/
en
/
ja
/
zh
/
ru
/
cs
 
Semperoper und Junge Szene auf Facebook Semperoper Dresden auf Twitter Wir auf Youtube

Wer war Peter Ronnefeld?

Ein Gespräch mit seiner Ehefrau Minna Ronnefeld

Liest man Erinnerungen an Peter Ronnefeld von seinen Freunden und Kollegen, entsteht das Bild eines außergewöhnlich lebensfrohen, offenherzigen und geistreichen Charakters. In zahlreichen Interviews beschreiben seine Bekannten, dass die Begegnung mit ihm – auch wenn sie nur kurz war – einen Einschnitt in ihrem Leben bedeutete. Sie kannten ihn so gut, wie kaum einer sonst. Was für ein Mensch war er in Ihren Augen?

Ich habe viele Leute oft sagen hören, dass er ein so lustiger und geselliger Mensch gewesen sei, was richtig ist. Aber das wird oft überbetont, als ob es fast das Grundwesen seines Charakters wäre, dass er so heiter war. Das stimmt nicht. Peter Ronnefeld hatte sehr viele Schattierungen in seinem Wesen, viel mehr, als viele wissen. Er war genauso ein ernster Mensch, der sehr nach innen gekehrt und lange Zeit schweigsam sein konnte, wenn ihn irgendetwas besonders beschäftigte. Dabei war er jedoch nie unnahbar oder unfreundlich. Da ich ihn gut kannte, merkte ich immer genau, wenn er gerade irgendwelchen Gedanken nachhing, über Vorstellungen, neue Stücke oder Neueinstudierungen nachdachte. Dieses Lustige und Heitere war aber auch ein typischer Zug von ihm, besonders, wenn er Menschen traf, mit denen er gern und ohne Verpflichtungen zusammen war. Da konnte er auf Anhieb wahnsinnig lustig sein. Wenn er in einen Raum hineinkam, in dem andere saßen, war er, ohne es zu wollen, sofort das Zentrum. Und zwar keinesfalls aufdringlich: »Also hier bin ich!«, sondern mit seiner authentischen Ausstrahlung. Das ist jetzt groß gesprochen, aber von ihm ging eine Strahlkraft aus, die dazu führte, dass wir ihn alle anschauten: »Was kommt jetzt?«

Und in dieser Position hat er sich wohlgefühlt?

Ja. Er war sich bewusst, dass er in gewisser Weise eine besondere Persönlichkeit war. Aber das hat er nie herausgespielt, jedenfalls habe ich das nicht erlebt. Und ich bin ja diejenige, die am längsten mit ihm in seinem kurzen Leben zusammen war. Es wurden insgesamt neun Jahre, was wenig ist, aber zugleich auch viel. Es war sehr intensiv. Die Eltern kannten ihn natürlich länger, das ist klar, wobei er mit 14 Jahren nach Berlin zog, nachdem seinem Vater bewusst geworden war, dass Peter Ronnefeld in Dresden kaum noch mehr lernen konnte. Es war ja früh erkennbar, dass er eine besondere musikalische Begabung hatte. Schon als Kind war er ein hochbegabter Pianist und ist in Dresden und dann auch in Berlin unter anderem mit eigenen Kompositionen aufgetreten. Im Sommer war Peter oft in Bad Pyrmont gewesen, wo der Vater seiner Mutter lebte. Bad Pyrmont war nicht nur ein Badeort, sondern auch eine sehr lebendige Musikstadt. Davon hat Peter Ronnefeld stark profitiert. Es wurde sehr viel musiziert und jedes Mal, wenn es eine Gelegenheit gab, Musik zu machen, dann war der musikbegeisterte Junge sofort dabei. Der Bruder von Peter Ronnefelds Mutter lebte in Berlin, er war auch Musiker. So konnte mein Mann mit 14 Jahren in dieser Familie aufgenommen werden. Der Sohn der Familie, Matthias Koeppel, ist ein bekannter Maler geworden. Er lebt derzeit in Berlin und hatte dort gerade eine große Ausstellung. Und die beiden Buben – Peter Ronnefeld war 14 und Matthias Koeppel zwei Jahre jünger – haben sich sehr gemocht. Sie haben unglaublich viel Blödsinn gemacht, wie es sich gehört für zwei Kinder in dem Alter, aber auch sehr viel Ernstes besprochen, da sie beide künstlerisch veranlagt waren. Es war ein Glück für Peter Ronnefeld, dass er in dieser Familie während seiner Jahre als Student an der Musikhochschule in Berlin wohnen konnte. Die Eltern hätten ihn allerdings nicht aus Dresden irgendwohin weggeschickt. In Berlin hatten sie die Sicherheit, dass Peter Ronnefeld gut untergebracht war.

