Zettelwirtschaft

Vierzig Jahre ungelesen, eine Nacht lang verschlungen: Victor Schefé liest Die wunderbaren Jahre von Reiner Kunze

„Die Semperoper möchte, dass du einen Essay über Die wunderbaren Jahre von Reiner Kunze schreibst.“ Die müssen sich vertan haben! Ich habe noch nie einen Essay geschrieben, habe gerade mal einen Roman veröffentlicht, der erst ein paar Monate alt ist. Nein, das traue ich mir nicht zu. „Schlaf einfach noch eine Nacht drüber.“

Gehe ins große Zimmer und schaue, welche Bücher ich vom verehrten Herrn Kunze eigentlich besitze. Mir fällt auf, dass der Buchstabe K viele Regalreihen besetzt: Kästner (ein Sohn Dresdens), Kempowski (ein Sohn Rostocks), Klemperer, Kundera, Kunert in Mengen. Aber kein Kunze und kaum Autorinnen. Das kann nicht sein! Ah, klar: Herr Kunze steht im Lyrikregal. Und da sind sie auch – die Frauen: Mascha Kaléko, Sarah Kirsch. Sowie Kahlau, Kolbe. Und acht Bände Kunze, mittenmang Die wunderbaren Jahre.

Beim Durchblättern schwant mir, dass ich im Gegensatz zu den Lyrikbänden, wenn man Taschenbücher so nennen darf, Die wunderbaren Jahre nie gelesen habe, aber die Quittung liegt bei: Gekauft im März 1987 am Bahnhof Zoo in West-Berlin, in der Heinrich-Heine-Buchhandlung. Die war mir so sympathisch in den ersten Westmonaten, weil sie auch unter Zuggleisen lag – wie die Ost-Schwester an der Friedrichstraße. Und, weil sie vollgestopft war mit Literatur-Memorabilien, Zeitungsschnipseln an der Wand und, Sie ahnen es, Büchern. Zudem ein Bild vom Namensgeber, dessen Reime ich liebe, von dem ich als Junge manchmal glaubte, mit ihm verwandt sein zu können, denn der Mädchenname meiner Großmutter war der seine. Aber warum habe ich nun gerade Die wunderbaren Jahre nicht gelesen?

In Rostock, der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, stand ich auf einer Warteliste. Auf mehreren, um genau zu sein. Vor allem hatte ich mich eingereiht, in die Schlange derer, die auf ihre Ausreise warteten. Die Zeit des Harrens war gefüllt mit Lesen – wie in jedem Wartesaal, überall auf der Welt. Der Literaturberg des Landes aber war geschmolzen, spätestens seit 1976 – der Ausbürgerung von Wolf Biermann. Das, was ganz organisch vor den Augen von Viellesern hätte landen müssen, war organisiert aussortiert worden: Bücher, längst geschrieben, die sich mit dem Leben im wundersamen Land auseinandergesetzt hatten, die Ratgeber für einen Jugendlichen wie mich hätten sein können, die ihm Wunderkerzen auf den Weg gestellt hätten, die vielleicht Wunderwaffen gewesen wären – in diesem Land, in dem im Mathematik2-Buch mit Soldaten addiert, subtrahiert, hantiert wurde.

Eine meiner Wartelisten hieß: Die wunderbaren Jahre. Der Onkel einer Freundin, der bei der Kirche arbeitete, lieh sein kostbares Exemplar (denn in der DDR war alles „Kunze“ längst strengst verboten) nur top secret! und nach genauester Wem-kann-ich-trauen?-Kontrolle, jeweils für einen Monat aus. Aber die Vorreservierungsliste derer, die lesen wollten, war lang, so lang, dass meine Ausreise in den Westen genehmigt wurde, bevor ich in der Rostocker Geheimbuchwarteschlange an die Reihe kam.

Als ich Die wunderbaren Jahre in Berlin-West plötzlich frei kaufen konnte, war der Reiz des Verbotenen weg. So gibt es viele Bücher, die ich seitdem besitze, die aber einer Zeit gehörten, die ich hinter mir gelassen hatte. Ich wollte in der Gegenwart leben, lesen. Alle anderen Kunze-Bände in meiner heutigen Bibliothek kamen peu à peu dazu: Alle inhaliert, alle gelesen – immer bewundernd.

Gehe, beladen mit Kunze-Bänden, zum Schreibtisch, auf dem mein Laptop steht. Finde heraus, dass Die wunderbaren Jahre sogar verfilmt wurden. Herr Kunze führte selbst Regie, 1979. Den Film scheint es auf DVD nicht zu geben, gestreamt wird er auch nirgendwo; finde nur einen zweiminütigen Trailer. Klick. Nach fünfzehn Sekunden höre ich zu atmen auf: Da ist Erich! Erich Schleyer, wundervoller George-Tabori-Schauspieler, der bei meinem ersten Engagement am Schauspielhaus Wien ein väterlicher Schutzpatron war, der vor fünf Jahren verstorben ist, der während unserer letzten langen Telefonate zu Corona-Zeiten zum ersten Mal von seiner Kindheit sprach. Wusste, er war Ende der 1960er-Jahre geflüchtet – das verband uns. Nun aber erzählte er von den Bombennächten in der Geburtsstadt, vom Trauma an der Hand seiner Mutter, von brennenden Menschen, die sich ins Wasser stürzten – mitten im Februar, zwei Wochen vor seinem fünften Geburtstag.
In Dresden, in Semperoper-Dresden.
Ich gehe ins Bett, lese Die wunderbaren Jahre.
Bin geplättet ob der Sprache, der Effizienz der Worte –
ob der Parallelen.

