»Semper!«-Magazin

DREI 2021/22

Liebes Publikum,

eines Tages rennen einige Nashörner mitten durch die Stadt. Tag für Tag werden es mehr und bald sind es ganze Herden. Dann wird klar: Es sind die Menschen, die sich nach und nach in Nashörner verwandeln. Einzig Behringer, der Protagonist, beschließt am Ende, kein Nashorn zu werden und Mensch zu bleiben. Eugène Ionescos Stück »Die Nashörner« (1959), ein Klassiker des sogenannten »Theater des Absurden«, ist zeitlos aktuell, indem es ein Bild für eine Bedrohung schafft, deren Entstehung rätselhaft bleibt. 

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»Die kahle Sängerin« ist ein weiteres von Ionescos Dramen, das die sogenannte Wirklichkeit in eine ungewohnte und somit neu zu entdeckende Dimension fortführt. 1950 uraufgeführt, steht das Stück seither auf dem Spielplan des Théâtre de la Huchette in Paris und wurde ca. 15.000 Mal ge-spielt. Luciano Chailly (1920 – 2002), Vater des Dirigenten Ricardo Chailly, nahm es als Vorlage für eine Kammeroper, die wir in Semper Zwei als Deutsche Erstaufführung zeigen. Der in Italien sehr anerkannte und oft gespielte Komponist ist somit nun auch in Deutschland zu entdecken. Die Inszenierung übernimmt Barbora Horáková, die bereits mit Peter Eötvös’ »Der goldene Drache« bewies, wie sich Realität und Poesie miteinander verweben.

Eine Uraufführung steht wenige Tage später auf dem Spielplan der Semperoper: Torsten Raschs Musiktheater »Die andere Frau« mit einem Libretto des Autors Helmut Krausser. 

Auch hier erwartet die Besucher*innen der Semperoper etwas »Absurdes«: Die Zuschauer*innen sitzen in der Inszenierung von Immo Karaman auf der Bühne und blicken in den Zuschauerraum. Eine Veränderung der Perspektive, die Bühnenbildner Arne Walther vorschlägt, und uns einen neuen Blick auf die Semperoper und ein neues Hörerlebnis ermöglicht.

Herausragend ist auch die Besetzung mit Evelyn Herlitzius, Markus Marquardt und Stepanka Pucalkova. Hinzu kommt die iranische Sängerin Sussan Deyhim, die seit vielen Jahren ihre einzigartige Gesangs- und Musiksprache in vielen internationalen CD- und Filmproduktionen zu Gehör brachte. Die biblische Geschichte von Abram und Sarai wird in Torsten Raschs Auftragskomposition der Semperoper auch zur Begegnung von Musikkulturen. 

In der Geschichte geht es bekanntlich um die Entstehung der monotheistischen Weltreligionen, die das Denken und Handeln eines großen Teils der Menschheit bis heute bestimmen. Mythos – Legende – Absurdität – Realität?

Bleiben Sie neugierig und gesund. Und Augen auf: Es könnten Nashörner kommen. 

Ihr 
Manfred Weiß 
Künstlerischer Leiter Semper Zwei und Leiter Education der Semperoper Dresden


Premiere

Stammvater der Menschheit

Eine Geschichte über den Ursprung der Weltreligionen: Torsten Raschs Musiktheater »Die andere Frau« mit dem Libretto von Helmut Krausser erlebt seine Uraufführung in der Semperoper

»Nach dem Schriftwort: ›Ich habe dich zum Vater aller Völker bestimmt‹ ist Abraham unser aller Vater vor Gott, dem er geglaubt hat, dem Gott, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft.« So beschreibt der Vierte Römerbrief des Neuen Testaments die biblische Figur des Abraham als Stammvater der gesamten Menschheit. Abraham ist laut jüdischer, christlicher und muslimischer Sicht der erste Mensch, zu dem Gott direkt sprach, und so steht er am Anfang der drei großen Weltreligionen. Abrahams Geschichte bildet den Ausgangspunkt der Oper »Die andere Frau«, die Torsten Rasch im Auftrag der Semperoper komponiert hat und die im Januar ihre Uraufführung erleben wird. 

EIN HAUS DER URAUFFÜHRUNGEN
Die Semperoper ist ein Opernhaus der Uraufführungen. Lang ist die Tradition der Opern, die hier zum ersten Mal gespielt wurden, darunter drei Werke von Richard Wagner und neun von Richard Strauss, aber auch Opern von Eugen d’Albert, Ferruccio Busoni, Kurt Weill, Udo Zimmermann und Siegfried Matthus. 2008 fand mit Manfred Trojahns »La grande magia« die bislang letzte Uraufführung statt. Grund genug also, mit Torsten Raschs »Die andere Frau« an diese große Tradition anzuknüpfen.

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Der 1965 geborene Komponist Torsten Rasch stammt aus Dresden, war hier Kruzianer und studierte an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber. 1990 ging er nach Japan, wo er zahlreiche Filmmusiken komponierte. Ab 2000 arbeitete er quer über alle Genregrenzen hinweg mit so unterschiedlichen Künstler*innen wie Katharina Thalbach, Rammstein (»Mein Herz brennt«) oder den Pet Shop Boys (»Panzerkreuzer Potemkin«) zusammen. 2008 erlebte Torsten Raschs erste Oper »Rotter« ihre Uraufführung an der Oper Köln, 2010 kam »Die Herzogin von Malfi« an der English National Opera in London auf die Bühne. In Dresden war zuletzt 2019 »Seven« für Chor und Violoncello beim Heinrich-Schütz-Fest zu erleben. 

GOTT LACHT
Von der Geschichte Abrahams war Torsten Rasch sofort fasziniert, weil sie mit einem Paradox beginnt: Der Mann, der als Stammvater der Menschheit gelten wird, hat keine Nachkommen. Abram, so sein Name zu Beginn der Geschichte, und seine Frau Sarai haben ihre Heimat verlassen, um das Land Kanaan zu besiedeln, das Gott Abram verheißen hatte. In einem Leben aus Flucht und Wanderschaft stellt Sarai im hohen Alter die Frage, wie ihre Sippe ohne Kinder überleben soll. Sie selbst macht Abram den Vorschlag, mit der Magd Hagar ein Kind zu zeugen. Abram geht auf den Vorschlag ein, und Hagar wird tatsächlich schwanger. Doch nun scheint die Magd auf ihre Herrin herabzublicken, und Sarai vertreibt die Schwangere in die Wüste. Dort erscheinen ihr drei Engel, die sie überreden, zurückzukehren: »Du bist schwanger und wirst einen Sohn bekommen, den du Ismaël – Gott hört – nennen sollst, denn Jahwe hat dein Jammern gehört.« Auch Abram und Sarai erscheint ein Engel, der der über Neunzigjährigen eine Schwangerschaft ankündigt. Und weil Sarai über diese Verkündigung nur lachen kann, soll ihr Sohn Isaak heißen, das bedeutet: Gott lacht. Es ist dieser Bund, der die besondere Beziehung Gottes zu den Gläubigen der drei Weltreligionen begründet. 

