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Peter Grimes

Oper in drei Akten und einem Vorspiel von Benjamin Britten

詳細解説

HANDLUNG Prolog Gericht
Während der Arbeit ist Peter Grimes' Lehrjunge William Spode gestorben. Das Gericht unter Führung von Mr. Swallow soll klären, ob Grimes Schuld am Tod des Jungen hat. Swallow glaubt Grimes die Geschichte, der Junge sei verdurstet. Er spricht ihn frei, verbietet ihm aber, einen neuen Jungen anzustellen. Die Bürger sind wütend, dass keine Verurteilung ausgesprochen wurde. Ellen Orford verspricht Peter, ihm beizustehen, egal was kommt. Grimes weiß, dass er von seinen Mitbewohnern für den Tod des Jungen verantwortlich gemacht wird - obwohl er freigesprochen wurde. Akt 1 Szene I Springflut
Die Menschen gehen ihren alltäglichen Tätigkeiten nach. Ned Keene bietet Peter Grimes einen neuen Lehrjungen an. Fahrer Hobson soll den Jungen holen. Ellen begleitet Hobson, um sich auf der Fahrt um das Kind zu kümmern.
Ein Sturm zieht auf. Balstrode rät Peter, die Gemeinschaft zu verlassen oder Ellen zu heiraten. Beides kommt für Grimes nicht in Frage: Zuerst möchte er Geld verdienen und es zu Ansehen bringen. Szene II Fest
Die Menschen versammeln sich, um Schutz vor dem Sturm zu suchen. Mrs. Sedley erwartet in Aunties Pub eine Lieferung Schmerzmittel. Bob Boles, ein Methodist, macht sich an Aunties Nichten ran. Peter erscheint und äußert in poetischen Formulierungen den Wunsch, noch einmal von vorn anfangen zu können. Er wird für verrückt erklärt. Balstrode befiehlt, dass ein Lied gesungen wird und es gibt zu essen für alle. Fahrer Hobson und Ellen bringen das Kind. Grimes nimmt es mit nach Hause. Akt 2 Szene I Messe
Während die Bürger die Messe feiern, fragt Ellen den Jungen aus. Sie entdeckt einen Bluterguss und folgert, dass der Junge von Grimes geschlagen wurde. Sie stellt Grimes zur Rede, der gekommen ist, um mit dem Jungen arbeiten zu gehen. Ellen und Peter geraten in Streit. Die Gemeinde befragt Ellen, was vorgefallen ist. Ellen argumentiert, dass Grimes und sie nur Gutes für den Jungen wollten. Die Bürger ahnen Schlimmes und gehen, um nach Grimes und dem Jungen zu sehen. Auntie, die beiden Nichten und Ellen bleiben zurück. Szene II Jagd
Grimes macht den Jungen fertig zum Fischen. Er will heute einen großen Fang machen. Grimes träumt erneut von Haus, Geschäft, einer Hochzeit mit Ellen und eigenen Kindern. Als er die Bürger kommen hört, verdächtigt er den Jungen, er und Ellen hätten ihn verraten. Peter flieht mit dem Jungen vor der heranrückenden Menge und tötet das Kind. Die Bürger sehen, dass Grimes Haushalt sauber geführt ist und ziehen wieder ab. Akt 3 Szene I Revue
In einzelnen Szenen sehen wir Swallow, der eine der beiden Nichten verführen möchte, dann Ned Keene mit denselben Absichten. Mrs. Sedley weiht Keene ein: Sie wittert ein Verbrechen. Sie vermutet, dass Grimes den Jungen getötet hat. Der Pfarrer und andere Männer verschwinden. Sie wünschen sich gegenseitig eine gute Nacht. Ellen und Balstrode haben den Pullover des Jungen gefunden. Sie wollen Grimes finden, um ihm eventuell noch helfen zu können. Mrs. Sedley lässt nicht locker, bis Mr. Swallow die Männer zusammenrufen lässt, um nach Grimes und dem Kind zu suchen. Die Bürger wollen, dass Grimes für seine Schuld bezahlt. Szene II Hinrichtung
Ellen und Balstrode treffen auf Grimes. Der redet mit sich selbst. Ellen will ihn nach Hause bringen, aber Peter hört nicht. Balstrode schlägt Grimes vor, sich selbst zu töten. Die Bürger bemerken, dass Grimes nicht mehr da ist. Er ist zu weit weg, um ihm noch helfen zu können.
