Konzerte an besonderen Orten

Semper:Donnerstag

Wir machen besondere Orte in unserem Haus zum Konzertsaal! Ob in der Mittelloge der Oper, auf der Unterbühne, auf einer Arbeitsgalerie in schwindelnder Höhe über der Bühne, im Malersaal oder im Rundfoyer – all diese Orte werden mit Musik und Tanz erfüllt. Wir laden Sie ein, jeden Donnerstag ab 17 Uhr ein Stück Semperoper zu genießen. 

Die Reihe wird gestaltet von Musiker*innen der Sächsischen Staatskapelle, dem Staatsopernchor, dem Semperoper Ballett und Solist*innen der Semperoper. Wir freuen uns auf Sie!

Hier geht’s zu unseren »Semper:Donnerstag«-Konzerten aus dem Frühjahr 2020 im Rahmen der Kampagne »Semperoper zuhause«.

»Solo weißer Schwan« und »Interlude« (Uraufführung)

Semper:Donnerstag mit dem Semperoper Ballett

Sangeun Lee: »Solo weißer Schwan« aus Aaron S. Watkins »Schwanensee« (2009), Musik von Pjotr I. Tschaikowsky
Houston Thomas: »Interlude« aus Nicholas Palmquists »A Collection of Short Stories«, Musik von Alexandra Stréliski (geplante Premiere 2021)

An diesem Semper:Donnerstag rücken wir den für das Publikum wohl bekanntesten Ort der Semperoper in den Mittelpunkt, der für die Künstler*innen jedoch nie gewöhnlich, sondern immer wieder anders aussieht: die Bühne.

Wie kaum ein zweites Handlungsballett ist »Schwanensee« im Repertoire jeder Ballettcompany der Welt fest verankert. Für das Semperoper Ballett kreierte Ballettdirektor Aaron S. Watkin 2009 eine eigene Fassung des weltberühmten Klassikers von zeitloser Eleganz und Poesie. Die Erste Solistin Sangeun Lee tanzt daraus einen der schönsten und technisch anspruchsvollsten Ausschnitte, das Solo des weißen Schwans aus dem Ersten Akt.

Demgegenüber steht die zeitgenössische Neukreation »A Collection of Short Stories« des Choreografen Nicholas Palmquist, der zur Musik der kanadischen Komponistin und Pianistin Alexandra Stréliski ein Stück aus kurzen, intensiven Erzählepisoden entwickelt hat. Daraus präsentieren wir heute zum ersten Mal »Interlude«, getanzt von Houston Thomas.


»Wem sprudelt der Becher des Lebens so reich?«

Romantische Chöre von Carl Maria von Weber und Gaetano Donizetti

»Jägerchor«
aus Carl Maria von Webers romantischer Oper »Der Freischütz« 

Herren des Sächsischen Staatsopernchores
Musikalische Leitung André Kellinghaus
Hörner Erich Markwart, Miklós Takács, David Harloff, Marie-Luise Kahle (Hornist*innen der Sächsischen Staatskapelle Dresden)

»Bel conforto al mietitore« 
Eröffnungschor aus Gaetano Donizettis »L’elisir d’amore / Der Liebestrank«

Damen und Herren des Sächsischen Staatsopernchores
Musikalische Leitung André Kellinghaus
Klavier Jonathan Becker

Auf den ersten Blick muten die beiden Beiträge des Staatsopernchores sehr unterschiedlich an: Der berühmte Chor der Jäger aus Carl Maria von Webers romantischer Oper »Der Freischütz« – auf das Engste mit Dresden und der Semperoper verbunden und 2021 das 200-jährige Jubiläum seiner Uraufführung feiernd – und der Eröffnungschor »Bel conforto al mietitore« aus Gaetano Donizettis »L’elisir d’amore«.

Allein die Jahreszahlen der Uraufführungen 1821 hier und 1832 dort weisen darauf hin, dass beide Werke unter den Sternen des gleichen europäisch-romantischen Zeitgeistes entstanden. Während Weber mit seinem Werk den Grundstein für die Entwicklung einer deutschen Ausformung der schauer-romantischen Oper legte, setzte Donizetti mit seinem Melodramma giocoso einen eher heiter ironischen Akzent auf das romantische Lebensgefühl. Gemeinsam ist beiden, dass sie mit der Verlagerung der Handlung ins ländliche Milieu den Volkston und die Sitten, Gebräuche und Sehnsüchte so genannten einfachen Menschen musikdramatisch ausloten und für die Opernbühne entdecken.

