Witwe, Widow, Veuve, Vedova, 未亡人

Eine Operette erobert die Welt und löst Begeisterungsstürme aus

Die Rezeption von Franz Lehárs Lustiger Witwe gehört zu den außergewöhnlichsten Phänomenen der Theatergeschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Als das Werk am 30. Dezember 1905 im Theater an der Wien uraufgeführt wurde – mit Lehár selbst am Dirigierpult, Mizzi Günther als Hanna Glawari und Louis Treumann als Graf Danilo – war sofort klar, dass sich hier ein Ereignis von besonderer Tragweite abspielte. Die Presse überschlug sich vor Begeisterung. Das Neue Wiener Tagblatt jubelte: „Endlich eine Operette, wie sie sein soll“, und prophezeite, die Musik werde „in kürzester Zeit in ganz Wien populär sein“. Schon die ersten Wochen bestätigten dies: Die Vorstellungen waren über Monate hinweg ausverkauft; am 24. April 1907 wurde bereits die 400. Aufführung gefeiert – eine damals unerhörte Zahl, begleitet von gigantischen Einnahmen und einer zuvor nicht gekannten Euphorie. Das Neue Wiener Journal beschrieb ein „über drei Stunden währendes, ununterbrochenes Jubeln, Toben und rasendes Applaudieren“ und berichtete sogar von Besucherinnen und Besuchern, die die Operette zehn-, zwanzigmal oder noch häufiger gesehen hätten, eine Dame gar 372-mal. Ein echter „Lehár-Taumel“ hatte Wien ergriffen.

Schon wenige Monate nach der Uraufführung trat Die lustige Witwe auch europaweit ihren Siegeszug an – sei es in Stockholm, Kopenhagen oder Mailand. Am 3. März 1906 wurde sie am Hamburger Neuen Operettentheater erstmals auf einer deutschen Bühne gespielt. Der Walzer „Lippen schweigen“ musste mehrfach wiederholt werden, weil das Publikum sich „nicht beruhigen“ wollte, bis „das ganze Haus mitsummen“ konnte, wie der Berliner Lokalanzeiger berichtete. Am 8. Juni 1907 eroberte The Merry Widow schließlich London. Ein zeitgenössischer englischer Kritiker sprach begeistert von einem „Triumph“ und sogar von der „Geburt einer neuen Ära des musikalischen Unterhaltungstheaters“. Die 778 Vorstellungen im Daly’s Theatre wurden zur Initialzündung eines Welterfolgs. Tourneen führten Lehárs Operette durch nahezu alle Teile des britischen Empires und machten sie in Südafrika, Indien, Ceylon, Australien, im Fernen Osten, in China und Japan ebenso populär wie in Nord- und Südamerika. Bereits 1907 existierten mehr als 300 Produktionen in fast allen europäischen Sprachen. Der Londoner Erfolg hatte zudem eine bedeutende modische Komponente: Lady Duff Gordon kreierte für die junge Hauptdarstellerin Lily Elsie den legendären „Merry Widow Hat“, einen spektakulären schwarzen Krinolinen-Hut mit überdimensionalen rosa Seidenrosen. Dieser Hut wurde zum Sinnbild eines neuen bürgerlichen Lebensgefühls zwischen Glamour und moderner Warenhauskultur – ein Symbol dafür, dass Operette und Modeindustrie nun eng ineinandergreifen konnten.

Ihren größten Erfolg feierte The Merry Widow jedoch in den USA, beginnend mit der Premiere am 21. Oktober 1907 am New Amsterdam Theatre am Broadway. Die Presse sprach von einem der glanzvollsten Theaterereignisse der letzten Jahre: Der Applaus sei „beinahe erschreckend in seiner Intensität“ gewesen und es habe genauso viele „Bravo!“-Rufe wie bei einer Pagliacci-Aufführung mit Enrico Caruso gegeben. Die Begeisterung griff auf alle Lebensbereiche über: Tanzwettbewerbe wurden ausgeschrieben, in denen das beste Danilo-Sonia-Paar [in der US-amerikanischen Fassung wurde aus Hanna Sonia] gesucht wurde, die Zahl der Hochzeiten stieg rasant an und es entstand ein regelrechter „Merry Widow Craze“ mit Merry-Widow-Kuchen, -Schokolade, -Likör, -Zigarren, -Schuhen, -Korsagen, -Kosmetik, -Gedichten und sogar Hotels und Restaurants, die den Namen der Operette trugen. Der legendäre Merry-Widow-Hut erreichte in den USA endgültig seine spektakulärste, wagenradgroße Dimension: Eine New Yorker Hutverteilungsaktion anlässlich der 275. Aufführung am New Amsterdam Theatre führte zu tumultartigen Szenen, die als „Battle of the Hats“ in die Broadway-Annalen eingingen.

Bis Mai 1909 war Lehárs Operette zu einer der größten „Theaterepidemien“ der Geschichte geworden. In 422 deutschen, 135 englischen und 154 amerikanischen Städten kam sie auf über 18.000 Aufführungen. Die Wiener Operette erlebte eine Konjunktur ohnegleichen und dominierte die Theaterwelt der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Der amerikanische Erfolg spielte dabei eine Schlüsselrolle: Allein am Broadway wurden in 416 Vorstellungen über eine Million Dollar eingespielt. Die Operette wurde damit zu einem ersten modernen Massenmedium, eng verbunden mit der Ausbreitung neuer Technologien wie Schallplatte und Film.

Die Auswirkungen auf Alltagskultur und Publikumsverhalten waren tiefgreifend: Die Musik eroberte Privathäuser, Cafés und sogar abgelegene Bergwirtshäuser, wie der Basler Kritiker Jules Coulin 1913 bemerkte. Menschen sprachen in Zitaten und Melodien der Operette, und die Hauptfiguren Hanna und Danilo avancierten zu mythischen Identifikationsgestalten ihrer Epoche. Vielleicht lag das Erfolgsrezept – wie Lehár selbst sagte – darin, dass man „nach langer Zeit wieder natürliche Menschen auf der Bühne gesehen“ habe, Menschen des Alltags, deren Emotionen universell verständlich sind.

Im weiteren Verlauf setzte sich die Lustige Witwe auch in anderen medialen Formaten durch: 1928 inszenierte Erik Charell eine prachtvolle Revue-Fassung mit Fritzi Massary in Berlin, 1934 drehte Ernst Lubitsch seinen berühmten Hollywoodfilm, später folgten eine Ballettcollage von Maurice Béjart und zahlreiche weitere Verfilmungen bis in die Gegenwart. Samuel Beckett ließ in Happy Days die Melodie „Lippen schweigen“ als kostbaren Erinnerungsrest an vergangenes Glück erklingen und Alfred Hitchcock verwendete ebendiese in seinem Film Im Schatten des Zweifels – ein Zeichen dafür, wie tief die Operette ins kulturelle Gedächtnis eingesickert war.

In Dresden wurde Die lustige Witwe erstmals am 20. Oktober 1906 am Residenztheater gezeigt, auch hier wurden die „entzückenden Melodien“ und die „rhythmisch zündenden“ Tanznummern mit „stürmischen Beifall“ bedacht (Dresdner Neueste Nachrichten). Nicht umsonst zählt sie bis heute zu den meistgespielten Operetten der Welt – ein Werk, das nicht nur eine Epoche prägte, sondern auch den Übergang in ein neues Medienzeitalter mitgestaltete.


Text Dorothee Harpain