Der starke Zusammenhalt innerhalb der Familie war für Peter Ronnefeld also sehr wichtig?

Ja, sehr wichtig, wobei ich diesen Zusammenhalt vielleicht nicht so bewusst wahrgenommen habe. Das ist vielleicht generell ein Zug der damaligen Zeit gewesen. Ich glaube, verglichen mit damals hat sich das etwas verloren in unserer Zeit. Geschwister, Eltern und Kinder waren viel verantwortungsbewusster und hilfsbereiter ihren Nächsten in der Familie gegenüber.

In der »Nachtausgabe« beschreibt Peter Ronnefeld eine Art Bohème-Szenerie. Denken Sie, dass er ähnliche Eindrücke in Berlin gesammelt hat, oder entsprach das eher seinem Leben in Salzburg und Wien, wo er sich oft mit vielen jungen Künstlern traf?


Nein, das hat er ganz sicher nicht aus Österreich, sondern absolut aus Berlin. Er war von seinem 15. bis 19. Lebensjahr in Berlin und in der Zeit hat er von dem dortigen Studentenleben sehr viel mitbekommen. Es war immer noch die Zeit kurz nach dem Krieg, wobei eine zuversichtliche Stimmung gegenüber der Zukunft herrschte, nicht nur bei den jungen Leuten, sondern auch bei der Elterngeneration. Damals hat man sich nicht vorstellen können, dass wieder ein Krieg kommen könnte und so zerstörerische und destruktive Zeiten, die wir leider Gottes seitdem wieder erlebt haben, oft und heute eigentlich noch schlimmer als seit langem. Dieses Bohème-Leben hat er zwar nicht selbst gelebt, aber er hat mit einer ganz raschen Auffassungsgabe buchstäblich aufgesogen und sich zu eigen gemacht, was damals in Berlin los war. Er war sensibel für alles, das um ihn herum geschah, und merkte sich alles.

Denken Sie, er wäre gern noch länger in Berlin geblieben, um dieses Bohème-Leben auch selbst einmal zu auszuleben?

Nein. Das war charakteristisch für ihn: Er hat empfunden und gewusst, dass jeder Ort, an dem er war, für ihn in seiner schnellen künstlerischen Entwicklung nur vorübergehend war. Er brauchte eine neue Atmosphäre, neue Luft, neues Lernen. Daher ging er nach seinem Abschluss in Berlin 1954 für ein knappes Jahr nach Paris, wo er bei Olivier Messiaen und Yvonne Lefébre Komposition und Klavier studierte. Das war natürlich eine völlig andere musikalische Welt als die, die er aus Berlin kannte bei Boris Blacher und seinem Klavierprofessor Hans-Erich Riebensahm, der übrigens als hervorragender Pädagoge bekannt war. Als Peter Ronnefeld aus Paris zurückkam, lernte er 1955 in Bad Pyrmont einen Mann kennen, der Peter Ronnefelds Entwicklung schon seit einer Weile beobachtet hatte. Dieser Mann war Eberhard Preußner, ein bedeutender Mensch in der Musikwelt und im musikpädagogischen Leben, der als Professor am Mozarteum in Salzburg lehrte. Er sagte zu Peter Ronnefeld: »Wir brauchen jemanden wie Sie in Salzburg«, und organisierte einen Lehrauftrag für ihn. Im selben Jahr hat er übrigens auch mich nach Salzburg geholt. Dadurch haben wir uns zum ersten Mal gesehen, aus gewisser Distanz zuerst. Eines Tages sagte Eberhard Preußner zu mir: »Achte mal darauf, wenn Peter Ronnefeld spielt, das ist etwas Besonderes.« Also habe ich ihn mir angeschaut und angehört und war natürlich sehr beeindruckt, hielt mich aber einigermaßen zurück. Auch der damalige Rektor des Mozarteums, Peter Paumgartner, machte mich indirekt auf Peter Ronnefeld aufmerksam. Wenn Peter Ronnefeld ins Haus kam und Paumgartner sah ihn, sagte er: »Da kommt ja der kleine Mozart!« Ich dachte, das sind aber große Worte für so einen jungen Kerl, und habe natürlich extra hingeschaut. Da kannte ich das berühmte Mozart-Gemälde von Joseph Lange noch nicht, dem Peter Ronnefeld tatsächlich ähnlich sieht. Seitdem habe ich das wiederholt gehört. Und es stimmte. Mozart muss Ronnefeld in vielerlei Hinsicht geähnelt haben … Und nun sind wir in die Zeit hineingekommen, in der die »Nachtausgabe« entstanden ist, am Ende der Saison 1955/56. Es war eine Auftragsarbeit von der Stiftung Mozarteum für die sehr bekannte und gefragte Internationale Sommerakademie, vermittelt wiederum von deren Leiter Eberhard Preußner. Das war ein Riesenrummel: Wer soll singen? Wer soll spielen? Alles musste ganz schnell gehen. Probenzeiten gab es damals noch gar nicht, vielleicht eine Probe und eine Generalprobe, das war’s. Dann stand Peter Ronnefeld im Graben vor dem relativ kleinen Orchester, das das Stück vorher auch nicht kannte, und hat vom Orchestergraben aus erzählt, wo es langgeht. Das war faszinierend. Und es war ein Bombenerfolg, wobei im Publikum im Landestheater ganz viele Kollegen, Studenten, zum Teil auch Schüler von Peter Ronnefeld saßen. Sie haben immer wieder seinen Namen gerufen, als das Stück zu Ende war. Das war die einzige Aufführung. Nach der Uraufführung haben wir uns zum ersten Mal intensiv unterhalten und gewusst, dass wir beide zusammengehörten.

