»Semper!«-Magazin

DREI 2023/24

Vorwort

Liebes Publikum,

»Die Welt wird zur Hölle für alle, die ihre Menschlichkeit opfern«, so singt Esther in der Oper »Die Jüdin von Toledo« von Detlev Glanert, die am 10. Februar 2024 in der Semperoper uraufgeführt wird. Große Worte, die leider in ihrer überzeitlichen Gültigkeit an Aktualität gewonnen haben.

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Überhaupt, Detlev Glanert und sein Librettist Hans-Ulrich Treichel beziehen sich in ihrem neuen Werk auf das gleichnamige Schauspiel von Franz Grillparzer, der in seinem austriakischen Pessimismus jene prophetische Sentenz verfasst hat, die uns auch heute noch zu denken gibt: »Der Weg der neuern Bildung geht / Von Humanität / Durch Nationalität / Zur Bestialität.« Das war 1849. Wie steht es 2024?

Der international gefragte Regisseur Robert Carsen wird – nachdem er bereits »Oceane« von Detlev Glanert an der Deutschen Oper Berlin mit großem Erfolg zu Uraufführung gebracht hat – zum ersten Mal mit »Die Jüdin von Toledo« an der Semperoper arbeiten. Und unter der Musikalischen Leitung von Jonathan Darlington erwartet uns ein herausragendes Ensemble u.a. mit Heidi Stober als Rahel, Lilly Jørstad als ihre Schwester Esther und Christoph Pohl als König Alfonso VIII. Musikalisch wird am 13. Februar 2024 der Schrecken der Bombardierung Dresdens mit Johannes Brahms’ »Ein deutsches Requiem« gedacht. Unter dem Dirigat von Christian Thielemann sind die Sächsische Staatskapelle, der Sächsische Staatsopernchor sowie Julia Kleiter und Markus Eiche als Gesangssolist*innen zu erleben.

Hoffnung auf Erlösung von irdischem Irren und Wirren, so legt es uns der Opernspielplan zu Beginn des Jahres nahe, findet sich allein in der sich selbst-verzehrenden, ich-auflösenden Liebe romantischer Prägung. Und wer kann schöner davon singen und erzählen als Richard Wagner mit »Tristan und Isolde«? Die lang ersehnte Wiederaufnahme der stimmungsstarken Inszenierung von Marco Arturo Marelli wird von Christian Thielemann geleitet. Es singen u.a. Klaus Florian Vogt, Camilla Nylund, Georg Zeppenfeld, Martin Gantner und Christa Mayer. »Du Isolde / Tristan ich / nicht mehr Tristan / nicht Isolde; / ohne Nennen / ohne Trennen / neu Erkennen / neu Entbrennen; / endlos ewig / ein-bewusst: / heiß erglühter Brust / höchste Liebeslust!«  

Ihr
Johann Casimir Eule
Chefdramaturg und stellvertretender Intendant


Premiere

Premiere

Die Aktualität der Historie

Einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart bringt eine Uraufführung auf die Bühne der Semperoper: Detlev Glanerts »Die Jüdin von Toledo« wird ab dem 10. Februar 2024 zu erleben sein

»Als König Alfonso anfing zu regieren und geheiratet hatte, ging er mit seiner Frau Doña Lenor nach Toledo. Und dort gab er viel Geld aus für eine Jüdin, die ›die Schöne‹ genannt wurde, und vergaß seine Frau und verband sich auf lange Zeit mit der Jüdin. Und er war fast sieben Jahre mit ihr verbunden, während der er sich weder an sich, noch an sein Königreich, noch an irgendetwas anderes erinnerte. So kamen die guten Männer des Reiches überein, dass sie diesem schlimmen und bösen Treiben ein Ende bereiten müssten; und sie kamen überein, sie zu töten, um ihren Herrn, den sie verloren glaubten, zurückzugewinnen.«

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wird sie zum ersten Mal erwähnt, die Geschichte von Alfonso VIII. und der Jüdin Rahel. In der oben zitierten »Geschichte Spaniens«, die Alfonso X., ein Urenkel von Alfonso VIII., von seinen Historiografen erstellen ließ, wird beschrieben, wie eine jüdische Frau – die hier noch keinen Namen trägt, sondern nur ihren Spitznamen »la Fermosa«, »die Schöne« – den König regierungsunfähig machte und ihn seiner Gattin entfremdete. Erst die Ermordung der Maitresse durch die Granden des Landes führten den König zur Reue und zurück auf den richtigen Weg.

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LIEBE ALS VERWEIGERUNG DER PFLICHT?
Ob es sich dabei um eine Legende oder eine historische Tatsache handelt, darüber gibt es bis heute keine gesicherte Erkenntnis. In jedem Fall inspirierte die Erzählung Schriftsteller verschiedener Jahrhunderte, so beispielsweise den barocken Autor Lope de Vega und im 19. Jahrhundert den Dramatiker Franz Grillparzer, der in den 1840er- und 1850er- Jahren das fünfaktige historische Trauerspiel »Die Jüdin von Toledo« verfasste. Dieses Drama diente als Grundlage für das Libretto von Hans-Ulrich Treichel, das mit starken eigenen Akzenten und dramaturgischen Änderungen eine farbenreiche Geschichte voller starker sprachlicher Bilder und einer genauen Ausleuchtung der inneren Zustände der Figuren schafft.

Kurz gefasst geht es um Folgendes: Alfonso VIII., König von Kastilien, soll auf Drängen seines Staatsrates und seiner Gattin Königin Eleonore das christliche Heer mobilisieren, um in den Kampf gegen die Mauren zu ziehen, die sich den Toren von Toledo bedrohlich nähern.

Alfonso will davon jedoch nichts wissen, sondern verbringt die Zeit mit der jungen, abenteuerlustigen jüdischen Waise Rahel, die sich, entgegen der Warnungen ihrer Schwester Esther, auf eine Liaison mit dem König einlässt. Sieben Monate leben sie in einer romantischen Idylle in einem Landhaus, bis die politische Realität über sie hereinbricht: Königin Eleonore hat in der Abwesenheit Alfonsos die Herrschaft an sich genommen und den Staatsrat versammelt. Sie nutzt die verbotene Beziehung des Königs zu Rahel, um die Judenfeindlichkeit der Obrigkeit zu befeuern und den Kriegsbeginn gegen die Mauren zu forcieren. Alfonso gibt sich geschlagen und unterschreibt ein Dekret, das die Judenverfolgung in Toledo und die Ermordung Rahels billigt. Von einer gewaltbereiten Masse wird Rahel im Landhaus des Königs getötet. Während bei einer Messe mit kirchlichem Beistand die Waffen für den Krieg geweiht werden und die Menge fanatisch den Tod der Fremden wünscht, verflucht Esther den König.