Jägerchor  

Auszug aus dem Libretto von Friedrich Kind zu »Der Freischütz« von Carl Maria von Weber:

Was gleicht wohl auf Erden dem Jägervergnügen,
Wem sprudelt der Becher des Lebens so reich?
Beim Klange der Hörner im Grünen zu liegen,
Den Hirsch zu verfolgen durch Dickicht und Teich
Ist fürstliche Freude, ist männlich Verlangen,
Erstarket die Glieder und würzet das Mahl.
Wenn Wälder und Felsen uns hallend umfangen,
Tönt freier und freud’ger der volle Pokal!
Jo ho! Tralalalala!

Diana ist kundig, die Nacht zu erhellen,
Wie labend am Tage ihr Dunkel uns kühlt.
Den blutigen Wolf und den Eber zu fällen,
Der gierig die grünenden Saaten durchwühlt,
Ist fürstliche Freude, ist männlich Verlangen,
Erstarket die Glieder und würzet das Mahl.
Wenn Wälder und Felsen uns hallend umfangen,
Tönt freier und freud’ger der volle Pokal!
Jo ho! Tralalalala!

Eröffnungschor  

Auszug aus dem Libretto von Felice Romani zu »L’elisir d’amore / Der Liebestrank« von Gaetano Donizetti:

Bel conforto al mietitore,
Quando il sol più ferve e bolle,
Sotto un faggio, appie’ di un colle,
Riposarsi e respirar!
Del meriggio il vivo ardore
Tempran l’ombre e il rio corrente;
Ma d’amor la vampa ardente
Ombra o rio non può temprar.
Fortunato il mietitore,
Che da lui si può guardar!

Vor des Tages Hitz’ und Schwüle
Schirmen uns der Buche Zweige;
Kurze Rast in frischer Kühle
Wird uns neue Kraft verleihn.
Wenn die Sonne Flammen sprühet,
Muss der kühle Quell uns laben,
Doch wenn Lieb’ im Herzen glühet,
Flößt kein Trunk uns Labung ein.
Nur wer sich der Lieb’ entziehet,
Kann beglückt und heiter sein.
Nur wer sich der Lieb’ entziehet,
Kann beglückt und heiter sein!


»Herzgewächse«

Semper:Donnerstag aus dem Malsaal der Sächsischen Staatstheater

Arnold Schönberg »Herzgewächse« für hohen Sopran, Celesta, Harmonium und Harfe op.20 (1911)

Gesang Katerina von Bennigsen
Celesta Alexander Bülow
Harmonium Jobst Schneiderat
Harfe Johanna Schellenberger

Claude Debussy »Trois chansons de Bilitis« (Drei Gesänge der Bilitis) (1897/98)
1. La Flûte de Pan (Die Flöte des Pan)
2. La Chevelure (Das Haar)
3. Le Tombeau des Naïades (Das Grab der Najaden)

Gesang Christa Mayer
Harfe Johanna Schellenberger

Am Semper:Donnerstag erwarten das Publikum diesmal die klangfarbigen »Herzgewächse« aus der Feder Arnold Schönbergs und die musikalischen Zeichnungen arkadischer Liebeslyrik der »Trois chansons de Bilitis« von Claude Debussy.

1911 vertonte Arnold Schönberg das ins Deutsche übertragene Gedicht »Herzgewächse« des belgischen Dichters Maurice Maeterlinck aus dem 1889 entstandenen Gedicht-Zyklus »Serres chaudes« (Treibhäuser). Die unbestimmten Empfindungen und dunklen Ahnungen in den Worten des symbolistischen Dichters regten den Komponisten, der zu dieser Zeit stark von Form- und Farbgebung expressionistischer Malerei beeinflusst war, zur Schaffung eines reichen orchestralen Klanges in Form einer Kammermusikbesetzung aus Harfe, Harmonium und Celesta an. Und auch der anspruchsvolle Gesangspart changiert im Farbenreichtum über mehrere Oktaven hinweg.