Den Wachtmeister in der»Nachtausgabe« spielte Thomas Bernhard.

Damals war Thomas Bernhard natürlich noch nicht die Größe, die er später wurde. Er studierte am Mozarteum Schauspiel und Gesang und hatte Gehörbildungsstunden bei Peter Ronnefeld. Dabei haben sie sich sehr eng miteinander befreundet. Thomas Bernhard wird ja immer beschrieben als Schwarzseher, Schimpfer, Nestbeschmutzer und Österreichhasser. Das ist auch wahr. Aber obgleich er in seiner Einstellung zum Leben und zu seiner Zeit sehr dunkel war, konnte er ganz anders sein, sehr liebenswert. Peter Ronnefeld hat die schillernden Seiten in Bernhards Wesen sofort verstanden und aufgenommen. Wie er es in dem Brief anlässlich der Neufassungs-Aufführung geschrieben hat, hat Thomas Bernhard mit Peter Ronnefeld vielleicht die lustigsten Stunden seines Lebens verbracht. Sie waren oft bei mir in meiner kleinen Mansardenwohnung in Salzburg. Da hatten sie einen ungeheuren Spaß, wie sie sich mit ihrer geschliffenen Sprache so rasch Witze zugespielt haben. Es war ein sprachlicher Schlagabtausch, dem ich manchmal gar nicht folgen konnte, weil mein Deutsch noch nicht so weit war. Aber die Atmosphäre habe ich mitbekommen. Dann haben sie sich etwas aus den Augen verloren, da sie beide mit ihren Karrieren so viel zu tun hatten.

