»Semper!«-Magazin

ZWEI 2022/23

Liebes Publikum,

in den vergangenen 17 Jahren durfte ich das Semperoper Ballett zu einer Company mitgestalten, die sich durch ein breitgefächertes Repertoire und tanzästhetische Höchstleistungen auszeichnet. Die mittlerweile 21 Handlungsballette, die in dieser Zeit entstanden, zeigen deutlich, welch enorme Rolle diese Art von Tanz für mich spielt. Geschichten mittels einer Bewegungssprache zu erzählen, deren Vokabular von der (Neo-)Klassik bis in die Moderne reicht, verleiht gesellschaftlich relevanten Stoffen Zeitlosigkeit. Denn gerade dramatische Werke faszinieren uns aufgrund ihrer Vielfalt an Emotionen.

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Mit der Wiederaufnahme von »Peer Gynt« konnten wir die Spielzeit 2022/23 ganz in diesem Sinne eröffnen und unsere erste Premiere führt diese Linie fort: Unser Associate Choreographer, David Dawson, begleitet das Semperoper Ballett bereits seit 2006 und hat durch seine einzigartige, dynamische Handschrift sehr zur Entwicklung meiner Company beigetragen. Nun freut es mich, ihm durch die Auftragschoreografie von »Romeo und Julia« einen langersehnten Wunsch zu erfüllen. Denn dieses Werk hat bis heute nicht an Bedeutung verloren und entspricht meinem Bestreben, klassische Stoffe durch zeitgenössische Lesarten künstlerisch neu zu interpretieren. In der Adventszeit hoffen wir, Sie und Ihre Familien zu unserem zauberhaften Märchenballett »Der Nussknacker« zu begrüßen.

Gleichzeitig steht die Spielzeit 2022/23 aber auch für meine letzte Theatersaison an und mit der Semperoper. Die Berufung an das English National Ballet hat mich überrascht. Doch ich kann mit Stolz auf meine Dresdner Zeit blicken: Denn ich verlasse das Semperoper Ballett in der Gewissheit, dass es von einer ganz besonderen ›company culture‹ geprägt ist, die durch wechselseitigen Respekt, Leidenschaft, proaktives Arbeiten und innere Stärke gekennzeichnet ist. Dabei gilt auch stets: Ein Direktor ist immer nur so gut wie sein Team! Dass mein Team und ich auf internationaler Ebene eine einzigartige ›company identity‹ aufbauen konnten, macht mich sehr glücklich. Natürlich bin ich traurig darüber, aus der Semperoper-Familie auszuscheiden. Doch diesem bitteren Beigeschmack wohnt auch die süße Note eines Neuanfangs inne: Nun erhält ein*e Nachfolger*in die Möglichkeit, auf dem bestehenden hohen Niveau weiterzuarbeiten und neue künstlerische Ideen zu realisieren.

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge wünsche ich nun uns und Ihnen eine inspirierende und motivierende Zeit und freue mich darauf, Sie in unseren Vorstellungen willkommen zu heißen! 

Herzlichst, Ihr
Aaron S. Watkin
Ballettdirektor des Semperoper Ballett


Julian Amir Lacey und Ayaha Tsunaki während der Proben zu »Romeo und Julia«
Premiere

Leidenschaft, die bewegt

David Dawson erweckt den Repertoire-Klassiker »Romeo und Julia« durch seine narrative Tanzsprache, die zeitgenössische und (neo-)klassische Elemente auf psychologisch und musikalisch sensible Weise miteinander verbindet, zu neuem Leben

Schon immer hat der Choreograf David Dawson seine Arbeit mit Leidenschaft verbunden. Diese inspiriert die Emotion und Ästhetik seiner narrativen und abstrakten Ballette, indem Körper und Musik eine harmonische Einheit bilden. Der gebürtige Brite kreiert seit über 20 Jahren für weltweit führende Ballettcompanien Choreografien. Sein erstes Handlungsballett schuf Dawson 2008 als Hauschoreograf an der Semperoper, eine luzide »Giselle«, die Kritiker als »die Geburt eines neuen Vermächtnisses, eine Konzeption eines klassischeren und sorgfältig an unsere Zeit angepassten Repertoires« und einen »makellosen Theaterabend« beschrieben. Sein Ballett »Tristan + Isolde«, 2015 für das Ensemble des Semperoper Ballett kreiert, war ungezügelt in seiner Emotionalität, während er für seine »Schwanensee«-Choreografie, die er im Folgejahr für das Scottish Ballet kreierte, die Geschichte und ihre Charaktere tiefgründig auslotete, um dem Werk eine innovative psychologische Sichtweise zu verleihen.

Mit der Neu-Interpretation von »Romeo und Julia« für das Semperoper Ballett geht für David Dawson ein langersehnter künstlerischer Wunsch in Erfüllung. Denn mit diesem Stoff bringt der Choreograf einen weiteren Klassiker auf die Bühne, der die vielen Facetten der Liebe in Shakespeares berühmtester romantischer Tragödie erforscht: die Liebe zu Anderen, zum Leben und zur Liebe selbst, aber auch die Liebe zu sich selbst, zur Macht und zur Selbstbestimmung. Mit der prachtvollen Partitur von Sergej Prokofjew stellt Dawson die Stärke, den Geist und die Kraft der Gemeinschaft in den Vordergrund, wohingegen die schicksalhafte Liebesgeschichte innerhalb dieses sozialen Gefüges einen feinfühligen Akzent der Intimität setzt.

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Der Bewegungsstil des Choreografen zeichnet sich in seiner Arbeit an »Romeo und Julia« durch (neo-)klassische Bewegungen aus, die mit zeitgenössischen Schrittfolgen und energetisch expressiven wie auch einfühlsamen Gesten kombiniert werden. Beeinflusst von dem ästhetischem Umgang mit Emotionen des russischen Choreografen Michel Fokines sowie Balanchines und Forsythes Herangehensweise an Ballett als eine fortschrittliche Tanzform, bindet Dawson vor allem auch bildhafte und emotionsbasierte Vergleiche in seine Dialoge mit den Tänzerinnen und Tänzer*innen ein, wenn er kreiert.

