Freischütz im Visier

Virtueller Streifzug durch 200 Jahre »Der Freischütz«

Am 18. Juni 1821 wurde »Der Freischütz« in Berlin uraufgeführt. Nur wenige Monate nach der Berliner Premiere dirigierte Carl Maria von Weber, Kapellmeister und Direktor der Deutschen Oper am Königlich Sächsischen Hoftheater, seinen »Freischütz« auch an der Dresdner Opernbühne. Seither ist das Werk aus den Spielplänen der Staatsoper Dresden nicht mehr wegzudenken. Mit fast 1.500 Vorstellungen ist »Der Freischütz« nicht nur die meistgespielte Oper in Dresden, sondern auch ein Markstein in der Geschichte der Sächsischen Staatsoper.

Den sieben Freikugeln nachempfunden, die der unglückliche Jägersbursche Max in der schaurigen Wolfsschlucht gießt, begeben wir uns bis zum Uraufführungsjubiläum am 18. Juni auf eine videografische Reise in sieben Episoden.

 

Folge 1: Weber überall

Wir begegnen dem Komponisten Carl Maria von Weber nicht nur im Dresdner Semperbau, sondern auch auf dem Platz davor. Die vielfältigen Bildnisse zeigen seine große Bedeutung für die Dresdner Operngeschichte und so eröffnet Weber selbst unseren Jubiläumsreigen.

Ein Denkmal für den Komponisten des »Freischütz«

»Pfui das Sauwetter! Das wird eine schöne Festlichkeit werden« schrieb Max Maria, der Sohn des Komponisten Carl Maria von Weber an den Freund der Familie und späteren Herausgeber des ersten Weber-Werkverzeichnisses, Friedrich Wilhelm Jähns, als er ihm die Einladung zur Denkmal-Einweihung am 11. Oktober 1860 übersandte. Es war ein verregneter Donnerstag, an dem sich um 10 Uhr vormittags ein Festzug am Dresdner Gewandhaus (nahe dem heutigen Pirnaischen Platz) in Bewegung setzte. An der Spitze des Zuges gingen die Königlichen Kapellmeister Karl August Krebs und Julius Rietz sowie der Königliche Konzertmeister Franz Anton Schubert, gefolgt von den Mitgliedern der Königlichen Kapelle und des Hoftheaters, des allgemeinen Männergesangsvereins, des Tonkünstlervereins und anderer Genossenschaften, wie sie das Tagebuch des Königl.-Sächs. Hoftheaters für das Jahr 1860 gewissenhaft aufzählt. Ihr Weg führte sie zur elbseitigen Gartenanlage hinter dem Hoftheatergebäude. Dort sollte, in Anwesenheit des sächsischen Königs Johann, die feierliche Einweihung der Weber-Statue stattfinden. 

Bereits 15 Jahre nach dem Tod Carl Maria von Webers wurden in Dresden Stimmen laut, dem Komponisten ein Denkmal zu setzen.

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Verbunden waren diese Forderungen anfangs mit der Rückholung seines Leichnams. Weber war 1826 in London verstorben, wo er seine Oper »Oberon« zur Uraufführung gebracht hatte. In Zeitungsberichten aus dem Jahr 1841 wurde der unwürdige Zustand der Londoner Grabstätte des Komponisten kritisiert. Der damalige sächsische König Friedrich August II. veranlasste eine Prüfung der Verhältnisse durch seinen Londoner Gesandten. Gleichzeitig verfügte er die Gründung eines »Comité«, in welchem unter anderen Vertreter der Hinterbliebenen Carl Maria von Webers sowie der Generaldirektor der Kgl. Musikalischen Kapelle und des Hoftheaters, Wolf Adolph August von Lüttichau, über das weitere Vorgehen beraten sollten. Da der Gesandtschaftsbericht aus London den schlechten Zustand des Grabes nicht bestätigte, entschied der sächsische König im September 1841, dass die sterblichen Überreste Webers in London verbleiben und in Dresden ein Denkmal für ihn errichtet werden sollten. Den finanziellen Grundstock dafür mochten die Einnahmen der 100. Dresdner »Freischütz«-Aufführung vom 24. August 1842 bilden, welche sich auf rund 700 Thaler (heute etwa 26.000 Euro) beliefen.

