Viva Verdi!

Eine kleine Dresdner Rezeptionsgeschichte

Die Werke Giuseppe Verdis hatten es in der deutschsprachigen Opernwelt lange schwer, verglichen mit denen seines Komponistenkollegen Richard Wagner. Dennoch waren sie auf der Dresdner Bühne immer präsent und das Ensemble der Dresdner Oper um 1900 war besetzt mit Wagner- und Verdi-Stimmen. Zu den frühesten, noch im ersten Semperbau aufgeführten Opern Verdis in deutschen Übersetzungen zählten 1849 Ernani, 1851 Nabucco, 1860 Il trovatore und 1868 Un ballo in maschera. Ihnen folgten weitere Aufführungsserien und Neuinszenierungen, sodass Verdi schon früh eine Konstante im Dresdner Spielplan darstellte.

Die Werke Giuseppe Verdis fanden auf der Dresdner Opernbühne stets ihr Zuhause.

Häufig wurden die beiden Komponisten Wagner und Verdi zu Antipoden im musikästhetischen Diskurs jener Zeit stilisiert: die „deutsche Tiefgründigkeit“ gegen eine vermeintliche „italienische Oberflächlichkeit“, „Harmonie“ gegen „Melodie“, „Sinfonik“ gegen „Leierkastenmusik“ ausgespielt. Dementsprechend wurde zum 100. Geburtstag der beiden Komponisten im Jahr 1913 in Dresden und ganz Deutschland vor allem Richard Wagner ausgiebig gewürdigt, wohingegen Giuseppe Verdi nur gelegentlich Erwähnung fand. Der Dichter Franz Werfel begann in jenem Jahr allerdings, sich intensiv mit Giuseppe Verdi zu beschäftigen und veröffentlichte 1924 ein Buch unter dem Titel Verdi. Roman einer Oper. Eine fiktive, nur knapp verhinderte persönliche Begegnung der beiden Komponisten in Venedig und eine intensive Auseinandersetzung Verdis mit dem Werk Wagners sowie dem Verhältnis zu seinem eigenen Schaffen schließt mit der Erkenntnis, dass ein gleichwertiges Nebeneinander von (italienischer) Oper und (deutschem) Musikdrama durchaus möglich erscheint. Der Roman wurde zu einem regelrechten Bestseller und veränderte die Wahrnehmung Giuseppe Verdis im deutschsprachigen Raum. Die in ihm zum Ausdruck gebrachte Begeisterung Franz Werfels für die Melodie und die menschliche Stimme reichten zwar für eine Neubewertung der Werke Verdis allein noch nicht aus, doch Werfel erarbeitete zum Teil dichterisch sehr freie neue deutsche Textfassungen für Verdis Opern La forza del destino, Simon Boccanegra und Don Carlo, welche die Rezeption dieser Werke deutschlandweit positiv beeinflussten.

Während der Dirigent Fritz Busch als Generalmusikdirektor der Dresdner Oper wirkte (1922–1933), standen zeitweise bis zu zehn Opern Giuseppe Verdis auf dem Spielplan. Wie schon sein Amtsvorgänger Ernst von Schuch (1872–1914) dirigierte Busch die italienischen Opern im Repertoire sowie die Premieren meist selbst. Den Anfang machte er 1922 mit der Premiere von Otello, gefolgt von La forza del destino (1926) und Un ballo in maschera (1929). Auch Falstaff, Il trovatore und Don Carlo bereitete Busch für Neuinszenierungen musikalisch vor. Aus jenen Jahren stammt auch der Topos der „Verdi-Renaissance“, der vor allem von den Feuilletonisten wie zum Beispiel Karl Schönewolf (Dresdner Neueste Nachrichten) geprägt wurde: „Von Fritz Busch geht ja ein gut Teil der aufblühenden Verdi-Renaissance in Deutschland aus. Mit den Verdi-Aufführungen unter Busch wurde die Dresdner Staatsoper maßgebend über die Grenzen des Reiches hinaus.“ 

Das italienische Repertoire mit Werken von Verdi, Puccini, Leoncavallo und Mascagni war für Busch ein wesentlicher Teil seines Spielplans, der auch Werke beinhaltete, die sich auf den deutschen Opernbühnen bis dahin noch nicht etablieren konnten. In seinen Lebenserinnerungen berichtet er allerdings auch von einem „Missgeschick“, als der italienische Dirigent Arturo Toscanini 1929 eigens nach Dresden reiste, um eine Aufführung von La forza del destino zu sehen. „Während ich im Gespräch mit Toscanini zusammen stand, trat Georgi, der Theaterdiener, herein und meldete: ‚Herr Generalmusigdiregder, heide is keene ‚Machd des Schigsals‘, weil die Frollein Seinemeyer krank is. Mir soll’n die ‚Ägybdische Helena‘ gäh’m.“ Somit war der italienische Kollege zwar nicht gänzlich umsonst angereist, konnte aber den großen Erfolg von Verdis La forza del destino in Dresden nicht live miterleben.

