Parsifal bleibt ein Rätsel

Daniele Gatti über Verdi, Wagner, Revolutionäre und Erlösung

Franz Werfel bringt in Verdi. Roman der Oper zwei der erfolgreichsten Komponisten des 19. Jahrhunderts zusammen: Während des Karnevals in Venedig 1883 trifft Giuseppe Verdi auf Richard Wagner. Sie sehen sich zwar oft, sprechen aber nie miteinander. Und trotzdem hätten die sich doch so viel zu sagen? 
— Ein grandioser Roman! Denn das Ringen von Giuseppe Verdi, ob er nun Richard Wagner treffen soll oder nicht, baut eine unheimliche Spannung in dieser Geschichte auf. Und als er sich dann doch dazu entschließt, seinen Komponistenkollegen zu treffen, ist dieser in der Nacht zuvor verstorben. Wagner und Verdi – dazu kommt mir eine wirklich witzige Geschichte in den Sinn, die in Italien passiert ist, ich glaube, in den 1960ern. Am Teatro Regio von Parma sah sich das Publikum als absolute Verdi-Expert*innen, und es fand eine Vorstellung von Wagners Tristan und Isolde statt. Der zweite Aufzug kam: „Ich, Isolde! Du, Tristan!“, und so weiter: eine Stunde Duett! Da rief eine Stimme aus dem Balkon: „Wagner, beeil dich! Verdi hätte in dieser Zeit eine Melodie geschrieben, die jetzt schon alle gesummt hätten.“ In Wagners Musik ist der Zeitfaktor ein anderer, als bei Verdi. Während Verdi viel über die Sprache zuspitzt, sind bei Wagner die Entwicklungen sinfonisch angelegt. Zurück zur Frage: Ich glaube, dass sich die beiden viel zu sagen gehabt hätten, obschon beide eine ganz unterschiedliche musikalische Ästhetik vertreten haben. Dabei geht es nicht um die Frage, ob Wagners oder Verdis Theaterverständnis interessanter ist, sondern es geht darum, dass bei beiden der Mensch im Mittelpunkt steht. Die Konflikte sind gleichgeblieben, egal ob in Ägypten, in der Nibelungen-Sage oder zur Zeit von Wolfram von Eschenbach. Natürlich hat sich vieles geändert: Wir haben bessere Kleidung, andere technologische Möglichkeiten, eine andere Mobilität. Aber in unserer Seele bleiben wir Menschen wie unsere Vorfahren vor tausenden Jahren.

In der Spielzeit 2025/26 dirigieren Sie die Eröffnungspremiere Falstaff und später einen neuen Parsifal. Sowohl von Verdi als auch von Wagner ist es die letzte Oper. Welche Gemeinsamkeiten gibt es für Sie?
— Es geht um Abschied. Beide Meisterwerke ziehen musikalisch Bilanz gegen Ende eines langen, schöpferischen Lebens. Während Parsifal uns in eine andere Welt bringt, quasi wie ein Fahrstuhl in die Unendlichkeit, steht bei Falstaff die Komik im Mittelpunkt: „Tutto nel mondo è burla!“ („Alles ist Spaß auf Erden!“). Übrigens besteht auch eine Verbindung zwischen Falstaff und Hans Sachs aus Die Meistersinger von Nürnberg, unter anderem spielt in beiden Opern die Fuge eine zentrale Rolle. Sowohl Falstaff als auch Hans Sachs sind Revolutionäre, sie verändern die Tradition, die Menschen und dadurch auch die Gemeinschaft – und dann sind wir übrigens auch sehr nahe beim Ende von Parsifal. Diese Verbindungen sind frappant, … sie hätten durchaus Gesprächsstoff für einen zweiten Espresso gehabt. (lacht)