Durch die öffentliche Aufmerksamkeit fanden sich außerdem etliche private Spender für dieses Vorhaben, unter denen 1844 ein neuer Ausschuss, ein neues »Comité« gewählt wurde. Dieses verfolgte erneut die Idee, die Gebeine Carl Maria von Webers nach Dresden zu überführen und auf dem katholischen Friedhof zu bestatten. Mitinitiator war der seit 1843 am Dresdner Hoftheater engagierte Kapellmeister und Weber-Verehrer Richard Wagner. Da das Anliegen trotz des öffentlichen Interesses als interne Familienangelegenheit gesehen wurde, hatte der König keine Einwände und so konnten noch im selben Jahr die Überführung und anschließende Beisetzung in Dresden stattfinden.

Das bewusst schlichte Grabmal der Weberschen Gruft auf dem katholischen Friedhof entwarf Ernst Rietschel, Professor für Bildhauerei an der Dresdner Kunstakademie. Er arbeitete mit vielen bedeutenden Architekten, vor allem mit Gottfried Semper zusammen und entwarf beispielsweise die Figurenplastiken am Dresdner Hoftheater. Sein wohl berühmtestes Werk ist das Goethe- und Schiller-Denkmal in Weimar, welches 1857 enthüllt wurde. Er war es auch, den der Dresdner Weber-Ausschuss mit der Planung eines würdigen Denkmals für den Komponisten beauftragte. Er entwarf ein Standbild Carl Maria von Webers als Ideal des romantischen Künstlers. Durch private Spenden und Benefizkonzerte, unter anderen auch der Königlich musikalischen Kapelle, standen im Jahr 1860 genügend Mittel zur Verfügung, die Entwürfe in die Wirklichkeit umzusetzen. Die Kosten für das Bronze-Denkmal samt Granitsockel beliefen sich auf etwa 21.000 Mark, was heute in etwa 150.000 Euro entspricht. Der große Anteil an Spenden von über 80 Prozent, der für die Errichtung des Denkmals gesammelt werden konnte, unterstreicht einmal mehr, welchen hohe Stellenwert Carl Maria von Weber bereits zu diesem frühen Zeitpunkt für Dresden einnahm.

Nachdem das erste Hoftheater Gottfried Sempers 1869 durch einen verheerenden Brand zerstört wurde, erhielt das Weber-Denkmal seinen heutigen Standort zwischen der Semper-Galerie am Zwinger und dem neuen, ebenfalls von Semper entworfenen Opernhaus.

Elisabeth Telle

Das Weber Denkmal an seinem aktuellen Standort
Das Weber Denkmal an seinem aktuellen Standort © Matthias Creutziger

Die Dresdner Hofoper vor 200 Jahren

Artikel-Reihe »Abgestaubt« aus dem Semper!-Magazin

Semper!-Magazin

Etwas Würdiges zu schaffen!

Über die Dresdner Opernlandschaft vor dem Amtsantritt Carl Maria von Webers.

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Semper!-Magazin

Auf Lebenszeit!

Carl Maria von Weber wird im September 1817 zum Königlichen Kapellmeister auf Lebenszeit ernannt.

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Semper!-Magazin

Der Weg zum Ziel ist mannigfaltig

Carl Maria von Webers Aufbauarbeiten für das Deutsche Departement und die Zusammenarbeit mit Francesco Morlacchi.

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Folge 2: Inspiration Freischütz – 1818

Wir folgen der Spur zum weltweit einzigen, dem Komponisten Carl Maria von Weber gewidmeten Museum in Dresden-Hosterwitz. Hier fand Weber vielfache Anregungen für seine Oper »Die Jägersbraut«, die er kurz vor der Uraufführung auf Wunsch des Berliner Intendanten Graf von Brühl in »Der Freischütz« umbenannte. 

