Nachruf auf Herbert Blomstedt

Die Mitglieder der Sächsischen Staatskapelle Dresden mit ihrem Chefdirigenten Daniele Gatti sowie das gesamte Ensemble der Semperoper Dresden nehmen mit Bestürzung und in tiefer Trauer Abschied von Herbert Blomstedt.
Zugleich blicken sie voller Dankbarkeit auf mehr als ein halbes Jahrhundert äußerst fruchtbarer und menschlich bereichernder Zusammenarbeit mit ihm zurück – mit einem der größten Dirigenten unserer Zeit.
Herbert Blomstedt stand erstmals 1969 am Pult der damaligen Staatskapelle Dresden.
Die erste Verbindung zu seiner späteren „Dresdner Kapelle“ hatte sich allerdings bereits deutlich früher ergeben.
Gern schilderte er in bewegenden Worten, wie er als Dreizehnjähriger bei einem Besuch seiner Großeltern auf einem einfachen Bakelit-Radioempfänger die von der Sächsischen Staatskapelle Dresden gespielten Mozart-Variationen von Max Reger hörte und sich wünschte, dieser Klang möge niemals verklingen.
1975 wurde er zum Chefdirigenten unseres Orchesters ernannt.
Die folgenden neun Jahre unter seiner Leitung waren außerordentlich erfolgreich.
„Sein tiefes Einfühlungsvermögen in die vielschichtige Tradition der Staatskapelle und seine volle Identifikation mit ihr ließen ihn zum beredten Anwalt des Orchesters in aller Welt werden.“ (Eberhard Steindorf, „Die Sächsische Staatskapelle“, Henschel Verlag, Berlin 1997, S. 126).
In diese Zeit fielen die ersten ausgedehnten Reisen des Orchesters nach Amerika und Japan, die Blomstedt zu großen Triumphen führte. Zahlreiche Aufnahmen aus dieser Zeit belegen die hohe Qualität und die stilistische Breite des gemeinsamen Repertoires. Zudem erlebte Blomstedt in diesen Jahren die intensivste Phase seiner Karriere im Bereich der Oper.
Nach seinem Weggang aus Dresden, als er zum Music Director des San Francisco Symphony Orchestra berufen wurde, blieb Herbert Blomstedt dem Orchester eng verbunden.
Zum 450-jährigen Jubiläum der Staatskapelle im Jahr 1998 kehrte er, inzwischen Gewandhauskapellmeister in Leipzig, anlässlich der Feierlichkeiten für ein Konzert nach Dresden zurück. 2016 ernannte die Kapelle Blomstedt folgerichtig zu ihrem Ehrendirigenten.
Er war ein großer Musiker, geprägt von Intelligenz und Herzenswärme, der sich jederzeit auf die Sensibilität, Disziplin und Spontaneität der Staatskapelle verlassen und seinerseits wesentliche und tiefgreifende künstlerische Impulse geben konnte.
Dabei trat er in großer persönlicher Bescheidenheit stets hinter die Musik zurück und ermöglichte so unvergessliche, zutiefst bewegende Interpretationen.
Zuletzt erklang in Dresden im Januar 2026 unter seiner Leitung die Fünfte Sinfonie von Anton Bruckner.
Getragen von seinem unerschütterlichen Optimismus und der gegenseitigen Liebe und Wertschätzung zwischen Blomstedt und seiner Kapelle wurden bereits Pläne für eine gemeinsame musikalische Zukunft weit über diesen Zeitpunkt hinaus besprochen. Im Februar 2027, im Jahr seines 100. Geburtstags, sollte Blomstedt das traditionelle Gedenkkonzert in Dresden dirigieren.
Nun werden dieses Konzert sowie das 5. Sinfoniekonzert im Januar 2027 unter der Leitung des amtierenden Chefdirigenten Daniele Gatti, bei dem Gustav Mahlers Das Lied von der Erde mit seiner Apotheose im „Abschied“ erklingen wird, seinem Vermächtnis und seinem Vorbild würdigen.
Wer einen Gedanken oder eine Erinnerung an Herbert Blomstedt teilen möchte, ist eingeladen, diese in einem der beiden Kondolenzbücher, die am Bühneneingang der Semperoper und im oberen Rundfoyer zwingerseitig ausliegen, zu hinterlassen.
Herbert Blomstedt hat über viele Jahrzehnte hinweg ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte der Sächsischen Staatskapelle Dresden und in der Musiklandschaft Sachsens mitgeschrieben. Der Klang, den er einst als Dreizehnjähriger niemals verklingen lassen wollte, wurde durch seine künstlerische Haltung und seine menschlichen Werte nicht nur bewahrt, sondern unermesslich bereichert. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten.
Daniele Gatti — Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden
Annekatrin Fojuth — Orchesterdirektorin der Sächsischen Staatskapelle Dresden
Friedwart Dittmann, Constantin Hartwig, Anke Heyn, Zoltán Macsai, Andreas Schreiber — Orchestervorstand der Sächsischen Staatskapelle Dresden