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Capriccio

Konversationsstück für Musik in einem Aufzug von Richard Strauss

Aufzeichnung aus der Semperoper Dresden

Eine gemeinsame Produktion der Sächsischen Staatsoper und UNITEL in Zusammenarbeit mit ARTE im Rahmen der »Saison ARTE Opera« und MDR. 

Dank der großzügigen Unterstützung beim Monitoring durch den Gesundheitspartner der Semperoper, dem Medizinischen Labor Ostsachsen, konnte die Produktion unter Berücksichtigung der dafür geltenden Corona-Schutzmaßnahmen weitestgehend unter Normalbedingungen ermöglicht werden.

Mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Semperoper – Förderstiftung

Besetzung und Handlung

Musikalische Leitung Christian Thielemann
Inszenierung Jens-Daniel Herzog
Bühnenbild Mathis Neidhardt
Kostüme Sibylle Gädeke
Licht Fabio Antoci
Chor André Kellinghaus
Choreografie Michael SchmiederRamses Sigl
Dramaturgie Johann Casimir Eule

Besetzung  

Die Gräfin Camilla Nylund
Der Graf, ihr Bruder Christoph Pohl
Flamand, ein Musiker Daniel Behle
Olivier, ein Dichter Nikolay Borchev
La Roche, der Theaterdirektor Georg Zeppenfeld
Die Schauspielerin Clairon Christa Mayer
Monsieur Taupe Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
Eine italienische Sängerin Tuuli Takala
Ein italienischer Tenor Beomjin Kim
Der Haushofmeister Torben Jürgens
Acht Diener Frank Blümel*, Friedrich Darge*, Alexander Födisch*, Torsten Schäpan*, Norbert Klesse*, Thomas Müller*, Juan Carlos Navarro*, Jörg Reißmann*
Drei Musiker Jörg Faßmann (Violine), Tom Höhnerbach (Violoncello), Jobst Schneiderat (Cembalo)
Eine Tänzerin Malwina Stepien
Tanzensemble Juliane Bauer, Iryna Midzyanovska, Mascha Schellong; Eugen Boos, Björn Helget, Arthur Troitsky, Frederick Zabel
Die alte Gräfin Jana Mesgarha

Sächsische Staatskapelle Dresden
*Herren des Sächsischen Staatsopernchores Dresden
Herren der Komparserie

Handlung  

»Capriccio«, als Konversationsstück mit Musik untertitelt und 1942 in München uraufgeführt, wurde zur Summe von Richard Strauss’ kompositorischem Schaffen, seinem Abschied von der Oper und zeigt sein (ambivalentes) Beharren auf der Autonomie der Kunst in Zeiten des Weltkrieges: In einem Rokokoschloss bei Paris verhandeln der Dichter Olivier, der Komponist Flamant und die Gräfin Madeleine nicht nur ihr erotisches Verhältnis zueinander, sondern gleich die – operngeschichtlich fundamentale – Frage, was wichtiger sei für die Oper: die Musik oder das Wort? Prima la musica, poi le parole? Was Richard Strauss dazu eingefallen ist, ist vom Feinsten und von übergroßem Beziehungsreichtum. Angefangen mit dem wunderbaren Streich-Sextett zu Beginn der Oper, über das dahinperlende Parlando, den scheinbar schwerelosen Gesprächston, Fuge, Sonett und Oktett bis hin zum poetischen Mondscheinstück und dem sentimental-ironischen Finale. Wie fragt die unentschiedene Gräfin zum Ende ihr Spiegelbild? »Kannst du mir helfen, den Schluss zu finden für ihre Oper? Gibt es einen, der nicht trivial ist?«