EIN PATRIARCH AUF DER FLUCHT
Der bekannte Schriftsteller Helmut Krausser (u.a. »Melodien«) hat für Torsten rasch ein Libretto geschrieben, das die biblische Geschichte in eine moderne Sprache übersetzt und dadurch die Figuren in die Nähe unseres eigenen Denkens und unserer Empfindungswelt rückt. Denn aus heutiger Sicht ist die biblische Geschichte von kaum auszuhaltender Brutalität: Abram und seine Frau sind auf einer jahrelangen Flucht durch die Wüste, ohne feste Heimat und ohne Perspektive. Sarai ist traumatisiert von ihrer Zeit in Ägypten, wo Abram sie fremden Männern überlassen hat, um sein eigenes Leben zu retten. Ihre Idee wiederum, dass Abram mit einer Sklavin ein Kind zeugt, setzt Eifersucht, Neid und Hass frei, die das Verhältnis weiter vergiften. Dass eine Frau beschließt, ihre Sklavin zur Leihmutter zu machen, dass die Leihmutter am Ende verstoßen wird, all das berichtet die Bibel mit wenigen, lapidaren Worten. Kraussers Libretto gibt den Figuren eine moderne Psychologie und legt damit die menschlichen Verwerfungen hinter der archaischen Geschichte frei. Indem Torsten Rasch und Helmut Krausser ihre Figuren wie heutige Menschen denken lassen, machen sie die Unmenschlichkeit der Geschichte erlebbar, ohne sie grundsätzlich in Frage zu stellen. 

DIALOG DER RELIGIONEN
Doch die Geschichte von Abram, Sarai und Hagar ist weit mehr als eine bloße Dreiecksgeschichte. Vielmehr markiert die Verstoßung Hagars und ihres Sohnes die erste Trennung der Religionsgemeinschaften: Während Isaak als Stammvater des Judentums (und dadurch mittelbar auch des Christentums) gilt, wird Ismaël als Stammvater des Islam angesehen. In den beiden Halbbrüdern Isaak und Ismaël und in ihren Müttern Sarai und Hagar verkörpert sich einerseits die Trennung der drei Weltreligionen, andererseits aber auch ihr gemeinsamer Ursprung in dem in allen drei Religionen verehrten Patriarchen Abraham. Die Rivalität der beiden Frauen Sarai und Hagar steht für den Konflikt der Religionen, deren Anspruch auf absolute Wahrheit seit Jahrhunderten zu gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen geführt hat. Doch die Figur des Abram bzw. Abraham erinnert auch daran, dass die drei Weltreligionen ihren Ursprung in einer einzigen Figur haben, jenem Mann aus Ur, der unversehens zum Sprachrohr Gottes wurde. »Gott spricht zu mir und, soweit ich weiß, zu niemandem sonst«, lässt Helmut Krausser seinen Abram sagen,  eine Symbolfigur des interreligiösen Dialogs. 

UNGEWÖHNLICHE PERSPEKTIVE
Torsten Rasch und Helmut Krausser wählen nicht den Weg, den Figuren die ganze Last ihrer religionsgeschichtlichen Bedeutung aufzubürden, sondern sie verlagern diese auf andere Ebenen. Bereits in der Frühphase der Konzeption stand für Torsten Rasch fest, die iranisch-amerikanische Sängerin Sussan Deyhim in seine Partitur einzubinden. Sussan Deyhim ist Sängerin und Performance-Künstlerin, die ihren sehr individuellen musikalischen Stil zwischen traditioneller persischer Musik und zeitgenössischer Popmusik entwickelte. Sussan Deyhim gehört das erste Wort in der Oper, und sie trägt in der Rolle der Augenzeugin eine ganz andere Farbe in das Stück. Ihr Gesang, den Rasch nicht präzise notiert hat, sondern ihrer Improvisation überlässt, basiert auf einem der, wenn nicht dem ältesten Text der Menschheit, die Klage über die Zerstörung der Stadt Ur. Diese sumerischen Klagegesänge sind um das Jahr 2000 vor Christus entstanden und wurden bei Ausgrabungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt. Die Schutzgöttin der Stadt Ur, jener Stadt, der der biblische Abram entstammte, beklagt darin die Zerstörung ihrer Stadt und fleht um den Schutz vor weiteren Katastrophen. Sussan Deyhim ist das archaische Pendant zu der zeitgenössischen Sprache, in der die Abraham-Geschichte erzählt wird, und sie ist auch ein Brückenschlag zum historischen Ursprung der drei Weltreligionen. Die dritte musikalische Ebene bildet der Chor, der mit hebräischen Texten das Geschehen kommentiert. 

Die verschiedenen Spiel- und Bedeutungsebenen von »Die andere Frau« stellen eine besondere Herausforderung an den theatralen Raum dar. Regisseur Immo Karaman, der mit dieser Oper sein Debüt in der Semperoper gibt, sieht die vielen zeitgenössischen Themen, die in der Geschichte anklingen, von der Flucht-Erfahrung Abrams und der Seinen, über die erkaltete Beziehung zu Sarai bis hin zu Hagars brutaler Leihmutterschaft. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Arne Walther hat Immo Karaman eine ungewöhnliche Bühnenlösung gefunden. Die Bühne wird zu einem bespielbaren Steg verengt, ein Weg, der die Wanderung von Abrams Sippe verkörpert. Das Publikum sitzt auf der Bühne der Semperoper und schaut in Richtung Saal, wo die Staatskapelle Dresden hinter der Spielfläche im Orchestergraben sitzen wird, und auf das Logenrund der Zuschauerränge. Der Zuschauerraum wird so zu einem eigenen Kosmos der Klänge, aus dem heraus einerseits Sussan Deyhim und andererseits der Chor agieren werden. Die Ränge selbst werden zu einer Projektionsfläche für den Videokünstler László Bordos. Bordos projiziert nicht bloß Bilder auf plastische Architektur, sondern er nimmt die Architektur auf, so dass seine Bilder die Oberflächen ganzer Gebäude in Bewegung versetzen können. 