Franz Grillparzer (1791–1872) beschäftigte sich zeitlebens mit dem Dichter Lope de Vega. So stieß er auch auf dessen Drama »Der Friede des Königspaares und die Jüdin von Toledo«; aufgrund der Tagebucheinträge lässt sich eine fast 50-jährige Beschäftigung mit diesem Thema rekonstruieren. Ungefähr 100 Jahre, nachdem Grillparzer seine Version der Geschichte niederschrieb, veröffentlichte Lion Feuchtwanger 1955 seinen historischen Roman »Die Jüdin von Toledo«, eine Erzählung über ein Zusammenleben verschiedener Kulturen, das zwischen Spannungen und Akzeptanz hin- und herschwankt.

PSYCHOLOGISCHE DIFFERENZIERUNGEN
Im Libretto von Hans-Ulrich Treichel werden, eingebettet in einen politisch-gesellschaftlichen Rahmen, genaue Psychogramme der Figuren gezeichnet: Der Konflikt zwischen dem Königspaar ist auch gleichzeitig der Ehestreit eines einander entfremdeten Paares, in dessen Mitte das geistig behinderte Kind der beiden steht: von Alfonso verachtet, von seiner Mutter beschützt. Diese liebevolle Seite Eleonores kontrastiert mit harten, dunklen Zügen dieser Mutter, Ehefrau und Königin, deren Gedanken fast obsessiv um den Tod kreisen, an dem sie sich berauscht, und die eine fanatische politische Agenda vertritt. In ihrem großen Monolog zu Beginn des dritten Aktes enthüllt sie eine düster-romantische Faszination für den Tod, den sie in nächtlichen Visionen vor sich sieht, der sie berührt wie ein Liebhaber.

Alfonso erscheint als ein regierungsunwilliger König: Er will nicht über Krieg, über Politik im Allgemeinen reden oder nachdenken müssen. Als er Rahel trifft, sieht er in ihr eine Möglichkeit, seine eskapistischen Träume zu leben. Die Waise ist eine abenteuerlustige junge Frau: Sie klettert über die Palastmauer, wohl wissend, dass ihr das Betreten der königlichen Gärten verboten ist. An ihrer Seite ist immer ihre Schwester, Esther, die Vorsichtigere der beiden. Sie ahnt, dass die Liaison zwischen Rahel und Alfonso nicht gut enden wird; ahnt, dass ihre Schwester als Sündenbock instrumentalisiert werden wird, und der König, wenn er sich zwischen ihr und seiner Krone entscheiden muss, den Erhalt seiner Macht wählen wird. Vor dem Hintergrund des mittelalterlichen Toledo treten uns so Figuren mit differenzierten, ganz heutigen psychologischen Porträts entgegen, in einer Geschichte über Selbstund Fremdbestimmung, Macht, Fremdenhass und die Endlichkeit von Illusionen.

ERFOLGREICHE ZUSAMMENARBEIT
Mit der Oper »Die Jüdin von Toledo« kommt erstmals eine Oper des Komponisten Detlev Glanert auf die Bühne der Semperoper, einem der bedeutendsten und meistgespielten zeitgenössischen Komponisten. Er studierte Komposition bei Diether de la Motte, Hans Werner Henze und Oliver Knussen und ist in der Symphonik, Solokonzerten, Kammer- und Klaviermusik und dem Musiktheater gleichermaßen zu Hause. Seine Kompositionen zeichnen sich durch eine besonders lyrische und leidenschaftliche musikalische Sprache aus, und eine Verbundenheit mit der Tradition, die aus einem zeitgenössischen Blickwinkel neu beleuchtet wird.

Für das Klangbild von »Die Jüdin von Toledo« kann als charakteristisches Instrument die Ud genannt werden: Dieses Saiteninstrument aus dem persischen Raum kam im 7. Jahrhundert nach Europa, wo sich dann aus der Ud die Laute entwickelte. Der Klang der Ud eröffnet die Oper und lässt so die Mauren, die sich Toledo nähern, musikalisch hörbar werden.

»Die Jüdin von Toledo« ist die 14. Oper im Schaffen Glanerts für das Musiktheater, das auf Werken so unterschiedlicher Autoren wie Arnold Zweig, Albert Camus oder Stanisław Lem – und nun Franz Grillparzer – basiert. Mit dem Autor Hans-Ulrich Treichel verbindet Detlev Glanert bereits seit Längerem eine kreative Zusammenarbeit: Auf ein Libretto von Treichel schuf Glanert bereits »Caligula«, und zusammen mit dem Regisseur Robert Carsen brachten sie 2019 die Oper »Oceane« nach Theodor Fontane auf die Bühne der Deutschen Oper Berlin. Im Zuge dieser Produktion wurde Detlev Glanert 2019 mit dem OPER!AWARD und 2020 mit dem OPUS KLASSIK als »Komponist des Jahres« sowie 2020/21 mit dem International Opera Award ausgezeichnet.

Nun arbeiten Glanert und Carsen für »Die Jüdin von Toledo« erneut zusammen. Die Regie von Robert Carsen, der mit dieser Produktion zum ersten Mal an der Semperoper Dresden inszeniert, stellt die Diskrepanz zwischen privatem Glück und politischer Pflicht ins Zentrum, bereits verdeutlicht durch das Bühnenbild, das einen gleichsam offiziellen Raum als Grundlage darstellt, Kirchenschiff sowie Staatssaal oder Schlosshalle. Verstecke und separate Räume erweisen sich in ihrer scheinbaren Intimität als trügerisch, da omnipräsente Säulengänge permanente Durch- und Einblicke gewähren. Die Unmöglichkeit für Rahel und Alfonso, aus dem politischen und gesellschaftlichen System zu fliehen, wird so auch räumlich erfahrbar.

Martin Lühr, Dramaturg

»Die Welt wird zur Hölle für alle, die ihre Menschlichkeit opfern, der eigenen Gier, den eigenen Lüsten.«

ESTHER

Ansichten

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Schwanensee

Für das Semperoper Ballett hat der schwedische Choreograf eine Umdeutung des Ballettklassikers »Schwanensee« vorgenommen. Basis seiner Interpretation ist das deutsche Volksmärchen »Der geraubte Schleier« aus der Sammlung von Johann Karl August Musäus, von dem man annimmt, dass es auch der ersten Fassung des Balletts (1877) zugrunde liegt. Mit seiner fantastisch erzählenden Choreografie- Handschrift schafft Johan Inger rund um das Motiv der Schwanenjungfrau eine spannende emotionale Geschichte über das »Stutzen der Flügel« innerhalb von Liebesbeziehungen, über Abhängigkeiten und den Gewinn von Freiheit und Selbstbestimmung.