Anlässlich der Vorbereitungen ihrer Geburtstagsfestlichkeiten hat die junge, verwitwete Gräfin Madeleine Flamand, einen Komponisten, und Olivier, einen Dichter, in ihr Schloss in der Nähe von Paris geladen. Beide beobachten, wie die Gastgeberin hingebungsvoll einem Streichsextett lauscht, das Flamand für sie komponiert hat. Musiker und Dichter lieben Madeleine und ereifern sich über die Frage, ob Wort oder Musik den Vorrang habe: »Prima le parole, dopo la musica oder Prima la musica, dopo le parole«. Theaterdirektor La Roche, der während des Konzerts geschlafen hat, hält nichts von solchen Auseinandersetzungen. Er ist auf dem Schloss, um ein Schauspiel von Olivier für die Festlichkeiten in Szene zu setzen. Madeleine tritt, begleitet von ihrem Bruder – dem Grafen –, dazu: Auch sie weiß nicht, welcher Muse sie den Vorzug geben, ob sie sich für Flamand oder Olivier entscheiden soll … Der Graf hat es da leichter, er liebt Clairon, eine berühmte Schauspielerin, die an diesem Tag zur Probe erwartet wird. Clairon trifft ein. Sie und der Graf wetteifern im wechselseitigen Rezitieren eines Sonetts aus Oliviers neuem Schauspiel. Flamand fühlt sich durch die Worte zum Komponieren inspiriert und enteilt, während Olivier die Gelegenheit nutzt, um der Gräfin (vergebens) eine Liebeserklärung zu machen. Flamand kehrt zurück und trägt Oliviers vertontes Sonett vor. Madelaine ist begeistert und nimmt es als Geschenk beider an. Olivier besucht die Einstudierung seines Stückes durch La Roche. Nun erklärt Flamand seinerseits Madeleine seine Liebe – und wird zu einem Rendezvous am nächsten Tag um elf Uhr in die Bibliothek bestellt. Nachdem sich alle wieder im Salon versammelt haben, präsentiert La Roche eine junge Tänzerin sowie ein italienisches Sängerpaar dem erlesenen Kreis. Die Diskussion um die Vorherrschaft der Künste flammt wieder auf: mit großer Emphase plädiert La Roche dafür, dass sich alle Künste auf der Bühne der Inszenierung unterzuordnen haben; außerdem fehle es an Werken, die echte und wahre Menschen darstellen. Der Graf macht zur Überraschung aller den Vorschlag: »Schildert euch selbst! Die Ereignisse des heutigen Tages – was wir alle erlebt –.« Flamand und Olivier erhalten den Auftrag, eine entsprechende Oper zu verfassen. Die Künstler sind begeistert und brechen zur Heimreise nach Paris auf, der Graf begleitet Clairon und Madeleine bleibt allein zurück. Als der Haushofmeister meldet, dass Olivier am folgenden Tag um elf in der Bibliothek auf sie warte, fällt ihr ein, Flamand um dieselbe Zeit dorthin bestellt zu haben; für wen soll sie sich entscheiden? »Wählt man einen, verliert man den anderen.«

Making-of (1/4)

Werkeinführung

Es ist der alte Streitfall der Musikgeschichte, den Richard Strauss in seiner letzten Oper »Capriccio« von 1942 verhandelt: Wort oder Musik? Wem gebührt der Vorrang in der Oper? Und was hat das Ganze mit der Frage zu tun, wem die Gräfin Madeleine ihre Liebe schenkt? Diesen und anderen Fragen spürt Dramaturg Johann Casimir Eule in der Werkeinführung nach und umreißt das weite Themen- und Assoziationsfeld mit dem sich der Komponist von der Welt der Oper verabschiedet hat – und auf welche Zeitreise die Neuinszenierung von Jens-Daniel Herzog den Zuschauer mitnimmt.

»Es muss alles sprudeln wie Champagner«

Pausengespräch mit KS Christa Mayer und KS Georg Zeppenfeld zu Richard Strauss’ »Capriccio«

Als Sängerdarsteller*innen standen sie bereits häufig gemeinsam auf der Bühne, Christa Mayer und Georg Zeppenfeld. Diesmal treffen sie als Schauspielerin Clairon und Theaterdirektor La Roche im mondänen Salon der Gräfin Madeleine in der Neuproduktion von Richard Strauss’ letzter Oper »Capriccio« aufeinander.