AUF DEN LEIB GESCHRIEBEN
Auch auf der Bühne ist »Die andere Frau« prominent besetzt. Evelyn Herlitzius, als hochdramatische Sopranistin in allen Opernhäusern der Welt zu Gast, wird die Rolle der Sarai singen, die Rasch ihr ausdrücklich »auf den Leib« komponiert hat. Ihr zur Seite steht der Bassbariton Markus Marquardt, der ebenfalls zu den wichtigsten Protagonist*innen der Semperoper gehört. Die Sklavin Hagar, und damit die titelgebende »andere Frau«, ist die Mezzosopranistin Stepanka Pucalkova, die zuletzt als Adalgisa in »Norma« einen großen Erfolg feiern konnte. Alle drei beschäftigen sich bereits seit längerer Zeit mit der Partitur der »anderen Frau«, denn die Uraufführung der Oper war ursprünglich für das Frühjahr 2020 vorgesehen und musste wegen der Corona-Pandemie verschoben werden. 

Kai Weßler

kurz und bündig

»Company of the year«

Die Kritikerin Lucy van Cleef hat das Semperoper Ballett in ihrem persönlichen Spielzeitrückblick im internationalen Europe Dance Magazine zur »Company of the Year« gekürt. Darüber hinaus ehrte sie unsere Erste Solistin Sangeun Lee für ihre Darstellung im »Weißer Schwan«-Pas de deux aus »Schwanensee« sowie unseren Solisten Francesco Pio Ricci für seine Darbietung in »Gods and Dogs«.

Premiere

Eine andere Sicht auf die Wirklichkeit

Luciano Chaillys Kammeroper »Die kahle Sängerin«, nach der gleichnamigen Anti-Komödie von Eugène Ionesco, dem Meister des Absurden Theaters, feiert in Dresden ihre Deutschsprachige Erstaufführung

»Ein gutbürgerliches englisches Interieur mit englischen Fauteuils. Eine englische Abendunterhaltung. Mr. Smith, ein Engländer, mit seinen englischen Pantoffeln, sitzt in seinem englischen Fauteuil, raucht eine englische Pfeife und liest eine englische Zeitung an einem englischen Kaminfeuer. […] Neben ihm, in einem zweiten englischen Fauteuil, Mrs. Smith, eine Engländerin, die englische Socken flickt.«

DAS THEATER DES ABSURDEN
Mit dieser sehr englischen und scheinbar harmlosen Regieanweisung beginnt das Theaterstück »La Cantatrice chauve« (Die kahle Sängerin) des französischen Dramatikers Eugène Ionesco aus dem Jahr 1950. Das Stück sollte im Nachkriegsfrankreich den Auftakt zu einer neuen Generation experimenteller Bühnenstücke markieren, deren Handlung, ausgehend von einer realistischen Spielsituation, bald in grotesk-komische und absurde Szenen kippt. Ihre Figuren sind innerlich leer und einsam, und mit ihrem Gerede überdecken sie nur die zwischen ihnen herrschende Gedankenlosigkeit und Langeweile. Das »Theater des Absurden« war geboren. Neben Ionesco (»Die Unterrichtsstunde«, »Die Stühle«, »Die Nashörner«) prägten vor allem Werke wie »Warten auf Godot« oder »Endspiel« von Samuel Beckett und die Stücke von Arthur Adamov diese Richtung des französischen Theaters, das seinerseits wiederum an die experimentellen Stücke eines Alfred Jarry oder Antonin Artaud vom Beginn des 20. Jahrhunderts anknüpft. 

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DIE KAHLE SÄNGERIN
Die namensgebende kahle Sängerin ist keineswegs, wie man denken sollte, die Hauptfigur des Stückes. Vielmehr stehen zwei Ehepaare, Mr. und Mrs. Smith und deren Freunde, die Martins, das Dienstmädchen Mary und ein unerwarteter Gast im Mittelpunkt der Handlung:

Am abendlichen Kaminfeuer, wie die schon genannte Regieanweisung ankündigt, sitzen Mr. und Mrs. Smith zusammen. Sie stellen fest, dass sie gut gegessen haben, in der Nähe von London leben und Smith heißen. Neben der Qualität des Essens werden noch alltägliche Nachrichten aus der Zeitung kommentiert, u.a. der Tod des gemeinsamen Freundes Bobby Watson, der eine Witwe gleichen Namens zurücklässt. Später kommen noch die Martins hinzu, aller dings zu spät, auch wenn keine Uhrzeit für das Treffen vereinbart war. In einem Moment des Alleinseins stellen die Martins fest, dass sie wohl den gleichen Weg und denselben Zug hierher genommen haben, beide im selben Haus und derselben Etage wohnen und möglicherweise sogar ein Kind zusammen haben! »Nunmehr denn, meine Verehrte, mir will scheinen, man kann nicht länger daran zweifeln, dass wir uns bereits kennen, mithin sind Sie meine gesetzliche Gattin. Meine Elisabeth, hab ich dich wieder!« Und plötzlich steht da ein Feuerwehrhauptmann vor der Tür, der staatlich autorisiert nach einem zu löschenden Feuer sucht. Damit können aber weder die Smiths noch die Martins dienen. Was er aber (wieder)findet, ist das Dienstmädchen Mary: »Sie war’s, sie war es, sie löschte mit mir die ersten Feuer.« Und Mary: »Ich war seine kleine Feuerspritze!« 

Die kleine Gesellschaft zwingt den Mann, ihnen Anekdoten zu erzählen, bis er sich wohl oder übel verabschieden muss, um seinen Dienst wieder aufzunehmen. Zurück bleibt eine Leere zwischen den Zurückgelassenen, die sie mit einem Streit füllen. Aber worüber? Das weiß man nicht. Alles löst sich auf, erst in Redewendungen, dann wiederholen sich die Worte, werden zu Silben und schließlich zu Buchstaben. Es endet in Wutgeheul und plötzlich beginnt alles wieder von vorn – nun sitzen die Martins in den englischen Fauteuils und sprechen über ihr Abendessen, ihren Namen etc. etc. etc. 

Ach ja, und die kahle Sängerin? »Sie trägt noch immer die gleiche Frisur!«, wird über die nie auftretende und auch sonst niemals erwähnte Figur gesagt.

