von Musikstilen und Texturen, von gesprochenem Wort bis zu Miniaturarien, häufigem Einsatz rhythmischer Ostinati, Passagen für Soloinstrumente und Gesang sowie vollständig aleatorischen Abschnitten.
Man darf ja nicht vergessen, dass sich Chailly mit der Italienischen Operntradition sehr gut auskannte. Er war Intendant an verschiedenen italienischen Opernhäusern, u.a. am Teatro alla Scala in Mailand (1968–1971). Sein künstlerisches Werk hat pragmatische Elemente, z. B. baut er gut platzierte „Atempausen“ ein, in denen wir alle die Möglichkeit haben, uns zu sammeln. Aus rein praktischer Sicht war ihm klar, dass die Komplexität seiner Musik unvermeidlich zu gelegentlichen Pannen führen würde und die Ausführenden Anknüpfungspunkte brauchen, an denen sie wieder einsteigen können, wenn etwas schiefgelaufen ist.
Man könnte behaupten, dass Die kahle Sängerin „ein Stück absurder Oper“ ist: eine Reihe von Slapsticks eingebettet in einer nicht-kausalen Kommunikation. Wie verhält sich die Musik dabei?
— Die Oper besteht im Wesentlichen aus zwei miteinander verwobenen Formen: einerseits einer Oper mit Rezitativen, Szenen und Arien, andererseits einem Thema mit Variationen. Das vielleicht Absurdeste an diesem Stück ist die schier unmögliche Kombination einer so tiefgründigen, gelehrten Musikkomposition mit der völligen Verrücktheit des Themas. Die Ironie dieser Situation ist Chailly sicherlich nicht entgangen. Gleichzeitig gibt es zweifellos eine klare Theatralik in der Musik, die sich fest an die Bühne klammert. Beiden Aspekten dieses Werks gerecht zu werden, ist vielleicht der schwierigste Aspekt seiner Interpretation.
Pointierte Szenenwechsel und Bühnenwitz in einem Raum wie die Semper Zwei, wo das Publikum quasi im Bühnenbild und „Orchestergraben“ zugleich sitzt … da hat man als Musikalischer Leiter ordentlich was zu tun, denn das Stück lebt doch von der Präzision?
— „Ich bin oft überrascht, wenn ich Interviews mit Komikern höre, die sagen, dass es sehr mühsam sein kann, eine komische Szene oder einen Gag zu entwickeln. Der Effekt wirkt natürlich völlig spontan und mühelos, aber die Arbeit, die erforderlich ist, um dies Abend für Abend konstant zu leisten, ist hart. In der Oper etwas Lustiges zu machen, ist vielleicht sogar noch schwieriger, da das Timing durch musikalische Parameter weiter eingeschränkt ist, die wir nicht immer einfach nur aus dramaturgischen Gründen ändern können. Hinzu kommt das Risiko, dass jede absurde Komödie ermüdend wirken kann, wenn sie zu derb oder übertrieben ist, und so ist es wirklich eine anspruchsvolle Aufgabe, die richtige Balance zu finden.
Du hast britische Wurzeln: Das Auftreten von Mr. und Mrs. Smith wirkt „very british“. Was für einen Bezug zu deiner Heimat siehst du hier?
— Nun, wir führen eine deutsche Version einer italienischen Oper auf, die auf einem französischen Theaterstück basiert, das allerdings in England spielt … aber dennoch gibt es definitiv Momente, die mich als Briten sehr ansprechen. Vor allem Mr. Martins Versuche, den Konflikt zu entschärfen und zwischen dem streitenden Ehepaar Smith zu vermitteln, sind sehr realistisch. Auch die Verwendung von unangenehmer Stille ist besonders treffend. Ich muss allerdings sagen, dass der absurde Stil für mich so typisch französisch ist, dass es mir schwerfällt, einige der chaotischeren Momente mit dem traditionellen Verständnis von „Britishness“ in Einklang zu bringen, aber das ist ja das Schöne am Absurdismus: Es spielt eigentlich keine Rolle.
Das Gespräch führte Benedikt Stampfli.