Im Pausengespräch mit Johann Casimir Eule geht es, wie bei Richard Strauss auch, um die Frage nach der Bedeutung von Wort und Ton im Theater, aber auch um jene nach der Bedeutung der Kunst zur Zeit der Uraufführung und heute; darum, was gute zeitgenössische Oper ausmacht, um Abhängigkeiten und Machtgefüge in der Welt des Theaters – und ob ein Leben ohne Kunst sinnvoll sein kann.

Das Gespräch fand am 26. April 2021 statt.

Bildergalerie (1/14)

»Holà! Ihr Streiter in Apoll«

Semper:Donnerstag mit der Ansprache des La Roche aus »Capriccio«

La Roche KS Georg Zeppenfeld
Klavier Johannes Wulff-Woesten

Als Richard Strauss an seiner letzten Oper »Capriccio« saß, schwebte ihm eine rokoko-haft leichte musikdramatische Summe seines Schaffens und seiner Auseinandersetzung mit dem Genre Oper vor. Heraus kam ein Werk, dass die klassischen Formen der Gattung im parlando-haften Konversationsstil endgültig überwand und ausgesprochen beziehungsreich mit zahlreichen Referenzen an die Welt des Theaters, die Oper und die Eigenheiten seiner Schöpfer spielt.

Einer der Protagonisten ist der erfolgreiche Theaterdirektor La Roche: Er ist geladen, um zum Geburtstag der Gräfin Madeleine ein Theaterspektakel zu inszenieren und gerät mit den Vertretern der jüngeren Generation – dem Komponisten Flamand und dem Dichter Olivier – darüber in Streit. In seiner Ansprache »Holà! Ihr Streiter in Apoll« entwickelt er seine Vision eines wahrhaftigen wie lebens- und kraftvollen Theaters – und teilt uns auch gleich noch die Inschrift, die einst auf seinem Grabstein stehen werde, mit. Was hat sich Richard Strauss von seinem Librettisten gewünscht? »Verstandestheater, Kopfgrütze, trockener Witz!«

Auszug aus dem Libretto zu »Capriccio«, verfasst von Clemens Kraus und Richard Strauss  