EINE ANDERE WIRKLICHKEIT
Ein Englischlehrbuch und dessen Anlage, bereits bekannte, alltägliche Fakten wie »Wir heißen Smith, sind verheiratet und haben ein Kind«, zum Thema eines Gesprächs zu machen, sollen Ionesco auf die Idee gebracht haben zu seinem Stück. Irrsinnig komisch und gleichzeitig entsetzlich und grotesk kommen die einzelnen Szenen dieser Komödie daher. Ionescos Figuren sind real und sind es doch nicht, sie sind Marionetten. Sie sprechen von einer Sache, um im nächsten Moment das genaue Gegenteil zu tun. Die Ereignisse sind vollkommen unvorhersagbar. Ein Anti-Stück im wahrsten Sinne des Wortes wollte Ionesco schreiben, Raum geben, um zu lachen über die absurden, teils grotesken Situationen, in die sich die Figuren bringen; aber auch, um mit einer Ansammlung von feingeschliffenem Nonsens, Pseudo-Klischees und pointenlosen Anekdoten Verwirrung und Beunruhigung unter den Zuschauenden zu stiften. Vielleicht muss man froh sein, dass sich der Autor bei der Überlegung des Schlusses gegen die Variante entschied, die Polizisten im Zuschauerraum vorsah, die das Publikum unter Beschimpfungen aus dem Theater geworfen hätten. 

FASZINATION FÜR DAS ABSURDE
Der italienische Komponist und Theaterintendant Luciano Chailly (1920-2002) war von Ionescos Stück sofort begeistert. Chailly, der im klassischen italienischen Opernbetrieb aufgewachsen war, begann als Musikmanager beim italienischen Rundfunk Rai und wurde später Intendant, erst der Mailänder Scala und später des Festivals der Arena di Verona. Kompositorisch war er sowohl in seinen sinfonischen wie musikdramatischen Arbeiten offen für Experimente mit unterschiedlichen Musiksprachen und -techniken. Seit Mitte der 1950er Jahre arbeitete er eng mit dem Schriftseller und Librettisten Dino Buzzati zusammen, der in seinen Werken stark an Kafka und dem Surrealismus orientiert war. 

Chailly hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt, »Die kahle Sängerin« in eine Kammeroper zu fassen und sie an der Piccola Scala in Mailand aufzuführen. Er übernahm Ionescos dramatische Struktur und reduzierte lediglich den Umfang der Texte. Ionesco, von dem bereits einige Werke vertont worden waren, war sehr glücklich mit Chaillys Arbeit. Als er zur Generalprobe nach Wien kam, wo am 5. November 1986 die Uraufführung von »La cantatrice calva« in italienischer Sprache an der Kammeroper stattfand, äußerte er dem Komponisten gegenüber: »Ich bin Ihnen aus zwei Gründen zutiefst dankbar: weil Sie mit ironischem und dramatischem Gespür zugleich den Geist meiner Figuren genau interpretiert haben und weil die Musik, die mir so gut gefällt, die Leere meines Stücks ausfüllt, so sehr, dass ich hoffe, es von nun an immer mit Musik zu hören.«

EIN MUSIKALISCHES EXPERIMENT
Für jede seiner 13 Opern entwickelte Chailly eine aus deren Thematik heraus abgeleitete individuelle Musiksprache. Für »Die kahle Sängerin« griff er die Figurenkonstellation der jeweiligen Paare und ihre Nicht-Beziehung zueinander auf, wobei Mary und der Feuerwehrhauptmann als ein ›musikalisches‹ Paar gesehen werden. Er entwickelte ein System aus unterschiedlichen Musiksprachen und -stilen und stellte drei die Figuren charakterisierende Instrumental-Ensembles nebeneinander: für die Smiths ein Zupfquintett (Mandoline, Gitarre, Mandola, Harfe und Cembalo), leicht und eitel, ein getragenes Streichquintett für das Ehepaar Martin und ein eher derb intonierendes Bläserquintett, geteilt zwischen Mary, der flatterhaften, skrupellosen Magd (Flöte, Oboe d’amore) und dem feierlich agierenden Feuerwehrhauptmann (Heckelphon, Bassett-
Horn und Sarrusophon). Während die kahle Sängerin in Ionescos Drama nicht auftritt, hören wir in Chaillys Oper ihre Stimme, als weitschweifende Vokalise, die von weither zu kommen scheint.

In dieser letzten seiner Opern mischen sich die umfangreichen Erfahrungen des Opern- und Filmmusikkomponisten Luciano Chailly. Spätromantische Melodiebögen sind in dem nur 75-minütigen Kunstwerk ebenso zu hören, wie atonale Tonsprünge, Jazzrhythmen, Leitmotive, Koloraturen und schnelles Sprechen à la Rossini. Und eine merkwürdig omnipräsente Standuhr bringt die Protagonist*innen nach ihren großen hysterischen Ausbrüchen und Diskussionen über Logik und Irrsinn immer wieder zurück auf den teppichbelegten Boden ihres englischen Kaminzimmers.

Barbora Horáková, die in Semper Zwei zuletzt Peter Eötvös’ tragikomische Kammeroper »Der goldene Drache« auf die Bühne brachte, kehrt mit der deutschen Erstaufführung von Chaillys »Die kahle Sängerin« nach Dresden zurück. Sie verwandelt gemeinsam mit ihrem Team Semper Zwei in das gemütliche Kaminzimmer der Familie Smith, um im nächsten Moment den Blick freizugeben in den tiefen Abgrund der Leere hinter den Figuren Ionescos.

Juliane Schunke

kurz und bündig

ARTE Opera Season 2021/22

Mit gleich zwei Produktionen ist die Semperoper Dresden bei der diesjährigen digitalen Opernspielzeit ARTE Opera Season vertreten: Am 2. November 2021 stand bereits die Neuinszenierung von Richard Strauss’ Konversationsstück »Capriccio« aus der Saison 2020/21 erneut auf dem digitalen Spielplan. Am 13. März 2022, 16 Uhr, überträgt ARTE nun mit Giuseppe Verdis »Aida« eine Neuproduktion der aktuellen Spielzeit: In der Inszenierung von Katharina Thalbach und unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann übernimmt die Sopranistin Krassimira Stoyanova die Titelpartie und steht gemeinsam mit Alexandros Stavrakakis, Oksana Volkova, Francesco Meli, Georg Zeppenfeld, Quinn Kelsey und anderen auf der Bühne.