Vor ein paar Wochen hatte der Rezensent der FAZ meinen Roman Zwei, drei blauen Augen mit den Wunderbaren Jahren verwandtschaftlicht: „Die scheinbar naive Beiläufigkeit, mit der Schefé die Militarisierung des Lebens schon im Kindergarten, dann im Mathematikunterricht einfängt, ruft die Erinnerung an Die wunderbaren Jahre von Reiner Kunze wach.“

Mein nachtmüdes Gehirn dichtet Gedankenschleifen.
Der Rezensent macht Herrn Kunze sozusagen zum poetischen 
Vater und Maxie Wander, deren Guten Morgen, du Schöne er auch
erwähnte, zu meiner literarischen Mama. Gute Nacht, du Spinner!

Guten Morgen! Meine Zettelwirtschaft fängt an.

Zettel eins
Wie nähert sich ein literarischer Debütant einem großen Dichter?
Gehe in die Bibliothek und leihe mir Sekundärliteratur, so nennt
man das wohl in Studienkreisen, aus. Aber ich bin kein Literaturwissenschaftler.
Eher ein Wissengefühlsschaftler.

Zettel zwei
„Ich wähle meine Stoffe nicht,
die Stoffe wählen mich.“
Reiner Kunze

Zettel drei
Die Mutter von Herrn Kunze hieß Martha – wie meine Oma.
Er ist Sternzeichen Löwe – wie ich.

Junge, du sollst keine Horoskope erstellen, sondern einen Essay
schreiben!

Neunzehnhundertdreiunddreißig
Reiner Kunze wird in das Jahr der landesweiten Bücherverbrennungen
geboren. Meine leibliche Mutter kommt ein Jahr später auf
die Welt. Beide waren

Elf,
als der Zweite Deutsche Weltkrieg vorbei war.
Als ich so alt bin, fliegt der erste Deutsche in einer sowjetischen
Raumkapsel gen Weltraum und Herr Kunze lebt seit einem Jahr
nicht mehr auf unserer Seite Deutschlands.

Sechzehn
ist Reiner, als er in die SED eintritt. Eigentlich sollte er Schuster
werden, aber ein aufmerksamer Lehrer und der entstehende neue
deutsche Staat ermöglichen ihm eine ‚höhere Schule‘.
Ich muss die höhere Rostocker Schule – mit erweitertem Russischunterricht
– wieder verlassen, keine Aussicht auf Abi. Mit

Siebzehn
macht Reiner das Abitur in Stollberg.
Ich muss in Dresden eine Lehre als Schriftsetzer anfangen, mit der
ich nichts anfangen kann.

Reiner Kunze studiert Publizistik an der Karl-Marx-Universität, später Journalistik im „Roten Kloster“ in Leipzig. Meine Mutter lernt Stenografie und wird Sekretärin in Schwerin. Herr Kunze debütiert mit Liebes- und Parteilyrik („Die Karl Marx am meisten liebten, nannten ihn Mohr“ und so), bekommt eine Assistentenstelle mit Lehrauftrag und fragt Ende der 50er-Jahre seine Studenten, angehende Journalisten, warum sie nie ohne Auftrag schreiben. Diese antworteten, es fehlen die Stoffe, denn die Stoffe seien die ganze Welt, aber die würde(n) oft nicht ins Schema passen.

Genosse Kunze eckt an. Das neue deutsche Land ist ein Hamsterrad,
in dem alles rund zu laufen hat. Nichts verkanten!
Er läuft durch Leipzig und weiß nicht weiter.
Ich laufe durch Dresden und weiß nicht weiter.
Er landet mit einer Herzattacke im Krankenhaus.
Ich mit zu viel Herzschmerz in der Psychiatrie.
Suizidgedanken. Bei beiden.
Zwei junge Menschen wollen sterben, freiwillig.
Er bittet um Entlassung aus dem Lehrbetrieb.
Ich bitte um Entlassung aus der Lehre.
Man gängelt noch etwas, am Ende lässt man uns, wir werden gegangen.
Als Hilfsschlosser schraubt er an Schreitbaggern in einem
VEB in Leipzig.
Als Hilfsarbeiter drehe ich Spiralen in Wandkalender bei einem
VEB in Rostock.
Unsere operative Überwachung durch das Ministerium für
Staatssicherheit beginnt 1960/1985 unter dem Decknamen
„Reporter“/„Spektakel“.
Wir sind sechsundzwanzig/achtzehn.

