Oper in drei Akten von Alban Berg
Baumgarten hat bedenkenswerte
Ideen: Da wird Wozzeck wirr an der Welt und ihren Zeichen, die als
Werbe-Laufbänder mit Bibel-Schnipseln (Video: Stefan Bischoff) die
Wirklichkeit vor der herunter gekommenen Baumarkt-Baustelle (Bühne:
Frank Philipp Schlößmann) umgeben. Da ertrinkt der rasende Bürger nicht
im See, weil er das Teppich-Messer, mit dem er Marie erstach, tiefer zu
versenken sucht, sondern wandelt sich vom Ausgestoßenen zum
Schaufenster-Zombie, der die drängenden Fragen des Seins beiseite
schiebt, um einzustimmen in den Hornbach-Kanon: "Es gibt immer was zu
tun".
(Peter Korfmacher, Wahnsinn in Zeiten der Beulenpest,
Leipziger Volkszeitung, 23.02.2004) Denn die wahre Armut, zeigt
Regisseur Sebastian Baumgarten (35), ist die des Geistes, die "armen
Leut" des Büchner-Dramas sind heute diejenigen, die an nichts mehr
glauben, für das es sich zu leben und zu sterben lohnte.
Eine einleuchtende These, die Baumgarten in Bergs Meisteroper konsequent zu Ende denkt.
(Jörg
Königsdorf, Das Leben ist keine Oper und Wozzeck landet im Baumarkt, An
der Semperoper stellt sich Baumgarten Bergs "Wozzeck", WAZ, 23.2.2004)
Was Sebastian Baumgarten hier an der Semperoper im Bühnenbild von Frank
Philipp Schlößmann versucht, sind indes mehr Anmerkungen zu einem Stück,
etwas flapsig, etwas prätentiös.
(Georg Friedrich Kühn, Anmerkungen
zu Marie, Alban Bergs "Wozzeck" an der Dresdner Semperoper, Frankfurter
Rundschau, 25.2.2004) Die Welt ist schlecht, aber auf diese Weise auch
gut aufgeräumt.
Umso größer die Wirkung, wenn es einer Inszenierung gelingt, aus dem Museum des Mitleids und der Empörung auszubrechen.
Baumgarten stellt die Reste dieser Welt ohne Rührseligkeit dar.
(Klaus
Georg Koch, Mord am Teich, Teich ohne Natur, Sebastian Baumgarten und
Marc Albrecht zeigen in Dresden einen "Wozzeck" voller Gegenwart,
Berliner Zeitung, 28.2.2004) Diese Bilder haben, was Baumgarten will:
eine starke "emotionale Auswirkung". Lange weichen sie einem nicht von
der Netzhaut, vermählen sich mit dem apollinischen Sog der Musik, wie
Marc Albrecht und die Dresdner Staatskapelle ihn an diesem Abend
entfachen.
(Christine Lemke-Matwey, Jenseits der Kälte, Wohin treibt
das moderne Musiktheater nach seiner Selbstentfaltung? Der Regisseur
Sebastian Baumgarten sucht neue Antworten, Die Zeit, 4.3.2004)
Musikalisch war am Premierenabend eine der beeindruckendsten
"Wozzeck"-Aufführungen seit langer Zeit zu hören. Dies vor allem durch
Marc Albrechts phänomenal transparente und dabei bis in die letzte
Verzweigung mit Ausdruckssinn erfüllte Auffächerung des Motivgeäders in
Bergs Orchesterpartitur.
(Julia Spinola, Nur die Zerstörer sind
unsterblich. In Bohrmaschinengewittern: Sebastian Baumgarten inszeniert
in Dresden einen musikalischen formidablen "Wozzeck", Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 23.02.2004) Die ausgestellte Leere trifft sich mit
Marc Albrechts Dirigat auf verblüffende Weise. Verblüffend, weil es
Albrecht auf den ersten Blick gerade darauf anzukommen scheint, die
Fülle der Partitur auszubreiten. Mit verschwenderischer,
sinnverwirrender Üppigkeit lässt er die Staatskapelle spielen, als wärs
ein Stück von Richard Strauss. Schöner hat diese Musik vermutlich kaum
jemals geklungen.
