»Semper!«-Magazin

EINS 2022/23

Liebes Publikum,

herzlich willkommen zu einer dichten und aufregenden Spielzeit 2022/23! Gleich zu Beginn der neuen Saison starten wir mit dem Uraufführungsprojekt »chasing waterfalls«, das sich auf ungewöhnliche Weise mit dem Einfluss und der Bedeutung von Künstlicher Intelligenz auf unser Leben, aber auch auf die Kunstproduktion selbst, auseinandersetzt. Erleben Sie mit, wie sich die Semperoper in ein Experimentalstudio verwandelt und sich zum ersten Mal Künstliche Intelligenz komponierend, dichtend und singend auf einer Opernbühne zu Wort meldet.

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Ganz ohne virtuelle Realität, sondern leibhaftig im Hier und Jetzt verortet, deutet die junge Regisseurin Barbora Horáková nach ihren Arbeiten in Semper Zwei – »Der goldene Drache« und »Die kahle Sängerin« – für uns »La traviata« neu. Ein Werk, in dem tödliche Krankheit und der gleichzeitige unbedingte Wille, das Leben frei zu leben, zentral sind.

Unter den Wiederaufnahmen freue ich mich besonders über die Wiederbegegnung mit zwei selten gespielten Werken, die in meinen ersten Spielzeiten ihre Premiere erlebten: Giacomo Meyerbeers »Les Huguenots/ Die Hugenotten« sowie Gioachino Rossinis »Il viaggio a Reims/ Die Reise nach Reims«. Während »Les Huguenots« in der Inszenierung von Peter Konwitschny die Religionskonflikte um die Bartholomäusnacht thematisiert, verhandelt Laura Scozzis Deutung von »Il viaggio a Reims« aus dem Jahr 2019 auf unnachahmliche Art das politische Verhältnis zu Europa.

Zum Abschluss möchte ich Sie noch auf zwei besondere Termine hinweisen: Am 8. September startet der Vorverkauf für die »Richard Strauss-Tage in der Semperoper«. Es erwartet Sie während der Ostertage 2023 ein dichtes Programm aus Oper und Konzert in exzellenter Besetzung unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann, Omer Meir Wellber und Jakub Hrůša.

Am 15. September kommt der Tanzfilm »Dancing Pina« in die deutschen Kinos. Diese Dokumentation über die Arbeit der nächsten Tanz-Generation mit den Werken von Pina Bausch wurde in wesentlichen Teilen mit dem Semperoper Ballett während der Einstudierung von Pina Bauschs »Iphigenie auf Tauris« gedreht. Ein intimer Einblick in die Welt des Tanzes und eine große Ehre für unsere Company.

Last but not least begrüße ich unsere neue Kolumnistin des »Semper!«-Magazins, Katharina Adler. Die junge Autorin hat zuletzt mit ihren Romanen »Ida« und »Iglhaut« für Aufmerksamkeit gesorgt und begleitet uns während der Spielzeit mit gespitzter Feder … 

Ihr
Peter Theiler
Intendant der Sächsischen Staatsoper Dresden


Ansichten

Die Nase

In Dmitri Schostakowitschs Oper »Die Nase« nach der Novelle von Nikolai Gogol erwacht Kollegienassesor Kowaljow eines Morgens ohne seine Nase. Der verzweifelte, weil ohne Riechorgan vermeintlich charakterlose Kowaljow sieht sich nicht nur dem Hohn und Spott seiner Mitmenschen ausgesetzt, sondern beißt sich an der vorherrschenden Bürokratie die Zähne aus. Bis die Nase auf einmal wieder da ist … Mit Tanzmusik, Balaleikaklängen, russischer Kirchenmusik und dem ersten reinen Schlagzeugstück der Musikgeschichte in einer Oper stehen in Schostakowitschs Oper Tragisches und Komisches, Reales und Fantastisch- Traumhaftes unvermittelt nebeneinander. 


Saison 2022/23

»Jeder Tag ist Theatertag!«

Zum Spielplan der Saison 2022/23

»Jeder Tag ist Theatertag!«, das gilt besonders für die fünfte Spielzeit von Intendant Peter Theiler. Denn unter den Produktionen finden sich mit der KI-Oper »chasing waterfalls« und der Ballettkreation »Romeo und Julia« von David Dawson wieder zwei Uraufführungen. Mehr noch, die weiteren Neuproduktionen spannen von Claudio Monteverdis »L’Orfeo «, Vincenzo Bellinis »La sonnambula«, Giuseppe Verdis »La traviata« bis hin zu Pjotr I. Tschaikowskys »Pique Dame« nicht nur einen großen Spannungsbogen von den Anfängen der Oper bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, sondern sind zum ersten Mal (wie »L’Orfeo« in der Originalfassung) oder seit sehr langer Zeit wieder zu erleben: Wer hätte gedacht, dass Bellinis Meisterwerk des Belcanto, »La sonnambula«, zuletzt 1893 in der Semperoper gezeigt wurde, oder Tschaikowskys »Pique Dame« 1947 die letzte Neuproduktion erlebte? »Pique Dame« wird übrigens von dem renommierten Film- und Opernregisseur Andreas Dresen in Szene gesetzt, Rolando Villazón kehrt nach »Platée« mit »La sonnambula« an die Semperoper zurück und der Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan deutet »L’Orfeo« – musikalisch unterstützt von dem Spezialisten für Alte Musik Wolfgang Katschner und der lautten compagney BERLIN.

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In Semper Zwei werden mit Aribert Reimanns »Die Gespenstersonate«, Martin Smolkas »Das schlaue Gretchen« sowie dem Trash-Musical »The Toxic Avenger« konsequent zeitgenössische Werke für alle Altersstufen gezeigt. Vor allem aber finden sich unter den Wiederaufnahmen auf beiden Bühnen allein achtzehn Werke, die in den vergangenen Jahren neu inszeniert wurden. Manches davon sind Repertoire-Erneuerungen wie die Inszenierungen von »Die Zauberflöte«, »Aida« und »Madama Butterfly«, Werke von Richard Wagner und Richard Strauss wie »Die Meistersinger von Nürnberg« und »Ariadne auf Naxos«, musikalische Referenzen an unsere Nachbarn wie »Rusalka« und viele Werke, die in Dresden an der Semperoper sehr lange nicht mehr oder noch nie zu erleben waren: »Die Hugenotten«, »Die Nase«, »Norma« oder »Il viaggio a Reims«, »Platée«, »Weiße Rose« und »4.48 Psychose«.

Nicht zu vergessen, dass nicht nur der »Ring«-Zyklus unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann wiederaufgenommen wird, sondern auch, dass nach vielen Jahren der Pause wieder »Richard Strauss-Tage in der Semperoper« mit einem erlesenen Programm angeboten werden.

Auch Aaron S. Watkin bleibt mit dem Semperoper Ballett seiner Linie der Erneuerung treu. Neben der bereits erwähnten Neudeutung von »Romeo und Julia« durch David Dawson kommt der mehrteilige Abend »White Darkness« zur Premiere: eine spannungsreiche Zusammenstellung wichtiger zeitgenössischer Handschriften von William Forsythe mit »The Second Detail«, Sharon Eyal mit »Half Life« und Nacho Duato mit dem titelgebenden »White Darkness«. 