Nahaufnahme

Nahaufnahme

Vergänglichkeit

Fast drastisch erscheint die Mahnung des Totenschädels hinter Violetta Valéry in Barbora Horáková Jolys Inszenierung von »La traviata« aufzutauchen. Er ist Symbol des memento mori. Der Schädel gehört zur Bühneninstallation der Videokünstlerin Sarah Derendinger und lässt sich in die Kategorie »Vanitas«-Motive einordnen. Vanitas weist auf die Endlichkeit des diesseitigen Lebens hin. Die Pariser Kurtisane Violetta ist durch eine Lungenkrankheit bereits dem Tod geweiht, gegen ihre Lebensweise und alle Vernunft verliebt sie sich in Alfredo Germont. In ihrem Drang nach Freiheit und Glück scheitert sie schließlich an den bürgerlichen Moralvorstellungen.

Extra-Text

Für wen und wofür?

»Für wen schreibt ein Autor, ein Librettist, ein Komponist, sein Werk?«: Schon die Franz Grillparzer- Vorlage, sein »Historisches Trauerspiel«, wirft diese Frage auf: ein Stück, das er zeit seines Lebens unerwähnt ließ, man spekuliert, ob er es weiterbearbeiten wollte oder einfach unzufrieden aufgab. Hatte Grillparzer wirklich vor, auf das Publikum aufklärerisch – vielleicht im Sinne Lessings, etwa ein dreiviertel Jahrhundert zuvor – einzuwirken?

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Das Thema Antisemitismus auf der Bühne zu be- bzw. verarbeiten, ist immer eine Gratwanderung. Als Musiker bin ich gespannt auf die neue Partitur von Detlev Glanert; alleine aus dem Libretto sinnvolle Anmerkungen abzuleiten, ist sicher unbefriedigend. Trotzdem sehe ich beim Vergleich des Textes von Hans-Ulrich Treichel mit Grillparzer einige recht auffällige Unterschiede in der Zeichnung der Figuren. Grillparzers König deklariert (im 2. Akt) seine Bewunderung für den »Stamm von unstet flücht’gen Hirten« –

Wir andern sind von heut, sie aber reichen Bis an der Schöpfung Wiege, wo die Gottheit Noch menschengleich in Paradiesen ging, Wo Cherubim zu Gast bei Patriarchen Und Richter war und Recht der ein’ge Gott… (…) »So Christ als Muselmann führt seinen Stammbaum Hinauf zu diesem Volk als ältstem, ersten, So dass sie uns bezweifeln, wir nicht sie …«

Dies ist, nach meiner Meinung, eine bemerkenswerte Deklaration im Wien von 1847. (Es widerspricht übrigens der These, dass der Autor die Handlung in Anlehnung an den bayerischen Lola Montez-Skandal verfasste.) In der Oper hingegen scheint Alfonso an diesem Thema weniger Interesse zu haben, als vielmehr ausschließlich an Rahel selbst. Andere auffällige Unterschiede: Grillparzer verwendet mehrmals das jüdische Wort »Nu« – nicht nur Isaak spricht es aus, sogar Alfonso selbst (zu seiner Frau: »Nu, nu, erschrick nur nicht« in seiner ersten Szene). Oder die Entscheidung des Librettisten, Rahels erste Äußerung vom »komponierten« Gesang (»La, la, la, la«) in ihre ersten Worte beim Mauerklettern (»Efeu, Wurzeln, löchriges Mauerwerk«) zu transformieren. Diese Änderungen sind keineswegs zu kritisieren, es sind Entscheidungen über Betonungen, teilweise notwendige Verdichtungen; ich versuche, sie mit der Frage »Für wen schreibt der Verfasser?« zu verknüpfen.

Und damit sind wir beim aktuellen Thema. Als Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde zu Dresden muss ich konstatieren, dass in den jüdischen Gemeinden Deutschlands die Angst, die seit dem Halle Anschlag 2019 umgeht, nach dem 7. Oktober 2023 weiter gestiegen ist. Der von so vielen erhoffte Rückgang von Antisemitismus stellt sich nun, bei den Bildern der gegen Israel gerichteten Proteste in Berlin und vielen anderen Städten, als naive Fantasie heraus. Der Judenhass existiert weiter, Vorurteil und Ignoranz bestehen fort. Die emotionalen Auswirkungen des Hamas-Überfalls innerhalb unserer deutschen jüdischen Gemeinden ist – so vermute ich –, von der allgemeinen Bevölkerung schwer zu erkennen. Aber wenn man bedenkt, dass weit über 90 Prozent der Gemeindemitglieder russischsprachig sind, und die allermeisten Verwandte in Israel haben, werden die Ängste vielleicht verständlicher. Der 7. Oktober 2023 war für die Israelis eine Zeitenwende; der existentielle Grundsatz des Staates Israel – »hier kann ich in Sicherheit leben« – wird nach dem Massaker infrage gestellt.

Kann die so notwendige politische Bildung, die das einzig wirkungsvolle Mittel zum Abbau von Vorurteilen bleibt, durch Kulturinhalte befördert werden? Ich glaube fest daran, es ist einer der Hauptinhalte meiner eigenen Arbeit an Gymnasien und Oberschulen, wo die Neue Jüdische Kammerphilharmonie vergessene verfemte Komponisten aufführt. Ob die neu komponierte Oper »Die Jüdin von Toledo« beim Ringen um Antworten zu diesem Thema einen Einfluss haben wird, hängt wahrscheinlich zum großen Teil davon ab, wie das Publikum auf die musikalische Umsetzung reagiert. Natürlich auch auf die anderen Elemente – Szenerie, Personenführung, all die Elemente des Theaters. Aber die wichtige emotionale Kommunikation ist – so glaube ich – in erster Linie durch Musik zu erreichen.

Wenn die gesellschaftliche Entwicklung weiter negativ verläuft, dann müssen wir – um zu Grillparzer zurückzukehren – die Worte von Isaak und Esther im 5. Akt wiederholen: »Wir sind im Dunkeln.« – »Wohl, im Dunkel rings.«

Michael Hurshell, stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Dresden und Künstlerischer Leiter der Neuen Jüdischen Kammerphilharmonie

kurz und bündig

kurz und bündig

Semperoper Education sagt: Vielen Dank!