Ebenfalls begeistert von Maeterlincks symbolistischer Dichtung war Claude Debussy, der um die Jahrhundertwende bereits an seiner Oper »Pelléas et Mélisande« arbeitete. Unverkennbar zu hören ist dies auch in den zeitgleich entstandenen »Trois chansons de Bilitis« auf die an ein arkadisches Paradies erinnernden Verse seines Freundes Pierre Louÿs. Vorgeblich sollten diese Gedichte das Werk einer griechischen Hirtin namens Bilitis aus dem 6. Jahrhundert gewesen sein, die Louÿs zu entdecken vorgab. Tatsächlich aber verfasste er diese Meisterwerke erotischer Dichtung selbst und ahmte den Stil griechischer Klassiker kunstvoll nach. Mit fließenden, flirrend-lichten Tönen fasst Debussy das Hochgefühl einer vergangenen Liebesnacht, die gleichzeitig zarten und doch direkten Beschreibungen des Liebesaktes, eingewoben in die sich ineinander verschlingenden Strähnen des Haares, und rundet den Zyklus schließlich mit einem melancholischen Abgesang auf ein verlorenes Paradies ab.

Herzgewächse  

Meiner müden Sehnsucht blaues Glas
Deckt den alten, unbestimmten Kummer,
Dessen ich genas,
Und der nun erstarrt in seinem Schlummer.

Sinnbildhaft ist seiner Blumen Zier: 
Mancher Freuden düstre Wasserrose, 
Palmen der Begier, 
Weiche Schlinggewächse, kühle Moose.

Eine Lilie nur in all dem Flor,
Bleich und starr in ihrer Kränklichkeit 
Richtet sich empor
Über all dem blattgeword’nen Leid.

Licht sind ihre Blätter anzuschauen,
Weißen Mondesglanz sie um sich sät.
Zum Kristall, dem blauen,
Sendet sie ihr mystisches (es) Gebet.

Deutsch von K. L. Ammer und Friedrich von Oppeln-Bronikowski, Jena, 1906
©Arnold Schönberg Center, Wien

»Trois chansons de Bilitis« (»Drei Gesänge der Bilitis«)  

La flûte de Pan
Pour le jour des Hyacinthies,
Il m’a donné une syrinx faite
De roseaux bien taillés,
Unis avec la blanche cire
Qui est douce à mes lèvres comme le miel.

Il m’apprend à jouer, 
Assise sur ses genoux;
Mais je suis un peu tremblante.
Il en joue après moi, si doucement 
Que je l'entends à peine.

Nous n’avons rien à nous dire,
Tant nous sommes près l'un de l’autre;
Mais nos chansons veulent se répondre,
Et tour à tour nos bouches
S’unissent sur la flûte.

Il est tard; voici le chant des grenouilles vertes
Qui commence avec la nuit.
Ma mère ne croira jamais
Que je suis restée si longtemps
À chercher ma ceinture perdue.

Pans Flöte
Zum Hyazinthenfest
Hat er mir eine Hirtenpfeife geschenkt,
Aus schön geschnittenem Schilfrohr,
Mit weißem Wachs aneinandergefügt,
Das meinen Lippen süß wie Honig schmeckt.

Er lehrt mich das Flötenspiel, 
Ich sitze auf seinem Schoß, 
Aber ich zittere ein wenig.
Er spielt nach mir, so leise,
Dass ich ihn fast nicht höre.

Wir haben uns nichts zu sagen,
So nah sind wir einander;
Aber unsere Lieder wollen sich antworten,
Und eines ums andere Mal begegnen sich Unsere Münder auf der Flöte.

Es ist spät; Horch, der Gesang der grünen Frösche,
Der mit der Nacht anhebt.
Meine Mutter wird niemals glauben,
Dass ich so lange
Meinen verlorenen Gürtel gesucht habe.

La chevelure
Il m’a dit: »Cette nuit, j’ai rêvé.«

»J’avais ta chevelure autour de mon cou.
J’avais tes cheveux comme un collier noir
Autour de ma nuque et sur ma poitrine.«

»Je les caressais, et c’étaient les miens;
Et nous étions liés pour toujours ainsi,
Par la même chevelure, la bouche sur la bouche,
Ainsi que deux lauriers n’ont souvent qu'une racine.«

»Et peu à peu, il m’a semblé.
Tant nos membres étaient confondus,
Que je devenais toi-même,
Ou que tu entrais en moi comme mon songe.«

Quand il eut achevé,
Il mit doucement ses mains sur mes épaules,
Et il me regarda d'un regard si tendre,
Que je baissai les yeux avec un frisson.