Gespräche über die einzelnen Szenen sowie das Gefühlsleben und die (Vor-)Geschichte der einzelnen Bühnenfiguren spielen dabei ebenso eine wichtige Rolle. Dieser kontinuierliche Austausch mit den Tänzer-Persönlichkeiten aus vielerlei Kulturkreisen und mit unterschiedlichen individuellen Hintergründen über die psychischen Zustände, Affekte und Motivationen der Charaktere, trägt eindrücklich zur Verlebendigung der Handlung bei. Denn obwohl der Choreograf im Ballettsaal genau weiß, was er will, lässt er den Tänzer*innen stets auch genug Freiraum, um die Figuren, die sie verkörpern, individuell zu entfalten. Dabei spielen nicht zuletzt Alter, Persönlichkeit und Lebenserfahrung eine essentielle Rolle.

In Kombination mit inhaltlichen Textpassagen aus Shakespeares Vorlage – zum Beispiel dem Händereichen der beiden frisch Verliebten oder den frechen Wortwitzen des Mercutio – formt Dawson gemeinsam mit den Tänzer*innen eine aussagekräftige und stringente Handlung.

»Romeo und Julia« wird mit den bildgewaltigen Bühnen- und Kostümbildern von Jérôme Kaplan, einem der gefragtesten Ausstatter unserer Zeit, zur Aufführung gebracht. Inspiriert von der Architektur Dresdens und mediterranem Flair kreiert der Franzose ein optisch wie auch bühnentechnisch vielseitiges Bühnenbild, dass einerseits konkret genug ist, um der Handlung einen Wiedererkennungswert zu verleihen; andererseits bietet Kaplan – zum Beispiel durch sein Kostüm- und Maskenbild – noch immer genug Spielraum, um der Inszenierung auch eine gewisse Zeitlosigkeit zu verleihen. Die Sächsische Staatskapelle Dresden wird Prokofjews Partitur unter der Musikalischen Leitung von Benjamin Pope zum Leben erwecken. Diese Komposition zeichnet durch ihre formale Anlage in gewisser Weise den Ablauf des Bühnengeschehens vor. Gerade ihre Erinnerungsmotivik, die sich insbesondere auf Romeo und Julia bezieht, trägt zur inneren Entwicklung der Figuren sowie zum Vorantreiben der äußeren Handlung der Tragödie bei. Schon beim puren Anhören der Ballettmusik wird unser Körper durch die Rhythmik, Dynamik und harmonische Verflechtung der Melodien angeregt, so dass wir eine emotionale Verbindung zur erzählten Geschichte aufbauen, die den ganzen Abend über andauert. Das geht den Tänzer*innen genauso wie dem Publikum. Auf diese Weise komplettiert das sinnliche Element der Musik Dawsons nuancenreichen Kreationsprozess.  

Der Erfolg von »Romeo und Julia« als Handlungsballett des 20. Jahrhunderts steht außer Frage, und die Liste der ikonischen Inszenierungen namhafter Choreografen ist lang: Antony Tudor, Frederick Ashton, John Cranko, Kenneth MacMillan, Maurice Béjart, Rudi van Dantzig, John Neumeier, Rudolf Nurejew und viele andere. Seit der Jahrhundertwende hat Shakespeares Tragödie auch eine Reihe bemerkenswerter zeitgenössischer Bearbeitungen hervorgebracht. Einige von ihnen sind in ihrem Ansatz sehr radikal, während jedoch auch weiterhin neue klassische Fassungen entstehen. Was Choreograf*innen an diesem Stoff reizt, ist natürlich die leidenschaftliche Romanze der »unglücklich Liebenden«, aber auch die Lebendigkeit der von Shakespeare geschaffenen Figuren innerhalb des Stückes.

Die Übersetzung von Shakespeares Text in die Sprache des Tanzes und der Musik ist bekanntermaßen eine Herausforderung. Antony Tudors selten zu sehende Version von 1943 ist eine Reihe intim inszenierter Charakterskizzen, die die Geschichte zu ausgewählter Musik von Frederick Delius erzählt. Choreograf*innen, die nach der Größe streben, die von Prokofjews üppiger, kraftvoller Partitur vorgegeben ist, und auch Shakespeares reiche Metaphorik widerspiegeln wollen, haben den Text des Stückes ausgelotet oder sich durchaus erfinderische Freiheiten genommen, um Lösungen zu finden. Roseline, Romeos ersehnte Liebe – die in Shakespeares Vorlage nur erwähnt wird –, erscheint regelmäßig in Ballettversionen. Ein frecher Verweis auf »Metzen und Dirnen« durch den stets geschwätzigen Mercutio, bescherte sowohl John Cranko als auch Kenneth MacMillan drei weibliche Solorollen, die nicht einmal auf der Besetzungsliste der Tragödie vorkommen. Die Wagenladung an Leichen, die in Nurejews Inszenierung über die Bühne rollt, erinnert an die Pestjahre, in denen Shakespeare die Geschichte ansiedelte, während die Würfelspieler das Wirken des Schicksals symbolisieren. Viele Inszenierungen sind fest im mittelalterlichen Verona verwurzelt, mit lebhaften Marktplätzen voller putzender Frauen, Händler, die ihre Waren verkaufen, und junger Leute, die flirten und sich raufen; andere Choreograf*innen haben auf Shakespeares Schauplätze verzichtet, um die Geschichte in der Zeit voran und um die Welt zu bringen.  

Im Einklang mit seinem ständigen Bestreben, Geschichten zu kreieren, die universell sind, und Shakespeares Fokus auf die Dynamik der Familie Capulet widerspiegelnd, kreiert Dawson eine Stadt, deren Bevölkerung schon lange unter der Gewaltherrschaft der einflussreichen Dynastie der Capulets lebt. In der Zeichnung seiner Charaktere beruft sich der Choreograf auf die feinsinnige und oftmals auch mehrdeutig formulierte Sprachkunst in Shakespeares Tragödie. Auf dieser Grundlage begibt sich Dawson in seiner Version von »Romeo und Julia« auf eine Entdeckungsreise durch die Welt des schönsten und vielleicht auch schmerzvollsten Gefühls, das Menschen verbinden kann: die Liebe – in allen möglichen Ausformungen, Konstellationen, Höhen und Tiefen.