Zwischen Dresden und Pillnitz – Webers Dresdner Arbeitswege

»Drum kommt und besucht bald einmal Eure Webersleute in dem freundlichen Naturbegabten Dresden… Ende Juny… gedenke [ich] nach Pillnitz aufs Land ziehen zu können… Meine Oper, die Jägersbraut, ist zur Hälfte entworfen und soll künftigen Winter in die Welt treten.«

Als Carl Maria von Weber diese Einladung an seinen engen Freund Hinrich Lichtenstein am 14. Mai 1818 nach Berlin sandte, war er schon mehr als ein Jahr als Königlicher Hofkapellmeister in Dresden tätig. Gemeinsam mit seiner frisch angetrauten Frau Caroline lebte er an der Südseite des Altmarkts (Haus Nr. 9). Diese Unterkunft (in der Karte weiter unten markiert mit A) nahe der Kreuzkirche entsprach mit ihrer zentralen Lage dem gesellschaftlichen Stand und Renommee eines Hofkapellmeisters und Operndirektors. Gleichzeitig konnte Weber von hier aus seine wichtigsten Wirkungsstätten, das Morettische Theater (B) auf dem Gelände des italienischen Dörfchens, und das Sommertheater »Auf dem Linkeschen Bade« (C) unweit des heutigen Diakonissenkrankenhauses, bequem fußläufig erreichen. Allerdings erforderte der Weg zu einem weiteren »Spielort«, an dem die Präsenz des Hofkapellmeisters ebenfalls zwingend erwartet wurde, viel größere Mühen: In der wärmeren Jahreszeit siedelte die königliche Familie in das ca. 13 km entfernte Schloss Pillnitz (D) über und wünschte, auch dort mit einem vielseitigen, kulturellen Programm unterhalten zu werden. 

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Um die räumliche Distanz Dresden – Pillnitz zu überwinden, behalf sich Weber zwar mit diversen Transportmitteln – mietete Kutschen, fuhr mit einem Elbkahn oder setzte mit der Fähre über – aber oft ließ sich der ausgedehnte Fußmarsch von etwa 3 Stunden, allein für eine Strecke, nicht vermeiden. Anhand der detaillierten Tagebucheintragungen Webers ist nachvollziehbar, mit welchem logistischen Aufwand die Erfüllung seiner dienstlichen Verpflichtungen an den unterschiedlichen Orten einherging. Die Lösung des Problems war naheliegend: Es musste neben der Stadtwohnung noch ein möglichst ruhiges Sommerquartier in der Nähe von Pillnitz gefunden werden. Am 5. Juni 1818 präsentierte Weber seiner Gattin Caroline eine Entdeckung – das 1725 errichtete, malerisch gelegene Winzerhaus in der Äpfelgasse in Hosterwitz (der heutigen Dresdner Str. 44). Am selben Abend notierte er in sein Tagebuch: »Früh um 7 Uhr mit Lina zu Fuße nach Pillnitz gegangen… Quartier besehen… um 6 Uhr bis Loschwitz zu Fuße. dann Bier und Brod… zu Wasser herein gefahren bis 9 Uhr.«

Bereits wenige Wochen nach diesem Ausflug bezog das Ehepaar das neue Hosterwitz’sche Domizil (E). Wie erhofft bedeutete dieser Schritt spürbare Entlastungen in Webers Arbeitsalltag. Begeistert von der Vielseitigkeit der Landschaft, der Idylle der Berge und Wälder schrieb der Komponist am 8. Juli 1818 einen weiteren euphorischen Brief an Hinrich Lichtenstein: »Ich lebe auf dem Land in herrlicher Natur und einer friedlichen Stille, die mir erlaubt einmal ganz mir selbst und meinem inneren Treiben zu leben, ohne alle Augenblicke durch Besuche, Anfragen gestört zu werden… Hoffe, hier was Rechts zu Wege zu bringen.«

Katrin Böhnisch

Folge 3: Beginn einer Tradition – ab 1822

Die Rede vom traditionsreichsten Opernhaus in Deutschland kommt nicht von ungefähr. Die Staatsoper Dresden fühlt sich ihrer künstlerischen Vergangenheit verpflichtet und betreibt ein eigenes Historisches Archiv. Doch auch in der Notenbibliothek wird (Musik-) Geschichte bewahrt.

Zeugnisse aus 200 Jahren »Der Freischütz«

Teil I: 1822–1951 (1/15)

Folge 4: Nachkriegsästhetik – 1951

Das Kupferstich-Kabinett im Dresdner Residenzschloss beherbergt eine Sammlung von etwa 900 Werken des Bühnenbildners Karl von Appen. Von ihm stammen die Bühnenbildentwürfe zur 1000. Aufführung des »Freischütz« im Jahr 1951.