Das System schaut auf sich selbst
Sebastian Baumgarten im Gespräch über die Inszenierung Was war Dein erster Eindruck beim Hören von »Peter Grimes«?
Die Musik ist zunächst erst mal in ihrer Komplexität anstrengend und aufregend und hysterisch und hoch angebunden. Wenn man dann genauer hinschaut und hinhört und vor allem dann beim Inszenieren erklärt sich die Musik völlig logisch. Das Chaos, diese scheinbar hysterische Prellwand wird auf einmal strukturiert und durchsichtig. Das fand ich sehr interessant an der Arbeit. Und dann ist da zum einen der Versuch, eine bestimmte Landschaft, einen bestimmten geografischen und psychologischen Raum abzubilden, durch so eine Volksliedhaftigkeit, durch Rhythmen, die darin vorkommen wie beispielsweise bei »Old Joe goes fishing« … diese volksliedartigen Anklänge haben etwas mit dem Komponisten und seinem Herkunftsland zu tun. Und innerhalb dessen wird dieselbe Musik verwendet, um Figuren zu beschreiben. Bei »Old Joe« gibt es diesen Volksliedcharakter, wenn aber dann Grimes einsetzt und mitsingen will, wird erzählt, dass er nie den Ton der Anderen trifft. Oder es wird erzählt, dass auf demselben Text retardierend sozusagen die Stimmung der Leute umschlägt gegen Grimes. Der Zweikampf der Gesellschaft gegen Grimes ist in »Old Joe« schon vollständig reinkomponiert. Das ist interessant an dieser Musik, dass sie beides kann: Eine Stimmung, eine Landschaft, auch eine psychologische Landschaft herstellen, aber innerhalb dessen werden die Konflikte deutlich gemacht. Benjamin Britten hat den Stoff zu »Peter Grimes« in Amerika entdeckt, wo er sich drei Jahre lang aufgehalten hat wegen des Kriegsausbruchs in Europa. Auch wenn er die Musik erst 1944 nach seiner Rückkehr nach England komponiert hat, hört man doch Einflüsse von Music Hall, Musical, Revue oder Gospel, die er offensichtlich aus Amerika mitgebracht hat.
Die Amerikaerfahrung war ja für viele Komponisten total wichtig. Dieses Revuehafte ist Präsentationsmusik. Wir spielen das in den Vordergrund. Das Populäre in diesen Nummern globalisiert die Musik sozusagen. Wie erklärst Du Dir die später so genannten »Sea-Interludes«, diese symphonischen Orchesterstücke, die zwischen die einzelnen Szenen hineinkomponiert sind?
Die Sea-Interludes sind ja erst mal eine epische Methode. Britten nimmt darin so etwas wie eine zusätzliche Perspektive ein. Ich glaube, deshalb haben die Interludien auch eine merkwürdig metaphysische Funktion, die eines Blickes einer fremden Spezies auf uns, auf diese Gesellschaft. Wer religiös gebunden ist, würde sagen, sie schauen aus einer gottesähnlichen Perspektive auf die Handlung. Ich würde sagen, hier schaut das System auf sich selbst. Es könnte auch der Blick aus einer vergangenen Zeit sein, der Blick der Opfer. Auf unserer Bühne sehen wir kein Meer, kein Fischermilieu. Du verwendest häufig den Begriff des »Übersetzens«, wenn Du Deine Bilder findest. Was meinst Du mit diesem Begriff?