Johann Casimir Eule

Nahaufnahme

Anhängsel

Auf unserer Nahaufnahme ist der sogenannte »Obijime« zu erkennen. Dabei handelt es sich um eine Art Kordel, die dafür sorgt, dass sich der Obi (Gürtel) nicht lockert und an Halt verliert. Beim Binden des Obis wird die Obijime außen um den Obi herumgelegt und vor dem Bauch verknotet. Obijime finden sich in den meisten Kimono-Ensembles in einer großen Vielfalt an Designs, Farben, Formen und Stoffen. Ebenfalls zu sehen ist ein »Sagemono« (Hängesache). Da die japanischen Kimonos keine Taschen hatten, konnte eine Art Säckchen oder Schachtel über eine Schnur mit einem Netsuke (Gürtelgewicht) am Obi befestigt werden. Der japanische Stardesigner Kenzō Takada (†) entwarf die Kostüme für die Inszenierung »Madama Butterfly«, einer Koproduktion mit der Tokyo Nikikai Opera Foundation, dem Det Kongelige Teater, Kopenhagen und der San Francisco Opera. Kenzō war bekannt dafür, die traditionelle Kleidung seiner Heimat mit nach Europa gebracht zu haben und diese zur Grundlage seiner Entwürfe zu machen. Dies spiegelt sich auch in seinen Kostümentwürfen für »Madama Butterfly« wieder. 

Premiere

Wenn ja, wie viele?

Zum ersten Mal dichtet, komponiert und singt eine Künstliche Intelligenz live auf der Bühne. Zur Uraufführung der KI-Oper »chasing waterfalls«

Als der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht 2007 in seinem Buch »Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?« fragte, verband er mit seiner philosophischen Reise Fragestellungen zu unserem Bewusstsein und Verhalten unter Berücksichtigung neuerer psychologischer und neurobiologischer Erkenntnisse. Getragen war das Buch von der Überzeugung, dass der Mensch sein Denken trainieren, fortschreitend Selbsterkenntnis erlangen und somit Gestaltungshoheit über ein bewusst geführtes Leben erringen kann. Kurz gesagt mit René Descartes: »Cogito ergo sum.« Diese Hoffnung mag heute noch ihre Gültigkeit besitzen. Allerdings stellt sich 15 Jahre nach Erscheinen von Prechts Buch die Frage nach dem »Wer denkt – und wenn ja, wie viele bin ich?« angesichts der rasanten Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz und ihrer Durchdringung unseres Alltags völlig neu.

Hier setzt das Projekt »chasing waterfalls« an, das die Semperoper zusammen mit dem Künstlerkollektiv phase7 performing.arts Berlin, dem Studio for Sonic Experiences kling klang klong, dem KomFoto: Hajo Rehm ponisten und Dirigenten Angus Lee aus Hongkong, der Autorin Christiane Neudecker sowie mit der technischen Unterstützung und der Entwicklungskompetenz von T-Systems MMS zur Uraufführung bringt.

 

Animation von zwei schwarzen, virtuellen Gesichtshälften, in deren Mitte ein silberfarbenes virtuelles Gesicht erscheint. Im Hintergrund Zahlen und Zeichen von Computercode.

NOT CONVINCED YOU ARE NOT A ROBOT
Der Einstieg in das Geschehen ist dabei denkbar alltäglich, wenn nicht gar trivial: Kaum erwacht, versucht sich das theatrale Ich morgens in seinen Computer einzuloggen, wie es Millionen Menschen täglich machen. Allerdings gerät die notwendige Identifikation für den Zugang zum Computer zur Konfrontation mit der Frage nach dem eigenen Sein. Denn die Maschine stellt lakonisch fest: »Not convinced you are not a robot.« Künstliche Intelligenz entscheidet, wer und was ich bin?

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Das Einloggen gelingt schließlich und entführt das Ich in die virtuelle Welt seiner Digital Twins, Abkömmlinge des eigenen Ichs, die im virtuellen Raum als (spät-)romantische Abspaltungen Facetten des Ichs spiegeln: die Sehnsucht nach Erfolg, der ewig nagende Zweifel, die Verheißung des Glücks, der trügerische Schein, das forschende Kind.

Bei so vielen unterschiedlichen Interessenslagen, der Konfrontation des Realen Ichs mit seinem Alter Ego, dem Virtuellen Ich, und auch noch der Intervention der Künstlichen Intelligenz, die sich in einem Moment der Inspiration selbst singend, dichtend und komponierend der Szene bemächtigt, bleibt das Chaos im Rauschen des digitalen Datenstroms nicht aus. Wer wird in dem Ringen um Existenz jenseits des Virtuellen die Oberhand behalten?

Es erwarten uns in jedem Fall 70 intensive Minuten Klang- und Bilderstrom, in dem das Kreativteam der Künstlergruppe phase7 alle Register der akustischen und audiovisuellen Inszenierung nutzt, um das immersive Eintauchen der Zuschauer*innen in die Welt des Klang-Raum-Experiments »chasing waterfalls« zu ermöglichen.

Also alles nur Technik und Computer? Nein, »chasing waterfalls« bleibt eine Oper, und die künstlerischen Akteur*innen auf der Bühne und im Orchestergraben sind überwiegend menschlich und agieren live. Die insgesamt sechs Darsteller*innen werden durch die KI auf der Szene um eine siebte »Existenz« erweitert. Insgesamt neun Instrumentalisten der Sächsischen Staatskapelle spielen, ergänzt durch Live-Elektronik sowie visuelle Medien.

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ ALS MITSCHÖPFERIN
Die Bedeutung der Künstlichen Intelligenz für »chasing waterfalls« greift dabei tiefer. Nicht nur, dass sie selbst Thema des Werkes ist und durch einen aufwendigen Deep Learning-Prozess derart trainiert wurde, dass sie quasi in Echtzeit zusammen mit den anderen Figuren auf der Bühne agiert. Künstliche Intelligenz wurde bereits im Entstehungsprozess als Mitschöpferin des Werkes eingebunden. So hat nicht nur die Autorin Christiane Neudecker für das Libretto mit Textgeneratoren experimentiert, sondern auch Maurice Mersinger mit seinem Team von kling klang klong für die elektronische Musik und die Stimme des Virtuellen Ich einen Algorithmus trainiert.

An der visuellen Umsetzung wirken die Videokünstler Frieder Weiss und Ployz sowie das Berliner Design-Studio Eigengrau mit. Zentrale Elemente des Bühnenbildes sind unter anderem ein echter Wasserfall sowie eine acht Meter hohe kinetische Lichtskulptur aus LED-Panels, die über der Bühne hängt und die KI personalisiert. Vor allem aber kann das Publikum selbst Teil der Szenografie werden: Vor jeder Aufführung werden von bereitwilligen Besucher*innen die Gesichter mittels 3D-Face-Scan aufgenommen, anschließend mithilfe Künstlicher Intelligenz verändert und in das Bühnenbild integriert.

Szenisch zusammengehalten wird der gesamte Kreativprozess von Sven Sören Beyer, dem Künstlerischen Leiter von phase7 und Regisseur der Produktion. Als Komponist und Dirigent von »chasing waterfalls« konnte zudem Angus Lee aus Hongkong gewonnen werden. Mit seinen knapp 30 Jahren blickt Angus Lee bereits auf eine beachtliche Karriere als Flötist, Dirigent und Komponist zeitgenössischer Musik zurück. Seine Ausbildung führte ihn über Hongkong und London auch nach Deutschland. Seine Werke wurden bisher von namhaften Ensembles wie u.a. dem Ensemble Intercontemporain oder dem Ensemble Modern aufgeführt, »chasing waterfalls« ist seine erste Oper. Wie überhaupt bei dieser Opernuraufführung vieles zum ersten Mal geschieht!  

Johann Casimir Eule

Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selbst nicht mehr zweifeln.

RENÉ DESCARTES, »MEDITATIONES DE PRIMA PHILOSOPHIA«, 1641
chasing waterfalls

Künstliche Intelligenz oder: Wo und wer spielt in Zukunft die Musik?