(Jörg Königsdorf, Die toten Seelen. Als wär's ein
Stück von Strauss: Sebastian Baumgarten stellt sich Alban Bergs hoch
problematischem "Wozzeck" an der Dresdner Semperoper, Der Tagesspiegel,
23.02.2004) Marc Albrecht durchforstet die Partitur mit
röntgenologischem Scharfblick. Treibt die durchgängig konzentriert und
klanglich variabel agierenden Musiker der Staatskapelle Dresden zu
pathetisch-leidenschaftlichem Tonfall dort an, wo es in der Oper um die
Existenzberechtigung des Menschen (und Gottes), um den potenziellen
Willen zu einem anderen (liebenden) Leben geht; gestaltet die
elegischen, versonnenen Momente mit einer lyrischen Traurigkeit, die man
selten gehört hat in einem "Wozzeck"; spannt innerhalb der Szenen einen
Bogen, dessen Biegsamkeit die Widersprüche der Figuren konzeptiv
erfasst.
(Jürgen Otten, Ein Dankeschön an unseren Baumarkt.
Regisseur Sebastian Baumgarten und Dirigent Marc Albrecht bringen Alban
Bergs "Wozzeck" auf die Bühne der Dresdner Semperoper, Süddeutsche
Zeitung, 25.02.2004) Marc Albrecht entfaltet mit der grandiosen
Sächsischen Staatskapelle einen edel noblen Klang zwischen
kammermusikalischer Delikatesse und dosiertem, expressivem Ausbruch.
(Joachim
Lange, DNN, 23.02.2004) Es war streckenweise ein Singen wie bei Gustav
Mahler zu hören, an anderen Stellen extreme Härte und Gewalt. Diese
sinnliche Entfaltung verband Albrecht mit analytischem Scharfsinn. Er
verfolgte Linien durch das Orchester von einem Instrument zum anderen,
entfaltete ein räumliches Hör-Theater mit größtmöglichen rezitativischen
Freiheiten.
Dem jungen Regisseur Sebastian Baumgarten gelang eine Inszenierung die Albrechts Musizieren in ihrer Präzision ebenbürtig war.
(Irene
Tüngler, Im Stadt-Dschungel. Betretenheit am Ende und Buhrufe für
Dresdner "Wozzeck"-Inszenierung, Sächsische Zeitung, 23.02.2004) Das
ganze Unternehmen wird von Marc Albrecht geleitet. In Dresden holt er
die glühenden Farben der Spätromantik aus der Partitur heraus. So kam
auf paradoxe Weise zweierlei zusammen: Die Schönheit der Musik und ein
Stück unserer unleugbaren Wirklichkeit.
(Frank Piontek, Im
öffentlichen Raum, Bergs "Wozzeck" mit Bayreuth-Stars an der Semperoper,
Nordbayrischer Kurier, 24.2.2004) Was er (Marc Albrecht) herausholt,
sind die Risse und Schroffheiten, ist die expressive Wildheit einer
Partitur, die bei ihm in einer fast schmerzhaften strukturellen
Überdeutlichkeit erscheint, als sei sie unter gleißendes Flutlicht
getaucht. Da bleibt nichts im Ungefähren, kein Motiv diffus, kein
Bläserlauf verwaschen.
(Gerald Felber, Betriebsunfall im
Bahnhofsviertel, Marc Albrecht dirigiert Alban Bergs "Wozzeck" in der
Dresdner Semperoper, Darmstädter Echo, 26. 2. 2004) Es ist eine bittere,
gnadenlose Geschichte, die auch Marc Albrecht am Pult der grandiosen
Dresdner Staatskapelle erzählt. Immer wieder entfacht er
spätromantischen Feuerzauber, lässt die Musik in schwelgerischer
Üppigkeit aufwallen, um sie gleich darauf umso hässlicher abknicken zu
lassen und die glühende Emphase zur Karikatur zu verzerren. Albrecht
dirigiert eine Musik, die mit dem Herzen in der Romantik verhaftet ist,
aber den Glauben an sie verloren hat. Das Leben, schreit sie heraus, ist
keine Oper. (Jörg Königsdorf, Das Leben ist keine Oper und Wozzeck
landet im Baumarkt, An der Semperoper stellt sich Baumgarten Bergs
"Wozzeck", Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 23.2.2004)