Ich glaube, dass es zwei Wege gibt, Vorgänge, die in der Partitur immer nur skizzenhaft beschrieben sind, auf die Bühne zu übertragen. Der eine Weg wäre, die Handlung des Librettos fotorealistisch abzubilden. Das kann sehr spannend sein. Oder aber ich überprüfe die Informationen aus Musik und Text auf ihre Inhaltlichkeit und bringe das auf die Bühne und bleibe nicht in der realistischen Abbildung eines Meeres beispielsweise hängen. Da wäre die Frage, aus welchen Zusammenhängen so ein Thema wie »Wasser« in dieses Stück kommt. Dann muss man »Wasser« anders thematisieren, es ist dann mehr als eine landschaftliche Erfahrung. Dann braucht man diesen landschaftlichen Aspekt vielleicht gar nicht und reduziert das Meer auf das Element Wasser. Was bedeutet das Element Wasser? Wasser ist das Element, aus dem das Leben entstanden ist, es ist das Element, aus dem wir zu 70 bis 80 % bestehen... Wasser wird bei uns auf der Bühne so wahnsinnig wichtig, weil es so abwesend ist, nur in Form von 1400 Wasserflaschen existiert. Trotzdem ist es wichtig, dass man in diesem Bild sieht, dass alle damit rechnen, dass das Wasser irgendwann noch mal kommt und dass diese merkwürdig futuristischen Boote irgendwann schwimmen werden, wie so eine Hoffnung, so eine Utopie. Aber das passiert in dieser Industriehalle nicht. Da wird das fast schon symbolisch, wir sehen diese Gesellschaft, die auf dem Trocknen sitzt sozusagen, und die nie Wasser unter den Kiel kriegen wird. Geht so eine Ästhetik nicht auf Kosten der klassischen Narration?
Kann sein. Aber das Thema Narration muss man auch mal hinterfragen. Ich versuche, acht große Bilder über das Thema »Peter Grimes« zu inszenieren. Da interessiert mich zum Beispiel der religiöse, biblische Hintergrund in dem Stück, dann die Katastrophenstimmung, aber auch die geschichtliche Erfahrung des Autors. Das Stück ist im Krieg entstanden, der Autor war Pazifist. Seine persönliche Erfahrung schlägt sich ja in dem Werk nieder. Britten war wie gesagt in den USA, als der Krieg ausbrach, und er hat kein Rückreisevisum bekommen. Er hatte Heimweh, war aber sozusagen ausgeschlossen. Als er dann 1942 auf dem Schiff zurückgefahren ist, war er ständig bedroht und in Angst vor U-Bootangriffen durch die Deutschen, das ist auch eine Dimension von der Gewalt des Meeres, die in seiner Oper so eine große Rolle spielt. Kommen wir zu den Figuren. Britten hat seinen Peter Grimes einmal einen »visionären und konfliktbeladenen Charakter« genannt. Ist Grimes ein Visionär?
Für mich ist Grimes die katastrophische Zuspitzung einer Person, die nicht mehr bereit ist, sich an bestimmte Regeln, die jetzt noch existieren, zu halten. Er ist damit ein Protagonist dessen, was auf uns zukommt. Die Auflösung von Werten und Grenzen erfahren wir ja täglich. Vielleicht kann man sagen, in Grimes deutet sich etwas an, was in Zukunft ein ganzes Kollektiv betreffen könnte. Er ist vereinzelt, grenzenlos, maßlos, er entwertet die Maßstäbe seiner Zeitgenossen. Er hat nicht den Willen, sich zu integrieren, er kann es auch gar nicht. Das Gegenstück zu Peter Grimes ist der Chor, der sich immer wieder in so überdrehte Zustände hineinsingt.
Der Chor repräsentiert eine Gesellschaft, in der die Werte, die überhaupt noch existieren, hochgehalten werden, weil die Leute spüren, dass diese Werte den Zeiten des Turbokapitalismus nicht mehr standhalten. Sie zelebrieren diesen Wertekanon…
…ja, aber merkwürdigerweise extatisch, nicht einer Alltagssituation angemessen. Alles was sie tun scheint übertrieben. Es scheint in den Figuren eine Schuldlast, eine Energie zu stecken, die dieses System, dass sich die Menschen untereinander verabredet haben, zu zerstören droht. Die Rituale, die da zelebriert werden, versuchen diese Energie aufzufangen und zu deckeln. Grimes geht da einen Schritt weiter und lebt die Ekstase aus. In diesem Sinn ist Kapitalismus und Religion zusammen zu denken. Dabei entstehen Abspaltungsprodukte wie Narzissmus und Gewalt. Grimes traut sich, das auszuleben, im Gegensatz zu den Anderen, die ihre Triebe immer wieder bremsen. Wenn alle sagen, wir dürfen nicht töten, wir dürfen nicht exzessiv arbeiten, wir dürfen keine Gewalt ausüben, dann übertritt Grimes diese gesetzten Grenzen permanent, weil sein Unterbewusstsein die Verneinung nicht kennt. »Das Böse« als Begriff ist ein großes Thema in dieser Arbeit. Grimes wird von der Gemeinschaft zu dem Bösen gemacht, der er dann später auch ist.