… an alle, die unsere Arbeit unterstützen und viele Projekte für Kinder und Jugendliche ermöglichen: an viele private Spender*innen, deren Zuwendungen uns immer wieder erreichen; an die Stöcker Kaufhaus GmbH & Co. KG und die BIZ / LAW Rechtsanwälte, die seit Jahren kontinuierlich Education allgemein und zuletzt verstärkt auch »Education mobil« unterstützen; die BK Kids Foundation, die Günter Doering-Stiftung, die Volker Rosin Stiftung und die Sächsische Semperoper Stiftung, deren Förderungen »Education mobil«, unsere Aktivitäten auch im ländlichen Raum Sachsens, z.B. mit den mobilen Opern für Kindergärten und Grundschulen, möglich machen; und die Stiftung Kinderförderung von Playmobil, mit der wir seit 2020 das Grundschulprojekt TANZ MAL! durchführen, um Kinder zu mehr Bewegung und körperlichem Ausdruck zu motivieren.

Richard Strauss-Tage

Richard Strauss-Tage

Starke Frauen

Wo sich Kaiserin und Königin der Nacht, Elektra und Sophie begegnen

Während sich die Richard Strauss-Tage in der Semperoper 2023 der Trias der Opern »Der Rosenkavalier «, »Arabella« sowie »Ariadne auf Naxos« widmeten und damit einen unverkennbaren Schwerpunkt auf die wehmütige Evokation Wiens, des Fin de Siècle und des Rokoko legten, stehen in diesem Jahr die starken Frauen-Bilder von Hofmannsthal und Strauss im Fokus – und wird ein Bogen geschlagen zu Mozarts »Die Zauberflöte«.

Den Auftakt macht die Neuproduktion von »Die Frau ohne Schatten« unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann und in der Regie von David Bösch. Auch wenn das Werk in Wien uraufgeführt wurde, kam die Deutsche Erstaufführung bereits zwölf Tage später, am 22. Oktober 1919, unter Fritz Reiner an der Staatsoper Dresden heraus. Weitere Neueinstudierungen dirigierten Richard Strauss sowie Karl Böhm und zuletzt war es Giuseppe Sinopoli, der das Werk 1996 zur Premiere brachte. Als wichtiger Bezugspunkt zu »Die Frau ohne Schatten« gesellt sich Wolfgang Amadeus Mozarts »Die Zauberflöte «. Zentrales verbindendes Thema beider Werke ist die Frage nach dem Mensch-Sein und Mensch-Werden und der unmittelbare Vergleich beider Werke lädt zu einem erfrischenden Opernerlebnis ein.

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Die Wiederaufführung des Stummfilms »Der Rosenkavalier« von Robert Wiene mit Live-Orchester aus dem Jahr 1926 lässt Richard Strauss’ vielleicht berühmteste Oper in besonderem Licht erscheinen. Der Film wurde hier am Sächsischen Staatstheater unter der Musikalischen Leitung von Strauss uraufgeführt. Dabei war das ganze Vorhaben so ungewöhnlich wie innovativ: Denn die Übertragung einer Oper, die ihrer Natur nach vom gesungenen Wort lebt, in einen Stummfilm, die Synchronisierung von Live-Orchester und Filmvorführung, die Entwicklung einer eigenen filmischen Dramaturgie mit den notwendigen szenischen Ergänzungen und Musiken, waren ungewohnte Herausforderungen jener Zeit. Der rekonstruierten Fassung von Film und Musik aus dem Jahr 2006 ist es gelungen, die ursprünglich beabsichtigte Gesamtkomposition aus bewegtem Bild und orchestraler Tondichtung wieder aufleben zu lassen und den verloren gegangenen Schluss des Werkes stimmig zu ergänzen.

Weitere Programmhöhepunkte der Richard Strauss-Tage 2024 sind das Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle unter dem Dirigat von Sir Antonio Pappano sowie der 5. Kammerabend der Sächsischen Staatskapelle und die Lied-Matinee »Lieder seines Lebens« mit Christiane Karg und Gerold Huber.

Das Kraftzentrum liegt bei diesen Richard Strauss-Tagen aber bei »Elektra«. Nicht nur, weil dieses hochverdichtete Werk die Besucher*innen immer wieder musikalisch und dramatisch zu überwältigen vermag, sondern weil mit der Uraufführung von »Elektra« 1909 in Dresden der endgültige Durchbruch des Komponisten markiert werden kann und seine jahrelange, höchst fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Dichter Hugo von Hofmannsthal ihren Anfang nahm. Und so zieht sich eine starke Verbindungslinie durch das Programm: Alle drei aufgeführten Opern entstammen der Zusammenarbeit von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal und zeigen beeindruckend auf, welch weiten Weg die beiden innerhalb eines Jahrzehnts – von 1909 bis 1919 – gingen: vom bruitistisch-verstörenden Antikendrama »Elektra« über die Komödie für Musik »Der Rosenkavalier«, die melodien- wie walzerselig ein heiteres Rokoko-Österreich evoziert, bis zum gewaltigen märchenhaft-symbolistischen Welttheater »Die Frau ohne Schatten«.

Die zentralen Figuren dieser Werke sind allesamt Frauen und es ist faszinierend, sich Elektra und Chrysothemis, die Feldmarschallin und Sophie wie auch die Kaiserin und die Amme nebeneinander in ihrem Facettenreichtum vorzustellen.

Johann Casimir Eule

RICHARD STRAUSS-TAGE IN DER SEMPEROPER
27. März bis 7. April 2024

Programm

kurz und bündig

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Die Semperoper Dresden auf der »KarriereStart-Messe«

Vom 19. bis 21. Januar 2024 findet in der Messe Dresden die Bildungs-, Job- und Gründermesse Sachsens statt. Die Sächsischen Staatstheater werden ebenfalls als Aussteller vertreten sein und über die Ausbildungsberufe am Theater informieren. So vielfältig wie die Inszenierungen auf den Bühnen der Semperoper und des Schauspielhauses, sind die Möglichkeiten einer Ausbildung an den Staatstheatern. Im Ausbildungsjahr 2024 werden Interessierte für folgende Berufe gesucht: Fachkraft für Veranstaltungstechnik und Maßschneider*in (Fachrichtung Damen).

2x2 Fragen

2 x 2 Fragen

... an Marcelo Gomes

Der Künstlerische Leiter des Semperoper Ballett Marcelo Gomes zur Wiederaufnahme von »Dornröschen«

AARON S. WATKIN BRACHTE 2007 »DORNRÖSCHEN« IN DER TRADITION DER CHOREOGRAFIE VON MARIUS PETIPA AUF DIE BÜHNE DER SEMPEROPER. WAS HABEN SIE IN IHRER ADAPTION HINZUGEFÜGT ODER VERÄNDERT?  

Aaron S. Watkin hat ein fantastisches Wunderland entwickelt, das an Walt Disneys berühmten Film erinnern könnte. Zudem ist es eine Hommage an die Ballettästhetik von Marius Petipa. Um den Handlungsstrang deutlicher hervorzuheben, verzichten wir nun auf einige Nebenhandlungen. Außerdem wird es eine weitere Fee geben, die Fee der Singvögel, der Aurora die Gabe der Beredsamkeit bzw. des schönen Gesangs verleiht. Ein weiterer Aspekt ist die etwas detailliertere Ausarbeitung des 100-jährigen Schlafs sowie die Konzentration auf den Schauplatz im verwunschenen Wald und das überwucherte Schloss.

