Trailer »Káťa Kabanová« vom Nationaltheater Prag

Hörprobe

Hörprobe

Klangschätze aus der Geschichte der Semperoper

»Káťa Kabanová« wurde am 14. August 1949 im Großen Haus der Staatstheater in der Regie von Heinz Arnold und unter der musikalischen Leitung von Ernst Richter zur Dresdner Erstaufführung gebracht. Lediglich ein Tag nach dieser Premiere wurde das Werk im Steinsaal des Hygiene-Museums Dresden mit spartanischer Vorkriegstechnik und »Wehrmachts-Tonschreibern« auf Tonband aufgenommen. Die Sopranistin Elfriede Trötschel, die an der Staatsoper in Dresden von 1934 bis 1950 in zahlreichen lyrischen, später jugendlich-dramatischen Partien das Dresdner Publikum berührte, wurde dabei immer wieder als »die« ideale Káťa bezeichnet.

Leider ging das originale Tonmaterial im Dresdner Funkhausarchiv verloren, weil die Inhalte für neue Aufnahmeprojekte gelöscht wurden. Die hier hörbare Aufnahme entstammt allerdings einer Tonbandkopie aus dem Berliner Funkhaus. Dort wurde das einst in Dresden aufgenommene Werk zur besseren Verständlichkeit zusätzlich durch Sprecher*innen gelesen und diese kurzen Textpassagen den jeweiligen Opernbildern vorangestellt.

Grundsätzlich hatte es das Werk schwer im traditionsbeladenen und Strauss-verwöhnten Dresden der Nachkriegszeit. Noch dazu waren Lebensmittel rationiert. Die Menschen hungerten und frierten. Wer ins Theater wollte, musste zusätzlich zum Eintrittsgeld ein Brikett mitbringen.

Elfriede Trötschel als Káťa, Arie aus dem 2. Akt »Bete! Bete nur! Und das Unglück packt dich doch« (»Vida! Neštěstí«) Aufnahme im Steinsaal des Hygienemuseum Dresden durch den Mitteldeutschen Rundfunk, Dirigat von Ernst Richter, Edition Staatskapelle Dresden. Vol. 16, »Káťa Kabanová«

Über Janáček

»Janáček und die Quellen seiner Inspiration«

Darf man als Komponist die Identität seiner Muse preisgeben, so wie es in den bildenden Künsten üblich ist? 1928 stellt Leoš Janáček diese Frage in einem Brief an seinen Freund, Max Brod, der unter anderem auch das Libretto von »Káťa Kabanová« ins Deutsche übersetzte. Ein besonderes Geheimnis hat der Komponist jedoch nicht um seine eigene außereheliche Beziehung gemacht. »Intime Briefe«, der Titel des im selben Jahr komponierten Streichquartetts Nr. 2, beschreibt die Art und Weise der Verbindung zur knapp 40 Jahre jüngeren Kamila Stösslová.

Seit ihrer ersten Begegnung 1917 schrieb Janáček knapp 700 Mal an sie. Nachdem sie sich auf einer Wiese im tschechischen Kurort Luhačovice kennengelernt hatten, wird Kamila in den folgenden 11 Jahren zur fernen Geliebten, intimen Freundin und Inspirationsquelle des Komponisten. Wenngleich diese Verbindung mehr eine Vorstellung blieb, denn in der Realität erhielt Janáček selten eine Antwort auf seine Schriften. Beide waren zu dieser Zeit verheiratet.

Für den Komponisten kann dieses gesellschaftliche und moralische Hindernis als ein Anreiz verstanden werden, das 1859 uraufgeführte russische Drama »Gewitter« von Aleksandr Ostrowskij in seiner Oper »Káťa Kabanová« zu verarbeiten. »Gewitter« war im März 1919 in der tschechischen Übersetzung von Vincenc Červinka am Theater in Brünn aufgeführt worden.

Thematisch eng an die Vorlage gebunden, fokussiert sich Janáček auf das Schicksal der darin unglücklich liebenden Protagonistin, Káťa, die schließlich Ehebruch begeht und sich, getrieben von Schuld und Sühne im engen Korsett ihrer familiären Situation, im Fluss ertränkt. Dramatische Nebenfiguren und Handlungsstränge der Vorlage ausblendend, schält der Komponist das Begehren zwischen Káťa und ihrem Geliebten, Boris, heraus. Wobei die Ausarbeitung von Káťas Gefühlswelt eine Sonderstellung erhält, wie bereits der Titel der Oper verrät. Ihr kommt auch musikalisch die am stärksten vertretene und divers anklingende Motivik zu.