Das Haar
Er sagte zu mir: »Heute nacht habe ich geträumt,
Ich hätte deine Haare um meinen Hals,
Wie schwarzes Geschmeide
Um meinen Nacken und auf meiner Brust.«

»Ich liebkoste sie; als seien es meine eigenen,
Und so waren wir auf immer durch die Haare
Miteinander verbunden, Mund an Mund,

So wie zwei Lorbeerbäume oft nur eine Wurzel haben.«

»Und nach und nach, schien es mir,
Verwirrten sich unsere Glieder so,
Dass ich du wurde,
Oder du besuchtest mich wie ein Traum.«

Als er geendet hatte,
Legte er sanft seine Hände auf meine Schultern,
Und sah mich mit einem so zärtlichen Blick an,
Dass ich mit einem Schaudern meine Augen niederschlug.

Le tombeau des Naïades
Le long du bois couvert de givre, je marchais;
Mes cheveux devant ma bouche
Se fleurissaient de petits glaçons,
Et mes sandales étaient lourdes
De neige fangeuse et tassée.

Il me dit: »Que cherches-tu?«
»Je suis la trace du satyre.
Ses petits pas fourchus alternent
Comme des trous dans un manteau blanc.«
Il me dit: »Les satyres sont morts.«

»Les satyres et les nymphes aussi.
Depuis trente ans, il n'a pas fait un hiver aussi terrible.
La trace que tu vois est celle d'un bouc.
Mais restons ici, où est leur tombeau.«

Et avec le fer de sa houe il cassa la glace

De la source ou jadis riaient les naïades.
Il prenait de grands morceaux froids,
Et les soulevant vers le ciel pâle,
Il regardait au travers.

Das Grab der Nymphen
Ich lief den reifbedeckten Wald entlang;

Die Haare vor meinem Mund
Ließen auf sich kleine Eiszapfen blühen,
Und meine Sandalen waren schwer
Vom matschigen und zerdrückten Schnee.

Er fragte mich: »Was suchst du?«
»Ich folge der Spur des Satyrn.
Seine kleinen Paarhufspuren folgen einander
Wie Löcher in einem weißen Mantel.«
Er sagte: »die Satyrn sind tot.«

»Die Satyrn und die Nymphen auch.
Seit dreißig Jahren gab es keinen so harten Winter.
Die Spur, der du folgst, ist die eines Bocks.
Aber lass uns hier bleiben, wo ihr Grab ist.«

Und mit dem Eisen seiner Hacke zerschlug er das Eis
Der Quelle, wo einst die Najaden lachten.
Er nahm große Eisschollen
Hob sie gegen den blassen Himmel,
Und schaute hindurch.

Gedichte von Pierre Félix Louis, 1894
Deutsche Übersetzung copyright © by Nele Gramß mit Genehmigung des LiederNet-Archivs


»Senza Basso«

Carl Philipp Emanuel Bachs Sonate für Flöte solo

In luftige Höhen wagt sich Rozália Szabó, Solo-Flötistin der Sächsischen Staatskapelle, am Semper:Donnerstag vor. Mit Carl Philipp Emanuel Bachs einziger Sonate für Flöte solo »senza Basso« – also ohne Begleitung – begibt sie sich an einen der höchstgelegenen Arbeitsplätze der Semperoper: Die Arbeitsgalerie des Bühnenturms.

In Carl Philipp Emanuel Bachs virtuoser »Sonata per il Flauto traverso solo senza Basso« lässt der Komponist das Lieblingsinstrument seines Dienstherren Friedrich des Großen ganz selbständig, gleichsam ohne Fundament, brillieren. Im Jahr 1747 komponiert, dürfte sie für den führenden Flötisten seiner Zeit, Johann Joachim Quantz, entstanden sein, der wenige Jahre zuvor eine Stelle als Kammermusikus des preußischen Königs angenommen hatte. Dorthin gelangt war Quantz aus einer anderen Musikmetropole. Seinen hervorragenden Ruf hatte sich der Virtuose nämlich in Dresden erworben und zwar als Flötist der Kurfürstlich-Sächsischen und Königlich-Polnischen Kapelle – der heutigen Sächsischen Staatskapelle.


