Der Planet „Monsalvat“
Chefdirigent Daniele Gatti über Parsifal als ein musikalisches Ritual zwischen Glauben, Stille und menschlicher Erfahrung.

Daniele Gatti © Markenfotografie
Was mich am Parsifal beeindruckt, seit ich das Werk zum ersten Mal vor gut 20 Jahren dirigiert habe, ist die Größe der mystischen Themen, die es zeigt. Diese Mystik auf die Theaterbühne zu bringen, ist die vielleicht schwierigste Aufgabe für Dirigent und Regisseur, denn wir behandeln hier eine der wichtigsten Fragen des menschlichen Lebens: Glaube ich oder glaube ich nicht?
Der gläubige Mensch, der dieses Bühnenweihfestspiel im Theater erlebt, verspürt vielleicht eine Art von Bekräftigung in seinem Glauben. Ein Mensch, der nicht gläubig ist, erlebt dafür vielleicht einfach einen großartigen Theaterabend. Für mich persönlich ist die Erfahrung, die ich mit Parsifal mache, ähnlich der bei einer Passion von Johann Sebastian Bach: Ich beschäftige mich in beiden Fällen mit Werken, die aus heiligen Schriften stammen oder von ihnen inspiriert sind. Wie verhalte ich mich, als Mensch und als Künstler, dazu? Im Falle von Parsifal gibt es da bei mir zunächst einfach diese Überwältigung, wie intensiv und begeistert Wagner sich spirituellen Themen gewidmet hat. Parsifal ist dabei beinahe so etwas wie die Summe all der Auseinandersetzungen in seinen bisherigen Werken. Wagner hat sich entschieden, dieses Monument über den Glauben zu schaffen, und wie ich damit umgehe, ist auch eine Frage, die ich bei jeder Beschäftigung mit diesem Werk neu verhandeln muss.
Ich habe mich mit Parsifal mehrfach zwischen 2008 und 2013 anlässlich verschiedener Produktionen auseinandergesetzt, und es dann einige Jahre nicht dirigiert. Nun komme ich mit einem quasi „frischen Blick“ zurück. Ich bin vollkommen fasziniert davon, die Partitur zu öffnen und mit der Erfahrung, die ich als Mensch in den Jahren seit 2013 gesammelt habe, das Stück neu zu betrachten. Mich berühren dabei viele musikalische Momente, wie das lange Finale des ersten Aufzuges, das Liebesmahl der Gralsgemeinschaft, oder auch die Beerdigung Titurels im dritten Aufzug. Was mich aber gleich in seinen Bann zieht, ist der Anfang, das instrumentale Vorspiel. Ich halte es für unfassbar wichtig für das gesamte Bühnenweihfestspiel. Es ist eines der langsamsten Musikstücke, das jemals geschrieben wurde. Und es gibt sehr viele Pausen, Momente absoluter Stille, in diesem Vorspiel. Man braucht Mut, diese Stille wirklich auszuhalten, die einen zwingt, sich innerlich zu sammeln. Es transportiert uns in eine Welt, die nicht die Realität ist. Man muss sich vorstellen: Man kommt von einem Tag voller Arbeit und alltäglicher Aufgaben in das Theater und hört das Vorspiel. Dann wird man mit dieser Musik wie auf einen anderen Planeten versetzt, den Planeten „Monsalvat“, den Planeten des Grals, könnte man sagen. Dieses Vorspiel ist die Hilfe für das Publikum, aus ihrem normalen Leben herauszutreten. Als Zuhörende erleben wir hier etwas, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Und das Interessante ist, dass die Figur des Parsifal genau wie das Publikum in das ferne, zunächst fremde Reich des Grals transportiert wird. Dort scheint über allem ein Segen – oder in Wagners Worten: „eine Erlösung“ – zu liegen, und trotzdem muss man zunächst das menschliche Leid durchleben.
Parsifal
Richard Wagner
Premiere
22. März 2026
Vorstellungen
25., 31. März & 3., 6. April 2026