 

WAS FÜHLEN SIE, WENN SIE DIE MUSIK VON PJOTR I. TSCHAIKOWSKY HÖREN?

Tschaikowskys Musik sagt alles: Jede Drehung, jeder Blick, jeder mimische Ausdruck wird von ihm notiert. Er hat das szenische Programm von Petipa buchstäblich in Musik übersetzt. Ich ziehe es also vor, seinen Intentionen und Vorschlägen zu folgen, anstatt dagegen zu halten, was manchmal auch ein interessanter dramaturgischer Trick sein kann, zum Beispiel wenn es um den allerersten Auftritt der bösen Fee Carabosse geht. »Dornröschen« ist eine der schönsten Partituren, die je komponiert wurden; sie beschreibt Liebe, Hoffnung, Magie, Ausdauer und Triumph.

WAS IST IHR PERSÖNLICHER ZUGANG ZU DEM HANDLUNGSBALLETT »DORNRÖSCHEN«?

»Dornröschen« ist für mich ein sehr wichtiges Ballett. Da ich selbst in mehreren Produktionen und Versionen wie denen von Kenneth MacMillan, Rudolph Nurejew, Gelsey Kirkland und Alexei Ratmansky getanzt habe, konnte ich einige Erfahrungen sammeln, die ich in unserer Wiederaufnahme umsetzen möchte. Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, dieses schöne Märchen stringent und prägnant zu erzählen. Beim Nachdenken über die Wiederaufnahme der jetzt revidierten Fassung ist mir bewusst geworden, wie universell die Kernbotschaft und die Moral des Stückes sind, so dass unserer Fantasie keine Grenzen gesetzt sind.

 

DAS SEMPEROPER BALLETT BIETET DIE GANZE BANDBREITE VON TANZ. UNTERSCHEIDEN SICH DIE ANFORDERUNGEN AN DIE TÄNZER*INNEN JE NACH PRODUKTION?

Die Proben in einer Repertoire-Company können sehr intensiv und anspruchsvoll sein. Die Tänzer* innen müssen sich sehr schnell an verschiedene technische Stile anpassen – von klassischer Technik auf Spitze bis hin zum zeitgenössischen Kreieren von Bewegungen aus der Körpermitte heraus. Diese beiden Extreme können sehr herausfordernd sein, vor allem, wenn sie an einem einzigen Tag stattfinden. Aber dies hat auch seine Vorteile: Die Kraft und die Erkenntnisse, die man über sich selbst gewinnt, können nicht nur zu einer körperlichen Bestform führen, sondern auch zu einem enormen inneren künstlerischen Wachstum.

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Christian Thielemann dirigiert »Tristan und Isolde«

Der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, Christian Thielemann, dirigiert in seiner letzten Spielzeit in Dresden u.a. »Tristan und Isolde«. Die bildgewaltige Inszenierung von Marco Arturo Marelli bereitet in Raum und Farbe den Boden für das Geheimnis dieser Liebe, gebannt in Richard Wagners 1865 uraufgeführter Oper, in der die Musik fast zum alleinigen Träger der Handlung wird.

Ansichten

Ansichten

Tristan und Isolde

Im Geheimen leben die Liebenden Tristan und Isolde ihre Verbindung, was zwangsläufig aber entdeckt werden und in die Katastrophe führen muss. Die bildgewaltige Inszenierung von Marco Arturo Marelli bereitet den Boden für das Geheimnis dieser Liebe, gebannt in Richard Wagners 1865 uraufgeführter Oper, in der die Musik fast zum alleinigen Träger der Handlung wird.


Freitext

Wo bin ich? Wach’ ich? Ist es ein Traum? Hier lieg’ ich unterm Tannenbaum!

Gretel

1893 schuf Engelbert Humperdinck auf der Grundlage der Brüder Grimm die wohl berühmteste Märchenoper des Musiktheaterrepertoires. In der Inszenierung von Katharina Thalbach wird diese Vorlage durch weitere Figuren aus den Grimm’schen Märchen angereichert und so zu einem Fest für die ganze Familie gestaltet. Rotkäppchen, Schneewittchen und der böse Wolf entführen Kinder wie Erwachsene auf eine musikalische Reise durch die fantastische Märchenwelt.

Engelbert Humperdinck, »Hänsel und Gretel«

Staatskapelle

Sonderkonzert

Das 18. Jahrhundert und sein Nachklang

Erstmals realisiert der legendäre Pianist Sir András Schiff ein »Play & Conduct«-Projekt mit der Sächsischen Staatskapelle

In seiner fast fünf Jahrzehnte umfassenden Karriere hat sich der Pianist Sir András Schiff eine beachtliche Reputation als herausragender Interpret der Werke von Bach, Mozart, Beethoven und Schubert erarbeitet und damit sein Fingerspitzengefühl für diese Meister anhaltend unter Beweis gestellt. Zahlreiche, zum Teil international bedeutende Ehrungen würdigen sein außergewöhnliches künstlerisches Lebenswerk. In der Spielzeit 2020/21 war Schiff Capell Virtuos der Sächsischen Staatskapelle, was die besondere Verbundenheit des Orchesters zu dem Ausnahmepianisten hervorhebt.

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Doch nicht nur als Pianist, sondern auch als Dirigent begeistert der gebürtige Ungar das internationale Publikum. Gemeinsam mit dem von ihm gegründeten Kammerorchester »Cappella Andrea Barca« hat Schiff sich u.a. den Klavierkonzerten von Mozart zugewandt, bei denen er ganz im Sinne der damaligen Zeit als Solist und Dirigent in Personalunion auftritt. So war es bei den Solokonzerten des 18. Jahrhunderts noch üblich, dass der Solist auch das Orchester bzw. das Ensemble leitete. Erst bei den groß dimensionierten symphonischen Konzerten des 19. Jahrhunderts wurde der Dirigent neben dem Solisten zu einer Regelerscheinung. Nun kehrt der ehemalige Capell Virtuos auch als Dirigent zur Sächsischen Staatskapelle zurück und führt diese auf einer Tournee in mehrere europäischen Metropolen. Den Auftakt des Programms bildet Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 5 in D-Dur.

Mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 23, das Schiff vom Flügel aus dirigiert, erklingt ein Werk, das zu den späten Schöpfungen des Meisters gehört. Das in düsterem Moll stehende »Adagio« als langsamer Mittelsatz erscheint mit seinem teils an einen Siciliano- Rhythmus, teils an eine Opernarie erinnernden Charakter wie ein Spiegelbild innigster Emotionen.