Experimentelle Dresdner Versuchsaufnahme

Ein Blick in die Annalen des Mitteldeutschen Rundfunkarchivs verrät, dass der »Freischütz« die Hitliste aller Dresdner Rundfunkproduktionen anführt. Die früheste Gesamtaufnahme der Weber-Oper erfolgte unter der Leitung des Dresdner Generalmusikdirektors Karl Elmendorff, wobei das Aufnahmedatum für sich spricht: Drei Monate vor der kriegsbedingten Schließung der Staatsoper Dresden nahm am 1. Juni 1944 der Reichsrundfunk den »Freischütz« auf der Bühne der Semperoper und in den Originalkulissen als Gesamtaufnahme (allerdings unter Verzicht auf die Dialoge) auf. Dank dieser Rundfunkproduktion wird für uns Nachgeborenen noch einmal die einmalige Akustik des Dresdner Semperbaus vor seiner Zerstörung erlebbar.

Auf andere Weise interessant ist die Einspielung unter der Leitung von Generalmusikdirektor Rudolf Kempe aus dem Carl-Maria-von-Weber-Jubiläumsjahr 1951.

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Eigens dazu holte sich der Sender Dresden die Staatskapelle, das Solistenensemble und den Staatsopernchor in den zum Großen Sendesaal seines Funkhauses umfunktionierten Steinsaal des Deutschen Hygiene-Museums. Und der bot dem damaligen Musikchef und Aufnahmeleiter der Produktion, Hans Hendrik Wehding, tontechnisch und räumlich bessere Bedingungen als der ständig ausgebuchte Mehrsparten-Theaterraum des Großen Hauses. Zudem war es hier in unmittelbarer Funkhausnähe auch möglich, erste Erfahrungen mit einer Pseudo-Stereofonie zu sammeln, das heißt die Aufnahme durch die Verwendung mehrerer Mikrofone und Lautsprecher räumlicher wirken zu lassen. Der »Freischütz« bot mit seiner Wolfsschlucht-Szene und den zahlreichen gesprochenen Dialogen seinerseits ideale strukturelle Voraussetzungen für erste Dresdner Labor-Versuche im Interesse einer räumlichen Klangwirkung.

Den Denkanstoß dafür hatte der Dirigent und musikalische Berater des Dresdner Rundfunks, Hermann Scherchen, gegeben, als er 1949 den Toningenieur des Dresdner Funkhauses, Gerhard Steinke, aufforderte, er möge sich doch »intensiv mit der Stereofonie befassen, um die künstlerische Wirkung durch höhere Transparenz zu erhöhen«. Dieser Argumentation verdanken die Rundfunk-Bänder schließlich ihren Erhalt und speziellen »Lebensweg«: Sie kamen nämlich als wichtiger Aufnahmebeleg in das Rundfunk-Forschungszentrum Berlin und wurden dort als »experimentelle Dresdner Versuchsaufnahme« aufbewahrt.

Stapel von sechs in orangefarbenen Karton verpackten Tonbändern der »Freischütz«-Aufnahme von 1951
Tonbänder der »Freischütz«-Aufnahme, 1951 © MDR, Marco Prosch

Der heute vierundneunzigjährige Gerhard Steinke kann sich noch ganz genau an die technische Realisierung dieser frühen Dresdner Opernproduktionen erinnern:
»Als junger Toningenieur des Senders Dresden hatte ich die Möglichkeit, erstmals in der Nachkriegszeit Opernaufnahmen mit der Sächsischen Staatskapelle zu produzieren. Als Aufnahmesaal diente uns die ehemalige Empfangshalle des Deutschen Hygiene-Museums. Dieser als Sendesaal für Rundfunkaufnahmen wie öffentliche Veranstaltungen genutzte, wegen seiner Ausführung und Gestaltung ›Steinsaal‹ genannte Raum besaß eine lange Nachhallzeit. Daher wurde für unsere Aufnahmen das Orchester vor der Bühne platziert, der Bühnenvorhang geschlossen, und die noch verbleibenden Stuhlreihen mit Tüchern abgedeckt. Für unsere Opernaufnahmen wurde überlegt, statt des einen hohen Standmikrofons zusätzlich ein zweites Hängemikrofon in vier Metern Höhe über dem Platz des Dirigenten einzurichten. Um den Vorstellungen des Chefingenieurs Gerhard Probst zu entsprechen, entschloss ich mich, ein Loch für das Mikrofonkabel in die Beton-Saaldecke zu schlagen.