»Romeo und Julia« ist aber auch eine Tragödie, von sowohl persönlichen als auch gesellschaftlichen Dimensionen; eine Tragödie, die nicht nur die Liebenden, sondern auch ihre Freunde, Familie und Gemeinschaft betrifft. Durch den Tanz enthüllt Dawsons Fassung die tiefen menschlichen Leidenschaften – sowohl die hehren als auch die niederen –, die die Geschichte antreiben. 

Kein anderes Werk hat so viele Inszenierungen und Adaptionen inspiriert wie »Romeo und Julia«. Shakespeares Stück stammt aus den 1590er Jahren, stellt aber selbst eine Adaption mit einer verworrenen Entstehungsgeschichte dar. Diese reicht von Arthur Brookes Gedicht aus dem Jahr 1562 – das sich möglicherweise auf Übersetzungen einer Novelle von Matteo Bandello stützte – bis hin zu Luigi da Portos »Historia Novellamente Ritrovata di due Nobili Amanti« aus dem Jahr 1530. Da Portos Werk wiederum wurde von Masuccio Saleritanos 1476 erschienener Geschichte über zwei Liebende, Mariotto und Ganozza, inspiriert. Seit Shakespeare haben zahlreiche englische Autoren, darunter David Garrick, bis Mitte des 19. Jahrhunderts adaptierte Texte verfasst, bis man allmählich wieder zu Shakespeares »Originalfassung« zurückkehrte. Seitdem haben unzählige Theaterstücke, Opern, Romane, Musicals, Filme und Ballette die Geschichte von Shakespeares »unglücklich Liebenden« nacherzählt, wobei die Handlung in Zeiten, Orten und Kontexten angepasst wurde. Aus diesem Grund gilt die schicksalhafte Liebestragödie – die auch in antiken Liebestragödien Anklänge findet – als zeitlos.

Freya Vass, Regina Genée (Übersetzung)

»›Romeo und Julia‹ ist ein Rahmen, eine Geschichte, die jede Generation immer wieder neu erzählen muss.«

DAVID DAWSON

Ansichten

La traviata

Mit ihrer Neuinszenierung von »La traviata« hat die Regisseurin und Opera ward Gewinnerin Barbora Horáková Joly einen Opernabend zwischen der Illusion des Cabarets und dem Gefangensein im Körper einer Kranken auf die Bühne der Semperoper gebracht. Violettas Weg führt von der strahlenden, doch kranken Kurtisane über die Verletzlichkeit einer liebenden Frau bis zum ergreifenden Verzicht auf ihr Liebesglück und endet in Zusammenbruch und Tod.

Nahaufnahme

Kragenweite

Bei den Kostümen von Johannes Leiacker zur Inszenierung Peter Konwitschnys von »Les Huguenots/ Die Hugenotten« lässt sich die kirchliche Tradition des 16. Jahrhunderts erkennen. Die Katholiken sind in spanisch-französische der Renaissance nachempfundenen Kostüme aus purpurrotem Samt mit verschiedenen weißen Kragen oder angedeuteter spanischer Halskrause gekleidet. Was hat es mit dem spanischen steifen Kragen als historisierendes Kostümdetail auf sich? Die Halskrause in dieser Form gilt als typisch für die sogenannte »Spanische Mode«, die sich auf die Zeit ab Mitte des 16. bis Anfang des 17. Jahrhunderts datieren lässt. Die Habsburger Dynastie teilte sich zu dieser Zeit in die spanische und österreichische Linie. Die spanische Linie konnte sich unter Philipp II. in Europa ausweiten und mit ihr die spanische Mode. Die Herstellung ist heute wie damals sehr aufwendig. Das Leinen des Kragens ist eng nach der Form eines Fächers gefaltet und zum Teil in mehreren Lagen übereinandergelegt. Einblicke in die Kostümwerkstätten zeigen, dass der Stoff beispielsweise mit Mondaminpaste gestärkt und mit Lockenstäben gerollt wird, um die gewünschte Form zu erhalten. Die einzelnen Schlaufen werden schließlich durch feine Stiche fixiert.

Oper

Froschquaken und Eselsrufe

An der Semperoper erlebt Jean-Philippe Rameaus Ballet-bouffon »Platée« in der gefeierten Inszenierung von Rolando Villazón seine Wiederaufführung

Ohne Übertreibung lässt sich wohl feststellen, dass die Ballettoper »Platée« des französischen Barock-Komponisten Jean-Philippe Rameau eine der ungewöhnlichsten Opern des 18. Jahrhunderts ist. Uraufgeführt wurde das Werk 1745 anlässlich der Hochzeitsfeierlichkeiten von Louis, Dauphin von Frankreich, Sohn König Ludwigs XV., mit Maria Theresia von Spanien. Eigentlich war das Werk für diese Feierlichkeiten nicht vorgesehen – da aber nach einer Absage eine Oper im Festkalender fehlte, wurde kurzerhand Rameau angefragt, der »Platée« in petto hatte. Diesem Umstand ist wohl auch geschuldet, dass zur Überraschung des Publikums eine Handlung zur Aufführung kam, die alles andere als den höfischen Bedürfnissen angemessen erschien: Wird in der Oper doch eine durchaus verlotterte Götterschar um und mit Jupiter (als den sich der Sonnenkönig Ludwig XIV. noch gerne selbst darstellen ließ) vorgestellt, die einer ausgesprochen hässlichen und selbstverliebten Sumpfnymphe einen derben Streich spielt. Dieser Sumpfnymphe – es ist Platée – soll nämlich weisgemacht werden, Jupiter höchstselbst wolle sie heiraten. All dies zur Schadenfreude der Gesellschaft und mit dem Ziel, der stets begründet eifersüchtigen Göttergattin Juno vorzuführen, wie treu ergeben ihr Jupiter doch eigentlich sei. Der Hof war nicht amüsiert – u.a. auch deshalb, weil die Braut des Königs laut öffentlicher Meinung keine Schönheit gewesen sein soll. Die sich in Paris anschließenden Aufführungen ließen »Platée« dann zur erfolgreichsten Oper des Komponisten werden.