Dialog zu Aspekten der KI für Kunst, Technik und Gesellschaft In Kooperation mit T-Systems MMS GmbH

Anlässlich der Uraufführung der KI-Oper »chasing waterfalls« veranstaltet die Semperoper zusammen mit T-Systems Multimedia Solutions den Dialog »Künstliche Intelligenz oder: Wo und wer spielt in Zukunft die Musik?«. Eingeladen werden Expert*innen aus Kultur, Gesellschaft und Forschung, die sich mit den Möglichkeiten und Auswirkungen des Einsatzes Künstlicher Intelligenz für unser Leben, die Kunst und das soziale Miteinander visionär und kritisch auseinandersetzen. Denn eines scheint klar: Wir sind längst in der Zukunft angekommen, in vielen Bereichen – nicht nur in »chasing waterfalls« – spielt KI bereits die Musik …

11. September 2022, 11 Uhr, Semperoper
Moderation: Steffen Wenzel
Kostenfreie Einlasskarten sind an der Tageskasse in der Schinkelwache erhältlich.

kurz und bündig

Vorverkauf für die »Richard Strauss-Tage in der Semperoper« startet

Vom 2. bis 16. April 2023 finden in der Semperoper Dresden die »Richard Strauss-Tage« statt. Karten für die Vorstellungen können zunächst nur im Paket erworben werden. Der Vorverkauf startet am 8. September, 10 Uhr und läuft bis 18. September 2022. Die Pakete können ausschließlich schriftlich (E-Mail, Fax, Brief, Bestellschein) für die Plätze in den Platzgruppen Loge sowie Platzgruppe 1 bis 6 bestellt werden. Restkarten für die Einzelvorstellungen gehen am 1. Dezember 2022, 10 Uhr in den Verkauf.

Premiere

Leben für den Augenblick

Die Semperoper bringt mit der Inszenierung von Barbora Horáková Joly eine neue Interpretation von »La traviata« auf die Bühne. Mit dem Dirigat von Giuseppe Verdis Klassiker gibt der italienische Dirigent Leonardo Sini sein Debüt in Dresden

Die Oper »La traviata« ist ein Klassiker des Opernrepertoires, der auch aus dem Spielplan der Semperoper nicht wegzudenken ist. Im Oktober erfährt dieses außerordentliche Musikdrama mit der Inszenierung der international erfolgreichen tschechischen Regisseurin Barbora Horáková Joly eine neue bildgewaltige, ganz auf das Lieben, Kämpfen und Sterben der Kurtisane Violetta Valéry ausgerichtete Lesart.

»La traviata« heißt wörtlich übersetzt »Die vom Wege Abgekommene«. Giuseppe Verdis 1853 in Venedig uraufgeführtes Werk galt als unerhört modernes, zeitgenössisches Stück, das das Publikum gleichermaßen faszinierte wie empörte: Die Edel-Prostituierte und Dame der Pariser Halbwelt, Violetta Valéry, zudem noch an Tuberkulose erkrankt, steht im Mittelpunkt der tragischen Handlung. Sie verliebt sich gegen jede Regel in den jungen, mittellosen Alfredo, mit dem sie eine kurze Zeit des Glücks erlebt. Doch auf Drängen von Alfredos Vater und mit Hinweis auf ihre für Alfredo kompromittierende gesellschaftliche Stellung verzichtet die Kurtisane schließlich aus Liebe zu ihm auf dieses Glück. Von Alfredo, der von diesem Opfer nichts weiß, wird sie dafür in aller Öffentlichkeit gedemütigt. Erst auf ihrem Sterbebett finden die beiden wieder zusammen.

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Kurtisanen waren in der Pariser Gesellschaft dieser Zeit ein durchaus vertrauter Anblick. Von den feinen Damen wurden sie nur versteckt aus dem Augenwinkel beobachtet und von ihren Freiern oft mit verletzender Herablassung behandelt. Nur so lange eine Kurtisane schön, verführerisch und makellos war, galt sie als Schmuck eines Mannes, der ihren aufwendigen Lebensstil finanzierte. War dies nicht mehr der Fall, zog man sich diskret zurück und überließ die Frau ihrem Schicksal. Wie zuvor in »Rigoletto« (1851) und »Il trovatore« (1853) stellte Verdi mit Violetta Valéry eine von der Gesellschaft geächtete und abgelehnte Person ins Zentrum des Geschehens. Um die deutliche Konfrontation des Publikums mit den eigenen gesellschaftlichen Gegebenheiten abzuschwächen, wurde die Handlung der Uraufführung von der Theaterleitung des La Fenice und trotz Verdis Protest kurzerhand ins frühe 18. Jahrhundert verlegt. Auch der ursprüngliche Titel »Amore e morte« (Liebe und Tod) schien der Zensur zu ungeschminkt und erhielt mit »La traviata« eine poetischere Umschreibung.

Die Geschichte von Violetta Valéry basiert auf dem wahren Leben der berühmten Pariser Kurtisane Marie (Alphonsine) Duplessis. Die kurze, unglückliche Liaison mit der schönen Frau und ihren frühen Tod an Tuberkulose Mitte der 1840er Jahre verewigte der Schriftsteller Alexandre Dumas d. J. in seinem Roman »La Dame aux camélias« (Die Kameliendame, 1848). Ob Marie tatsächlich eine Vorliebe für Kamelien hegte, oder dies eine Erfindung Dumas’ für seine Romanfigur Marguerite Gautier war, ist nicht bekannt. Im Roman jedenfalls verliebt sich Marguerite in den jungen Armand Duval und überreicht ihm zum Zeichen ihres baldigen Wiedersehens eine Kamelie. Um seiner Geschichte den Anschein einer wahren Begebenheit zu geben – bei der Leserschaft dieser Zeit sehr beliebt – erfand Dumas einen Erzähler, der dem jungen Duval in Paris begegnet und sich dessen Liebesgeschichte erzählen lässt: Armand war nicht in Paris, als Marguerite starb, und berichtet dem Erzähler nun in der Rückschau von seiner kurzen, intensiven Beziehung mit ihr. Beinah wahnsinnig vor Liebe und Schmerz lässt Armand ihren Leichnam sogar exhumieren, um sie noch einmal sehen zu können. Verdi war begeistert von dem Roman und seiner Drastik. Aber erst durch das 1852 aufgelegte Bühnenstück Dumas’ fasste er den Entschluss zur musikdramatischen Interpretation. Das Libretto verfasste Verdis langjähriger Freund und Mitarbeiter Francesco Maria Piave und gemeinsam arbeiteten sie Dumas’ breitangelegte Vorlage zu einem intimen Dreipersonenstück um. Großes musikalisches Augenmerk legte Verdi dabei auf die Darstellung der Gegensätze von Pariser Vergnügungswelt und ländlicher Zurückgezogenheit. Die Melodien der beiden großen Feste seiner Oper hatte Verdi bekannten französischen Melodien seiner Zeit nachempfunden. Zur Darstellung von Violettas Seelenleben und Entwicklung des kammerspielartigen Bühnengeschehens schuf Verdi eine Musik, die der Innerlichkeit, der Sensibilität und der Alltagsnähe des Geschehens mehr gerecht wurde als in seinen vorhergehenden Werken.

Die Uraufführung am 6. März 1853 im Teatro La Fenice war kein Erfolg. Doch das konnte den Komponisten nicht entmutigen: »Habe ich Unrecht oder haben sie (das Publikum) Unrecht? Ich für meinen Teil glaube, dass das letzte Wort über die ›traviata‹ gestern noch nicht gesprochen wurde. Sie werden sie wiedersehen.« Er sollte Recht behalten. Nach einer weiteren Phase der Umarbeitung und erneuten Aufführung in einem anderen venezianischen Theater 1854, trat »La traviata« ihren weltweiten Siegeszug an, der bis heute ungebrochen ist.