Es ist wirklich nicht klar, ob Grimes den ersten Lehrjungen, William Spode, tatsächlich ermordet hat. Damit bekommt der Chor eine eigenartige Motivation für sein Verhältnis zu Grimes: Eine Gesellschaft braucht, um sich selbst als gut zu definieren, das Böse als Gegenüber. Erst so ist die Gemeinschaft in sich stabil. Und deshalb konstruiert man sich notfalls das Böse. Man sieht das im Prolog. Einer aus der Gruppe wird ausgesucht, der an diesem Abend den Bösen spielen muss. Da sind wir in einem changierenden Bereich von Theaterästhetik und inhaltlicher Diskussion. Zum Schluss reinigt sich die Gemeinschaft vom Bösen, indem sie Grimes auffordert, sich selbst zu zerstören.
Das ist ganz schön an diesem Stück, dass sich Grimes selbst tötet und sich niemand die Finger schmutzig machen muss. Ellen Orford wird in den Regieanweisungen so beschrieben: »Ein hartes
Leben hat sie nicht hart gemacht, es hat sie umso hilfsbereiter gemacht.« Aber sie ist eine sehr vielschichtige Figur.
Ellen ist eine Frau, die in einer kranken Passion unterwegs ist. Da haben wir wieder den steigenden Narzissmus unserer Gesellschaft, diesmal in einer sehr speziellen Form. In dem Glauben, immer für andere da zu sein, verwirklicht sie eigentlich sich selbst. Sie steckt in einem traurigen Zwiespalt: Auf der einen Seite ist sie eine einsame Frau, ohne Mann, ohne Kind, die sich an diesen schwierigen Grimes bindet, auf der anderen Seite übernimmt sie eine von der Gemeinschaft ihr zugeordnete Funktion. Sie hat die Aufgabe, darauf zu achten, dass nichts Gewalttätiges zwischen Grimes und dem Kind passiert. Sie will eigentlich den Beweis erbringen, dass Grimes nicht das ist, was die Gesellschaft von ihm hält. Das Problem ist, dass sie in ihrer Einsamkeit sich so auf diese Aufgabe einnordet, dass sie dieses Kind retten wird, dass bei ihr der Blick dafür verloren geht, was in Grimes wirklich an Aggressionspotential steckt. Sie geht dem System Grimes sozusagen auf den Leim. Interessanter Weise springt Ellen ja in dem Moment ab, als sie entdeckt, dass Grimes das Kind wirklich quält. Da reagiert sie in der Funktion, die sie von der Gemeinschaft übertragen bekommen hat, gegen ihre privaten Bedürfnisse.
Der Grund dafür ist, dass Grimes sie auch schlägt. In dem Moment, wo die Gewalt zu einer persönlichen Erfahrung wird, kippt die Figur um. Das trifft aber auf fast alle Figuren in dem Stück zu, dass sie sozusagen die Seiten wechseln. Die bewegen sich immer von schwarz nach weiß und zurück. Das trifft auch auf Mrs. Sedley zu, die am Anfang die tablettenabhängige Frau ist und am Ende die Rädelsführerin der Destruktion von Grimes wird. Balstrode betrifft das auch. Wenn es am Anfang noch ein väterlicher Ratschlag an Grimes ist, den Ort zu verlassen (warum auch immer das Balstrode macht, ich glaube, er spürt, dass Grimes so ein Unruhepunkt innerhalb der Gesellschaft ist, und er neigt eher zur Stabilität) ist er am Ende der, der Grimes sozusagen die Waffe in die Hand drückt, damit der sich umbringt. Wie verknüpft sich die Aussage des Stückes mit unserer Gegenwart?
