Freischütz im Visier

Der Weg zum Ziel ist mannigfaltig

Endlich! Seit Februar 1817 war Carl Maria von Weber als Königlich Sächsischer Hofkapellmeister des Deutschen Departements seinem Kollegen der Italienischen Oper, Francesco Morlacchi, hierarchisch gleichgestellt – zumindest auf dem Papier. Der damals 30-jährige Weber hatte für die neu gegründete Institution immense Aufbauarbeiten zu leisten, denn beide Departements waren zunächst unterschiedlich ausgestattet.

So wurde beispielsweise die vom Hof bevorzugte Italienische Oper mit Kompositionen zu offiziellen höfischen Festakten beauftragt und konnte mit einer ganzen Palette an erlesenen Gesangsstars glänzen. Die Sänger aus Webers Ensemble hingegen waren zu großen Teilen eher im Sprechtheater zu Hause und hatten teilweise noch nie eine eigenständige Opernpartie gesungen. Ohne das Engagement auswärtiger Gäste hätte Weber viele seiner ambitionierten Projekte anfänglich nicht realisieren können.

Um diesen Zustand zu ändern, stellte er bereits im Mai 1817 Forderungen an die Generaldirektion zum »Stand einer deutschen Opern Gesellschaft«. In diesem Katalog teilte er die bereits vorhandenen Ensemblemitglieder in Stimm- und Charakterfächer ein und setzte den Bedarf an neu zu engagierenden Künstlern fest. Man könne zwar »ein schönes Talent besitzen, und doch wenig brauchbar sein«. Deshalb müssten seine Sänger vor allem »vielseitig« einsetzbar und versiert in den unterschiedlichen ästhetischen Musiktheatergenres sein. So sollten neben den üblichen Sing- und Liederspielen ebenso die großen italienischen und französischen Opern musikalisch bewältigt werden – auch wenn diese in deutscher Sprache gegeben wurden.

Neben diesen Umstrukturierungen hatte Weber als Königlich Sächsischer Hofkapellmeister ein enormes Arbeitspensum zu absolvieren, d.h. tägliche Kirchendienste, zahlreiche Dirigate von Opernaufführungen sowie unterschiedlichste Proben. Erschwerend kam hinzu, dass Francesco Morlacchi häufig krankheitsbedingt ausfiel oder durch Genesungsurlaube monatelang nicht in Dresden weilte und Weber zusätzlich dessen Verpflichtungen übernehmen musste. Der wachsende Unmut über seinen Kollegen ist deutlich in seinen Briefen belegt.

Natürlich blieben in der Arbeit der beiden Kapellmeister Rivalitäten nicht aus. Morlacchis opulente Präsentation der italienischen Opern stand Webers deutlich gegenüber. Dieser versuchte die Werke durch sprachliche Übersetzung einem oft bürgerlichen Publikum zugänglich zu machen und gleichzeitig, die strukturellen Weichen für die Etablierung einer deutschen Nationaloper zu stellen. Doch trotz interner Querelen bei so konträren Arbeitsvoraussetzungen beschritten beide Künstler nur unterschiedliche Wege zu einem gemeinsamen Ziel: Das Publikum für die Welt der Oper zu begeistern und neu zu gewinnen. Am 21. März 1817 verfasste Weber eine Rezension, in der er Morlacchis fremdländisches Oratorium »Isacco« verteidigte: »Der Weg zum Ziel ist breit und mannigfach gestaltet: wir haben Alle Platz darauf. Er ist auch steil, wohl uns, wenn wir uns Alle die Hände bieten; Freude, Friede und Gedeihen der hohen Kunst seyen der Erfolg!«

Katrin Böhnisch