Aidas und Radamès’ Liebe steht für Menschlichkeit und Hoffnung
Die US-amerikanische Sopranistin Ailyn Pérez gehört zu den Gefragtesten ihres Faches und tritt an allen großen Opernhäusern der Welt auf. Nur die Semperoper fehlt noch. Und um ihr Hausdebüt noch spektakulärer zu gestalten, wird sie gleich mit einem Rollendebüt auftrumpfen: die Titelpartie in Verdis Aida.
Sie singen viele große Rollen. Was ist das Besondere an Verdis Sopranpartien?
— Was ich an Verdi besonders liebe, ist sein tiefes Verständnis für die menschliche Natur. Seine Sopranrollen verlangen nicht nur stimmliche Schönheit und Kraft, sondern auch Ehrlichkeit, Verletzlichkeit und Mut.
Außerdem erzählt Verdi oft von Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen. Durch seine Musik verleiht er ihnen Würde, Tiefe und eine starke Stimme. Seine Heldinnen sind komplex, mutig und zutiefst menschlich – deshalb berühren sie uns bis heute.

Ailyn Pérez © Solomon Howard
Die Musik in Aida bewegt sich zwischen kammermusikalischen Momenten und großen Tableaux. Was lieben Sie an dieser Oper?
— Was mich an Aida fasziniert, ist die Verbindung von Größe und Intimität. Viele denken zuerst an den Triumphmarsch, doch das Herz der Oper liegt für mich in ihren stillen Momenten.
Aida ist zerrissen zwischen Liebe, Heimat und Pflicht. Verdi macht ihre Sehnsucht, ihre innere Stärke und ihre Konflikte auf bewegende Weise hörbar. Selbst in den größten Massenszenen verliert er nie den Blick für den einzelnen Menschen.
Die Liebe zwischen Aida und Radamès scheint grenzenlos. Wie würden Sie ihre Beziehung beschreiben?
— Es ist eine Liebe, die auf gegenseitigem Erkennen und Vertrauen beruht. Noch bevor sie Vertreter verfeindeter Nationen sind, sehen sie einander als Menschen.
Ihre Beziehung wird ständig durch Krieg, Politik und Loyalitäten auf die Probe gestellt. Dennoch entscheiden sie sich immer wieder füreinander. Für mich steht ihre Liebe für Menschlichkeit und Hoffnung in einer geteilten Welt.
Sie treten an den großen Opernhäusern der Welt auf. Nun fehlt nur noch Dresden. Worauf freuen Sie sich besonders?
— Ich freue mich sehr auf mein Debüt an der Semperoper und zugleich auf meine ersten Vorstellungen als Aida. Diese beiden Debüts an einem so traditionsreichen Haus zu erleben, ist etwas ganz Besonderes.
Noch bedeutungsvoller wird es dadurch, dass ich diese Erfahrung mit meinem Ehemann, dem Basso Cantabile Soloman Howard, teilen darf, der den Ramfis singt.
Aida behandelt Themen wie Heimat, Identität, Liebe und die Folgen von Konflikten – Themen, die bis heute aktuell sind. Sie in einer Stadt wie Dresden aufzuführen, die eine so reiche Geschichte und kulturelle Strahlkraft besitzt, empfinde ich als sehr bewegend.
Außerdem freue ich mich sehr auf die Zusammenarbeit mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Ihr Klang, die außergewöhnliche Akustik der Semperoper und die musikalische Tradition dieses Hauses machen Dresden zu einem idealen Ort für mein Aida-Debüt.
Das Gespräch führte Benedikt Stampfli.