Direktor: 
Holà! Ihr Streiter in Apoll! Ihr verhöhnt und beschimpft mein festliches Theater?! Was gibt euch ein Recht, so überlieblich zu sprechen und mich zu schmähn, den wissenden Fachmann?! Euch, die ihr noch nichts für das Theater geleistet?! (zu Olivier) Deine Verse in Ehren, - wenn Clairon sie spricht! Aber die magere Handlung deiner Dramen - ihr dramatischer Aufbau? - Sehr bedürftig meiner szenischen Hilfe! (zu Flamand) Deine kleinen Ensembles für Streichinstrumente: - graziöse Kammermusik! Sie entzückt den Salon. Die heutige habe ich leider verschlafen. Elegische Romanzen kannst du wohl singen, aber Musik der Leidenschaften, wie die Bühne sie fordert, sie ist dir bisher noch nicht gelungen! - Nein, nein, euer Veto macht mich nicht erzittern! Was wisst ihr Knaben von meinen Sorgen? Seht hin auf die niederen Possen, an denen unsere Hauptstadt sich ergötzt. Die Grimasse ist ihr Wahrzeichen - die Parodie ihr Element - ihr Inhalt sittenlose Frechheit! Tölpisch und rüde sind ihre Späße! Die Masken zwar sind gefallen, doch Fratzen seht ihr statt Menschenantlitze! Ihr verachtet dies Treiben, und doch, ihr duldet es! Ihr macht euch schuldig durch euer Schweigen. Nicht gegen mich richtet eure Phalanx! Ich diene den ewigen Gesetzen des Theaters. Ich bewahre das Gute, das wir besitzen, die Kunst unsrer Väter halte ich hoch. Voll Pietät hüte ich das Alte, harre geduldig des fruchtbaren Neuen, erwarte die genialischen Werke unserer Zeit! Wo sind die Werke, die zum Herzen des Volkes sprechen, die seine Seele widerspiegeln? Wo sind Sie? - Ich kann sie nichtfinden, so sehr ich auch suche. Nur blasse Ästheten blicken mich an: sie verspotten das Alte und schaffen nichts Neues! In ihren Dramen stolzieren papierne Helden, zücken die Schwerter und schwingen Tiraden, die wir längst schon kennen. In der Oper das gleiche: Greise Priester und griechische Könige aus grauer Vorzeit, Druiden, Propheten schreiten gleich Scheinen aus den Kulissen. - Ich will meine Bühne mit Menschen bevölkern! Mit Menschen, die uns gleichen, die unsere Sprache sprechen! Ihre Leiden sollen uns rühren und ihre Freuden uns tief bewegen! Auf! Erhebt euch und schafft die Werke, die ich suche! Kraftvoll führ auf meiner Bühne ich sie zum stolzen Erfolg. Schärft euren Witz, gebt dem Theater neue Gesetze -neuen Inhalt!! Wo nicht - so lasst mich in Frieden mit eurer Kritik. Heute im Zenith meiner ruhmreichen Lauf bahn darf ich es wagen, von mir zu sprechen, - von mir, dem Entdecker großer Talente - dem weisen Erzieher, dem Inspirator! Ohne meinesgleichen, wo wäre das Theater? Ohne meinen kühnen Wagemut und schließlich - ohne meine hilfreiche Hand? Ein Vorschuss im richtigen Augenblick kann aus tiefster Depression erheben und die entschwundene Tatkraft wieder erwecken. Ein Beispiel für viele: der berühmte Lekain, einst ein lebensmüder Statist, heute ein Führer des »Palais Royal«, ist mein Werk, ging durch mich seinen Weg. Gebt euch geschlagen, ihr Schwärmer, ihr Träumer! Achtet die Würde meiner Bühne! Meine Ziele sind lauter, unauslöschlich meine Verdienste! Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte! »Sicitur ad astra!« Auf meinem Grabstein werdet Ihr die Inschrift lesen: »Hier ruht La Roche, der unvergessliche, der unsterbliche Theaterdirektor. Der Freund der heitren Muse, der Förderer der ernsten Kunst. Der Bühne ein Vater, den Künstlern ein Schutzgeist. Die Götter haben ihn geliebt, die Menschen haben ihn bewundert! « - Amen. 

Stürmischer Applaus

»Prima la musica!«

Semper:Donnerstag mit dem Streichsextett aus »Capriccio«

Musiker*innen der Sächsischen Staatskapelle Dresden:
Violine Thomas Meining, Barbara Meining
Viola Andreas Schreiber, Stephan Pätzold
Violoncello Martin Jungnickel, Friedwart Christian Dittmann

Richard Strauss Streichsextett aus »Capriccio« op. 85

Wort oder Musik – was hat in der Oper Vorrang? In Richard Strauss’ letzter Oper »Capriccio« stellt sich diese Frage in ganz konkreter Weise: Sowohl der Dichter Olivier als auch der Komponist Flamand buhlen, jeder mit den Mitteln seiner Kunst, um die Gunst der Gräfin Madeleine. Das bekannte Streichsextett, mit dem die Oper beginnt, entpuppt sich schnell als eine Komposition des jungen Flamand, mit der er das Herz der Gräfin gewinnen will – ein Musik gewordener Verführungsversuch im fließenden Stil des späten Strauss. 

Nur eine Caprice?