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Völlig zu Recht, denn »Platée«, die in vielem nicht nur die beliebten mythischen Stoffe ihrer Zeit, sondern auch die bis dahin von Jean-Baptiste Lully dominierte französische Oper selbst musikalisch parodiert, weist durch ihre virtuose Verflechtung von komischen und tragischen Szenen, mitreißenden Tänzen und Opernhandlung, lautmalerischen Effekten und ungewöhnlichen klangmalerischen Orchesterfarben gleich eine ganze Fülle an Besonderheiten auf. Vor allem aber wurde die Partie der Platée zur höchst anspruchsvollen Paraderolle für das für die französische Barockoper typische Stimmfach des Haute-Contre. Diese »hohen Tenöre« verkörperten üblicher Weise die Opern-Helden und erfolgreichen Liebhaber … in »Platée« unterstreicht das gewählte Stimmfach den parodistischen Aspekt des Werkes.

Paul Agnew, der musikalische Leiter der Dresdner Aufführungen und als Dirigent von »Les Arts Florissants « ein ausgewiesener Spezialist für die französische Barockmusik, stand übrigens selbst unzählige Male als Platée auf der Bühne. Für Regisseur Rolando Villazón ist diese Besetzung – in den Aufführungen der Semperoper singt Philippe Talbot Platée – Ausgangpunkt für seinen Inszenierungsansatz: Platée ist ein Mensch, dessen Geschlechtsidentität offen und mehrdeutig ist. Diese Ambivalenz ist für Platée selbst kein Problem, allerdings für ihre Umgebung. Und so zieht sich Platée in eine Welt voller Fantasy-Figuren zurück, die sie begleiten und ihr Mut zusprechen. Handlungsort ist ein moderner Uni-Campus, auf dem die Geschichte von Platée eine von Andersartigkeit und Fantasie, Ausgrenzung, Mobbing aber auch Freundschaft wird. Rameaus spätbarocke Oper wird so zu einem Spiegel menschlicher Verhaltensweisen, die wir alle aus unserem Leben kennen. 

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Sächsische Semperoper Stiftung ermöglicht Sondervorstellung für Kinder

Am Dritten Advent ermöglicht die Sächsische Semperoper Stiftung gemeinsam mit der Kulturloge Dresden e.V. eine »Nussknacker«-Vorstellung für Kinder. Die Vorstellung des Semperoper Ballett soll den Kindern die Weihnachtszeit versüßen und sie in die zauberhafte Welt der kleinen Marie und ihres Nussknackers entführen. Die Sächsische Semperoper Stiftung lädt herzlich dazu ein, sich in ihrem Netzwerk zu engagieren. Firmen oder Privatpersonen können für diese Vorstellung einen oder mehrere Plätze spendieren.

2 x 2 Fragen

... an Philippe Talbot

Der französische Tenor Philippe Talbot verkörpert die Titelpartie in »Platée«

WAS FÜR EINE FIGUR IST PLATÉE?

Platée ist eine Figur, deren einziges Bestreben es ist, geliebt zu werden. Sie ist allerdings zu positiv und naiv, um zu realisieren, dass jeder sie in Wirklichkeit wie eine Außenseiterin behandelt und sie verhöhnt. In dieser Produktion steht Platée dafür ein, dass sie ein Recht darauf hat, anders zu sein und akzeptiert zu werden.

 

WAS IST AN DER ROLLE DER PLATÉE BESONDERS HERAUSFORDERND?

Platées Rolle ist ohnehin wegen der hohen Stimmlage sehr herausfordernd. In dieser Produktion ist das Stück wegen der modernen Instrumente zudem um einen Ton höher, als ich es normalerweise in der Barockmusik singe. Es ist eine echte »Tour de Force«, ein Kraftakt.

WARUM IST DIESE CIRCA 275 JAHRE ALTE OPER HEUTE NOCH AKTUELL?

»Platée« ist heute noch relevant, weil das Stück von menschlichen Unsicherheiten spricht. Wie sehr Menschen andere zermürben, einander und die Natur zerstören können, ohne darüber nachzudenken. In dieser Inszenierung ist Platée kein Frosch, sondern ein junger Mann, der anstrebt, wie eine junge Frau behandelt zu werden – eben derartige Thematiken von Geschlechtsidentitäten sind heutzutage wichtiger denn je. »Platée« gibt uns die Möglichkeit, über Respekt und Toleranz nachzudenken.

 

WIE WAR DIE ZUSAMMENARBEIT MIT ROLANDO VILLAZÓN?

Es war mir ein großes Vergnügen, mit Rolando zu arbeiten. Er hat ein sehr kommunikatives Naturell und gibt viel von sich selbst in die Proben hinein. Er ist in gleicher Art und Weise Regisseur, wie er Sänger ist: ein positiver, bodenständiger, herzlicher und freundlicher Mensch.


Operngala

Eine ganze Welt im Bühnenbild

Der »Rudi-Häussler-Preis« der Stiftung Semperoper – Förderstiftung geht in diesem Jahr mit Johannes Leiacker zum ersten Mal an einen Bühnenbildner. Mit dem Curt-Taucher-Förderpreis wird die japanische Sopranistin Mariya Taniguchi geehrt

Endlich ist es soweit, und die zuletzt verschobene Operngala mit den Preisträger*innen Johannes Leiacker und Mariya Taniguchi kann stattfinden. Leiacker zählt weltweit zu den gefragtesten Bühnenbildner*innen der Gegenwart, der gleichermaßen im Musiktheater wie im Schauspiel zuhause ist. Seit mehr als 25 Jahren ist Johannes Leiacker regelmäßig als Bühnenbildner und Kostümbildner zu Gast an der Semperoper. Mit bisher dreizehn Produktionen mit sieben verschiedenen Regisseur*innen, darunter in dieser Spielzeit »Norma«, »Rusalka « und die Premiere von »La sonnambula«, gehört er zu den künstlerisch prägenden Partner*innen des Hauses.