Die Werke Giuseppe Verdis verblieben, trotz Vorwürfen der Nationalsozialisten zur „Überfremdung der Spielpläne“, auch nach 1933 im Repertoire der Dresdner Staatsoper. Zwischen 1933 und 1944 hatten die italienischen Opern den größten Anteil gegenüber Werken aus anderen Ländern. Bei detaillierter Betrachtung der einzelnen Spielzeiten zeigt sich, dass Otello, Falstaff und Macbeth die Liste der häufig gegebenen Werke anführen. Über die Jahre stieg die Beachtung Verdis bis zu ihrem Höhepunkt in der Spielzeit 1944/45 sogar auf über 16 % Anteil an der Gesamtzahl der Aufführungen.

„Die Muse lebt!“, schrieb der Rezensent der Sächsischen Volkszeitung am 6. Februar 1946 über die konzertante Aufführung von Verdis Un ballo in maschera im Kurhaus Bühlau.

Die Verdi-Rezeption der unmittelbaren Nachkriegsjahre begann im Februar 1946 zunächst mit konzertanten Aufführungen von Un ballo in maschera im Kurhaus Bühlau unter der musikalischen Leitung Joseph Keilberths. Später im selben Jahr folgte Otello und schließlich im April 1947 La traviata in der Regie Heinz Arnolds und unter dem Dirigat von Hans Löwlein. Im Solisten-Ensemble fanden sich weiterhin so klangvolle Namen wie Christel Goltz und Josef Herrmann, die neben etlichen anderen Partien als Amelia und Renato in der Neuinszenierung des Maskenball 1946 glänzten oder Elisabeth Reichelt, die als Violetta in La traviata seit 1947 für viele weitere Jahre eine Idealbesetzung an der Dresdner Staatsoper war. Ab Mitte der 1950er-Jahre scheint das Repertoire zunächst nicht von einer durch die damaligen Intendanten angekündigten Politisierung im sozialistischen Sinne betroffen gewesen zu sein. Die Opern Giuseppe Verdis wurden mit durchschnittlich etwa 30 Aufführungen pro Spielzeit nach Mozarts Werken am zweithäufigsten gespielt. Zugeständnisse an die politischen Verhältnisse sind erst weit unterhalb dieser Spitzenpositionen erkennbar, vor allem durch die Aufnahme von Werken osteuropäischer Komponisten aus den sogenannten sozialistischen Freundesländern in den Spielplan. Eine Neuinterpretation versuchte die Dresdner Staatsoper jedoch auch bei Verdis Werken, wo laut eines Presseberichts zur Spielplanvorstellung beispielsweise in La traviata (Regie: Erich Geiger, Premiere: 3. Juni 1960) die „gesellschaftskritischen Elemente dieser Oper“ noch verstärkt werden sollten.

Gesellschaftskritisch auf andere Weise wirkte die von Harry Kupfer erarbeitete Interpretation von Verdis Simon Boccanegra aus dem Jahr 1980. Kupfers Streben, nicht nur mittels der Personenführung, sondern auch durch die Ästhetik von Ausstattung und Bühnenbild einen Zusammenhang mit der politischen Gegenwart herzustellen, gelang hier besonders gut. Peter Sykora schuf für die Bühne im Großen Haus (heute Schauspielhaus) eine monumentale und ständig präsente Festungsmauer. Sie stellte einerseits die Trennung der beiden gesellschaftlichen Ebenen im Werk dar, ließ in anderer Lesart aber durch ihre bedrückende Wirkung auch die Enge des DDR-Staates spürbar werden.

Nach der Wiedereröffnung der Semperoper 1985 erfolgten die Aufführungen der italienischen Opern zunehmend in der Originalsprache. Für die musikalische Leitung zeichneten Dirigenten wie Hans Vonk, John Fiore, Ingo Metzmacher, Myung-Whun Chung oder Christian Thielemann verantwortlich. Auch die Regiehandschriften von Joachim Herz, Christine Mielitz, Peter Konwitschny, Vera Nemirova oder David Bösch boten dem Dresdner Publikum über die letzten Jahre eine Vielfalt an Interpretationen.

Die Dresdner Verdi-Tradition, die spätestens unter Ernst von Schuch als solche hervortrat, nahm der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle, Daniele Gatti, mit seiner Falstaff-Interpretation in der Regie von Damiano Michieletto 2025 wieder auf und wird sie mit der Premiere von Un ballo in maschera in der aktuellen Spielzeit fortführen.


Text  Elisabeth Telle