Folgt man der »Encyklopädie Musik-Wissenschaft« von 1840, dann bedeutet »Capriccio, Caprice (Laune, Grille) eine freie Fantasie, ein launenhaftes, willkürlich scheinendes Kunstwerk, in welchem der Komponist, was Plan, Ausführung und Gedankenfolge anlangt, sich mehr seiner Laune als der strengen Ordnung und Form einer bestimmten Gattung überlässt: ‚Je wunderlicher und außerordentlicher es ist, desto mehr verdient es seinen Namen.‘« Und tatsächlich mutet »Capriccio« nicht nur, aber vor allem auch auf Grund der Zeit-Umstände seines Entstehens zumindest wunderlich an …

Denn die Jahre von 1934 bis zur Uraufführung waren in Europa bekanntlich eine Zeit fortschreitender Kriegsereignisse und politischer Radikalisierungen. Und am 28. Oktober 1942 kam mit »Capriccio« am Nationaltheater in München unter der Schirmherrschaft von Reichsminister Dr. Joseph Goebbels ein Werk zur Uraufführung, dessen Inhalt und Ästhetik in krassestem Widerspruch zu den Brutalitäten des Zeitgeschehens und zur Ausweglosigkeit millionenfacher Lebenswege stehen. Der Ort der Handlung liegt bei Paris im Jahre 1775. Wir befinden uns in der Hochblüte des Rokoko, als in der Metropole mit Leidenschaft zwischen den Anhängern Christoph Willibald Glucks oder jenen von Niccolo Piccinni über die Oper gestritten wird – und nur wenige Jahre vor den Europa schockierenden Jahren des Terreur der französischen Revolution, vor Massenmorden und Verfolgung und dem Zerfall all dessen, was man im Ancien Régime als »Kultur« zu bezeichnen pflegte. Auf die Frage, ob diese zeitliche Platzierung der Handlung Zufall gewesen sei, antwortete Rudolf Hartmann, der Regisseur der Uraufführung (wie der Dresdner Erstaufführung im Januar 1944): »Nein, Zufall nicht – denn die vielen Gespräche waren oft genug überschattet durch die deprimierende Wirkung der immer stärker fühlbaren Erschwerung des Theaterbetriebs, vor allem aber durch die offen zutage tretende Gleichgültigkeit der Machthaber allen kulturellen Dingen gegenüber, die sich zu bösartiger Feindseligkeit entwickelte.« So gesehen, kann die scheinbar heitere und schwerelose Caprice des damals 78-jährigen Richard Strauss als ein zeitgeschichtliches Dokument ästhetischer Opposition oder zumindest doch als Verweigerung gelesen werden. 

»Frau Gräfin, das Souper ist serviert.«

In einem Schloss bei Paris laufen währenddessen die Vorbereitungen für den Geburtstag der kunstsinnigen Gräfin Madeleine. Der Bruder der Gräfin, selbst Liebhaber des Schauspiels – und ihrer Protagonistinnen –, hat den erfahrenen Theaterdirektor La Roche sowie den Dichter Olivier und den Komponisten Flamand auf das Schloss gebeten. Und gleich zu Beginn der Oper beobachten die beiden in die Gräfin verliebten Künstler, wie sie einem von Flamand komponierten Streichsextett hingegossen lauscht … Olivier wiederum hat für die Gräfin ein Drama gedichtet, aus dem der Graf und die ebenfalls angereiste Schauspielerin Clairon eine Szene deklamieren, die in einem Sonett des Pléiade-Dichters Pierre de Ronsard gipfelt. Dieses Sonett rezitiert der Autor Olivier als Liebeshuldigung für die Gräfin, während Flamand es am Spinett in Musik setzt und damit gleichfalls um Madeleine wirbt. Damit ist der Grundkonflikt der inneren Handlung geprägt: Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wort und Musik.