Schwarz-weiß-Aufnahme von Gerhard Steinke am Mischpult, 1951
Gerhard Steinke am Mischpult, 1951 © G. Steinke

Allerdings gab es zu dieser Zeit keine Steinbohrmaschinen; es musste also per Hand gemeißelt werden. Dabei platzte der Verputz der Unterdecke in einem großen Drei-Meter-Radius im Saal selbst mit ab, was dem Direktor des Hygiene-Museums äußerst missfiel und der Leitung des Landessenders erhebliche Unannehmlichkeiten einbrachte. Indes war die versteckte Freude des Chefingenieurs über das Einhängen des Mikrofons am richtigen Platz weit größer als der verursachte Ärger, zumal auch Rudolf Kempe große Bereitschaft zeigte, die Orchesteraufstellung und Klangbalance der Instrumentengruppen sowie der Sänger für das neu hinzugekommene Hängemikrofon einzurichten. Die gesamte Aufnahmetechnik, wie Mikrofone, Abhörlautsprecher und Magnetbandgeräte, stammte noch vom damaligen Reichsrundfunk aus den frühen vierziger Jahren. Die Bandmaschinen selbst standen weit entfernt vom Aufnahmesaal im Funkhausflügel des Hygienemuseums. Dort starteten dann die Technischen Assistentinnen die ›Maschinen‹ nach einem telefonisch gegebenen Kommando aus dem Regieraum oder auf Zuruf durch Rudolf Kempe selbst.«

Steffen Lieberwirth

Folge 5: Legendärer Klang – 1973

Vom 22. Januar bis zum 8. Februar 1973 entsteht in der Dresdner Lukaskirche eine Gesamtaufnahme des »Freischütz« unter der musikalischen Leitung von Carlos Kleiber. Diese Produktion gilt noch heute als Referenzaufnahme und zeugt von der außerordentlich anspruchsvollen Arbeit des Dirigenten mit der Sächsischen Staatskapelle.  

Carlos Kleiber und die Sächsische Staatskapelle

Interview mit dem ehemaligen Orchesterdirektor Dieter Uhrig

Carlos Kleiber war zu Beginn des Jahres 1973 erstmals bei der Sächsischen Staatskapelle zu Gast, um mit ihr eine neue Gesamteinspielung des »Freischütz« aufzunehmen. Dieses ambitionierte Projekt war seine erste Schallplattenaufnahme überhaupt. Als Aufnahmeort diente die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigte und von 1964 bis 1972 zum Tonstudio umgebaute Dresdner Lukaskirche. Namhafte Sänger wie Peter Schreier (Max), Theo Adam (Kaspar), Gundula Janowitz (Agathe) und Edith Mathis (Ännchen) standen als Solisten zur Verfügung. Komplettiert wurde das Ensemble durch den Leipziger Rundfunkchor und die Schauspieler, welche die Dialoge in der Regie des Dresdner Regisseurs Joachim Herz übernahmen.

Seit fast 100 Jahren spielt die Staatskapelle Dresden mit international renommierten Dirigenten Aufnahmen ein. Dieter Uhrig, Sie als Orchesterdirektor (1969–1987) zeichneten auch verantwortlich für die Vertragsabschlüsse für Einspielungen die in dienstfreien Zeiten aufgenommen wurden und trafen mit den ausführenden Künstlern zusammen. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Zusammentreffen mit dem Dirigenten Carlos Kleiber?
Dass Carlos Kleiber für diese Aufnahme nach Dresden kam, hatten wir Hans Hirsch von der Deutschen Grammophon zu verdanken. Vorher gab es noch keinen Kontakt zwischen Kleiber und mir oder der Staatskapelle. Von anderen Orchestern hörte ich, dass er als schwieriger Typ bekannt war, aber er war der große »Newcomer« in diesen Jahren.