Die Beliebtheit der Oper mag mit der Tatsache zusammenhängen, dass schöne Frauen mit ausschweifendem Lebensstil, die ein Leben in der Öffentlichkeit führen, sich im Privaten aber komplett von dieser Figur unterscheiden, bis heute zum alltäglichen Lebens- bzw. Medienbild gehören. Das Faszinosum und die Attraktivität dieser doppelten Persönlichkeit und ihres tragischen Endes inspirierten Regisseurin Barbora Horáková Joly, die in Dresden zuletzt mit zeitgenössischem Musiktheater (Peter Eötvös »Der goldene Drache«, Luciano Chailly »Die kahle Sängerin«) für Furore sorgte, ihre Inszenierung des Klassikers in die Welt des Pariser Varietés der 1850er Jahre zu verlegen. Die vergnügungssüchtige, sich am Tag brav bürgerlich, in der Nacht jedoch freizügig und experimentierfreudig gebende Pariser Gesellschaft versammelt sich allabendlich in diesem Etablissement, dessen unumschränkter Star Violetta ist. Sie glitzert und funkelt wie ein Diamant in der drehbaren Arena des Varietés zwischen Fest und Can-Can. Doch auch die Schattenseiten von Violettas Existenz, ihre Erkrankung an Tuberkulose, von der sie sich zu Beginn des Stücks gerade vorgibt erholt zu haben, werden sichtbar: ein Vorhang, den der Conférencier zu früh öffnet, ein Kronleuchter, der zu früh sein Licht auf die Szenerie wirft. All das zeigt das Varieté, in dessen Zentrum Violetta lebt, genießt – und leidet. Das Varieté ist Schutzraum und Gefängnis zugleich und der Tod Violettas omnipräsenter Begleiter.

Und ausgerechnet hier lernt Violetta Alfredo kennen, einen jungen Mann, der sich das Aushalten einer Kurtisane eigentlich gar nicht leisten kann. Doch er tut etwas Außergewöhnliches: Er bemüht sich und sorgt sich um sie im Moment größter Unpässlichkeit und Unappetitlichkeit, als sie auf dem Fest plötzlich beginnt, Blut zu husten. Violetta erfährt mit diesem Mann, der sich als einziger nicht abwendet, zum ersten (und einzigen) Mal, was es bedeutet, wahrhaftig geliebt zu werden – und selbst zu lieben. Violetta gibt sich keiner Illusion über das baldige Ende ihres Lebens hin. Schon in Dumas’ Vorlage stellt Marguerite bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Armand fest: »Ach, es lohnt sich nicht, dass Sie so besorgt sind. Schauen Sie doch, die anderen machen auch kein Aufhebens darum, denn sie wissen recht gut, dass man gegen dieses Übel rein gar nichts ausrichten kann«.

»Sie hat einen ganz realistischen Blick auf die Gesellschaft, ihr eigenes Leben darin, und vor allem vergisst sie nie, dass sie bald sterben wird. Und deshalb lebt sie für den Augenblick, will alles auskosten«, beschreibt Barbora Horáková Joly Violettas Figur. »Diese ›Kamelien‹-Dame ist auch im Heute und Jetzt vorstellbar.« Im zweiten Akt, wenn sich Violetta und Alfredo aufs Land zurückgezogen haben, ist dann auch die Anmutung des bunten Varietés – nicht aber sein umschließendes Gerüst – verschwunden und zeigt ein heutiges Liebespaar in der kurzen Spanne des gemeinsamen Glücks.

In dieses Glück bricht mit Giorgio Germont, dem Vater Alfredos, die bürgerliche Realität ein. In Abwesenheit Alfredos bedrängt er Violetta, sich ohne weitere Erklärung von seinem Sohn zu trennen, um die Familie nicht durch die Gegenwart einer ›gefallenen‹ Frau zu kompromittieren: Alfredos Schwester soll heiraten. Jedoch würde sich die Familie des Bräutigams niemals auf eine Hochzeit einlassen, wenn es in der Germont-Familie eine Prostituierte gäbe. »Das ist die tragische Wendung und Prüfung von Violettas menschlicher Integrität«, erklärt Barbora Horáková Joly. »Sie gibt dem Vater nach, ordnet sich der bürgerlichen Moralvorstellung unter und leistet aus Liebe einen übermenschlichen Verzicht auf ihr eigenes Glück. Was trotzdem mitschwingt in diesem Duett, ist der Respekt und eine Art aufkeimende Zuneigung der beiden zueinander.« Violetta ahnt bereits vor Germonts Aufforderung, dass sein Besuch nichts Gutes für sie bedeuten kann. »Ich ahn’ es, ich erwart’ es, war ich doch viel zu glücklich«, sagt sie. Sie hat das Gefühl, dass ihr das Glück nicht vergönnt ist. Überrascht stellt Alfredos Vater fest, dass er es nicht mit einer oberflächlichen Prostituierten, sondern mit einer Frau zu tun hat, die seinen Sohn wirklich liebt. Konsequent durchlebt und durchleidet Violetta ihren Verzicht: Sie trennt sich von Alfredo und kehrt ohne weitere Erklärung nach Paris und an den Arm eines finanziell potenten Mannes zurück. Alfredo, blind vor Eifersucht, begeht einen doppelten Verrat: zum einen an Violetta, die er in einem Akt größter Verachtung für ihre »Dienstleistung« bezahlt. Zum anderen bricht er damit das unausgesprochene Gesetz der Bürgerlichkeit, in der die öffentliche Bezahlung einer Prostituierten tabu war.

Der dritte Akt endet, wo die Oper begonnen hat: im Varieté. Hier treffen die drei Protagonisten noch einmal aufeinander und begleiten – jeder mit unterschiedlichen Gefühlen – Violetta auf ihrem unvermeidlichen Weg in den Tod. Das Stück endet mit einem Versprechen: Violetta wird niemals vergessen sein. Mit ihr erschuf Verdi eine Opernfigur, deren emotionale Bandbreite vom größten Glück bis zur tiefsten Verzweiflung reicht und das Publikum zwischen lyrisch geführten Belcanto-Stellen und überwältigenden musikdramatischen Ausbrüchen in seinen Bann zieht. 

Juliane Schunke

Eine silberne Discokugel liegt auf dem Boden.
kurz und bündig

Dancing Pina

Im Jahr 2019 tanzte das Semperoper Ballett erstmals »Iphigenie auf Tauris« von Pina Bausch, einer Choreografin, die den zeitgenössischen Tanz mit ihren Werken revolutionierte. In dem Dokumentarfilm »Dancing Pina«, der am 15. September in den Kinos anläuft, wird der intensive und emotionale Probenprozess der Company, insbesondere von Sangeun Lee als Iphigenie, Francesco Pio Ricci als Orest und Julian Amir Lacey als Pylades, begleitet. Den Ausschnitten aus Dresden werden Teile aus der parallel stattfindenden Probenphase von »Le Sacre du Printemps« von Pina Bausch in der Erarbeitung der Ècole des Sables im Senegal gegenübergestellt. »Dancing Pina« eröffnet die Tanzfilm-Reihe der Spielzeit 2022/23.

Tanz:Film Spezial: »Dancing Pina« – Dresdner Preview
14. September 2022, 19.30 Uhr, Programmkino Ost
Tickets sind ausschließlich an der Kinokasse des Programmkino Ost erhältlich.