Abgerundet wird das Programm mit Mendelssohns »Italienischer Symphonie«, bei der Sir András Schiff am Pult der Staatskapelle steht. Es ist ein Werk, das wegen seiner klassischen Formstruktur und nicht zuletzt aufgrund eines typischen Menuetts im dritten Satz die Tonsprache des 18. Jahrhunderts in einem romantischen Gewand nachklingen lässt. Der landläufigen Bezeichnung ihres Schöpfers als »Romantiker mit klassischer Prägung« erweist die »Italienische Symphonie« damit alle Ehre.

Bernd Wladika


Staatskapelle

Silvesterkonzert

Eines der heitersten Mozart-Konzerte

Silvesterkonzert der Staatskapelle Dresden mit Igor Levit

Ein Gipfeltreffen der Extraklasse bietet das diesjährige Silvesterkonzert. Tugan Sokhiev dirigiert die Sächsische Staatskapelle Dresden, als Solist ist Igor Levit mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur zu erleben.

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Festlich und prunkvoll präsentiert sich das Programm, mit dem die Sächsische Staatskapelle unter Tugan Sokhiev ihr Publikum ins neue Jahr geleitet. Schwerpunkt in der Musikfolge ist ein Meisterwerk von Wolfgang Amadeus Mozart – gespielt von einem meisterlichen Pianisten. Denn spätestens seit Igor Levit in der Corona-Pandemie täglich Hauskonzerte für zehntausende Zuschauer*innen streamte, ist er im Musikgeschäft einer der großen Stars. Mit einer Podcast-Serie zu Beethovens Klaviersonaten stellte er danach die Musikvermittlung in den Mittelpunkt seines Schaffens. Was Levit zu Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467 zu sagen hat, dürfte darum nicht nur die Stammgäste des traditionsreichen Silvesterkonzertes interessieren.

Wie schon das Vorgängerkonzert in d-Moll gehört auch dieses Werk zu den symphonischen Konzerten, in denen der orchestrale Part mehr als nur Staffage ist. Das C-Dur-Konzert schuf Mozart in nur vier Wochen. Eine Probe musste am 10. März 1785 genügen, um das Stück mit dem Komponisten am Klavier zur Uraufführung zu bringen. Dass »KV 467« von den 27 Klavierkonzerten aus Mozarts Feder eines der bekanntesten ist, liegt nicht nur an seinem fröhlichen Gestus, sondern auch daran, dass das Werk sogar im Kino reüssierte: Das Andante erlangte 1967 als Titelmusik des preisgekrönten schwedischen Films »Elvira Madigan« große Popularität.

Doch auch im Vergleich zu den anderen Kompositionen des Klassikers kommt diesem Konzert eine besondere Bedeutung zu. Die Proportion von Soloinstrument und Orchester wird zugunsten des Letzteren verändert. Das Ensemble bekommt durch längere Zwischenspiele mehr Gewicht, auch das Hauptthema wird nicht mehr vom Solisten vorgestellt. Zudem ist die Besetzung größer als zuvor: Trompeten und Pauke kommen zum Einsatz.

Der erste Satz trägt die Überschrift »Allegro maestoso« zu Recht: Das prächtige Hauptthema wird zuerst vom Orchester in unterschiedlicher Form – kammermusikalisch, volltönend oder kontrapunktisch – präsentiert, ehe es vom Klavier aufgenommen wird. Die Motive sind perfekt ausbalanciert: So wie Mozart seinen Opern eine durchdachte Dramaturgie unterlegte, so verstand er es auch, die unterschiedlichen Stränge im C-Dur-Konzert zu einem homogenen Ganzen zusammenzuführen. Im dritten Satz findet man dafür ein eindrucksvolles Beispiel: Hier verbindet sich das Rondo als traditioneller Kehraus mit der Sonatenhauptsatzform. Der Pianist kann sich dennoch ganz der Spielfreude hingeben und eines der heitersten Mozart-Konzerte zu einem virtuosen Ende führen.

Hagen Kunze


Staatskapelle

Kurzinterview

»in vain«

Im Kurzinterview erklärt Jonathan Stockhammer seine Sichtweise auf das Stück des Capell-Compositeurs Georg Friedrich Haas und bringt dessen Besonderheiten näher

Am 2. Februar dirigieren Sie eines der bekanntesten Werke des aktuellen Capellcompositeurs Georg Friedrich Haas mit dem Titel »In Vain«. Kommen wir direkt auf die wohl größte Besonderheit des Stücks du sprechen: Phasenweise wird in völliger Dunkelheit gespielt. Wie bereitet man die Musiker*Innen darauf vor?

Es ist schwerer, als man denkt. Nicht nur können wir in dem Moment keine Noten lesen, auch die Tastaturen, Griffbretter, Harfensaiten – alles ist nur schemenhaft zu erkennen.

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Und es kommt noch dazu, dass die Musik in diesen langen Phasen nicht komplett festgelegt ist, sondern es gibt eine fluide Organik. Eine Gruppe wird schneller, während die andere Gruppe gerade leiser wird, genau festgelegte Treffpunkte gibt es nur manchmal. Und auch die Beziehungen zwischen den verschiedenen Stimmgruppen sind »flüssig«. Man lernt das, indem man sich einerseits darauf konzentriert, auswendig zu spielen, andererseits parallel aber auch immer den Prozess im Auge behält. Wie auch bei den Proben für ein Theaterstück kann man dieses Stück nur in seiner Komplexität erarbeiten, es gibt keine »Abkürzung « dieses Prozesses. Beim ersten Mal, als ich dieses Stück mit einem Orchester einstudiert habe, sind wir barfuß mit den Instrumenten in den Park gegangen und haben uns der Musik spielerisch genähert. Dieses Spielen im wahrsten Sinne des Wortes hat Vertrautheit mit dem Stück geschaffen und sehr beim Auswendiglernen geholfen.

Georg Friedrich Haas schrieb »In Vain« unter anderem als Reaktion auf den damaligen Rechtsruck in der österreichischen Regierung, er sprach von einer »Rückkehr in vergangen geglaubte Zustände«. Spiegelt sich dieses politische Zeitgeschehen in der Anlage des Werks wider?  

Ich denke ja – und zwar in vielerlei Hinsicht: Über die mehr als 60 Minuten, die das Werk dauert, erleben wir Prozesse: allmähliche Beschleunigungen oder ein Langsamerwerden. Diese Prozesse scheinen zunächst an ein Ende, an ein Ziel zu kommen – aber genau an diesem Punkt beginnt man, neue Schichten wahrzunehmen, die schon im Hintergrund da waren, wie eine Spirale in einer Spirale. Man fängt wieder genau da an, wo man begonnen hat – es ist ein vergeblicher Versuch, zu einem Ende zu kommen. Auf emotionaler Ebene löst das viele widerstreitende Gefühle aus, von großer Lust und Begeisterung bis hin zu absoluter Hoffnungslosigkeit, bis zum absoluten Nullpunkt. Das Reich, in dem Tristan zwischen Leben und Tod weilt.