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Seine ersten Stationen als Bühnenbildner waren das Nationaltheater Mannheim und das Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen, wo u.a. seine langjährige Zusammenarbeit mit dem Regisseur Dietrich W. Hilsdorf begann. Hinzu kamen bald weitere Arbeitspartnerschaften mit Regisseuren wie Peter Konwitschny, Christof Loy und Guy Joosten. Zweimal erhielt Johannes Leiacker die begehrte Auszeichnung zum Bühnenbildner des Jahres: 2009 für sein Bühnenbild zu »Tosca« in der Inszenierung von Philipp Himmelmann bei den Bregenzer Festspielen (das auch Schauplatz in dem »James Bond«- Film »Ein Quantum Trost« mit Daniel Craig wurde) und 2018 für den Raum für Brigitte Fassbaenders Inszenierung von Richard Strauss’ »Capriccio« an der Oper Frankfurt.

Preisträgerin des Curt-Taucher-Förderpreises 2022 ist die junge japanische Sopranistin Mariya Taniguchi, die bis zur vergangenen Spielzeit Mitglied des Jungen Ensemble der Semperoper war. Unter anderem debütierte sie 2022 eindrucksvoll als Pamina in »Die Zauberflöte« auf der Bühne der Semperoper, ist aber ebenso im zeitgenössischen Repertoire zu Hause und gestaltete mit großer lyrischer Stimme und mit einfühlsamer und sensibler Darstellung den jungen Chinesen in Peter Eötvös’ Musiktheater »Der goldene Drache« in Semper Zwei.

Verliehen werden die Preise im Rahmen einer festlichen Operngala in der Moderation von Star-Sopranistin Annette Dasch. Mit Ausschnitten u.a. aus »Lucia di Lammermoor«, »Rusalka«, »Norma«, »Die Csárdásfürstin« oder »The Rake’s Progress« – allesamt Produktionen, die Johannes Leiacker in Dresden ausgestattet hat – präsentiert sich das Ensemble der Semperoper, begleitet von der Sächsischen Staatskapelle Dresden und dem britischen Dirigenten Jonathan Darlington. 

Juliane Schunke

In Kooperation mit der Stiftung Semperoper – Förderstiftung


Ansichten

Accelerate

Neu erscheinen wird die Ballettbroschüre für die Spielzeit 2022/23. Der Titel »Accelerate« steht für das Beschleunigen nach dem vermeintlichen Stillstand des Kunstbetriebs aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen. Mit dynamischen Bildern präsentiert sich die Company des Semperoper Ballett und gewährt einen Einblick in die Proben für neue Ballettpremieren und Wiederaufnahmen beliebter Repertoirestücke.

kurz und bündig

Einzelverkauf für die »Richard Strauss-Tage« ab 1. Dezember

Vom 2. bis 16. April 2023 finden in der Semperoper Dresden die »Richard Strauss-Tage« statt. Restkarten für die einzelnen Strauss-Vorstellungen, die vorab nur im Paket gekauft werden konnten, gehen am 1. Dezember 2022, 10 Uhr in den Verkauf. Die Karten sind dann sowohl an der Tageskasse, telefonisch oder auch online zu erwerben. Für einige Einzelveranstaltungen, wie den 6. Kammerabend, die Semper Matineen, die Semper Bar »Wie man eine Speisekarte komponiert« und Fenster aus Jazz »Laut & Leise« können bereits jetzt Karten über alle Kanäle erworben werden. 

Träufle Balsam in die Wunden, bis den Frieden wir gefunden ...

Die Oper »Norma« von Vincenzo Bellini gilt als ein Werk des Belcanto. Regisseur Peter Konwitschny legt in seiner Dresdner Inszenierung den politischen Kern dieses Stückes über eine Frau offen, die die Grundfesten ihres Staates erschüttert. Die Auftrittsarie der Titelfigur, »Casta diva«, ist so berühmt, dass man darüber vergisst, dass es nicht um eine Diva geht, sondern dass die Arie eine hochpolitische Ansprache an die Gallier ist. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Die Priesterin Norma fordert im Namen des Kriegsgottes Irminsul immer wieder um Aufschub eines Aufstandes. Sie will den Krieg verhindern, weil sie die heimliche Geliebte des römischen Prokonsuls Pollione ist. Als Norma jedoch herausfindet, dass dieser mit Adalgisa eine Zukunft plant, ruft sie den Krieg aus. 

Vincenzo Bellini, »Norma«


Staatskapelle

Entdeckungsfreude im Advent

Marie Jacquot sticht aus der Gruppe junger Dirigierbegabungen heraus. Für das traditionelle Adventskonzert des ZDF in der Frauenkirche Dresden gibt die Französin ihr Konzertdebüt mit der Staatskapelle

Präzision und bedingungslose Konzentration mit Lust am Musizieren und feinfühliger Leichtigkeit zu vereinen, klingt nach einer Herausforderung, an der man schnell zu scheitern droht. Eine, der dies jedoch immer wieder gelingt, ist die französische Dirigentin Marie Jacquot, die zum diesjährigen Adventskonzert in der Frauenkirche ihr Konzertdebüt bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden gibt.

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1990 in Paris geboren, deutete zunächst alles darauf hin, dass Marie Jacquot eine Karriere als erfolgreiche Tennisspielerin bevorsteht. In ihrer frühen Jugend galt sie als vielversprechendes Talent, nahm bereits an namhaften Turnieren teil. Doch zeitgleich formte sich ihr wachsendes Interesse für Musik, begeisterte sie sich für die Posaune und gab das Tennisspiel letztendlich zugunsten der Musik auf.