»Zu singen«

Ralph Vaughan Williams (1872-1958) Drei Vokalisen für Sopran und Klarinette (1958)
Wolfgang Rihm (*1952) »Zu singen« aus »Mnemosyne« (Erste Fassung) von Friedrich Hölderlin für Sopran und Klarinette (2006)

Sopran Nikola Hillebrand
Klarinette Robert Oberaigner

»Aber es haben zu singen Blumen auch Wasser und fühlen, ob noch ist der Gott«, raunt Friedrich Hölderlin in seiner Hymne »Mnemosyne«, die Wolfgang Rihm 2006 unter dem Titel »Zu singen« für Sopran und Klarinette vertont hat. Mnemosyne ist die Göttin der Erinnerung, und wie eine ferne Erinnerung an das, was einmal Musik gewesen ist, tönen hier zwei Stimmen durch die Weite des Raumes. Die Sopranistin Nikola Hillebrand und der Klarinettist Robert Oberaigner stimmen bei diesem Semper:Donnerstag einen Zwiegesang an, bei dem die menschliche Stimme und das Blasinstrument mal in Ähnlichkeit verschmelzen, sich dann in klanglichen Räumen entfernen und dann wieder miteinander um Ausdruck ringen. Eingeleitet wird Rihms geheimnisvolle Hölderlin-Vertonung von drei wortlosen Gesängen von Ralph Vaughan Williams. In seinen Drei Vokalisen, einem der letzten Werke dieses Komponisten, finden sich Sopran und Klarinette zu einem wunderbaren Sirenengesang zusammen. Wo kann sich ein solcher Gesang schöner entfalten als auf den höchsten Sitzplätzen der Semperoper – auf dem vierten Rang des Zuschauerraumes …

Friedrich Hölderlin: »Mnemosyne« (Erste Fassung)  

aber es haben
Zu singen

Blumen auch Wasser und fühlen,
Ob noch ist der Gott. Denn schön ist
Der Brauttag, bange sind wir aber
Der Ehre wegen. Denn furchtbar gehet
Es ungestalt, wenn Eines uns
Zu gierig genommen. Zweifellos
Ist aber der Höchste. Der kann täglich
Es ändern. Kaum bedarf er
Gesetz, wie nämlich es
Bei Menschen bleiben soll. Viel Männer möchten da
Sein, wahrer Sache. Nicht vermögen
Die Himmlischen alles. Nämlich es reichen
Die Sterblichen eh an den Abgrund. Also wendet es sich
Mit diesen. Lang ist
Die Zeit, es ereignet sich aber
Das Wahre.


Peter Eötvös: »Thunder« für Pauke solo (1993)

Semper:Donnerstag von der Unterbühne der Semperoper

Am Semper:Donnerstag erkundet Manuel Westermann, Solo-Pauker der Sächsischen Staatskapelle, ein Stück Semperoper, das selbst die Mitglieder der Staatskapelle nicht oft zu Gesicht bekommen: Tief unter der Bühne lädt die Unterbühne zu neuen Perspektiven ein – und rückt ein Instrument in den Fokus, das im Konzert meist im Hintergrund wirkt.

Geige, Flöte, Cello – für diese und viele weitere Musikinstrumente gibt es ein reiches Repertoire an Solowerken, die alle Facetten des Spielbaren ausreizen. Andere Instrumente erlebt man fast ausschließlich im Orchesterverbund. Für kaum ein Instrument dürfte dies mehr zutreffen als die Pauke. Dabei hat die Pedalpauke, die eine gleitende Veränderung der Tonhöhe erlaubt, musikalisch sehr viel mehr zu bieten, als manch ein klassisches Orchesterwerk vermuten lässt. Welche Virtuosität in ihr steckt, demonstriert der ungarische Komponist Peter Eötvös – in der Saison 2018/19 Capell-Compositeur der Sächsischen Staatskapelle – in seinem 1993 entstandenen Werk »Thunder« für Pauke solo. 