Silvesterkonzert

Im Schnelldurchgang durch eine wilde Ära

Das Silvesterkonzert der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Christian Thielemann entführt die Zuhörer*innen weltweit an den Fernsehgeräten in die musikalisch vielschichtige Welt der 1920er-Jahre

Am Beginn der 20er-Jahre des 21. Jahrhunderts springt die Staatskapelle Dresden unter Leitung ihres Chefdirigenten Christian Thielemann ein Jahrhundert zurück: mitten hinein in die wilden 1920er-Jahre, in jene Zeit, in der die Reichshauptstadt Berlin mit stürmischer Energie voranpreschte, um den deutschsprachigen Kulturhauptstädten Wien und Leipzig ihren Rang streitig zu machen. Film, Schlager und Operette – das ist der künstlerische Dreiklang jenes politisch nervenaufreibenden Jahrzehnts, das vom Umsturzversuch des Kapp-Putsches im März 1920 und dem Börsenkrach im Herbst 1929 gerahmt wird. Und obwohl die Hyperinflation von 1923 tiefe Spuren in den Seelen hinterließ, wird dieses Dezennium heute meist als »Die Goldenen Zwanziger« bezeichnet, denn im Nachhinein blieb kaum mehr als die Erinnerung an überbordende Vitalität und exzentrische Sinneslust: die Zwanziger als rasanter Ritt auf der Rasierklinge, wie er sich auch in jüngeren Filmserien wie »Babylon Berlin« niederschlägt.

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Tatsache ist: Die 1920er waren nicht nur wegen des Wechsels vom Stummfilm zum Tonfilm, für den die Filmoperette »Ich küsse Ihre Hand, Madame« beispielhaft steht, ein musikalisches Jahrzehnt. Als solches will sie Christian Thielemann auch gemeinsam mit Hanna-Elisabeth Müller (Sopran), Saimir Pirgu (Tenor) und Igor Levit (Klavier) präsentieren. In gut 90 Minuten geht es darum im Schnelldurchgang durch die Ära, in der eine Welle moderner amerikanischer Tänze ganz Europa überrollte (»Das gibt’s nur einmal«) und der Jazz die Musik revolutionierte (»I Got Rhythm«).

Abseits der amerikanischen Importe wandelte sich damals auch der deutsche Schlager. Denn so vielschichtig wie das Jahrzehnt sind auch dessen Songs: Manchmal träumen sie von einer heilen Welt (»Irgendwo auf der Welt«), dann wieder verbinden sie vom Dadaismus inspiriert Nonsenstexte mit Ohrwurmmelodien (»Was macht der Maier am Himalaya?«). Andere Songs wiederum sind von erstaunlicher Frivolität und verdeutlichen die freizügige Moral des Nachtlebens der Zeit. Auf der Bühne musste das aber »verpackt« werden: Wenn der junge Goethe in Lehárs »Friederike« »O Mädchen, mein Mädchen« schmachtet, dann gilt das dennoch eher der Weiblichkeit der Weimarer Republik als der Seesenheimer Pfarrerstochter. Für die Fans der Silvesterkonzerte der Staatskapelle ist spätestens diese sinnliche Melodie ein schöner Grund, sich für einige Minuten aus der realen Welt der aktuellen 20er-Jahre ein Jahrhundert zurück zu träumen.

Hagen Kunze

STREAM: Silvester­konzert der Staatskapelle Dresden mit Christian Thielemann im ZDF am 31. Dezember 2021, 17.25 Uhr


Sonderkonzert

Hoffnung auf Licht

Mit einem Sonderkonzert ist Capell-Compositeur Matthias Pintscher im Februar in der Doppelrolle als Dirigent und Komponist bei der Staatskapelle zu erleben – dabei erklingt sein im Frühjahr 2020 entstandenes Werk »Neharot« als Deutsche Erstaufführung

Für den Capell-Compositeur der Saison 2021/22 schließt sich mit seiner Residenz bei der Staatskapelle ein Kreis. 1998 erregte Matthias Pintscher mit der Uraufführung seiner Oper »Thomas Chatterton« in der Semperoper internationales Aufsehen. Nach über 20 Jahren kehrt er nun hierher zurück und ist dabei gleich in einer zweiten Rolle zu erleben: Denn Matthias Pintscher, der mit dem Ensemble intercontemporain in Paris seit 2013 einen der wichtigsten Klangkörper für zeitgenössische Musik leitet, ist nicht nur einer der führenden Komponist*innen seiner Generation, sondern zugleich als Dirigent auf den großen Bühnen der Welt zuhause.

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Dabei reicht sein Repertoire weit über die zeitgenössische Musik hinaus und schließt selbstverständlich die großen Werke des 19. und 20. Jahrhunderts ein. So dirigierte er zuletzt etwa die Neuproduktion von »Lohengrin« an der Staatsoper Unter den Linden und die Uraufführung von Olga Neuwirths Oper »Orlando« an der Wiener Staatsoper. Was diese Interessen zusammenhält, ist eine Liebe zum Klang – seine Komplexität, Farbigkeit, Räumlichkeit steht im Zentrum von Matthias Pintschers Komponieren ebenso wie seines Dirigierens.

Es ist charakteristisch für Pintschers Musik, dass sie ihren Ausgang nicht von einem abstrakten formalen Plan nimmt, sondern sich organisch aus der Auseinandersetzung mit konkreten Klangereignissen entwickelt. Das Ziel ist gerade nicht, »Dinge aufs Papier zu bringen, die besonders originell aussehen«, sondern musikalische Räume zu gestalten, die sich im Hören entfalten. Immer wieder lässt sich der Komponist dabei von den Nachbarkünsten, insbesondere der Bildenden Kunst, inspirieren. So bezieht sich der Zyklus »Treatise on the Veil« auf das gleichnamige Gemälde des US-Amerikaners Cy Twombly, das Konzert »Chuites d’Étoiles« (2012) für zwei Trompeten und Orchester, das unter der Leitung von Vladimir Jurowski im März auch in Dresden zu erleben sein wird, ist dagegen von der Installation »Sternenfall« des deutsches Künstlers Anselm Kiefer inspiriert.