2 x 2 Fragen

... an Elena Gorshunova

Die Sopranistin Elena Gorshunova verkörpert Marguerite de Valois in der Inszenierung »Les Huguenots/ Die Hugenotten«

WAS ZEICHNET MARGUERITES AUFTAKT- ARIE »O BEAU PAYS DE LA TOURAINE« AUS?

Marguerites große Arie im 2. Akt ist schön, virtuos und hat je nach Strichfassung einige Koloraturen aufzuweisen. Marguerite singt über die Schönheit der Natur und die der edlen Liebe, was angesichts des Konflikts zwischen Katholiken und Hugenotten ziemlich naiv wirkt.

 

WARUM WAREN MARGUERITES BEMÜHUNGEN, FRIEDEN ZWISCHEN DEN KONFLIKTPARTEIEN ZU SCHAFFEN, VERGEBLICH?

Das Ansinnen von Marguerite, Brücken zwischen Katholiken und Protestanten zu schlagen, ist sehr idealistisch. Das Misstrauen gegenüber der anderen Glaubensgemeinschaft, gestützt von anerzogenem Verhalten und eigenen schlechten Erfahrungen, ist noch zu groß, als dass sich die Beteiligten trauen würden, sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegzusetzen. Es ist schließlich wahnsinnig schwer, sich in solch großen Konflikten gegen die Meinung seiner Umgebung zu stellen. Aktuell ist das bemerkbar im Zusammenhang mit dem Krieg Russlands in der und gegen die Ukraine. 

KEHREN SIE IMMER WIEDER GERN AN DIE SEMPEROPER ALS GAST ZURÜCK?

Die Semperoper ist zu meiner künstlerischen Heimat geworden, als ich im Sommer 2010 von der inzwischen verstorbenen Intendantin Ulrike Heßler und dem Generalmusikdirektor Fabio Luisi zunächst für drei Jahre fest in das Ensemble geholt wurde. Auch danach bin ich jede Spielzeit für einige Vorstellungen an dieses schöne Haus gekommen, wo ich inzwischen viele Kolleginnen und Kollegen kennen- und schätzenlernen durfte. Und in Dresden habe ich ein Zuhause gefunden: Ich lebe seit 2010 in dieser Stadt und mein kleiner Sohn wurde hier geboren.

 

KANN LIEBE ALLE GRENZEN ÜBERWINDEN?

Liebe kann das, wenn man sich ohne Vorbehalte auf sie einlässt. An dieser Liebe muss aber immer aufs Neue gearbeitet werden, sie braucht fortlaufend Pflege und falls Zweifel und Risse aufkommen, kann alles schnell wieder verloren gehen. 


Liederabend

Die Füße frugen nicht nach Rast ...

Georg Zeppenfeld interpretiert in der »Winterreise« einen Wanderer zwischen überschwänglicher Freude am Leben und der hoffnungslosen Verzweiflung

Im Repertoire der Konzertlieder gibt es wohl kaum ein geheimnisvolleres Werk als Franz Schuberts Zyklus »Winterreise«. 1827, ein Jahr vor seinem Tod, hatte er die 24 Gedichte von Wilhelm Müller, die dieser als gleichnamigen Zyklus veröffentlicht hatte, vertont. Seither gelten sie als Meilenstein in der Liedkomposition und als besondere Herausforderung für jeden Interpret*innen. Wie lässt sich diese Reise auffassen, die aus einem Dorf durch die Winterlandschaft bis hin zu einem Leiermann führt, dem sich das Ich der Lieder anvertraut?

Die Lieder der »Winterreise« bieten ein breites Spektrum an Interpretationsmöglichkeiten: Vom Liebes- und Weltschmerz eines Individuums reichen die Lesarten bis hin zu einer Allegorie auf die damaligen politischen Umstände in Deutschland, analog zu Heinrich Heines »Deutschland. Ein Wintermärchen«. Und wie sehr diese Lieder von Wilhelm Müller selbst schon von Anfang an für Musik gedacht waren, beweist seine Aussage, seine Lieder führten »nur ein halbes Leben, ein Papierleben, schwarz auf weiß … bis die Musik ihnen den Lebensodem einhaucht, oder ihn doch, wenn er darin schlummert, herausruft und weckt.«

Kammersänger Georg Zeppenfeld, ehemaliges Ensemblemitglied und der Semperoper seit Jahren als Gast eng verbunden, gestaltet gemeinsam mit dem renommierten Liedbegleiter Gerold Huber Schuberts anspruchsvolle Komposition und interpretiert mit seinem klangvollen, farbenreichen Bass die gleichnishafte Reise des Wanderers. 

18. September 2022, 20 Uhr


Ansichten

Peer Gynt

In einem spartenübergreifenden Gesamtkunstwerk aus Tanz, Schauspiel und Gesang verbindet der Choreograf Johan Inger in seinem Ballett »Peer Gynt« die Abenteuer des Protagonisten mit seinem eigenen künstlerischen Werdegang. Wie Henrik Ibsens Dichtung öffnet Johan Inger mit Peer Gynts Reise durch die Welt einen Erlebnisraum voller Symbole und Allegorien. 

kurz und bündig

Tänzer*innen aus der Ukraine

Das Semperoper Ballett bietet vier ukrainischen Tänzer*innen die Möglichkeit, am täglichen Training mit der Company teilzunehmen. Der besonderen Situation geschuldet, ermöglicht die Stiftung Semperoper – Förderstiftung dieses Jahr bereits ab Juni das Ballett-Stipendium der kommenden Spielzeit. Das Semperoper Ballett freut sich, in diesem Rahmen Diana Stetsenko als neues Ensemble-Mitglied zu begrüßen.

Oper

»Wie werde ich reich und glücklich?«

Über eine existenzielle Frage, die bei Mischa Spoliansky und Felix Joachimson zu Titel und Stoff eines fulminanten Musiktheaterabends wird

Im Zentrum der so verheißungsvoll betitelten Geschichte steht einerseits Kibis. Arbeitslos und ausgebrannt steht er kurz davor, seine Wohnung zu verlieren und samt Freundin Lis auf der Straße zu landen. Verständlich, dass er sich nichts mehr wünscht, als reich zu sein.

Und dann Marie. Mit dem silbernen Löffel im Mund geboren, muss sie sich keine Sorgen um Geld machen. Doch gähnende Langeweile ist des Reichtums Preis: Maries Vater und F.D. Lohrenz, ihr Lebensgefährte, haben nur das Automobilgeschäft im Sinn. Marie ist allein. Ihr großer Wunsch? Glücklich sein!

Wie gut, dass es Wunderdoktor und Werbeikone Dr. Pausback gibt. Denn der verspricht: Ob schnelles Geld oder das große Glück – befolgt man nur seine Leitsätze, ist beides plötzlich zum Greifen nah. Marie und Kibis sind begeistert. Kurzerhand verlassen sie ihre Partner, um gemeinsam nach der Pausback-Methode zu leben. Doch ist die wirklich das Patentrezept für die Erfüllung ihrer Wünsche?

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Am 15. Juni 1930 wurde Mischa Spolianskys und Felix Joachimsons »Wie werde ich reich und glücklich?« in der Komödie am Kurfürstendamm uraufgeführt. Das Publikum war begeistert, denn Komponist und Textdichter hatten den Nerv der Zeit genau getroffen. In ihrem Stück fangen sie den Geist der ausklingenden Roaring Twenties ein und zeichnen das Psychogramm einer Metropole, in der bunte Litfaßsäulen und Leuchtreklamen das Stadtbild längst für sich erobert haben. Den fadenscheinigen Allheilsversprechen der Werbeindustrie und der neuartigen Lebensratgeber-Kultur, die fragwürdige Arten des Selbstmanagements propagiert, begegnen Spoliansky und Joachimson dabei humorvoll- kabarettistisch. Zum Kabarett gesellen sich Einflüsse des Revuetheaters. Das Ergebnis ist eine bunte Melange aus zwei der beliebtesten Unterhaltungsformen der Weimarer Zeit. Passend dazu: Spolianskys Musik, die komplex, aber auch mit Leichtigkeit und Witz aufwartet und in der jede Menge Anklänge an den berühmten Hauptstadt-Jazz der Vorkriegszeit mitswingen.