Aus dem Diskurs entsteht schließlich die Idee, dass Flamand und Olivier eine Oper verfassen sollen: »Schildert euch selbst! Die Ereignisse des heutigen Tages – was wir alle erlebt.« Die beiden sind begeistert, verknüpfen aber mit ihrer Arbeit an Dichtung und Komposition eine Entscheidung – und damit Liebeswahl – Madeleines. Diese entzieht sich dem Urteil: »Ihre Liebe schlägt mir entgegen, zart gewoben aus Versen und Klängen. Soll ich dieses Gewebe zerreißen? Bin ich nicht selbst in ihm schon verschlungen? Entscheiden für einen? … (zu ihrem Spiegelbild) … Du Spiegelbild der verliebten Madeleine, kannst du mir raten, kannst du mir helfen den Schluss zu finden für ihre Oper? Gibt es einen, der nicht trivial ist?« Mit dem Schlussmonolog der nach Schönheit und Liebe dürstenden Gräfin Madeleine hat Richard Strauss gleichsam seinen Abschied formuliert. An Clemens Krauss schrieb er: »Ist nicht dieses Des-Dur der beste Abschluss meines theatralischen Lebens-Werkes?« Und die Frage nach dem rechten Schluss der Oper beantwortet er in seltener Lakonie mit dem Auftritt des Haushofmeisters selbst: »Frau Gräfin, das Souper ist serviert.« 

»Verstandestheater, Kopfgrütze, trockener Witz!«

Den Hinweis auf den Stoff verdankte Richard Straus noch Stefan Zweig, der 1934 auf das Libretto »Prima, la musica, poi le parole« – »Zuerst die Musik, dann die Worte« – von Giambattista Casti gestoßen war. Strauss ahnte, dass hinter dem Titel mehr als eine flache Parodie auf den Theateralltag steckte: die für die Herausbildung der Oper in der Florentiner »Camerata« entscheidende und bereits von Monteverdi diskutierte Frage nach der Vorherrschaft von Sprache oder Musik in der Wort-Vertonung. Stefan Zweig formulierte zwar eine Skizze, delegierte ihre Ausarbeitung aber an Joseph Gregor: zur Enttäuschung des Komponisten, der daraufhin jenen Brief schrieb, der von der Gestapo abgefangen wurde und zum Verbot von »Die schweigsame Frau« führen sollte. Strauss beauftragte – nach eigenen Vorarbeiten – Clemens Krauss, das Libretto zu schreiben. Seine Vorgabe war dabei eindeutig: »Keine Lyrik, keine Poesie, keine Gefühlsduselei: Verstandestheater, Kopfgrütze, trockener Witz!« 

»Eine neue Dimension des Schwebezustands«

Musikalisch ist Richard Strauss mit »Capriccio« in retrospektiver Weise eine Verschmelzung jener großen Vorbilder gelungen, die er zeitlebens verehrte: Wolfgang Amadeus Mozart und Richard Wagner. In sublimierter Meisterschaft schuf er mit dem »Konversationsstück für Musik« dabei noch einmal ein neuartiges Werk, das in der glückhaften Verbindung von Text und Musik von einem überaus durchsichtigen Parlando und Konversationsstil geprägt ist. Eingeflochten hierein sind die unterschiedlichsten geschlossenen Formen – das klangprächtige Streichsextett gleich zu Beginn oder das Sonett, dessen Kantilene in dem sich anschließenden Terzett eine hymnusartige Steigerung erfährt und in der Schlussszene der Gräfin wiederkehrt. Die satztechnische Meisterschaft des Komponisten offenbaren schließlich die großen Ensemblesätze wie das Lach- und Streit-Oktett oder die als große Fuge komponierte Diskussion über das Leitthema Wort oder Ton …

»Capriccio«, das ist musikalischer Hochgenuss, Lakonie, Witz, Reflexion, Weltflucht; eine Oper über die Unmöglichkeit der Oper, und die Überwindung der Oper mit ihren eigenen Mitteln. Der Musikwissenschaftler Stefan Kunze hat es so formuliert: »Die delikate Mischung von Ironie, rückblickender und vorausblickender Resignation, von Wehmut und Einsicht, von emotionaler Anteilnahme und Distanzierung ergibt eine neue Dimension des Schwebezustands, die nicht zuletzt deshalb gefangen nimmt, weil sie mit konventioneller, trivialer Dramaturgie, mit dem Pathos der Oper oder des Musikdramas nichts mehr zu schaffen hat«. 

Johann Casimir Eule