Sein neustes Orchesterwerk »Neharot« (2020), das die Staatskapelle Dresden unter Leitung des Komponisten Anfang Februar in einer Deutschen Erstaufführung präsentieren wird, hat dagegen einen noch unmittelbareren Anlass. Im Frühjahr 2020 in New York geschrieben, ist »Neharot« – hebräisch für »Flüsse«, aber auch »Tränen« – eine musikalische Reflexion der »Verwüstung und Angst, aber auch der Hoffnung auf Licht, die diese Zeit unseres Lebens so emotional geprägt hat.«

Christoph Dennerlein

Abgestaubt

Historische Lichtgestalten

In den »Semper!«-Ausgaben dieser Spielzeit »entstauben« wir für Sie ein seltenes, historisches Fotokonvolut und geben Einblick, wie wir verblassender Geschichte detektivisch »auf die Schliche« kommen …

Schrecklich! Gruselig posieren Hexenwesen, Dämonen und Ungeheuer auf dieser Aufnahme aus dem historischen Fotokonvolut, dessen inhaltlichen Kontext es zu ergründen gilt. Aus den jüngsten »Abgestaubt«-Episoden wissen wir bereits, dass die Urheberin Ursula Richter in den 1920er Jahren viele Produktionen der Dresdner Staatstheater dokumentiert und sich vor allem in der Tanzfotografie einen Namen gemacht hat. Zwar können wir dieser Aufnahme noch kein konkretes Werk zuordnen, aber auch hier scheinen choreografierte Posen festgehalten zu sein: Vor einer realistischen Naturkulisse heben eindrucksvolle Gestalten – bekleidet mit zerschlissenen Kostümfetzen, die das bewegungsfreundliche Trikot darunter nur teilweise verdecken – angriffslustig die krallenartig gespreizten Finger. Sowohl die höhnisch lachenden Masken als auch die aufwendig toupierten Haar- und Barttrachten charakterisieren erschreckende Wesen von übersinnlicher Herkunft.

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Fast ebenso »furchteinflößend« ist – aus der Sicht des bewahrenden Archivs – der Zustand des hier abgebildeten Fotos. Allzu deutlich erkennt man, dass die Aufnahme im Laufe eines knappen Jahrhunderts stark ausgeblichen ist. Der Bildrand erscheint deutlich heller als die Bildmitte, die Figuren verblassen zu »Lichtgestalten«, ihre Gesichter sind oft nur schemenhaft zu erkennen. Dieser Verfallsprozess verwundert nicht. Bei Fotografien handelt es sich im Grunde um Abbilder von »eingefangenem Licht«, deren empfindliche Oberfläche auch nachträglich durch Lichteinfall beeinflusst werden kann. Aber auch andere Faktoren wirken sich auf den Erhaltungszustand von Fotografien aus. So kann eine hohe Luftfeuchtigkeit oder Raumtemperatur die Schädigung durch Schimmelsporen oder Bakterien fördern. Deshalb müssen solch sensible Bestände vor allem kühl, trocken und dunkel gelagert werden. Ist der Verfall eines Fotos allerdings schon so deutlich zu erkennen, wie bei dieser Fotografie, ist eine Restaurierung unbedingt empfehlenswert, andernfalls würde sich der Bildausschnitt im Laufe der Jahre zunehmend verengen und das Motiv schließlich ganz verschwinden.

Im Jahr 2019 konnte das Historische Archiv der Sächsischen Staatstheater – neben anderen Fotobeständen – auch das seltene Konvolut von Ursula Richter fachgerecht restaurieren lassen. Was heißt das im Einzelnen? Die Fotoabzüge waren ursprünglich auf einem Trägerkarton aus minderwertigen Papierfasern aufgeklebt. Diese Kartons wie auch die verwendeten Klebstoffe haben die Zerfallsprozesse der Fotografien erheblich beschleunigt. Daher wurden sie zunächst einzeln abgelöst und von Kleberückständen befreit. Anschließend erfolgte eine sogenannte Trockenreinigung bei der die Schichtseite des Fotos mit einem Pinsel oder Mikrofasertuch bearbeitet und der Papierträger mit einem Latexschwamm gesäubert wurden. Eine aufwendige und äußerst fragile Arbeit, deren Resultat auf der linken Bildseite nachzuvollziehen ist. Dennoch ist der »Vorher-Nachher-Effekt« visuell nur marginal erkennbar, denn die restauratorischen Maßnahmen konnten den Verfall des Fotos nur stoppen, nicht jedoch rückgängig machen. Man kann allerdings davon ausgehen, dass die hexenhaften Lichtgestalten in diesem Zustand noch mindestens weitere 100 Jahre wirkungsvoll ihren Schrecken verbreiten können. Aus Sicht des Archivs bedeutet das also Entwarnung: Schemenhafter und grusliger wird es nicht!

Katrin Rönnebeck

Sächsische Semperoper Stiftung

Oper im Zeitgeist

Eine Stiftung für alle zur Begleitung der Oper der Zukunft: Die neu gegründete Sächsische Semperoper Stiftung wird langfristig die Semperoper bei der Entwicklung und Umsetzung innovativer junger Projekte fördern

Berühmten Opernmelodien lauschen, Weltstars der Opernszene erleben und in kunstvollem Ambiente schwelgen – all dies an ungewöhnlicher Stätte, an einem warmen Sommerabend bei einem Open Air an besonderem Ort oder, nach den Erfahrungen aus den vergangenen Monaten, mittels Stream. 

Die Stiftung unterstützt insbesondere das Beschreiten neuer Wege. Pandemiebedingt haben sich vielfältige Formate entwickelt – ein Impuls, der die Theaterwelt langfristig modernisieren kann. Es gibt bereits Stimmen, die sagen, dass das Digitaltheater dauerhaft als gleichberechtigte Sparte etabliert werden könnte. Die Stiftung begleitet die Semperoper Dresden in diesem Prozess und möchte dadurch Freiräume schaffen für die notwendigen Anpassungen an den Zeitgeist, ohne dabei den exklusiven Live-Opernabend aus dem Blick zu verlieren. Dies soll ganz im Sinne der starken Tradition der Semperoper geschehen und ermöglichen, dass die künstlerische Entwicklung für eine Zukunft der neuen Generation fortgeschrieben wird. Erfolgreiche Projektreihen etwa im Jugendbereich können verlängert oder ausgebaut werden.

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Der neuen Stiftung gehören bereits namhafte engagierte Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft an, wie z.B. Ministerpräsident Michael Kretschmer, Oberbürgermeister Dirk Hilbert, Joachim Hoof, Vorstandsvorsitzender der Ostsächsischen Sparkasse Dresden, Dr. Andreas Sperl, Geschäftsführer der Elbe Flugzeugwerke GmbH, Viola Klein, Mitgründerin und Aufsichtsrätin der Saxonia Systems AG, Prof. Dr. Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Moritz von Crailsheim, Oliver Fern, Frank Müller, Prof. Heribert Heckschen, Uwe Saegling, Rolf Alter und ebenso Peter Theiler als Intendant der Semperoper Dresden.