»Bar Classics«

Von Cole Porter bis Paul Simon

Andrew Lloyd Webber / Tim Rice »On This Night of a Thousand Stars« 
Cole Porter »I’ve Got You Under My Skin« 
Hans Sotin »Strandperle« (Uraufführung)
Paul Simon »Bridge over Troubled Water«

Mit Aaron Pegram (Tenor) und Alexandros Stavrakakis (Bass)
Klavier Hans Sotin

Am Semper:Donnerstag erleben Sie unsere Sänger*innen an ungewöhnlichen Orten der Semperoper: Das Rundfoyer im ersten Rang, normalerweise die Flaniermeile unserer Zuschauer, ist der perfekte Ort für die »Bar Classics«, die der Tenor Aaron Pegram und der Bass Alexandros Stavrakakis gemeinsam mit dem Pianisten Hans Sotin präsentieren. Musik mit Swing und Groove zwischen den festlichen Säulen der Semperoper ...

Cole Porters »I’ve Got You Under My Skin« aus dem Film »Born to Dance« war 1937 für den Oscar als Bester Song nominiert und wurde spätestens durch die Version von Frank Sinatra 1956 unsterblich. »On This Night of a Thousand Stars« stammt aus Andrew Lloyd Webbers Erfolgsmusical »Evita«. Und Paul Simons »Bridge over Troubled Water« wurde in der Interpretation von dessen Bühnenpartner Art Garfunkel zum Welterfolg – und ist seitdem eine wahre Hymne des Trostes. Abgerundet wird das Programm durch eine Uraufführung: Hans Sotin, Pianist und Korrepetitor der Semperoper Dresden, hat eigens für den Semper:Donnerstag ein augenzwinkernd sehnsüchtiges Klavierstück geschrieben, das er nun selbst zum ersten Mal spielt: Strandperlen.


»Holà! Ihr Streiter in Apoll«

Ansprache des La Roche aus dem Konversationsstück für Musik »Capriccio« von Richard Strauss

Als Richard Strauss an seiner letzten Oper »Capriccio« saß, schwebte ihm eine rokoko-haft leichte musikdramatische Summe seines Schaffens und seiner Auseinandersetzung mit dem Genre Oper vor. Heraus kam ein Werk, dass die klassischen Formen der Gattung im parlando-haften Konversationsstil endgültig überwand und ausgesprochen beziehungsreich mit zahlreichen Referenzen an die Welt des Theaters, die Oper und die Eigenheiten seiner Schöpfer spielt.

Einer der Protagonisten ist der erfolgreiche Theaterdirektor La Roche: Er ist geladen, um zum Geburtstag der Gräfin Madeleine ein Theaterspektakel zu inszenieren und gerät mit den Vertretern der jüngeren Generation – dem Komponisten Flamand und dem Dichter Olivier – darüber in Streit. In seiner Ansprache »Holà! Ihr Streiter in Apoll« entwickelt er seine Vision eines wahrhaftigen wie lebens- und kraftvollen Theaters – und teilt uns auch gleich noch die Inschrift, die einst auf seinem Grabstein stehen werde, mit. Was hat sich Richard Strauss von seinem Librettisten gewünscht? »Verstandestheater, Kopfgrütze, trockener Witz!«

Auszug aus dem Libretto zu »Capriccio«, verfasst von Clemens Kraus und Richard Strauss  