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Unser erstes persönliches Zusammentreffen war dann tatsächlich im Studio direkt vor den Orchesterproben. Ich habe ihn dem Orchester vorgestellt und eine Weile bei der Probe zugeschaut. Ich hatte den Eindruck, dass er irgendwie unsicher war. Er stand ja immer unter diesem Druck, dass sein Vater Erich Kleiber ein sehr berühmter Dirigent war und der Sohn an den Leistungen des Vaters gemessen wurde. Wie er damit umgegangen ist und wie er unter diesem Druck so Musik machen konnte, dass dabei genau das herauskam, was er sich vorstellte, das habe ich sehr bewundert.

Die Sächsische Staatskapelle blickte schon damals auf eine lange Aufführungstradition speziell dieser Oper zurück. Manche behaupten sogar, sie gehöre zur DNA des Orchesters. Wie hat das Orchester auf Kleiber selbst und auf seine ungewöhnlichen Interpretationsvorschläge reagiert?
Die Dresdner meinten, sie könnten das Stück spielen, wie Weber es selbst erfand. Für Carlos Kleiber war es aber wichtig, das Orchester von seinen eigenen Vorstellungen in Bezug auf den »Freischütz« zu überzeugen. Er kannte das Stück und auch die Berliner Originalpartitur ausgesprochen gut und aus dieser Werkkenntnis heraus hat er seine Interpretation entwickelt. Dafür hat sich das Orchester letztlich doch aufgeschlossen gezeigt.

Wie kann man sich den Ablauf so einer Gesamtaufnahme vorstellen? Was war bei dieser Aufnahme anders? 
Kleiber verlangte eine ungewöhnlich lange Probenzeit. Normalerweise wurde für die Proben maximal eine Woche angesetzt. Die Aufnahmen für den »Freischütz« dauerten letztlich zweieinhalb Wochen vom 22. Januar bis zum 8. Februar 1973. Es gab einen sehr strengen Aufnahmeplan mit Orchesterproben und Proben nur mit den Sängern bevor dann alles zusammenkam. Kleiber hat diese Proben immer intensiv genützt, da gab es keinen »Leerlauf«. Außerdem nahm er sich zum Abhören und Vergleichen zwischen den Mitschnitten ebenfalls sehr viel Zeit. Trotzdem lohnte sich die Kooperation der westdeutschen Grammophon Gesellschaft mit dem ostdeutschen VEB Deutsche Schallplatten für beide Seiten. In der Regel finanzierte die VEB Deutsche Schallplatten das Orchester, den Chor und die Solisten aus der DDR sowie die Technik vor Ort. Die internationalen Solisten und der Dirigent wurden meist von der Westfirma bezahlt. Das lohnte sich nicht nur finanziell, sondern brachte künstlerisch hervorragende Ergebnisse. Ich bin froh, dass diese Aufnahme damals so zustande kam und Carlos Kleiber auch noch ein weiteres Mal, nämlich Anfang der 1980er Jahre für die Aufnahme von Wagners »Tristan und Isolde« zur Staatskapelle nach Dresden kam. Er war wirklich ein Dirigent, wie es ihn kein zweites Mal gab.

Folge 6: Eröffnungspremiere – 1985

Von dem ganzen Trubel rund um die Eröffnung der wiederaufgebauten Semperoper wollen die Sänger ganz unberührt gewesen sein. Kammersänger Olaf Bär erzählt uns mit Stolz und einem Augenzwinkern, dass er es war, der die ersten solistischen Töne auf der Bühne des neu eröffneten Hauses sang. 

Zeugnisse aus 200 Jahren »Der Freischütz«

Teil II: 1961–2015 (1/15)

Stream

Semper digital

»Der Freischütz« im Stream

Vom 18.–20. Juni 2021 auf semperoper.de

Ausstrahlung der von Unitel aufgezeichneten Premiere aus dem Jahr 2015 in der Inszenierung von Axel Köhler. Mit u.a. Michael König, Georg Zeppenfeld, Albert Dohmen, Sara Jakubiak. Es spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden unter der Musikalischen Leitung von Christian Thielemann.

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