Nach dem Posaunenstudium in Paris studierte sie Dirigieren in Wien und Weimar und arbeitete in verschiedenen Meisterkursen mit Dirigenten wie Zubin Mehta, Sir Simon Rattle und Fabio Luisi zusammen. Es folgten Engagements als musikalische Assistentin von Kirill Petrenko und Simeon Pironkoff sowie als 1. Kapellmeisterin und stellvertretende Generalmusikdirektorin in Würzburg. Ab Sommer 2019 war sie drei Jahre lang erste Kapellmeisterin an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg und übernimmt ab der Spielzeit 2024/25 den Posten der Chefdirigentin am Königlich-Dänischen Theater Kopenhagen. Marie Jacquot begeisterte in ihrer jungen Karriere ein Publikum an zahlreichen Opernhäusern und mit verschiedenen Orchestern wie dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks oder den Wiener Symphonikern.

Von dieser Erfahrung und Expertise profitierten auch die Musikerinnen und Musiker der Sächsischen Staatskapelle Dresden bei ihrer ersten Zusammenarbeit mit der Französin. Bei ihrem Semperoper- Debüt mit der Oper »Carmen« im Juni 2022 sowie bei der Wiederaufnahme von Peter Eötvös’ »Der goldene Drache« beeindruckte sie das Orchester durch ihre Klarheit und die subtile Begleitung der Sängerinnen und Sänger. »An ihre Präsenz und verbindliche Art während der gemeinsamen Arbeit im Orchestergraben haben wir die besten Erinnerungen. Deshalb freuen wir uns auf das anstehende Adventskonzert «, resümiert Zoltán Mácsai, Solohornist der Sächsischen Staatskapelle Dresden. 

Julia Meusel

Eine Veranstaltung des ZDF in Koproduktion mit der Stiftung Frauenkirche Dresden, gefördert von der Sparkassen-Finanzgruppe


Staatskapelle

Ins neue Jahr mit der Neunten

Christian Thielemann dirigiert Beethovens bekanntestes Werk zum Jahreswechsel – das ZDF überträgt am 29. Dezember 2022, 22.15 Uhr

Sie ist die berühmteste Symphonie der Musikgeschichte, flammendes Manifest höchster Ideale, Krönung eines außergewöhnlichen Schaffens, Europahymne und Welterbe: Ludwig van Beethovens Symphonie Nr. 9. An vielen Orten erklingt »die Neunte«, wie sie meist bewundernd genannt wird, am Jahresende – so auch 2022 beim von Christian Thielemann dirigierten Silvesterkonzert der Staatskapelle Dresden, das traditionell vom ZDF übertragen wird.

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Der Brauch, den Jahreswechsel mit diesem Werk zu feiern, geht auf Arthur Nikisch zurück: Der dirigierte am 31. Dezember 1918 in Leipzig vor tausenden Arbeitern die Symphonie zu einer »Friedensfeier«, bei der das »Freudenthema« um Mitternacht erklang. So wurde Nikisch zum Geburtshelfer einer Tradition, die schnell in aller Welt Fuß fasste.

Dank Film (»Clockwork Orange«) und Pop (»Song of Joy«) ist die Neunte mittlerweile auch weit abseits der Klassikwelt bekannt. Dennoch lohnt es sich, dieses radikale Werk so zu erleben, als hörte man es zum ersten Mal: Dann nämlich fühlt man die existenzielle Wucht der Uraufführung, als dem Publikum angesichts des Einsatzes menschlicher Stimmen im Finale und völlig unvorbereiteter harmonischer Wendungen regelrecht der Atem stockte, weil Beethoven die musikalische Gattung der Symphonie aus den Angeln hob.

Dieser Neuerung geht schon in den ersten drei Instrumentalsätzen eine Entwicklung voraus. Sie entfalten unterschiedliche Ausdrucksbereiche, auf die der Schlusssatz Bezug nimmt. Damit das funktioniert, musste Beethoven am absoluten Nullpunkt beginnen: Die leeren Pianissimo-Quinten der ersten Takte sind der Rahmen, in dem unablässig aus dem Nichts Gedanken geformt und wieder verworfen werden. Auch die Binnensätze liefern zahlreiche unaufgelöste Widersprüche.

Doch welches Finale könnte diese Konflikte lösen? Die Klage des Bassisten »O Freunde, nicht diese Töne« führt in den Jubelruf »Freude, schöner Götterfunken«, für den Beethoven ein simples Thema in D-Dur fand. Es ist die Grundlage für einen außergewöhnliches Schlusssatz: Einerseits gleicht das Finale einer Kantate, andererseits ist es wie eine »Symphonie in der Symphonie« geformt. »Beethovens Genie hat seine ganz eigene Welt erschaffen«, urteilte dazu ein Rezensent der Uraufführung vom 7. Mai 1824.

Hagen Kunze


Historisches Archiv

Strauss-Interpretin der ersten Stunde

Fünf Künstlerinnen, die an der Dresdner Staatsoper Musikgeschichte geschrieben haben, Teil 2: Heute blicken wir rund 100 Jahre zurück auf die international gefeierte Sopranistin Eva Plaschke-von der Osten

Anfang September, vor nur wenigen Wochen, tauchte ein interessantes Dokument auf dem internationalen Kunstmarkt auf. Das Wiener Dorotheum versteigerte den Nachlass der berühmten Sopranistin Edita Gruberová, einer großen Künstlerin, deren konzertante Gastspiele den Dresdner Belcanto-Liebhaber*innen unvergessen bleiben werden. Was das mit der Hauptperson unserer aktuellen Ausgabe zu tun hat? Nun, ganz einfach, die Gruberová besaß ein Stück Dresdner Musikgeschichte: ein Portrait Richard Strauss’, gezeichnet von Leonhard Fanto, gewidmet Eva Plaschke-von der Osten.