Verdis Falstaff versucht uns mit Humor zu erlösen. Worum geht es Wagner bei seinem zentralen künstlerischen Lebensthema der Erlösung?
— Richard Wagner beschäftigte sich schon beim Lohengrin, den er noch in seiner Dresdner Zeit geschrieben hat, mit dem Parsifal-Stoff; denn Parsifal ist ja dessen Vater. Die Frage nach dem Erlösungsgedanken
kann ich nicht kurz und knappbeantworten. Unsere Welt ist leider von egoistischen Prinzipen befallen. Wir leben definitiv nicht im Paradies auf Erden. Wir haben verlernt, aufeinander zuzugehen und einander zuzuhören. Uns mit dem Gegenüber zu beschäftigen, ist die Essenz des Evangeliums. Die Verbindungen zwischen dem Neuen Testament und Parsifal sind nicht zu übersehen – beispielsweise wäscht Kundry Parsifal die Füße und trocknet sie mit ihren Haaren, so wie Maria Magdalena bei Christus. Parsifal wird als der „Erlöser“ beschrieben, als ein Auserwählter stilisiert. Doch was für eine neue Gemeinschaft schafft er, wie konnte die Wunde überwunden werden, wer sagt, dass nicht schon die nächste brennt? Es bleibt ein Rätsel, und es wird klar, dass am Ende von Parsifal wahrscheinlich deutlich mehr unbeantwortete Fragen im Raum stehen als bei Falstaff.

In Italien gibt es eine große Verehrung für die Werke Richard Wagners. Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für die Wagner-Begeisterung in Ihrem Heimatland?
— Wir erkennen in Italien einfach an, dass Wagner ein Genie ist, und große Kunst ist große Kunst. (lacht) Und Italien war für Wagner ja ein Sehnsuchtsort, er kam nach Venedig und Sizilien. Dass Wagner in Italien so populär ist, hat auch sehr mit Dirigenten wie Arturo Toscanini zu tun, der die Musikdramen an der Scala oft auf den Spielplan gesetzt hat. Oder Angelo Mariani, der die erste italienische Lohengrin-Aufführung in Bologna 1871 dirigiert hat. Das Repertoire hat sich somit verankert und ist immer wieder neu durch Generationen von Dirigenten interpretiert worden. Das hält die Werke lebendig. Auch wenn das nicht nur spezifisch für die Wagner-Rezeption in Italien gilt, sondern sicherlich für jede Komposition überall. 

Ich las neulich wieder über Gustav Mahlers Anfänge als Dirigent, seine Posten in Hamburg, Kassel, Prag. Als er anfing zu proben, hieß es immer: „Seine Tempi sind falsch und komisch, er versteht die Tradition dieser und jener Musik nicht.“ Aber er war nun mal einfach kein Traditionalist. Denn was heißt das denn? Tradition bedeutet, einfach irgendwas zu wiederholen, ohne Liebe und ohne Nachdenken. Er stellte sich immer gegen die Leute, die ihm sagen wollten: „Du musst das so und so machen.“ Aber es gibt eben nicht nur eine richtige Weise der Interpretation.

Wie würden Sie die Musik von Richard Wagner in seinen späten Jahren beschreiben, in denen er sich dem Parsifal zuwandte?
— Wagners Musik gibt mir unfassbar viel Energie, es fühlt sich an, als würde ich Vitamin C oder Vitamin D tanken. Ich kann eine fünfstündige Aufführung der Meistersinger am Abend dirigieren und am nächsten
Morgen um 10 Uhr bei der Probe sein, ohne mich müde zu fühlen. Ich bin einfach so voller Energie danach. Wenn wir die letzten drei Opern – Tristan und Isolde, Die Meistersinger von Nürnberg und Parsifal – nehmen und ein bisschen simplifizieren, kann man folgendes sagen: Tristan ist ein Fest der Chromatik, die Meistersinger sind diatonisch und Parsifal spielt sich in modalen Tönen ab. In Parsifal ist die Chromatik im zweiten Aufzug, in Klingsors trügerischem Zauberreich, verortet. Aber wir gehen in der Welt der Gralsritter so weit zurück in der Zeit, zu den Anfängen, da passen eben nur die modalen Tonarten, die ja auch als „Kirchentonarten“ bezeichnet werden. Für die Schlichtheit des ersten und des dritten Aufzuges braucht er die Chromatik nicht. Es ist ein bisschen wie bei der Freskenserie über den Heiligen Franziskus von Giotto di Bondone: Es geht nur um das Essenzielle. Ein Bild des Göttlichen, ohne jegliche Sentimentalität.