„Er ist eine verletzte Seele“
Ein Gespräch mit Oleksandr Pushniak über die Titelfigur in Verdis Rigoletto

Rigoletto © Semperoper Dresden, Foto: Sebastian Hoppe
Für dich als Bariton gibt es einige Partien, die zu den festen Gipfelpunkten des Repertoires gehören. Nicht wenige davon sind in den Opern Vaterfiguren. Seit der Spielzeit 2024/25 bist du festes Ensemblemitglied der Semperoper und hast hier in Dresden schon ein paar davon gesungen, wie Peter in Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck oder den Capulet in Charles Gounods Roméo et Juliette. Nun debütierst du als eine der zerrissensten Vaterrollen: die Titelpartie in Giuseppe Verdis Opernthriller Rigoletto.
— Für mich ist Rigoletto eine der wichtigsten Opern überhaupt. Es ist eine große Ehre, dieses Stück hier in der Semperoper singen zu dürfen – und dann auch noch in der erfolgreichen Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff. Regie ist ja nicht nur Bewegung, sondern auch die Psychologie der Figuren. Leider können wir nicht mehr mit ihm persönlich arbeiten und die Figuren zusammen entwickeln. Aber wie er in dieser Produktion die Charaktere zeichnet und wie klar er die Geschichte erzählt, ist fantastisch. Das Großartige ist, dass er trotzdem für das Publikum einen Raum lässt, sich eigene Gedanken zu machen und selbst die Vorgänge zu interpretieren. Es ist eine gute Balance.
Rigoletto ist Hofnarr – er ist aber auch Vater. Wie siehst du die Beziehung zwischen ihm und seiner Tochter Gilda?
— Für mich ist immer wichtig, solche Fragen im Libretto zu suchen: Was sagt das Textbuch dazu? Gilda ist das Einzige, was er in seinem Leben hat. Er liebt sie und will sie um jeden Preis beschützen.
Trotzdem hat er auch Abgründe und Boshaftes …
— In dem großen Monolog im ersten Akt, „Pari siamo“, beschreibt er sehr klar seine Sicht auf sich selbst und die gesellschaftliche Welt, die ihn umgibt: „Wenn ich böse bin, dann liegt das an euch.“ Er wird ständig verlacht und beleidigt. Er ist eine verletzte Seele. Und wenn er den Duca am Ende töten lassen will – wenn er sich für diesen Mord entscheidet –, dann hat das auch etwas von einem Befreiungsversuch. Eigentlich will er ein „gutes“ Leben führen, wählt aber ein Verbrechen, um dahin zu gelangen: Rigoletto will sich von dem Bösen durch das Böse befreien. So sehe ich es zumindest. Meisterwerke haben die Qualität, offen für Interpretationen zu sein; das macht Stücke wie Rigoletto auch heute immer noch so aktuell: Sie sind vielseitig lesbar.
Im Vorwort zum Drama Le roi s’amuse, das die Vorlage von Rigoletto bildet, sagt der Autor Victor Hugo, der eigentliche Strippenzieher sei der Hofnarr, in dessen Händen der Herrscher, also der Duca, nur eine Marionette sei.
— Das ist eine sehr spannende Aussage, und auch hier kann ich nur wieder sagen: Das ist offen für Interpretationen. In der Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff jedenfalls sehe ich in dem Reich des Duca und in dieser Welt der Höflinge sehr viel Böses. Für den Duca geht es darum, unbeschränkte Macht auszuüben und alle zu beherrschen. Diese Katakomben, in denen sie leben, sind wie ein Nest all des Bösen auf der Welt.
Seit der Spielzeit 2024/25 bist du Ensemblemitglied der Semperoper Dresden. Hast du Lieblingsorte in Dresden gefunden?
— Darauf kann ich eine ganz klare Antwort geben: Ich liebe die Elbe!