Auch heute, gut 90 Jahre später, ist der Stoff der Kabarett-Revue keineswegs von gestern. Regisseur Manfred Weiß kommentiert: »Pausbacks Leitsätze erinnern stark an die Versprechen heutiger Motivationstrainer und an die Titelseiten verschiedener Zeitschriften, auf denen es etwa heißt ›So wurde ich Millionär‹ oder ›Schlank mit Vitamin C‹.« Weiß und sein Team haben eine Fassung erarbeitet, in der das Stück vollends in unserer Zeit ankommt. So wird etwa Pausback zu einer Figur, die sich moderne Medien zunutze macht, um direkt in Maries und Kibis’ Leben einzugreifen – eine konsequente Veranschaulichung gegenwärtiger Zustände, leben wir doch in einer Zeit, in der unsere Smartphones als stete Begleiter längst das Vorrecht auf unsere Aufmerksamkeit für sich beanspruchen.

Aber wie endet denn nun die Geschichte um Kibis und Marie? So viel sei verraten: Die einfachen Leitsätze als Patentrezept für Reichtum und Glück liefern Spoliansky und Joachimson nicht; das Patentrezept für einen beglückenden Theaterabend hingegen allemal! Nach der Premiere auf dem Weißen Hirsch 2021 ist die Inszenierung nun in Semper Zwei zu erleben. 

Axel Paulußen


Nur Narren
lieben traurig ...

Einer der beliebtesten Repertoireklassiker der Semperoper Dresden ist »La bohème« in der Inszenierung nach Christine Mielitz. Je nach Auftragslage leben der mittellose Dichter Rodolfo und seine drei Künstlerfreunde mal in äußerster Not, aber auch im Überfluss und in überschwänglicher Verschwendungslaune. Als Rodolfo eines Tages seine Nachbarin Mimì trifft, verliebt er sich auf den ersten Blick in sie. Die Liebe scheint perfekt. Doch angesichts von Mimìs Krankheit werden beide schnell von der Realität eingeholt. 

Giacomo Puccini, »La bohème«


Staatskapelle

Kontrapunktisches Meisterstück

Die Konzertsaison 2022/23 startet Christian Thielemann mit Bruckners Fünfter. Das monumentalste Werk des Komponisten war zugleich sein Lieblingswerk. Dennoch hat er es zu seinen Lebzeiten nie gehört

Jahrelang hat Anton Bruckner an seinen frühen Symphonien gefeilt, hat sie unablässig überarbeitet und dabei immer wieder neuen Wünschen angepasst. Umso überraschender war es, als er 1876 noch im Schwung der Dritten und Vierten eine Fünfte vorlegte, die ihn sofort zufriedenstellte. Sieht man von kleinen Korrekturen während des Jahreswechsels 1877/78 ab, dann fällt auf, dass diese Symphonie in nur einer einzigen Fassung vorliegt.

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Und noch mehr überrascht: Es ist die monumentalste Musik, die Bruckner je erdacht hat – sie ist geprägt von Symmetrie, Satz- und Motivbezügen. Zudem hebt die Fünfte als einziges Werk im Neunerzyklus mit einer langsamen Introduktion an. Ihr folgt als Hauptthema ein regelrechter Ohrwurm, der bei Pop- Fans überraschende Assoziationen auslösen dürfte: Das Motiv weist nämlich eine zwar verblüffende, aber zufällige Ähnlichkeit mit dem Bassgitarren-Riff aus dem White-Stripes-Song »Seven Nation Army« auf, der seit 2006 zum »größten Fußballsong aller Zeiten« avancierte. Bei Bruckner freilich hat das Motiv eine ganz andere Funktion, die sich in ihrer vollem Umfang erst im Schlusssatz offenbart. Eigentlich zielt die ganze Symphonie auf dieses Finale: Eine neue Introduktion zitiert wie Beethovens Neunte die früheren Sätze, dann setzen fugierte Strukturen ein, die Bruckner als sein »kontrapunktisches Meisterstück« bezeichnete. Höhepunkt ist ein kraftvoller Choralsatz, dessen Thema wiederum zum Träger einer Fuge wird, mit der der Österreicher sein meisterhaftes Handwerk präsentiert. Nach der Erweiterung zur Doppelfuge führt der Choral zum apotheotischen Höhepunkt, in den das bekannte Ohrwurm-Thema einbricht.

Steht die Fünfte heute auf dem Konzertprogramm, dann sind Jubelstürme des Publikums sicher. Zu Lebzeiten des Komponisten war dies anders: Wenige Tage vor der Vollendung dieser Symphonie erlebte Bruckner im Dezember 1877 bei der von ihm geleiteten Uraufführung der Dritten ein gigantisches Desaster: Der Großteil des Wiener Publikums verließ schon während des Finales den Saal, die Philharmoniker flüchteten nach der letzten Note vom Podium. Bruckner stand allein vor einer kleinen Schar applaudierender Studenten. Dieser Misserfolg war der Grund dafür, dass er seine Fünfte viele Jahre lang zurückhielt. Als Franz Schalk das Werk schließlich am 8. April 1894 in Graz uraufführte, konnte der schwerkranke Bruckner nicht dabei sein. Zwei Jahre später starb er, ohne seine Lieblingssymphonie jemals gehört zu haben. 

Hagen Kunze


Staatskapelle

Haydn und Mozart neu gehört

Der Barock-Spezialist Ton Koopman kehrt mit Werken von Weber, Mozart und Haydn im 2. Symphoniekonzert zur Sächsischen Staatskapelle zurück

Man kennt den Dirigenten, Cembalisten und Organisten Ton Koopman als einen der führenden Spezialisten für die Musik Dietrich Buxtehudes, Georg Friedrich Händels und vor allem Johann Sebastian Bachs, dessen gesamtes Kantaten- und Orgelwerk er für CD einspielte. Doch sein musikalisches Interesse ist keineswegs auf das barocke Repertoire beschränkt. Im 2. Symphoniekonzert wendet sich der Dirigent nun ausschließlich der Klassik und der frühen Romantik zu und entdeckt Werke von Haydn, Mozart und Weber aus dem Blickwinkel der historischen Aufführungspraxis neu.

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»Die Überraschung kann vielleicht in der Musik nicht weiter getrieben werden, als sie es hier ist«, befand der Rezensent der »Allgemeinen Musikalischen Zeitung« über Joseph Haydns erfolgreichste »Londoner Symphonie«. Später als »Militärsymphonie« bekannt geworden, frappierte sie das Publikum der Uraufführung 1794 mit dem unvermuteten Einsatz von militärischem Instrumentarium. Zu Beginn des langsamen Satzes wiegt ein ruhiges C-Dur-Thema die Hörenden in Sicherheit, bis sich der Satz mit einem plötzlichen Wechsel nach c-Moll verdüstert und Becken, Große Trommel und Triangel hereinbrechen. Auch in der »Serenata notturna« lässt Wolfgang Amadeus Mozart zum Streichorchester eine Pauke hinzutreten, um den Marsch-Charakter des ersten Satzes zu betonen. Der Kontext war gleichwohl ein ganz anderer: Die Serenade entstand 1776 zum Salzburger Fasching und spätestens das schwungvolle Schlussrondo, das gleich drei verschiedene Tänze einbezieht, macht diesen Anlass hörbar. Ungewöhnlich ist auch die Gegenüberstellung von solistischen und Tuttistreichern, die auf die Gattung des Solokonzerts vorausweist, die Mozart im gleichen Jahr besonders zu beschäftigen begann.