(Bin jetzt auf der feinstofflichen Ebene mit dem Dichter angekommen.
Dieser Stoff hat mich. Gewählt.)

Neunzehnhunderteinundsechzig
Reiner Kunze heiratet im Sommer die tschechische Ärztin
Elisabeth Littnerová.
Nicht nur in ihrem Nachnamen atmet Literatur.
Sie hörte seine Gedichte im Radio, kontaktierte die Sendeanstalt.
Aus einem langen Briefwechsel wurde ein Anruf, der zugleich
sein Heiratsantrag ist. Begegnet war sich das zukünftige Brautpaar
noch nicht. Poetik.
Er arbeitet als freier Schriftsteller, dessen Werke im eigenen Land
nicht mehr gedruckt werden. Politik.
Aber er übersetzt Poesie, aus dem Tschechischen und Slowakischen.
Auch von den Cousins Ludvíg und Milan Kundera.
(Vielleicht sollte ich Kunze doch neben Kundera ins Regal
einsortieren?)
Meine Mutter arbeitet jetzt beim Radio.
Auch im Sommer ‘61: Stacheldraht, Schüsse. Mauer.
Im Körper des Arbeiter- und Bauernstaats immer noch zwei
Nieren namens Berlin.
Ums Überleben um-steint er die eine. Deckname der Operation:
„Aktion Rose“.

Zwei Liebende aus zwei Bruderstaaten dürfen nach langem Kampf
endlich heiraten.
Ehepaar Kunzeovi lebt nun in Greiz. Aber die Nachtigall jubelt:
Heitere Texte erscheint in der Heimat von ihm, Věnování in ihrer.
Sogar im anderen Deutschland wird er nun verlegt.
Heiter, düster, ja, nein, fünf, sechs, sieben …

Neunzehnhundertachtundsechzig
Reiner Kunze wird mit dem Übersetzerpreis des tschechoslowakischen
Schriftstellerverbandes ausgezeichnet.
Nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings tritt
Genosse Kunze endgültig aus der SED aus, wollte er schon vor
Jahren, doch wahre Genossen hielten ihn zurück.
Seiner literarischen Bürgerrechte ist er enthoben.
Die Staatssicherheit gibt ihm einen neuen Decknamen: „Lyrik“.
Erich Schleyer aus Dresden gelingt die Flucht in den Westen.
Meine Mutter ist Journalistin geworden und Mitglied der SED.
Vor einem Jahr hat sie in Rostock einen Sohn zur Welt gebracht.

In diesem biografischen Abriss von Land und Leuten bin ich längst
noch nicht bei 1977 gelandet, dem Jahr, in dem das neue deutsche
Land auch den Dichter Kunze abstößt, ihn erpresst – zur Ausreise
zwingt …

Habe gerade ein Foto erblättert.
Es zeigt das Gepäck der Familie Kunze nach der Ausreise.
Viele Koffer aus verschiedenen Jahrzehnten.
Koffer transportieren Dinge, die Geschichte haben.
Flüchtende transferieren Biografien, die Geschichte sind.
Literatur transponiert Leben, erzählt Geschichten.
Geschichte/n – lebenswichtig für Schreibende und Lesende.

Es gibt auch von mir ein Foto nach der Ausreise, 1986.
Ein Koffer, paar Taschen und ein riesen Stoffelefant auf dem
Bahnhof Zoologischer Garten, fast genau über der Heinrich-
Heine-Buchhandlung, in der ich Die wunderbaren Jahre in ein
paar Monaten erstehen werde.
Lesen werde ich sie erst vierzig Jahre später, heute.

Die wunderbaren Jahre – geschrieben vor über fünfzig Jahren in
einem Land, das es nicht mehr gibt. Vor fünfzig Jahren aber nur
im anderen, gleichsprachigen Land veröffentlicht. Ein deutscher
Klassiker. Und universell in der Beschreibung von Diktatur.
Eine Dekade älter, als Menschen die DDR zuließen.

Wieder fällt mir Zettel zwei ins Auge:
„Ich wähle meine Stoffe nicht,
die Stoffe wählen mich.“

Danke, Semperoper!
Danke, sehr geehrter Herr Kunze!


Victor Schefé, 1967 in der DDR geboren, ist 1986 nach West-Berlin ausgereist. Start als Schauspieler an Berliner Off-Theatern, wenig später Hauptrollen am Schauspielhaus Wien. Danach in über achtzig Film- und TV-Produktionen von Tatort bis Bewegte Männer, ab 2010 auch international, in Bridge of Spies unter der Regie von Steven Spielberg, im James- Bond-Film Spectre und in drei Staffeln Borgia. Regisseur und Produzent von B.i.N. – Berlin im November. Mitglied der Deutschen Filmakademie und Unterzeichner der Initiative #actout. Zwei, drei blaue Augen ist sein Romandebüt.