Sir Simon Rattle bezeichnete das Werk als »One Of The First Masterpieces Of The 21st Century«. Sie haben es selbst schon mehrfach dirigiert. Was fasziniert Sie daran ganz besonders?

Die Reaktionen der Zuhörer*innen auf diese Musik sind sehr stark, es gibt kaum jemanden, den diese Komposition kalt lassen würde. Verstärkt wird dieses Erlebnis durch die heutzutage nur noch sehr seltene Erfahrung von absoluter Dunkelheit – kein Leuchten eines Smartphones oder Laptops, kein Display, kein beleuchtetes Schild. Die Zuhörer*innen bekommen die Chance, sich in der Dunkelheit in die eigenen Gedanken und Emotionen zu versenken. Und sobald das Licht ausgeht, erlebt das Publikum das Orchester anders, neu. Die Ortung des Klangs ist nicht mehr optisch zu lokalisieren, der Klang kommt von oben oder sogar hinten, das Orchester scheint zu schweben … Eine starke, vielleicht für manche sogar beunruhigende Erfahrung. Gleichzeitig ist die Musik von kristalliner Schönheit. Es ist zweifellos ein Meisterwerk!


Historisches Archiv

Nachwuchsschmiede Giuseppe-Sinopoli-Akademie

Anlässlich des 475. Kapelljubiläums kuratierte das Historische Archiv eine umfangreiche Ausstellung über ausgewählte Kapellmitglieder der vergangenen 100 Jahre. Eine davon ist Eszter Simon, 2. Flötistin des Orchesters und ehemalige Stipendiatin der Akademie

Der künstlerische Weg der in Budapest geborenen Flötistin Eszter Simon begann im Alter von acht Jahren. Nach erstem Querflötenunterricht an der Musikschule in Veresegyház folgte ihre professionelle Ausbildung am renommierten Zoltán Kodály Musikgymnasium in Kecskemét. Nach dem Abitur absolvierte sie ihr Bachelorstudium an der Universität Pécs und wechselte 2012 an die Hochschule für Musik Mainz. Dort studierte sie in der Flötenklasse von Prof. Dejan Gavric, in der sie 2014 ihr Masterstudium und 2016 das Konzertexamen mit Auszeichnung abschloss. Dafür erhielt sie den Preis der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.

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In der Laudatio hob ihr Professor hervor, dass sich schon zu Beginn ihrer Ausbildung gezeigt habe, was sie heute prägt: »Begeisterung für das, womit sie sich beschäftigt, Intensität und Ausdauer.« Erste wichtige Orchestererfahrungen sammelte Eszter Simon während ihres Mainzer Studiums in der Jungen Deutschen Philharmonie, im Staatstheater Mainz, im Frankfurter Opern- und Museumsorchester und im Staatsorchester Stuttgart.

2016 gewann sie das Probespiel für Flöte an der Orchesterakademie der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die seit 2011 den Namen Giuseppe- Sinopoli-Akademie trägt. Die Ausbildung des musikalischen Nachwuchses spielt für die Sächsische Staatskapelle seit jeher eine zentrale Rolle. Bereits in der Gründungsurkunde des Orchesters aus dem Jahr 1548 findet sich die Vorgabe, dass die ältere Generation ihr Wissen an die jüngere weiterzugeben habe. Dieser Maxime wird auch heute, 475 Jahre später, ein hoher Stellenwert eingeräumt. Die jungen Akademist*innen werden während einer zweijährigen Ausbildungszeit von erfahrenen Kapellmusiker*innen unterrichtet und – im Idealfall – auf ein Engagement in der Staatskapelle vorbereitet.

Eszter Simon wurde damals von ihrer Mentorin, der Soloflötistin Sabine Kittel, betreut und erhielt wertvolle Hinweise, beispielsweise während der Kammermusikkonzerte mit anderen Akademisten, beim Probespieltraining oder bei der Vorbereitung für das Orchesterspiel. Diese Konstellation stellte für Eszter Simon eine ideale Chance dar, da junge Musiker*innen nicht nur die Möglichkeit haben, bei Orchesterdiensten eigene Erfahrungen zu sammeln – wie es bei einer Substitutenstelle der Fall wäre –, sondern auch in ihrem Lernprozess offiziell begleitet werden.

Nach ihrer Ausbildung an der Sinopoli-Akademie war Eszter Simon für zwei Jahre als Soloflötistin der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz engagiert. 2020 erhielt sie einen Zeitvertrag bei der Sächsischen Staatskapelle Dresden und seit 2022 / 23 schließlich einen festen Vertrag als 2. Flötistin.

Rückblickend beschreibt Eszter Simon ihre Zeit als Akademistin als unendlich bereichernd. Diesen besonderen Klang der Staatskapelle gemeinsam zu fühlen und selbst durch Sensibilität und Durchlässigkeit immer wieder neu zu erzeugen, hat für sie neue Horizonte eröffnet. Heute ist sie deshalb selbst aktiv im Vorstand der Akademie tätig. Sie berät, unterstützt und schiebt neue Projekte und Workshops an. Denn aus eigener Erfahrung weiß sie, welches Handwerkszeug die jungen Künstler*innen auf ihrem Weg weiterbringt – ein Bogen schließt sich.

Katrin Rönnebeck


Education

Semperoper Education

Winterferien im Musiktheater

Noch keine Pläne für die Winterferien? Die Education bietet im Februar gleich zwei Ferienprojekte für Kinder und Jugendliche an

In dieser Spielzeit werden die Winterferien doppelt spannend: Kinder ab 8 Jahren können in die fantasievolle Welt von »Das schlaue Gretchen« eintauchen und Jugendliche bis 15 Jahren haben die Chance, gleich beide Musiktheaterhäuser Dresdens kennenzulernen und spielerisch den Themen von Oper und Operette auf den Grund zu gehen. In der ersten Ferienwoche probieren die jungen Menschen sich in verschiedenen Künsten aus, werden selbst zu Darsteller*innen, erzählen Geschichten, denken sich Choreografien aus und erfinden Klänge.