15 Jahre später kam Mozarts Auseinandersetzung mit dieser Gattung zu ihrem vorzeitigen Ende: Nur einen Monat vor seinem Tod stellte er sein letztes Solokonzert – und zugleich sein erstes für die Klarinette – fertig. Im Oktober ist dieses Werk nun mit Robert Oberaigner, dem Solo-Klarinettisten der Staatskapelle, zu erleben. Dass Mozart die wohl schon 1786 begonnene Komposition schließlich 1791 vollendete, hatte seinen Grund wohl in der Bekanntschaft mit dem Klarinettenvirtuosen Anton Stadler, dessen selbstentwickelte Bassettklarinette in Wien nicht nur Mozart beeindruckt hatte. Sie diente als Inspiration für das Finale und auch das berühmte Adagio – sicherlich einer der beliebtesten langsamen Sätze der klassischen Konzertliteratur.

Christoph Dennerlein


Historisches Archiv

Die Chance, den Zeitnerv zu treffen

Fünf Künstlerinnen, die an der Dresdner Staatsoper Musikgeschichte geschrieben haben, Teil 1: Die Regisseurin Christine Mielitz konzipierte vor vier Jahrzehnten die Erfolgsinszenierung von Puccinis »La bohème«, die noch heute das Publikum begeistert

Mit mehr als 360 Vorstellungen gehört der Klassiker »La bohème« zu den »dienstältesten« Produktionen, die sich im Spielplan der Semperoper befinden – Puccinis packendes, atmosphärisch berührendes Musikdrama über die Suche nach Liebe und menschlicher Wärme. Christine Mielitz und ihr Team brachten diesen Publikumsrenner am 23. Oktober 1983 im Großen Haus (dem heutigen Schauspielhaus) zur erfolgreichen Premiere. 1985 wurde er als ideales Repertoirestück in die wiedereröffnete Semperoper übernommen und hat bis heute – nach fast 40 Jahren – nichts an Esprit und Zugkraft eingebüßt. Was ist das inszenatorische Geheimnis der Regisseurin Christine Mielitz?

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Prägend für ihre berufliche Entwicklung waren ein Studium der Opernregie an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin und ihre Dresdner Assistenzzeit bei Harry Kupfer, von dem sie entscheidende ästhetische Impulse erhielt. Nach einer Reihe eigener Regiearbeiten am Kleinen Haus wirkte sie von 1981 bis 1989 als Oberspielleiterin an der Staatsoper Dresden. Händels »Xerxes« (1981), Wagners »Lohengrin« (1983), Mozarts »Don Giovanni« (1986) und Glucks »Orpheus und Eurydike« (1987) gehören zu den wichtigen Inszenierungen aus dieser Zeit.

Zu ihrem Regieverständnis in einem Interview der Zeitschrift Theater der Zeit (1988) befragt, antwortete Mielitz: »Oper ist immer komponierte Beziehung … von Menschen.« Dabei müssten musikalische Situationen dramatisch ausgeschöpft sowie ihre inhaltlichen Doppelbödigkeiten lebendig aufgezeigt werden. Alle Bühnenvorgänge stünden »unbedingt unter dem Diktat der Wahrhaftigkeit«. Denn Oper solle für das Publikum zu einem konkreten Erlebnis werden, das an der Wirklichkeit messbar sei. Bestes Beispiel für dieses konzeptionelle Credo ist die bedeutende Inszenierung des »Fidelio« an der Semperoper, in der Christine Mielitz die brisanten zeitpolitischen Ereignisse im Oktober 1989 tagesaktuell auf der Bühne widerspiegelte.

In einem anderen Interview (Opernglas 1986/87, Nr. 3) definierte sie die Aufgabe der Opernregie als Vermittlung »zwischen Werk und Publikum« und forderte, dass die Regie »ein Höchstmaß an eigener Meinung in die Inszenierung« einzubringen habe. Doch erst, wenn darüber hinaus auch »Dirigenten und Sänger ein hohes Maß an eigener Sicht … in die Arbeit einbringen«, habe die Oper die Chance, »den Zeitnerv zu treffen«.

Dass Christine Mielitz in »La bohème« genau diese »Treffsicherheit« unter Beweis stellte und jene Wahrhaftigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen umsetzte, offenbaren die begeisterten Rezensionen nach der Premiere: Mielitz verzichte auf die Darstellung einer »schön-traurigen Idylle ›verkannter‹ Künstler« (Die Union, 8.11.1983), und dränge »das Puccini-Sentiment« zurück (Der Morgen, 19.12.1983). »Das psychologisch fein ausgeformte, bis in jede Bewegung durchdachte Spiel« wurde hervorgehoben wie auch die »Zeitlosigkeit« der Ausstattung, die die ganze »Problematik merkwürdig vertraut« erscheinen ließe (SNN, 29.10.1983).

Kein Wunder also, dass Puccinis Musikdrama in der künstlerischen Interpretation von Christine Mielitz bis heute sein begeistertes Publikum findet.   

Katrin Rönnebeck


Education

Bühne frei ...

... für unsere neue Kollegin Andrea Streibl-Harms. Mit großer Begeisterung und einem Koffer voller kreativer Ideen startet sie in die neue Saison

ERINNERST DU DICH NOCH AN DEINE ERSTE OPER?

Ich bin in Bregenz am Bodensee aufgewachsen. Mit sieben Jahren durfte ich das erste Mal zu einer Opernvorstellung auf der Seebühne mitgehen. Ich erinnere mich jetzt noch an diesen wundervollen Abend: Offenbachs »Les Contes d’Hoffmann«.

WAS WAR AUSSCHLAGGEBEND FÜR DEINE BERUFSWAHL?

Dass es etwas mit Musik oder Theater sein soll, wusste ich nach dem Abitur. Nach einer Grundausbildung im Bereich Schauspiel studierte ich Deutsch und Musik auf Lehramt. Nach Abschluss meines Studiums habe ich schon Theatergruppen geleitet und wusste, dass ich noch tiefer in diese Arbeit eintauchen möchte. So habe ich noch ein Masterstudium in Theaterpädagogik absolviert. Die logische Symbiose war die Musiktheaterpädagogik.

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WAS BEGEISTERT DICH AN DEINER ARBEIT?

Die leuchtenden Augen der Kinder, die staunenden Gesichter, das ehrliche Feedback.

WAS BRINGT DEINE AUGEN ZUM LEUCHTEN?

Ich liebe Klänge, Musik unterschiedlichster Stilrichtungen, die darstellende Kunst, performative Events, Tanz, aber auch das geschriebene Wort und die bildende Kunst. Wichtig ist mir nur, immer wieder neuen Input zu bekommen, selbst begeistert zu werden, um neue Ideen spinnen zu können.

WAS BEDEUTET VERMITTLUNG FÜR DICH UND WARUM KOMMST DU AN DIE SEMPEROPER NACH DRESDEN? Die Menschen abzuholen, wo sie stehen und sie für die Welt der Musik und des Theaters zu begeistern. Sein Gegenüber ernst zu nehmen, bildet für mich die Basis dieser Arbeit. Nach vier ereignisreichen Jahren an der Oper Graz freue ich mich jetzt auf die neuen Herausforderungen an der Semperoper. Dresden ist eine tolle Stadt mit einem vielfältigen kulturellen Angebot, Sachsen ein interessantes Bundesland. Ich möchte mein Wissen und Können hier einbringen und die Menschen über meine musiktheaterpädagogische Arbeit für die Oper begeistern.

