Interview

Volksoper, Musical oder Opera seria?

Omer Meir Wellber über Mozarts »Die Zauberflöte«

Der israelische Dirigent Omer Meir Wellber prägte über Jahre das musikalische Profil der Semperoper Dresden, u.a. als Erster Gastdirigent. Seine Begeisterung für die Opern Wolfgang Amadeus Mozarts geht vor allem auf seine Erfahrungen mit »Così fan tutte«, »Don Giovanni« und »Le nozze di Figaro«, die er als Dirigent in der Semperoper Dresden sammeln konnte, zurück. Nun ist Omer Meir Wellber mit der Musikalischen Leitung der Neuproduktion von »Die Zauberflöte« befasst.

In Ihrem Mozart-Buch »Die Angst, das Risiko und die Liebe« berichten Sie über Ihre Erfahrungen mit den drei Mozart/Da Ponte-Opern. Aus Ihrer Sicht setzen diese sich mit grundlegenden Bestimmungen des menschlichen Seins – »Don Giovanni« mit der Angst, »Le nozze di Figaro« mit dem Risiko und »Così fan tutte« mit der Liebe – auseinander. Für was steht »Die Zauberflöte«?

Omer Meir Wellber Die drei genannten Opern sind auf der Ebene des Menschseins sehr einfach ... Die Grundbestimmungen werden in den Charakteren der Opern vielfältig gespiegelt und durchgeführt. Bei der »Zauberflöte« ist das ganz anders. Wir befinden uns in gewisser Weise auf einem ganz anderen Niveau der Erzählung, das Werk hat eine stark mythologische Aura, die Handlung findet auf vielen Ebenen statt, es gibt viele komplexe und auch widersprüchliche Situationen und Beziehungen. Gleichzeitig verblüfft mich immer wieder: Wie kommt es, dass seine letzte Oper, musikalisch gesehen, so ein einfaches Stück ist? »Don Giovanni« ist musikalisch viel komplexer, jede Sinfonie, die Mozart gegen Ende seines Lebens komponierte, ist sehr originell ... »Die Zauberflöte« erklingt dabei ein bisschen wie für Kinder gemacht, wirklich seltsam ... Vielleicht gibt uns Miloš Forman in seinem Film »Amadeus« einen richtigen Hinweis: Der immer jugendliche, verspielte Charakter Mozarts hat bis zum Schluss eine große Rolle gespielt. Mir kommt es vor, als wäre Mozart in seinem Leben bis zum 30. Lebensjahr immer erwachsener geworden und in den letzten Jahren wieder zum Kind. Dabei bleibt er auch hier widersprüchlich. Er ist mild und nicht richtig mild, zart, aber nicht richtig zart ...

Welche Aufgabe kommt Ihnen dabei als Dirigent zu?

Omer Meir Wellber Man hat praktisch nichts zu tun, so einfach erscheint es. Wo beginnt dann die Arbeit? Für mich bedeutet die Arbeit an der »Zauberflöte« hier in Dresden nicht mehr und nicht weniger als die Fortsetzung unserer gemeinsamen Arbeit an den Da Ponte-Opern. Wir fangen nicht neu an, sondern setzen eine intensive und lebendige Zusammenarbeit fort. Dabei werde ich wieder am Hammerklavier mitspielen, viel improvisieren, wir werden viel gemeinsam ausprobieren. Eine objektive, allgemeingültige »Zauberflöte« interessiert mich nicht. Ich suche nach dem subjektiven Zugriff, und das wird nicht so einfach, da die Komposition nicht so viele Ecken und Kanten hat. Es herrscht in vielen Melodien derselbe Grundton, eine ähnliche Atmosphäre vor. Ein Schlüssel werden auch hier die Tempi sein. Bei den Da Ponte-Opern habe ich viele sehr schnelle Tempi gewählt; das ist bei der »Zauberflöte« unter Umständen nicht immer richtig … und vor allem muss man sich Szene für Szene neu entscheiden: Haben wir es hier mit einer Volksoper, einer Kinderoper, dem ersten Musical der Welt oder einer Opera seria zu tun?

Was ist für Sie das zentrale Thema?

Omer Meir Wellber Das sehe ich genauso wie Josef E. Köpplinger: Es ist eine Geschichte des Erwachsenwerdens. Und wieder ist im Vergleich zu den anderen Opern verblüffend, wie einfach diese Geschichte im Grunde ist: Die Paare kommen bei Mozart sonst nie so einfach zusammen, wie in der »Zauberflöte«. Gleichzeitig gibt es eine schwierige Mutterfigur und einen abwesenden Vater, es werden große philosophische Fragen aufgeworfen ... aber die Prüfungen für die Paare sind dann wieder recht einfach zu bestehen. Der Widerspruch zwischen der einfachen Musik und den komplizierten Themen bleibt auch hier ein Rätsel. Und: Wie oder was verbindet mich mit den Charakteren? Manchmal empfinde ich das alles fast als etwas oberflächlich – und das größte Rätsel oder die interessanteste Person ist dabei Mozart selbst, die sich über alles spannt.

»Die Zauberflöte« ist eines der meistaufgeführten Werke, auch in der Semperoper Dresden. Wie erhält man ihre Frische und Vitalität, so dass sie jeden Moment aufs Neue berührt und begeistert?

Omer Meir Wellber Die Staatskapelle Dresden und ich haben bisher vielleicht 150 Mozart- Aufführungen gemeinsam gestaltet. »Die Zauberflöte« wird eine Frucht dieser Freundschaft, wir machen einfach weiter in unserer Erkundung Mozarts. Es herrscht zwischen uns eine besondere musikalische Kommunikation, die sehr auf Spontanität und der gemeinsamen Erfahrung basiert. Und vor allem: Es darf nicht zu »sauber« werden. Wir müssen die Musik, das Musizieren lebendig halten. Jede Note, jeden Akzent immer wieder mit neuem Leben versehen. Diesen besonderen gemeinsamen Mozart-Weg mit den Musiker*innen der Staatskapelle Dresden fortzusetzen, das ist meine Idee bei der »Zauberflöte«.

Und zum Schluss: Worauf freuen Sie sich bei den Aufführungen der »Zauberflöte« besonders?

Omer Meir Wellber Konkret vor allem auf die Posaunen! Die Posaunen spielen in der »Zauberflöte « eine herausragende Rolle, was bis dahin in der Mozartzeit nicht so der Fall war. Bei »Don Giovanni « kommen sie nur am Ende, in den traditionellen Messen hatten sie die Aufgabe, den Chor zu verdoppeln. Und in der »Zauberflöte« bringen sie eine sehr interessante Farbe, stehen sie für die Dimension des Religiösen, das Mythologische. Und allgemein freue ich mich wirklich auf die Fortsetzung unseres gemeinsamen Mozart-Musizierens … 

Die Fragen stellte Johann Casimir Eule.