Carmens Liebe ist frei
Eve-Maud Hubeaux im Gespräch

Eve-Maud Hubeaux © Philippe Matsas
Seit gut zehn Jahren singen Sie Carmen. Was bedeutet Ihnen diese Partie?
— Carmen ist DIE Partie für Mezzosopranistinnen – meistens ein Meilenstein in der Karriere. Für mich ist es eine Partie, die ich seit meinem 25. Lebensjahr mit meiner Stimme teile und die mir im Vergleich zu den großen Verdi-Partien, die auch mein Repertoire sind, stimmlich leicht fällt. Die Figur entwickelt sich auch mit meinem Leben als Frau weiter und ich verstehe jeden Tag besser das verzweifelte Streben nach Freiheit, das Carmen bis zum Tod in sich trägt.
Carmen will frei sein, wünscht sich ein selbstbestimmtes Leben. Und nach was für einer Liebe sucht sie?
— Carmen erklärt in der Habanera ihre Sicht der Liebe: „Die Liebe ist ein Kind der Bohème, sie hat nie ein Gesetz gekannt.“ Ihre Lebensregel lautet daher, dass es keine Regeln gibt. In einer stark kodifizierten Gesellschaft (das war zu Bizets Zeit, als er die Carmen komponierte und sie uraufgeführt wurde, der Fall, ist aber auch heute noch so) war dies eine Randansicht, und u.a. deshalb war Carmen bei ihrer Entstehung ein Skandal. Außerdem steht im Mittelpunkt eine „Zigeunerin“, also eine Frau, die bereits am Rande der Gesellschaft steht, in einer Gemeinschaft mit einem geheimnisvollen und kriminellen Ruf. Das Nomadenleben fasziniert übrigens auch in unserer modernen Gesellschaft noch immer. Carmens Liebe ist frei, d.h. außerhalb jeder gesellschaftlichen Norm. Sie strebt daher nicht nach einer festen Bindung oder gar einer langfristigen Beziehung. Sie lebt nach ihren Gefühlen der Leidenschaft und des Begehrens. Wenn man eine eher psychologische Untersuchung anstreben würde, könnte man sich fragen, was sie dazu bringt, jede Beziehung abzubrechen, sobald keine Leidenschaft mehr vorhanden ist. Als ob sie „sterben“ würde, wenn sie nicht mehr „vibriert“.
Am Ende treffen sich Don José und Carmen vor der Arena. Wer ist hier Stier und wer Torero oder ist dies zu einfach?
Ich glaube überhaupt nicht, dass die Beziehung zwischen Carmen und Don José eine Machtbeziehung zwischen einer Dominanten und einem Beherrschten ist. Stattdessen gibt es eindeutig eine sehr starke Beziehung zwischen Eros (Gott der Liebe) und Thanatos (Gott des Todes) in Carmen; ähnlich wie ein Stierkampf, wo das Töten des Stieres eine Beziehung zwischen Liebe und Tod ist: Der Todeskampf des Stieres in der Arena wird vom anfeuernden Publikum geliebt. Carmen hat keinen Eros mehr, während Don José von dieser Energie gefangen ist. Im Gegensatz dazu ist Carmen bereit, Thanatos zu verfallen, und Don José verwandelt seinen Eros allmählich in Thanatos, was er im Duett im vierten Akt bis zum finalen Mord am Ende deutlich macht.
Carmen weiß, dass sie sterben wird, da sie ans Schicksal glaubt – und Sie?
Carmen glaubt absolut an das Schicksal. Sie sagt es Don José im Dialog am Anfang des dritten Aktes und bekräftigt es im darauffolgenden Karten-Trio: „Aber wenn du sterben musst, wenn das gefürchtete Wort vom Schicksal geschrieben wird, dann beginne 20 Mal neu: die unbarmherzige Karte wird wiederholen: der Tod.“
Ich für meinen Teil glaube nicht an die Determination der Existenz, sondern vielmehr daran, dass wir für Stimmen, Spuren und Energien empfänglich sind, die uns Orientierung schenken, meist ohne uns dessen überhaupt bewusst zu sein. Und in einer günstigen politischen Situation, wie es in einer Demokratie der Fall ist, können wir fast alles werden, was wir gerne wären.