WORAUF FREUST DU DICH SCHON?

Auf die Zusammenarbeit in einem engagierten Team! Gespannt bin ich auf die Kooperation mit den Partnerschulen der Semperoper. Der Austausch zwischen Kultur- und Bildungseinrichtungen kann sehr bereichernd sein. Für die Schüler*innen ist die mehrjährige Kooperation, unterstützt durch musiktheaterpädagogische Projekte bestimmt etwas Besonderes. Neugierig bin ich schon auf die unterschiedlichen Inszenierungen in der Semperoper und selbstverständlich auch die Produktionen in Semper Zwei sowie die Vorbereitung von Schüler*innen auf unsere Stücke. Meine Kolleg*innen haben mir auch schon verraten, dass unsere Ferienwochen und Opernwerkstätten für Kinder ein besonderes Highlight meiner Arbeit werden.


Opernvogel

Ein mieser, fieser Kerl?

Irgendwie ist er schon ein mieser, fieser Kerl: der Kuckuck. Kaum im fremden Nest geschlüpft, entledigt er sich aller Nestgenossen und wirft noch nicht geschlüpfte Eier oder bereits geschlüpfte Jungvögel aus ebendemselben seiner nichtsahnenden Wirtseltern, um ganz allein von diesen großgezogen zu werden. Welch eine erstaunliche Erfindung der Natur, dieser Brutparasitismus! Dem Menschen aber macht der Kuckuck viel Freude. Sein Ruf zeugt vom beginnenden Frühling, als Langstreckenzugvogel kehrt der Kuckuck meist im April aus weit entfernten afrikanischen Gefilden nach Europa zurück, um sich bereits ab August wieder auf den Weg aus der beginnenden europäischen Kühle in die afrikanische Wärme zu machen. Gesanglich ist der Name des etwa 34 Zentimeter großen Vogels Programm: In der Balz dient der meist zweisilbige Ruf der Männchen der Revier-Markierung, ein »gu-kuh« in unterschiedlicher Tonhöhe, eine kleine Terz abwärts, aber auch größere Tonintervalle werden gerufen. Die Männchen verfolgen die Weibchen mit einem heiseren »hach hachhach«, diese wiederum antworten mit laut trällerndem »Kichern«. Nach der Paarung ist aber nicht einmal eine kurzfristige Bindung, die länger als einen Tag dauert, belegt … 

Zad Moultaka, »Drei miese, fiese Kerle«

Zuschauerfrage

WANN WURDE ZUM ERSTEN MAL »DIE ZAUBERFLÖTE« IN DRESDEN AUFGEFÜHRT?

Im Jahr 1793 kam es zur Dresdner Erstaufführung der »Zauberflöte« im Linckeschen Bad. Das Linckesche Bad wurde als eines der ersten Freiluftbäder im heutigen Dresdner Stadtteil Radeberger Vorstadt angelegt und war mit der Neustadt durch eine Allee verbunden. Es war eine beliebte Ausflugsstätte mit Gartenwirtschaft, Sommertheater und Konzertsaal. Das Dresdner Hoftheater und bekannte Künstler wie der Musiklehrer Beethovens, Christian Gottlob Neefe, der Dirigent und Komponist Carl Maria von Weber und Joseph Seconda wirkten dort. Die Theatergruppe des Impresarios Seconda war es auch, die die Erstaufführung der »Zauberflöte« in Dresden auf die Bühne brachte. In der Hofoper und später in der Semperoper gab es bisher 17 Neuinszenierungen der bekannten Oper von Wolfgang Amadeus Mozart. 

Sie fragen, wir antworten: Schicken Sie uns Ihre Fragen rund um die Semperoper per Post an Semperoper Dresden, Kommunikation & Marketing, Theaterplatz 2, 01067 Dresden oder per E-Mail an marketing@semperoper.de


Lieblingsmoment

Die letzten Worte

Die Oper »Les Huguenots/ Die Hugenotten« an der Semperoper ist in vielerlei Hinsicht etwas sehr Besonderes. Die Verbindung aus wunderschöner Musik, einer wahrhaft bösen Geschichte und der genialen Regie beeindruckt mich immer wieder aufs Neue. Peter Konwitschny hat der Oper zum Teil eine neue Reihenfolge gegeben und mir kommen als Bassklarinettisten »die letzten Worte des Stückes«, mein Lieblingsmoment, zu: Alle sind tot, die Bühne ist dunkel, ich steige über ein Meer aus Leichen, schaue mich um und spiele meine kurze Klage. Blackout. Eigentlich ein trostloses Ende. Doch der Regisseur Peter Konwitschny sagte dazu: »[...] und dann endet das auf der Dominante, es ist ein offener Schluss.« – Große Oper. Christian Dollfuss, Solo-Bassklarinettist der Sächsischen Staatskapelle Dresden

Giacomo Meyerbeer, »Les Huguenots/ Die Hugenotten«


Premierenrezept »La traviata«

Heilsame Wirkung

Eine klassische Hühnersuppe

ZUTATEN
1 frisches, küchenfertiges (Bio-)Suppenhuhn, 1 Bund Petersilie, 1 Zwiebel, 1 Tomate, 3 Nelken, 4 Pfefferkörner, 2 Lorbeerblätter, 5 Wacholderbeeren, 1 Bund Suppengrün (Möhren, Knollensellerie, Petersilie, Petersilienwurzel, Lauch), eine Hand voll Erbsen, 1 EL Salz; nach Bedarf Chili und Ingwer

Hühnersuppe schmeckt nicht nur gut, ihre heilsame Wirkung ist tatsächlich bewiesen. Aus diesem Grund kommt nun hier unser Premierenrezept zu »La traviata«, auch wenn Violetta Valéry damit wahrscheinlich nicht hätte gesund werden können … Bei einer Erkältung aber ist Hühnersuppe eine sehr zu empfehlende »Medizin«. Hühnersuppe kann im Organismus bestimmte Blutkörperchen, die für Entzündungsprozesse mitverantwortlich sind, blockieren und mindern. Gleichzeitig wirkt der in der Hühnersuppe enthaltene Eiweißstoff Cystein entzündungshemmend und abschwellend auf die Schleimhäute. Nicht zuletzt fördert das in der Suppe enthaltene Zink die Gesundung.

Hier also das Rezept: Das Suppenhuhn unter kaltem Wasser abspülen. Die Zwiebel mit Schale halbieren und in einem großen Topf anrösten. Huhn, Tomate (halbiert), Nelken, Pfefferkörner, Lorbeerblätter und Wacholderbeeren dazugeben, mit kaltem Wasser auffüllen und bedecken. Zum Kochen bringen, mit Salz würzen und 60 Minuten mit halb geöffnetem Deckel leise köcheln lassen. Mit einer Schaumkelle den Schaum abschöpfen, sonst kann die Hühnersuppe trüb werden. Während die Suppe köchelt, Suppengemüse waschen, putzen, in mundgerechte Stücke schneiden und nach 60 Minuten mit den Erbsen (und bei Bedarf Chili und Ingwer) zur Suppe geben. Weitere 30 Minuten köcheln. Anschließend das Huhn aus der Suppe nehmen, das Fleisch vom Knochen lösen und in Stücke zupfen. Gewürze, Petersilie, Zwiebel und Tomatenhälften aus der Suppe entfernen. Die Hühnersuppe noch einmal mit Salz abschmecken und das Hühnerfleisch wieder dazu geben und erhitzen. 

Susanne Springer

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Archiv der Ausgaben des »Semper!«-Magazins bis zur Spielzeit 2011/12

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