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»Der lieben, stets verehrten Eva von der Osten-Plaschke Octavian – Ariadne – Salome und so weiter in wärmster Dankbarkeit Richard Strauss.«

So schrieb der Komponist am 12. Januar 1916 auf das Blatt, das kürzlich in Wien versteigert wurde. An jenem Tag debütierte Eva Plaschke-von der Osten in Dresden als Salome in der Neuinszenierung des Regisseurs Alexander d’Arnals und unter der Musikalischen Leitung Fritz Reiners. Der Komponist war bereits zur Generalprobe am Tag vor der Premiere angereist, um sich von der Wirkung seiner vorangegangenen Umarbeitungen der Partitur zu überzeugen. Zur leichteren Singbarkeit hatte er einige Stellen der Titelpartie eigens für Eva Plaschke-von der Osten bearbeitet. Wie emphatisch er dabei auf die Sängerin einging, zeigt ein Brief, den er im Dezember 1915 an die Sopranistin sandte: »Ziffer 125 bis 127 nicht ändern. Stelle sehr stark im Orchester, im Affekt sind Sie um diese hohe Lage froh.« Auch die Presse urteilte nach der Premiere, die »Punktierungen« (also die Tieferlegung einzelner Stellen) der Salome-Partie seien ohne einen vergleichenden Blick in die Partitur gar nicht zu bemerken gewesen. Was dem Premierenpublikum allerdings aufgefallen sein dürfte, ist, dass Eva Plaschke-von der Osten als erste Sängerin in Dresden den berühmt-berüchtigten Schleiertanz selbst aufführte. Zur Erarbeitung der Choreografie stand ihr die Ausdruckstänzerin Mitzi Reiser aus der Hellerauer Schule von Émile Jaques-Dalcroze zur Seite. Die Aufführung geriet zu einem großen Erfolg: »Der Gesamteindruck von Eva Plaschkes Salome war in jeder Hinsicht jedenfalls ein so außerordentlicher, wie es dem Range der Künstlerin entspricht«, urteilten die Dresdner Nachrichten. Diesen »Rang« hatte sich Eva Plaschke-von der Osten von Grund auf erarbeitet.

Ihre Karriere begann 1903 mit dem Engagement am Königlichen Hoftheater. Bereits 1910 wurde sie zur Kammersängerin ernannt und mit der Partie des Octavian in der Uraufführung »Der Rosenkavalier « gab sie 1911 ihre Empfehlung als Strauss-Interpretin. Bei Gastspielen in den europäischen und nordamerikanischen Opernmetropolen feierte sie mit den Werken von Richard Strauss und Richard Wagner internationale Erfolge. Doch diese beruhten nicht allein auf ihren stimmlichen Qualitäten. Es war ihre große darstellerische Begabung, mit der Eva Plaschke- von der Osten die Dresdner Opernaufführungen über 25 Jahre lang prägte. Als sie 1936, nur 54-jährig, starb, war die Anteilnahme der Musikwelt groß. Zur Beisetzung auf dem Tolkewitzer Friedhof sandte Richard Strauss einen Kranz blauer Hortensien, der in dem Blumenmeer besonders auffiel. Er trug die Aufschrift »Meinem unübertrefflichen Octavian«. Dank der Schellack-Aufnahmen, die 1911 mit der Uraufführungsbesetzung angefertigt wurden, können wir uns noch heute von ihrer Kunst überzeugen.  

Elisabeth Telle


Education

Schlau – schlauer – kreativ!

Von Dezember bis Januar wird die neue Kinderoper »Das schlaue Gretchen« zu erleben sein – in einer Inszenierung, die sich nicht nur an Kinder richtet, sondern die sogar Ideen der Zielgruppe auf die Bühne bringt

Am 22. Dezember feiert die Kinderoper »Das schlaue Gretchen« Premiere in Semper Zwei. Doch wer bestimmt eigentlich, was »schlau« ist und was nicht? Bedeutet Schlausein automatisch immer, in richtig und falsch unterteilen zu können?

Nein! Denn Schlausein bedeutet nicht, einen Quotienten berechnen zu können, zu wissen, wo die Sonne auf- und wo sie wieder untergeht, oder die Gezeiten zu verstehen. Es gehört viel mehr dazu – wie zum Beispiel Vorstellungskraft oder Fantasie! Das weiß auch unser schlaues Gretchen. Denn nur mit ausreichend Fantasie ist es ihr möglich, die schwierigen Rätsel zu lösen, die ihr der König aufgibt.

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Aber nicht nur Gretchen wird kreativ werden – ebenso unsere Projektklasse. Insgesamt 25 Schüler* innen der 63. Grundschule Dresden beschäftigen sich noch vor Probenbeginn mit den Rätseln der Kinderoper. Mit Zetteln und Stiften, Aufnahmegeräten, grenzenloser Fantasie und kindlichem Übermut stellen auch sie sich den Aufgaben des Königs und rätseln, wie man jemanden auf ungewöhnliche Weise besuchen kommen kann: nicht gefahren, nicht gelaufen, nicht bekleidet und nicht nackt, nicht beschuht und nicht barfuß, mit und ohne Geschenk. Wie das funktionieren soll?

Die Ideen sind reichlich: Nicht fahren und nicht laufen, da könnte sich Gretchen doch wie ein menschlicher Drache an ein Auto hängen und durch die Luft fliegen. Oder sie schraubt sich einen Propeller auf den Kopf, denn »dann fliegt man zwar, aber irgendwie ist das ja auch fahren«, meint eine Schülerin. Und wenn sie dann noch ein tolles Geschenk einpackt, das außer ihr niemand sehen kann, weil es unsichtbar ist, sei auch eine weitere Aufgabe gelöst. »Oder wenn es kaputt ist! Dann ist es ein Geschenk, aber eigentlich auch nicht, denn es ist ja kaputt.«

Die kreativen Lösungen der Kinder werden direkt in die Inszenierung eingebunden, und so werden auch ihre Ideen ab dem 22. Dezember in Semper Zwei zu sehen und zu hören sein! Wer also wissen möchte, was den Kindern sonst noch so einfällt und wie sie mit ihren Ideen Gretchen helfen, das Königreich für sich zu gewinnen, muss im Dezember in unsere Spielstätte Semper Zwei kommen! 

Martin Smolka, »Das schlaue Gretchen«


Opernvogel

Unbeschwert und frei?