»Neben den Firmenmitgliedschaften begrüßen wir vor allem auch Privatpersonen als Mitglieder. Jene, die sich – ob als Stammgast, leidenschaftlicher Kunstkenner oder als Liebhaber des Opernhauses – berufen fühlen zu gestalten. Bei uns sind Projektspenden bereits ab 50 Euro willkommen. Wir freuen uns über jede Unterstützung«, so Gerhard Müller. Regelmäßige Treffen innerhalb des Fördernetzwerkes werden einen regen Austausch über die Stiftungstätigkeit ermöglichen.

Kontakt Sächsische Semperoper Stiftung
kontakt@saechsische-semperoper-stiftung.de
+49 (0)351 4235 690
saechsische-semperoper-stiftung.de


Proszenio

Freunde fürs Leben und die Kunst

Es ist Montagnachmittag, der Herbst leuchtet noch golden und man sehnt sich langsam wieder nach gemütlichen Abenden mit Freunden … Eine gute Gelegenheit, um mit Siglinde Rauch-Liebig und Norbert Rauch von »Proszenio« ins Gespräch zu kommen

Proszenio – so heißt die Initiative, die Freundinnen und Freunde der Semperoper versammelt, die sich ideell und finanziell für die Semperoper engagieren möchten, die aber vor allem an einem intensiven Austausch und dem vertieften Erleben der Semperoper selbst interessiert sind. Daher rührt übrigens auch der Name Proszenio. Leitet er sich doch vom Griechischen »Proskenion« ab und bezeichnete heute den Bühnenbereich zwischen dem Orchestergraben und dem Bühnenvorhang. Wer also Mitglied ist bei Proszenio, der ist ganz nah dran am Geschehen, gewinnt Eindrücke vom Leben und Arbeiten in der Semperoper und kommt in Kontakt mit den Künstler*innen. 

So wie neulich, als Siglinde und Norbert Rauch nach dem Besuch einer Vorstellung des mehrteiligen Ballettabends »A Collection of Short Stories« mit den Mitgliedern der Ballett-Company ins Gespräch kommen konnten. Noch völlig beeindruckt von den vielfältigen Choreografien, die sie gerade verfolgen konnten, erfuhren sie anschließend Überraschendes über die Hintergründe der Programmgestaltung (»Tanzen unter den Vorzeichen der Pandemie«) und lernten dabei die junge Tänzerin Madison Whiteley näher kennen.

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Deren Lebensweg führte sie bereits von Australien über London und Hamburg bis nach Dresden in die Semperoper. Der Lebensweg von Siglinde Rauch-Liebig ist dagegen vergleichsweise unspektakulär: Lachend gesteht sie, bisher immer glücklich in Dresden gewesen zu sein. Als Diplom-Ingenieurin für Straßenbau und Ministerialrätin (inzwischen a.D.) war sie lange Jahre für das Straßenwesen in Sachsen mit zuständig. Ihren Mann, einen Unternehmer aus Baden, dessen Familienunternehmen seit Generationen Düngestreuer aber auch Winterdienststreuer herstellt, lernte sie auf einer Fachtagung kennen. Neben ihrem gemeinsamen Verständnis für Technisches verbindet sie die große Leidenschaft für die Musik. Und wie finden Neu-Dresdner und Alt-Dresdner gemeinsam neue Freunde? Bei Proszenio. Die Essenz ist also schnell klar, auf die Frage, welche Gründe sie denn nennen würden, um Bekannte für Proszenio zu begeistern: der intime und immer wieder überraschende Einblick »hinter die Kulissen«, das Kennenlernen interessanter und interessierter Menschen, aus denen sich auch Freundschaften entwickeln können, die Freude an Tanz und Musik und die Begegnung mit Unbekanntem und Überraschendem. Denn natürlich haben sie bestimmte Vorlieben – die Offenheit für Neues gehört aber ebenso zwingend dazu. Und so verbinden sie viele beeindruckende Abende und Begegnungen mit der Semperoper. Kurz gesagt: »Wir haben die Semperoper bisher (fast) immer begeistert verlassen!« Auch wenn das nun wie das perfekte Wort zum Abschluss klingt: Gäbe es denn noch Wünsche oder gar Vorschläge für die Zukunft von Proszenio? Ja sicher. Noch mehr und weitere Einblicke in den »Bauch« des Opernhauses, die Werkstätten zum Beispiel oder auch in die Vorgänge im prima vista eher nüchternen Funktionsgebäude hinter der Semperoper – wo sich übrigens auch die Dramaturgie versteckt, in der dieses Gespräch geführt wurde. Und dann wäre es schön, wenn über Proszenio gemeinsame Kulturreisen, zum Beispiel nach Baden-Baden oder an den Bodensee (man ahnt, die Destinationen kommen von Norbert Rauch) oder nach Berlin, veranstaltet werden würden. »Wir wären auf jeden Fall dabei!« 

Johann Casimir Eule

Zuschauerfrage

WARUM DARF MAN IM THEATER NICHT PFEIFEN? 

Christiane Hossfeld, Sopranistin des Semperoper-Ensembles, antwortet:

Der Pfiff der Gasleuchter, denen der Sauerstoff ausging, signalisierte früher höchste Brandgefahr. Das Pfeifen der Bühnenarbeiter*innen im »Schnürboden« bei fahrenden Seilzügen diente der Verständigung. Unüberlegtes Pfeifen konnte Gefahr für Leib und Leben bedeuten. Das Auspfeifen als Missfallensbekundung lässt uns Theaterleute erschaudern. Bis heute gilt Pfeifen im Theater als »No-Go«. Überlieferung und Aberglaube. Als Künstlerin auf der Bühne darf ich aber pfeifen, wenn es die Rolle verlangt.

Sie fragen, wir antworten: Schicken Sie uns Ihre Fragen rund um die Semperoper per Post an Semperoper Dresden, Kommunikation & Marketing, Theaterplatz 2, 01067 Dresden oder per E-Mail an marketing@semperoper.de

Education

Den Tierkopf aus Pappe begrüßen

Impressionen aus dem Alltag einer Bundesfreiwilligen

Dass ich einmal in der Semperoper landen würde, hätte ich früher nie erwartet. Dieses große, beeindruckende Gebäude, das ich in erster Linie von Ansichtskarten und seltenen Besuchen zu feierlichen Anlässen kannte, wirkte ja selbst für mich als Dresdnerin durchaus einschüchternd. Aber die Stellenbeschreibung für den Freiwilligendienst in der Education passte ziemlich gut zu mir: Spaß an der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, Kreativität und Flexibilität. Kulturinteressiert bin ich auch und die Inhalte der »Musiktheaterpädagogik«, die ich auf der Website nachlesen konnte, hatten meine Neugier geweckt. Mit dem Vorstellungsgespräch wurde mir klar, dass die Abteilung, in der ich mich beworben hatte, es sich zum Ziel gesetzt hat, die Oper für alle zu öffnen. Und ohne so ganz durchschaut zu haben, was ich konkret machen würde, überzeugte mich dieses Ziel und ich begann meinen Bundesfreiwilligendienst: ein Jahr in der Semperoper.

