Welche Spuren hat die Vergangenheit hinterlassen?
3 Fragen an den Dresdner Komponisten Torsten Rasch

Torsten Rasch © Alberto Novelli
Torsten Rasch lebte nach seiner Ausbildung als Pianist und Komponist in seiner Heimat Dresden und ab 1990 in Japan, wo er zahlreiche Film-, Orchester- und Kammermusikwerke schuf. International bekannt wurde er durch genreübergreifende Projekte, u. a. mit Katharina Thalbach, den Dresdner Sinfonikern, dem London Philharmonic Orchestra sowie den Pet Shop Boys. Zu seinen wichtigsten Werken zählen die Opern Rotter und Die andere Frau. Rasch wurde u. a. mit dem Echo Klassik und dem Rom-Preis ausgezeichnet.
Ihr Stück Die wunderbaren Jahre basiert auf dem gleichnamigen Buch von Reiner Kunze. Wann sind Sie zum ersten Mal auf dieses Werk aufmerksam geworden und wie bringen Sie diese Erzählungen heute im Musiktheater auf die Bühne?
— Projekt oder Werk beginnt natürlich mit Nachdenken über die Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten eines Stoffes. Der entscheidende Unterschied bei Die wunderbaren Jahre war, dass es sich hier im Gegensatz zu allen anderen meiner Bühnenwerke um etwas sehr Persönliches handelt. Dieses Buch von Reiner Kunze, das ich mir Anfang der 80er-Jahre auf einer BRD-Reise des Kreuzchors, wo ich mitgesungen habe, gekauft habe, das durch unzählige Hände gegangen ist und das ich heute noch besitze, hat mich immer begleitet. Weil wir uns in diesen Geschichten wiedererkannten und somit nicht allein waren. Schon damals war mir bewusst, dass neben der lakonischen und schonungslosen Beschreibung die Unmenschlichkeit des Systems ihren Ausdruck fand. Aber dem gegenüber stand gleichzeitig eine (imaginäre?) Tochter, die in der DDR ihre „wunderbaren Jahre“ ungeachtet aller Repressionen und Absurditäten erlebt. Das heißt, der Titel des Werkes war für mich niemals ausschließlich Ironie.
Welche Besonderheit gibt es in der Übertragung dieser Geschichten auf die Bühne und wie strukturieren Sie Ihr Werk musikalisch?
— Zu diesen zwei Perspektiven gesellte sich nun bei mir eine dritte, die für eine musikalische Umsetzung von großer Bedeutung war: die Reflexion über und Erinnerung nach 40 gelebten Jahren an eine Zeit, eben die „wunderbaren Jahre“, und die Frage, welche Spuren sie hinterlassen hat. Diese drei Perspektiven habe ich versucht im Rahmen des Musiktheaters einzufangen. Zwischen den kurzen Geschichten aus Reiner Kunzes Buch gibt es die Interpolationen von musikalisch verfremdeten Volksliedern, die in ihrer Unvergänglichkeit immer ein Ausdruck von menschlichen und vor allem jugendlichen Gefühlen sind. Das steht zunächst ganz unabhängig von gesellschaftlichen Systemen, ist aber auch ein Ausdruck von Freiheit und Romantik und somit einer „Opposition im Geist“ gegen das Eingesperrtsein und Reglementierungen
Eine Ausnahme bildet das DDR-Kinderlied Unsere Heimat, das durchaus eine ironische Komponente hat, zumal der originale Text am Ende durch einen Text aus einer Rede Erich Honeckers zum IX. Parteitag der SED ersetzt wird.
Die wunderbaren Jahre sind 2025 in Regensburg uraufgeführt worden und kommen nun nach Dresden, in eine Stadt, die neben Leipzig eines der Zentren der Friedlichen Revolution war, die 1989 die Wende herbeiführte. Was bedeutet es für Sie, diese Oper in dieser Stadt aufzuführen?
— Dresden ist die Stadt, in der ich meine „wunderbaren Jahre“ erlebte – in der auch noch Freunde leben, mit denen ich diese gemeinsam verbrachte. Schon aus diesem Grund allein ist die Aufführung an diesem Ort etwas ganz Besonderes für mich. Und obwohl die Sprache der Oper universal ist, bin ich dennoch überzeugt, dass man – wie beim Lesen des Buches – dem Stoff in Dresden mit einem anderen, einem persönlichen Verständnis begegnen kann. Denn so wie die Volkslieder in der DDR eine andere Rolle als in der BRD spielten, so wird der Blick des Publikums in Dresden auf die Szenen der Wunderbaren Jahre ein anderer sein als in Regensburg. Es sind einfach die Verschiedenheiten der erlebten Zeit, die ein anderes Verstehen erzeugen, die uns aber beim Betrachten auch einander näherbringen können.
Gespräch Martin Lühr