Dresdner Koordinaten

Torsten Rasch in der Schubertstraße 37 © Semperoper Dresden/Holm Helis
Torsten Rasch erinnert sich an prägende Stationen seiner Dresdner Jahre – an Musik, Freundschaften, Freiheit und Menschen, die seinen Weg begleitet haben
Schubertstraße 37
Die erste Adresse in Dresden, zu der ich einmal wöchentlich gebracht wurde, war dieser kleine – heute nicht mehr existierende – Bungalow in der Schubertstraße. Ich war meinem Klavierlehrer von der ländlichen Musikschule wohl über den Kopf gewachsen. Welche seltsamen Verknüpfungen nun dazu führten, dass ich vor diesem Bungalow ankam, in dem mich eine ältere, etwas exzentrische Dame erwartete, kann ich nicht sagen. Frau Ursula Hoppe war Klavierpädagogin beim Dresdner Kreuzchor, hatte warme, freundliche, braune Augen, einen schiefen Hals und Dutzende von dicken Schuhüberziehern in allen Größen, ohne die man ihre Wohnung nicht betreten durfte. In dem einzigen Zimmer, das ich jemals betrat, war ein Sofa, ein – so schien es mir damals mit sieben Jahren – riesiger Flügel, viele Bücher in Regalen und vergilbte Fotos, wo auch immer man hinschaute. Das alles gefiel mir sehr. Ich glaube, sie liebte Debussy über alles und alle Plackerei mit Hanon, Czerny, Bach usw. war nur darauf ausgerichtet, eines Tages die Wunder der Suite Bergamasque zu entdecken. Aber in ihr war noch mehr verborgen, doch das begriff ich erst viel später: Sie lehrte nicht nur Fingersätze und Ausdruck, sie lehrte Haltung, Respekt, Ausdauer und eine Sicht auf die Welt, die Wurzeln schlug und blieb. Vor vielen Jahren sah ich einen Film des englischen Regisseurs John Schlesinger, in dem Shirley MacLaine eine alte russische Klavierlehrerin in London spielt. Er heißt Madame Sousatzka. Ich erkannte Frau Hoppe in ihrer ganzen Schönheit und Traurigkeit und ihre unsichtbare Hand, die mir den Weg gezeigt hat, auch lange nachdem ich keinen Klavierunterricht mehr nahm.
Die wunderbaren Jahre kurz gefasst
Basierend auf dem gleichnamigen Buch von Reiner Kunze schuf Torsten Rasch ein Musiktheater, das in kleinen Szenen das Leben in der DDR nachzeichnet und dabei gleichzeitig Fragen nach Selbst- und Fremdbestimmung, Individualität und Konformismus und dem Wert von Idealen stellt.
Kreuzschule
In diesem Viereck und den umliegenden Straßen und Parks habe ich fast neun Jahre meines Lebens verbracht. Ich war neun, später wurde ich 18. Das waren meine, unsere wunderbaren Jahre. Das wussten wir natürlich damals nicht und das Staunen, das später kam, als wir uns in einem Buch mit diesem Titel wiederfanden, war groß. Wir sangen viel, spielten viel Fußball, hörten Musik in ohrenbetäubender Lautstärke. Wir erlebten qualvolle Russisch- und Staatsbürgerkundestunden. Die einen mit einem Lehrer der ganz „alten Schule“, der wirklich furchterregend war, aber die Lehrer der „neuen Schule“ waren gefährlicher. Sie trugen normale Klamotten, aber darunter waren Uniformen. In dem Land meiner Jugend herrschte eine Hierarchie, an deren oberen Ende die Partei und niemand sonst war. In unserem Viereck aber, und besonders in dem Haus an der Ecke – dem Internat – herrschte eine andere Hierarchie: die der gelebten Jahre. Wir schauten ehrfurchtsvoll zu den Großen auf, sie blickten auf uns herab, aber nicht mit Verachtung oder Hochmut, sondern mit dem Wissen, dass wir eines Tages an ihrer Stelle sein würden und deshalb geformt und vorbereitet werden müssen, um diese Gemeinschaft zu erhalten und zu verteidigen. Angriffe gab es immer wieder. Noch heute freue ich mich über die Niederlagen der Uniformen, über unsere bin ich immer noch traurig.

Torsten Rasch auf dem Hof der Kreuzschule © Semperoper Dresden/Holm Helis
Schillerplatz
Der Schillerplatz war die „Einkaufs- und Amüsiermeile“ für uns. Hier gab es eine Kaufhalle für Milchbeutel, Kekse und Bier, den Tabakladen, das Antiquariat Carl Adler in der Brucknerstraße, das Café Toscana, in dem unzählige Male – auch während der Schulzeit – gefrühstückt wurde. Und natürlich den Schillergarten: Freunde, Bier, Bockwurst und die immer gleichmäßig fließende Elbe.

Auf den Dresdner Plätzen und in den Straßen und Gassen. © Semperoper Dresden/Holm Helis
Louisenstraße
In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre war hier mein Lebensmittelpunkt. Am unteren Ende bezog ich meine zweite „schwarze“ Wohnung im oberen Stockwerk. Der Leerstand war enorm und das Wohnungsamt war froh, dass durch beheizte Wohnungen der Verfall aufgehalten wurde und legalisierte die „Besetzung“ schnell. Mein Flügel wurde hochgeschleppt, irgendwoher besorgte ich mir ein Casio-Keyboard mit Minitasten und nun ging es nur noch um Musik: Soul, Jazz (Miles Davis!), Rock – alles, was „jung“ klang und war. Die Neustadt war ein Biotop, das von allen Schichten der Gesellschaft bevölkert war: Arbeiter, Rentner, Aussteiger aller Couleurs, Studenten und natürlich Künstler, denn jeder, der irgendwo eine Ausstellung organisierte, ein paar Leute für ein Konzert zusammentrommelte oder vor ein paar Leuten aus seinem Tagebuch las, war ein Künstler. Die Stasi – wie man später erfuhr – war natürlich immer dabei. Aber die dort praktizierte Freiheit überforderte sie. Es wurde kein Umsturz geplant, sondern in irgendeinem Wohnzimmer Freejazz zu einer Tanzperformance gespielt. Was soll man da berichten? Die Zukunft spielte nur eine untergeordnete Rolle. Die Mauer stand, als wir geboren wurden und es sah nicht so aus, als würde das in 50 Jahren anders sein. Vielleicht stellt man in ein paar Jahren einen Ausreiseantrag, wenn es zu eng wird, aber hier und jetzt zählte nur die Gegenwart und die Musik, die komponiert, probiert und gespielt wurde am Wochenende darauf in der Scheune.
Text Torsten Rasch