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Mittlerweile arbeite ich seit knapp vier Monaten in dem meist fünfköpfigen Team, das von manchen »Junge Szene«, von anderen »Education« und von ein paar wenigen »die, die mit den Kindern arbeiten« genannt wird. Den Einblick in den Arbeitsalltag meiner Abteilung und in das Büroleben, den ich hier genieße, würde ich nicht missen wollen. Morgens ins Büro kommen, meine Kolleg*innen und den Tierkopf aus Pappe begrüßen, der im Regal steht und von dem niemand so genau weiß, was genau er darstellt, oder aus welchem Stück er stammt. Danach den typischen Bürotätigkeiten nachgehen: E-Mails checken, Termine planen, schnell noch einmal für den nächsten Workshop alle Figuren aus »Kotzendes Känguru« durchgehen, damit beim Anleiten nichts schief geht. Und was eben sonst noch so dazugehört. Neben der neugewonnenen Fähigkeit, beim Gestalten von musiktheaterpädagogischen Unterrichtseinheiten in verschiedenen Dresdner Schulen mitzuwirken, kann ich mittlerweile sogar behaupten, dass ich mich eigenständig im Bürogebäude orientieren kann und auch den überdimensionalen Multifunktionsdrucker zu bedienen weiß. Ich habe erlebt, dass Oper nicht nur bedeutet, auf der Bühne zu stehen, zu singen, zu tanzen und zu schauspielern, sondern, dass sich noch sehr viel mehr spannende Arbeit im Hintergrund verbirgt. Unser Tätigkeitsbereich reicht von Recherche für neue, aufregende Schulprojekte und Workshops, über pädagogische Begleitung und Mitgestaltung von Neuproduktionen bis hin zur Einstudierung eines Musicals mit 40 Kindern. Außerdem sind wir viel in KiTas und Schulen unterwegs: Mit mobilen Stücken, wie zuletzt »Können Zombies singen?« oder »Nils Karlsson Däumling« bringen wir Kinder und Künstler*innen in unmittelbaren Kontakt und Austausch. Langweilig wird es hier jedenfalls nie. Und falls doch, lässt sich das durch gemütliches Stöbern in den Bücherregalen von Manfred Weiß, dem Abteilungsleiter, lösen.

Ich freue mich auf die kommenden Wochen und Monate, auf alle weiteren Menschen, die ich treffe und Projekte, bei denen ich mitwirken darf. Und ich bin gespannt, ob ich am Ende dieses Jahres behaupten kann, mich auch im Vorderhaus zurechtzufinden, ohne dass Hannah und Katrin (Musiktheaterpädagoginnen der Education-Abteilung) mich abholen müssen.

Maite Herborn


Lieblingsmoment

Eiszeit

Wenn in unserer Inszenierung von »La bohème« der Vorhang für das zweite Bild aufgeht, ist auf der Bühne so einiges los: Die Solist*innen, der Chor, der Kinderchor und die Damen und Herren der Komparserie kommen für das geschäftige Treiben vor dem bekannten Café Momus zum Einsatz und jede*r hat darin eine bestimmte Aufgabe und Rolle. Auch kulinarisch ist in dieser Szene viel geboten, denn es werden frische Berliner, Streuselkuchen und echtes Eis verteilt. Dabei achten die Kolleg*innen aus der Requisite auf beste Qualität und wählen für jede Vorstellung eine andere Eissorte aus. Und wenn etwas übrigbleibt, bekommt auch die Inspizientin nach der Vorstellung etwas hinter die Bühne gebracht. Unterzuckert geht der/die Inspizient*in nach einer »La bohème«-Vorstellung nie nach Hause! Sandra Schmidt, Inspizientin

Giacomo Puccini, »La bohème«


Premierenrezept »Die andere Frau«

Herkunft ungewiss

Hummus mit identitätsstiftenden Qualitäten

ZUTATEN
200g getrocknete Kichererbsen, 1 TL Backnatron, 150g helle Sesampaste, 4 EL Zitronensaft, 1,5l Wasser, 1-2 Knoblauchzehen (zerdrückt), 1-1,5 TL Salz, 80ml eiskaltes Wasser, kaltgepresstes Olivenöl, gehackte Petersilie

Wenn es um die Herkunft von Hummus geht, streiten sich die Geister. Israelis beanspruchen dieses Püree aus Kichererbsen, Sesampaste und Olivenöl, verfeinert mit Zitronensaft, Knoblauch und Petersilie als ihr Nationalgericht, für die Araber, insbesondere die Libanesen, ist Hummus dagegen ihre kulinarische Errungenschaft. Und keine Seite ist bereit nachzugeben. In Kairo soll Hummus zum ersten Mal im 13. Jahrhundert erwähnt worden sein, einer anderen Legende zufolge hat ein Kreuzritter im 12. Jahrhundert in Jerusalem Hummus erfunden, wieder andere Quellen wollen hummusartige Gerichte bereits in der Bibel aufgespürt haben. Wie dem auch sei – auf jeden Fall eignet sich schon allein deshalb Hummus hervorragend als Premierenrezept zur Uraufführung der Oper »Die andere Frau«. Hier nun also eine von unzähligen Zubereitungsarten:

Die Kichererbsen am Vortag waschen und in der doppelten Menge Wasser über Nacht einweichen. Am nächsten Tag abgießen, mit dem Natron bei starker Hitze ein bis zwei Minuten unter Rühren anbraten. 1,5 Liter Wasser zugeben und etwa 40 Minuten kochen, dabei immer wieder abschäumen. Am Ende sollten die Kichererbsen leicht zwischen zwei Fingern zu zerdrücken sein. Kichererbsen abgießen und pürieren. Während des Pürierens die Sesampaste, den Zitronensaft, den Knoblauch und das Salz untermischen. Am Ende langsam das Eiswasser einfließen lassen. So lange weiter pürieren, bis ein wirklich cremiges Püree entstanden ist. Anschließend abgedeckt für 30 Minuten ruhen lassen und lauwarm oder bei Zimmertemperatur servieren. Dazu mit etwas Olivenöl beträufeln und mit gehackter Petersilie bestreuen.

Susanne Springer