WINTERFERIENPROJEKT »DAS SCHLAUE GRETCHEN«

Was ist das Schönste auf der Welt und was das Schlimmste? Wie kann man jemanden gefahren und gleichzeitig nicht gefahren besuchen kommen? Wie kann die Sonne mitten in der Nacht hell strahlen? Was ist gleichermaßen rasant und langsam? Diesen und weiteren Rätseln stellt sich Grete, die Titelfigur der Kinderoper »Das schlaue Gretchen« von Martin Smolka. Und das haben auch wir vor: Innerhalb einer Woche wollen wir mit Kindern zwischen 8 und 12 Jahren um die Wette rätseln, selbst in die Rollen der Kinderoper schlüpfen und Musik und Bewegung ausprobieren. Und das alles auf der Bühne in der Spielstätte Semper Zwei, wo im April auch wieder die Kinderoper zu sehen sein wird.

Wer? Kinder von 8 bis 12 Jahren
Wann? Montag, 12. Februar bis Freitag, 16. Februar 2024, täglich 10 bis 15 Uhr
Wo? Semper Zwei
Preis? 50 Euro pro Teilnehmer*in, inklusive Mittagsverpflegung

WINTERFERIENPROJEKT »OPER:ETTE«

Im Ferienprojekt »Oper:ette« wird für die Teilnehmenden zwischen 11 und 15 Jahren direkt das Zweifache geboten: Innerhalb des Kooperationsprojektes zwischen Staatsoperette Dresden und Semperoper Dresden lernen die Jugendlichen spielerisch beide großen Musiktheaterhäuser der Stadt kennen. Eine Woche lang schlüpfen die Teilnehmenden in große Rollen aus Oper und Operette, hören in bekannte und weniger bekannte Werke und werfen einen Blick hinter die Kulissen der beiden großen Kulturinstitutionen. Gemeinsam mit den Jugendlichen gehen wir der Aktualität der Themen des Musiktheaters auf den Grund, suchen nach Anknüpfungspunkten zur persönlichen Lebensrealität und erarbeiten eigene Szenen.

Wer? Jugendliche von 11 bis 15 Jahren
Wann? Montag, 12. Februar bis Freitag, 16. Februar 2024, täglich 14 bis 18 Uhr
Wo? Probebühne der Staatsoperette Dresden
Preis? 30 Euro pro Teilnehmer*in, ohne Verpflegung 
Kooperation mit der Staatsoperette Dresden

Für die Teilnahme an unseren Ferienprojekten bedarf es keinerlei Vorkenntnisse in Musik, Theater oder Tanz – die Lust am Ausprobieren und an der Gemeinschaft ist mehr als ausreichend. Wer schon Erfahrung in einem oder mehreren Bereichen hat, ist selbstverständlich auch herzlich willkommen. Die Woche endet in beiden Projekten mit einer kurzen Werkschau des Erarbeiteten vor Eltern, Großeltern und Freund*innen.

Kontakt und Anmeldung unter education@semperoper.de

Hannah Kawalek


Publikumsfrage

Anna-Sophie v. Eckenstein, Bad Schandau fragt:
WIE KOMMEN DIE ZWEISPRACHIGEN ÜBERTITEL, DIE WÄHREND EINER OPERNVORSTELLUNG IN DER SEMPEROPER EINGEBLENDET WERDEN, ZUSTANDE?

Zunächst setzt der*die stückbetreuende Dramaturg*in im Klavierauszug Cues (spezielle Markierungen), wann neuer Text in den Übertiteln angezeigt wird und wann die Tafeln schwarz bleiben sollen. Anhand des Librettos der jeweiligen Oper werden die deutschen Übertitel erstellt, die wiederum von einem professionellen Übersetzer ins Englische übertragen werden. Diese Übertitel werden in unser Übertitelprogramm (»Supertitle«) importiert und eine Datei erstellt. Anhand dieser Datei und dem eingerichteten Klavierauszug klickt ein*e Übertitelrepetitor*in in der Vorstellung und kann so auf musikalische und szenische Dinge reagieren.

Sie fragen, wir antworten: Schicken Sie uns Ihre Fragen rund um die Semperoper per Post an Semperoper Dresden, Kommunikation & Marketing, Theaterplatz 2, 01067 Dresden oder per E-Mail an marketing@semperoper.de

Lieblingsmoment

Lieblingsmoment

Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee

Während des Komponierens so eines Stückes wie dem »35. Mai« – mit immerhin 1724 Takten – hatte ich ganz unterschiedliche Lieblingsmomente. An den ersten erinnere ich mich gut: das Einrichten einer Partitur, der allererste Takt! Vor einem liegen die tollsten Möglichkeiten des weißen Papiers und es ist ein riesen Spaß, wenn vor dem inneren Auge Ahnungen auftauchen, wie das Stück mal aussehen könnte. Jeden Tag bin ich seitdem gespannt darauf, wie es sich weiterentwickelt. Heute zum Beispiel bin ich besonders gespannt auf Takt 1314: »wahnwitzig werden«, habe ich dort vor ein paar Monaten in die Partitur geschrieben. Was wird passieren? Werden Elefanten hereinschweben? Werden Flamingos eine ausufernde Grillparty veranstalten? Ich weiß es nicht – und diese Spannung, die ist mein allerliebster Lieblingsmoment. 

Gordon Kampe, Komponist


Premierenrezept

Premierenrezept »Die Jüdin von Toledo«

Wes’ Brot ich ess, des’ Lied ich sing

Matze

ZUTATEN: 200 g Mehl, 1 Prise Salz, 80 ml Wasser

Überall auf der Welt kommt dem Brot in seinen vielfältigen Erscheinungsformen eine tiefe gesellschaftliche und sogar religiöse Bedeutung zu. So symbolisieren das Schenken und Teilen des Brotes seit Urzeiten in nahezu allen Kulturen Freundschaft und Verständigung, was im besten Falle zum gemeinsamen Singen führen kann.

Mit seiner Einladung an das auserwählte Volk: »Ich will einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt«, hat Moses nicht nur das letzte Abendmahl vorweggenommen, sondern zugleich das allgemein gültige Angebot an alle Menschen dieser Welt für ein friedvolles Zusammenleben auf den Punkt gebracht.

Ob Rahel in der Uraufführung »Die Jüdin von Toledo« im Backen bewandert war, wissen wir nicht und werden es bei der Premiere am 10. Februar 2024 auch nicht erfahren. Aber für Matze, hebräisch für das traditionell ungesäuerte Fladenrot, bedarf es nur etwas Mehl, ein wenig Wasser, einer Prise Salz und Liebe. Dann das Ganze in mehrere Fladen aufteilen, mit einer Gabel mehrfach anstechen und bei 180 Grad Umluft oder 200 Grad Ober-/Unterhitze im Backofen knusprig werden lassen.

Oliver Bernau

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»Semper!«-Magazin

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Archiv der Ausgaben des »Semper!«-Magazins bis zur Spielzeit 2011/12

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