Wir versuchen, das Stück aus dem heutigen Zustand der Gesellschaft heraus zu begreifen, wie sie mit Gewalt und Gewaltverbrechern umgeht, und darin gleichzeitig einen Umgang pflegt, der natürlich geschichtlich geprägt ist. Die Erfahrung Zweiter Weltkrieg ist da, die Erfahrung der kollektiven Tötung, der seriellen Tötung. In dem Moment, wo man eine Schuld nicht loswerden kann, einfach weil sie zu groß ist, weil sie zu allgemein ist, weil sie zu sehr im System verankert ist, resultiert daraus eine hysterische Reaktion. Dann wäre der Befund, musikalisch und szenisch, dass nach einem Ereignis wie dem Zweiten Weltkrieg, also einer kollektiven Schuldansammlung, das Normale nicht mehr geht.
Genau. Das ist auch klar, dass nach dem Zweiten Weltkrieg und den KZ’s Normalität in dem Sinne, wie man sie vorher christlich oder als gemäßigtes kapitalistisches System gelebt hat, nicht mehr denkbar ist. Und wir merken ja auch, dass wir tagtäglich an die Grenzen einer so genannten sozialen Marktwirtschaft stoßen. Kapitalismus und »sozial sein«, das widerspricht sich. Da ist die Figur Grimes ein visionärer Wurf, der in seinem wahnsinnigen Arbeitswillen den Kapitalismus eben selbst zur Religion erhebt. Das Exzesshafte von Kapitalismus wird in der Figur Grimes abgeleitet, weil sie die Gewalt im Privaten an den Kindern auslebt. Ist Grimes der Turbokapitalist?
Das ist natürlich eine Zuspitzung, eine Behauptung in einem Stück, wo es eigentlich um Fischer geht, aber wenn man am Anfang hört, mit welcher Übertreibung er Fischfang betrieben hat, den Fang gleich nach London bringen will auf den noch größeren Verkaufsmarkt, dann kann man sagen, dass er als Kleinunternehmer fortschrittlich denkt. Er versucht sofort, seine Arbeit in Kapital umzusetzen, mehr als die Anderen. Er arbeitet am Sonntag, das macht ihn auch zum Widersacher. Man arbeitet nicht am Sonntag. Das ist ja nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht des Christen, und auch da überschreitet er schon wieder die Grenzen des ethischen Kanons. Wo liegt die Vision in dieser Oper?
Du meinst irgendeinen utopischen Faktor? Da bin ich ja resigniert, ich glaub nicht, dass das mit unserer Gesellschaft irgendwie so weiter geht. Es gibt nur zu wenige Ansätze, die eine Gesellschaft anders denken wollen, als auf dieser kapitalistischen Grundlage. Die Impulse, das zu ändern sind so gering und so wenig im Bewusstsein, dass wahrscheinlich vorher alle anderen Katastrophen wie Kriege und Naturkatastrophen und Umweltmisshandlung uns zugrunde richten werden. Und insofern bin ich nicht so der Mann für utopische Ausblicke. Ich sehe das eher kaputtgehen, es ist ein Untergang der Gesellschaft, und Eisler hätte dazu gesagt, »mit großer Abendröte«. Da gibt’s keine Hoffnung. Die Hoffnungen, die wir auf der Bühne zelebrieren, die haben ja auch was unglaublich kleinbürgerliches, die springen ja nicht aus dem System raus. Es gibt ja niemand, der sagt, ich hoffe auf die Maschinen, die danach kommen, oder ich hoffe auf die geklonten Wesen, die da nachkommen, oder ich hoffe auf einen anderen territorialen Ort, wo wir alle leben können oder so. Was ich an Oper aber doch liebe, ist, dass sie durch die Musik immer wieder die Logik durchbricht und utopische Behauptungen aufstellt, die im Moment zur Erfahrung werden. Wie zum Beispiel das Finale in »Fidelio«. Aber solche utopischen Brüche gibt’s hier im »Grimes« nicht.
Musik ist ja etwas, das außerhalb der Bedeutung von Sprache funktioniert. Nimmt man nur die Gesangslinie und das Orchester zusammen, dann ist das etwas, das außerhalb unserer Grammatik läuft und damit die Chance hat, so etwas wie Utopie zu werden. Das Gespräch führte Hans-Georg Wegner

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