Die fiktive dramatische Vorlage verbindet Janáček hier in der Musik mit seinen eigenen Erfahrungen. 1922 bemerkt er in einem Brief an Kamila Stösslová: »Es war Dein Bild, das ich in ›Káťa Kabanová‹ sah, als ich die Oper komponierte.« Káťa ist dabei nicht die einzige Figur mit autobiographisch versehenen Zügen: Auch Zefka aus dem Liederzyklus »Tagebuch eines Verschollen« (1921) und Emilia Marty aus der Oper »Die Sache Makropulos« (1926) waren durch Kamila Stösslová beeinflusst. Damit wird sie zu einer bedeutsamen Inspirationsquelle in der späten Schaffensperiode des Komponisten.

Zudem hat besonders russische Literatur den tschechischen Komponisten mehrfach zu Werken inspiriert: »Pohádka« für Violoncello und Klavier nach dem Märchen vom Zaren Berendej des romantischen Dichters Wasilij Shukowskij; die »Slawische Rhapsodie« Taras Bulba (1915/16) nach Nikolaj Gogols gleichnamiger historischer Erzählung, die vom Krieg der ukrainischen Kosaken gegen Polen im 17. Jahrhundert handelt. In den 1880er Jahren lernte Janáček die russische Sprache, war Initiator einer russischen Gesellschaft in Brünn und ganz allgemein, wie sein Biograph, Michael Füting bemerkt, begeisterter Panslawist. Es kann also durchaus davon ausgegangen werden, dass Janáček Ostrowskijs Drama in originaler russischer Sprache gelesen hatte.

Unwetterartige Gefühlslagen

Der russische Titel von Aleksandr Ostrowskijs »Gewitter«, nämlich »Grosa«, meint zusätzlich zur Beschreibung des Wetterphänomens auch »Sturm, Schrecken, Katastrophe«. Diese Bedeutung unterstreicht die Konflikthaftigkeit, die in Ostrowskijs Drama zum Ausdruck kommt. Harsch kritisiert dieser das russische Gesellschaftsmilieu der Kaufleute, das sich durch Traditionalität und Reaktionarität in patriarchalen Strukturen auszeichnet. Dies sind die maßgeblichen Wegbereiter für Káťas Suizid. So schlägt sich das Gewitter als beliebtes Motiv der Operngeschichte in »Káťa Kabanová« metaphorisch zweifach nieder: Einerseits begleitet es die Figur der Katá über ihre spannungsvolle innere Unruhe hin zum Ausbruch, der Darlegung ihrer echten Gefühle für Boris, und steht in diesem Sinne für eine Art innere »Reinigung«. Mit dieser psychischen Lage verknüpft sind die gesellschaftlichen Vorgänge, die andererseits die gewittrige Atmosphäre heraufbeschwören. Mit einem Donnergrollen wird hiermit also auch mit alten verkrusteten Strukturen abgerechnet.

Der erfolgreiche spanische Opern- und Schauspielregisseur, Calixto Bieito, arbeitet in seiner »Káťa Kabanová«-Inszenierung an der Semperoper mit reduktionistischen Mitteln: Graue betonartige Wände umschließen die Figuren, die sich oft nicht gegenseitig, dafür umso mehr den Zuschauenden fest in die Augen schauen. Kälte, Eintönigkeit und klaustrophobische Zustände vermittelt der kärglich gestaltete Raum, der sich aller Zeit zu entheben scheint. Hiermit konzentriert sich Bieito vor allem auf die Übertragung des Gefühls der Rahmenbedingungen, die für die Tragik der Handlung sorgen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Bezug zum Gewitter und weiter gefasst zum Wasser allgemein, das zur selben Zeit reinigend wie lebensbedrohlich sein kann. Durch das nahezu kafkaesk anmutende Raumkonzept, gewinnt die Repräsentation der Paarbeziehungen kontrastreich an Intensität.

Von Julia Münte