Direktor: 
Holà! Ihr Streiter in Apoll! Ihr verhöhnt und beschimpft mein festliches Theater?! Was gibt euch ein Recht, so überlieblich zu sprechen und mich zu schmähn, den wissenden Fachmann?! Euch, die ihr noch nichts für das Theater geleistet?! (zu Olivier) Deine Verse in Ehren, - wenn Clairon sie spricht! Aber die magere Handlung deiner Dramen - ihr dramatischer Aufbau? - Sehr bedürftig meiner szenischen Hilfe! (zu Flamand) Deine kleinen Ensembles für Streichinstrumente: - graziöse Kammermusik! Sie entzückt den Salon. Die heutige habe ich leider verschlafen. Elegische Romanzen kannst du wohl singen, aber Musik der Leidenschaften, wie die Bühne sie fordert, sie ist dir bisher noch nicht gelungen! - Nein, nein, euer Veto macht mich nicht erzittern! Was wisst ihr Knaben von meinen Sorgen? Seht hin auf die niederen Possen, an denen unsere Hauptstadt sich ergötzt. Die Grimasse ist ihr Wahrzeichen - die Parodie ihr Element - ihr Inhalt sittenlose Frechheit! Tölpisch und rüde sind ihre Späße! Die Masken zwar sind gefallen, doch Fratzen seht ihr statt Menschenantlitze! Ihr verachtet dies Treiben, und doch, ihr duldet es! Ihr macht euch schuldig durch euer Schweigen. Nicht gegen mich richtet eure Phalanx! Ich diene den ewigen Gesetzen des Theaters. Ich bewahre das Gute, das wir besitzen, die Kunst unsrer Väter halte ich hoch. Voll Pietät hüte ich das Alte, harre geduldig des fruchtbaren Neuen, erwarte die genialischen Werke unserer Zeit! Wo sind die Werke, die zum Herzen des Volkes sprechen, die seine Seele widerspiegeln? Wo sind Sie? - Ich kann sie nichtfinden, so sehr ich auch suche. Nur blasse Ästheten blicken mich an: sie verspotten das Alte und schaffen nichts Neues! In ihren Dramen stolzieren papierne Helden, zücken die Schwerter und schwingen Tiraden, die wir längst schon kennen. In der Oper das gleiche: Greise Priester und griechische Könige aus grauer Vorzeit, Druiden, Propheten schreiten gleich Scheinen aus den Kulissen. - Ich will meine Bühne mit Menschen bevölkern! Mit Menschen, die uns gleichen, die unsere Sprache sprechen! Ihre Leiden sollen uns rühren und ihre Freuden uns tief bewegen! Auf! Erhebt euch und schafft die Werke, die ich suche! Kraftvoll führ auf meiner Bühne ich sie zum stolzen Erfolg. Schärft euren Witz, gebt dem Theater neue Gesetze -neuen Inhalt!! Wo nicht - so lasst mich in Frieden mit eurer Kritik. Heute im Zenith meiner ruhmreichen Lauf bahn darf ich es wagen, von mir zu sprechen, - von mir, dem Entdecker großer Talente - dem weisen Erzieher, dem Inspirator! Ohne meinesgleichen, wo wäre das Theater? Ohne meinen kühnen Wagemut und schließlich - ohne meine hilfreiche Hand? Ein Vorschuss im richtigen Augenblick kann aus tiefster Depression erheben und die entschwundene Tatkraft wieder erwecken. Ein Beispiel für viele: der berühmte Lekain, einst ein lebensmüder Statist, heute ein Führer des »Palais Royal«, ist mein Werk, ging durch mich seinen Weg. Gebt euch geschlagen, ihr Schwärmer, ihr Träumer! Achtet die Würde meiner Bühne! Meine Ziele sind lauter, unauslöschlich meine Verdienste! Ich streite für die Schönheit und den edlen Anstand des Theaters. Mit dieser Parole im Herzen leb' ich mein Leben für das Theater, und ich werde weiterleben in den Annalen seiner Geschichte! »Sicitur ad astra!« Auf meinem Grabstein werdet Ihr die Inschrift lesen: »Hier ruht La Roche, der unvergessliche, der unsterbliche Theaterdirektor. Der Freund der heitren Muse, der Förderer der ernsten Kunst. Der Bühne ein Vater, den Künstlern ein Schutzgeist. Die Götter haben ihn geliebt, die Menschen haben ihn bewundert! « - Amen. 

Stürmischer Applaus

Ausblick

»Onkel Fritz und die Maikäfer«

Semper:Donnerstag aus dem Palettenmagazin der Sächsischen Staatstheater

An diesem Semper:Donnerstag entdeckt der Kinderchor der Semperoper Dresden einen neuen Ort, an dem die verschiedenen Bühnenbild- und Dekorationselemente gelagert werden, bevor sie auf der Bühne zum Einsatz kommen: das Palettenmagazin. Reich an unterschiedlichen Opernbezügen ist Carl Adolf Lorenzʼ Fünfter Streich op. 11 Nr. 1 »Onkel Fritz und die Maikäfer«. In seiner Sammlung »Max und Moritz« vertonte Lorenz 1883 drei der Streiche aus der Feder Wilhelm Buschs und zitierte dabei bekannte Opernmelodien, die er spielerisch in Kontext mit den Versen setzte.

Das Video ist ab Donnerstag, 22. April 2021, 17 Uhr verfügbar.