Auch wenn Julia Romeo davon zu überzeugen sucht, es sei die Nachtigall und nicht die Lerche, die ihre Stimme nach der gemeinsam in Liebe verbrachten Nacht erhebt, so widmen wir uns heute hier dann doch der Lerche. Die recht kleinen Vögel und Bodenbewohner sind gut getarnt, ihr Gefieder ist meist unauffällig erdfarben. Bekannt ist die Lerche vor allem durch ihren variationsreichen und wohltönenden Gesang – endlich mal wieder ein perfekter Opernvogel, auch wenn wir ihn hier unserer Ballettpremiere zuordnen. Zum Ballettvogel macht die Lerche dann vielleicht, dass sie ihren Gesang meistens im Flug vorträgt: Mittels einer speziellen Atemtechnik schafft der kleine Vogel es, mehrere Minuten durchzusingen und das teils fliegend in großer Höhe. Wussten Sie, dass Lerchen und andere Singvögel vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert beliebte kulinarische Spezialitäten waren? Leipzig war einer der Hauptumschlagpunkte für Lerchen in Mitteldeutschland. Erst 1876 wurde die Lerchenjagd offiziell vom sächsischen König verboten. Daraufhin erfanden die Leipziger Bäcker und Konditoren ein süßes Gebäck, das eine beliebte Zubereitungsart der Lerchen in Pasteten nachahmte. In der Traumdeutung wird die Lerche gern als ein Symbol für Unbeschwertheit und Freiheit gesehen. Darüber hinaus gilt sie als Omen für ein angenehmes Liebeserlebnis, womit wir wieder bei »Romeo und Julia« wären … 

David Dawson, »Romeo und Julia«

Zuschauerfrage

WESHALB WIRD DER GEFÄNGNISWÄRTER »FROSCH« IN DER OPERETTE »DIE FLEDERMAUS« MIT EINEM SCHAUSPIELER BESETZT?

Als Frosch in »Die Fledermaus« ist Wolfgang Stumph an der Semperoper seit der Premiere im Jahr 2002 zu erleben. Ganz Deutschland kennt den Schauspieler unter anderem als den Prototypen des Sachsen – im Kabarett, im Fernsehen und im Kino. Da es sich bei der Rolle des Gefängniswärters um eine Sprechrolle handelt, ist sie nicht im ursprünglichen Libretto, das nur Gesangstexte enthält, festgeschrieben. Die Rolle des Gefängniswärters wurde erst nach der Uraufführung der »Fledermaus« entwickelt und danach in zahlreichen Varianten mit großer Regie- und Textfreiheit umgesetzt. Es soll Zuschauer*innen geben, die nur wegen des dritten Aktes und des ewig angeheiterten Gefängniswärters zu jeder Vorstellung kommen.

Sie fragen, wir antworten: Schicken Sie uns Ihre Fragen rund um die Semperoper per Post an Semperoper Dresden, Kommunikation & Marketing, Theaterplatz 2, 01067 Dresden oder per E-Mail an marketing@semperoper.de


Lieblingsmoment

Der fliegende Vogel mit seinen rollenden Augen

»Mein musikalisches Highlight in der ›Zauberflöte‹ ist eine Nummer, in der ich selbst gar nicht singe: das Terzett ›Soll ich dich, Teurer, nicht mehr sehn?‹ von Pamina, Tamino und dem würdevollen Sarastro. Tamino hat sich zu einem Erwachsenen entwickelt, aber noch wichtiger ist, dass die drei ihre innige tiefgründige Verbindung verstehen. Dass unmittelbar danach Papageno ›Tamino! Tamino! willst du mich denn gänzlich verlassen?‹ ruft, zeigt deutlich, dass die Freundschaft zwischen ihm und dem Prinzen nun auch gewachsen ist. Inszenatorisch ist für mich mein erster Auftritt mit dem fliegenden Vogel mit seinem Papageienschnabel und den rollenden Augen in circa 4 Meter Höhe ein absoluter ›Wow‹-Effekt. Vor der ersten Vorstellung konnte ich die Fahrt einmal ausprobieren. Für mich war es wichtig, die Sicherungssysteme zu kennen, doch es bleibt bei jeder Vorstellung ein Adrenalin-Moment. Es kann so viel schief gehen: Zum Beispiel könnte ich steckenbleiben und vor Schreck das Singen vergessen … Multitasking at its best.« Michael Nagy, Papageno in »Die Zauberflöte«

Wolfgang Amadeus Mozart, »Die Zauberflöte«


Premierenrezept »Romeo und Julia«

Risotto all’Amarone

Rotes veronesisches Risotto

ZUTATEN (vier Portionen)
240g Risotto-Reis (Vialone Nano), 50g geriebenen Käse (Monte Veronese), 1 Schalotte, 800ml Gemüsebrühe, 240ml Rotwein (Amarone della Valpolicella), 60g Butter, Salz

Heute präsentieren wir Ihnen ein Rezept aus Verona – Romeo und Julia hätten ihre Freude daran! Es handelt sich um ein simples Risotto, das natürlich mit einer Salatbeigabe, Fisch oder Fleisch ab libitum erweitert werden kann. Risotto all’Amarone ist ein durch und durch veronesisches Gericht: Sowohl der Reis als auch der Wein Amarone della Valpolicella und der Käse Monte Veronese sind Zutaten aus der Gegend um Verona. Natürlich steht es Ihnen frei, einen anderen Risotto-Reis oder statt des hier vorgeschlagenen Monte Veronese einen Parmesan oder Grana Padano zu verwenden, wir aber haben uns mit unseren Zutaten ganz der norditalienischen Stadt verschrieben:

Die fein gehackte Schalotte wird in 30 Gramm Butter angedünstet und anschließend der Reis hinzugefügt. Diesen braten Sie unter Rühren an, bis er glasig geworden ist. Dann geben Sie den Amarone und etwas Salz hinzu und lassen den Reis die Flüssigkeit aufsaugen. Anschließend fügen Sie nach und nach die heiße Brühe hinzu und köcheln das Risotto, bis der Reis »al dente« weichgekocht ist. Zum Abschluss rühren Sie die restliche Butter und den Monte Veronese unter, lassen das Risotto noch zwei Minuten ruhen, servieren ein rotes Risotto und träumen von Verona oder von Romeo oder Julia! 

Susanne Springer

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