Sie sind dann nach Wien gegangen …

Ende 1957 hat Herbert von Karajan Ronnefeld gehört und wollte ihn als Solorepetitor für die Bühnenproben nach Wien holen. Zur Probe hat er »Siegfried« einstudiert und Karajan hat sofort den Vertrag fertiggemacht. Vom 1. Januar 1958 war Peter Ronnefeld fest angestellt. In Wien kam er auch zum Concentus Musicus. Das ist überhaupt eine Geschichte für sich. An der Wiener Staatsoper gab es einen Regieassistenten, den späteren Regisseur Frederik Mirdita, der in Wien ein sehr enger Freund von uns wurde. Er wiederum kannte Nikolaus Harnoncourt, der damals mit dem Concentus Musicus probierte. Denen fehlte gerade ein Cembalist. Und da hat Mirdita gesagt: »Ich weiß schon, wen du da brauchst. Der ist neu bei uns, aber mit dem bist du gut dran.« Und als sie wieder einmal bei ihm saßen, sagte Mirdita: »Jetzt kommt er gleich«, aber Harnoncourt meinte: »Nein, ich habe mir das nochmal überlegt, ich kann doch niemanden von der Oper nehmen.« Bis dahin hatte Harnoncourt ja nur Alte Musik gemacht.» Jetzt kann ich ihn nicht mehr abbestellen«, hat der Mirdita gesagt, »er ist in zehn Minuten hier«. Und er kam dann auch. Harnoncourt musste dem jungen Mann gegenüber natürlich höflich spielen und sagte: »Sie haben nicht Cembalo gespielt?« – »Nein, ich habe Klavier gespielt, das haben Sie vielleicht gehört.« –» Kennen Sie die Brandenburgischen Konzerte?« – »Ja, kenne ich schon, habe ich öfter gehört in Dresden.« – »Kennen Sie das 5. Brandenburgische Konzert?«- »Ja, das habe ich öfter gehört.« Also hat ihm Harnoncourt die Noten hingestellt und ihn gebeten, daraus etwas zu spielen. Ronnefeld hat hingeschaut und gesagt: »Ich sehe schon, das ist schwierig, die große Kadenz.« Er fing an, ein bisschen am Cembalo zu spielen. Harnoncourt wollte schon unterbrechen und sagte: »Mehr brauchen wir nicht.« Aber Ronnefeld war mitten im Spielen und hat nicht mehr aufgehört, konnte gar nicht aufhören. Das war auch typisch für ihn: Wenn er einmal dabei war, war er so versunken in die Musik, dass man ihn nicht unterbrechen konnte. Er hat es brillant zu Ende gespielt. Und Harnoncourt und seine Frau Alice, die auch eine fantastische Musikerin ist, haben sich nur angeschaut und gesagt: »Wann kommen Sie? Wir brauchen Sie.« Erst viel später habe ich verwundert registriert, dass Peter Ronnefeld für drei Jahre zwischen Karajan auf der einen Seite und Harnoncourt auf der anderen stand, die sich beide ausgesprochen aus dem Weg gingen. Aber Ronnefeld war eine notwendige Figur für beide Seiten. Kurz danach fand das erste öffentliche Konzert von Concentus musicus im Palais Schwarzenberg in Wien statt. Danach blieb Peter Ronnefeld beim Concentus, bis er nach Bonn ging. Das war auch wieder so: Er hätte ein gutes Leben in Wien haben können. Er war inzwischen schon als Dirigent an der Staatsoper eingesprungen und hätte seine Dirigentenlaufbahn dort weiter verfolgen können. Aber jetzt hatte er soviel gelernt und aufgenommen, dass er seinen Weg weitergehen musste. Also hat er in Bonn vorgespielt und bekam sofort einen Vertrag. Und schon während er dort war – in der Zeit ist auch seine große Oper »Die Ameise« in Düsseldorf uraufgeführt worden –, wurde er von Joachim Klaiber in Kiel gefragt, ob er nicht Lust habe, als Generalmusikdirektor an das dortige Theater zu kommen.

Angeblich ist er ja als Dirigent mit den Musikern und Sängern wunderbar ausgekommen, während administrative Sachen eher ein notwendiges Übel waren.

Natürlich musste er sich als Chef auch mit administrativen Fragen beschäftigen. Das kann nicht immer glücklich sein, wenn man Entscheidungen treffen muss, die anderen wehtun. Ihm fiel das auch schwer. Die Musiker, mit denen ich gesprochen habe, vor allem in Kiel und Kopenhagen sowie die Concentus-Leute, haben ihn aber wirklich geliebt. Sie haben erzählt, dass die Probenarbeit so angenehm war. Es war immer eine gute Stimmung, er hat die Proben gerne mit Lustigkeiten verbunden und hat hin und wieder einen Witz gemacht. Nicht, um lustig zu sein, sondern weil sein Wesen so war. Er war aber auch sehr konzentriert; das lieben Musiker: eine konzentrierte, hochfachliche Arbeit, nichts Überflüssiges. Und dann hat er fast immer zehn, fünfzehn Minuten früher aufgehört. Die Proben endeten immer in einer guten Atmosphäre.

In Kiel hat er dann besonders die zeitgenössische Musik gefördert.

Das ist richtig, Kiel blühte sehr auf in den zwei Jahren. In Deutschland hat man bemerkt, dass die Stadt einen neuen musikalischen Weg betrat.
Ich wollte aber noch etwas ergänzen: Mit Kopenhagen hatte er einen Gastvertrag und viele haben geglaubt, das läge daran, dass seine Frau eine Dänin ist, zumal ich mit dem damaligen Opernchef, einem Herrn Winter, zusammen studiert hatte. Das stimmt aber überhaupt nicht und darüber freue ich mich. Als Herr Winter durch Europa fuhr auf der Suche nach guten Sängern und Dirigenten, kam er auch nach Wien und im letzten Moment in die Oper. Er ging zum Platzanweiser. Der sagte: »Wissen Sie, wer heute dirigiert?« Nein, das wusste er nicht, denn er war so in Eile. »Dann schauen Sie gut hin und hören Sie gut zu. Das ist ein junger Kerl, der hier große Furore macht am Haus.« Und das war Peter Ronnefeld. Herr Winter wusste nicht, dass wir verheiratet waren. Aber er sagte sich sofort: »Den möchte ich als Gast haben.« Sie schlossen einen festen Gastvertrag und Peter Ronnefeld war sicher zwölf oder vierzehn Abende im Jahr in Kopenhagen. Für das Jahr, nachdem er gestorben war, hätte er »Don Giovanni« einstudieren sollen.

Hat er sich eigentlich bewusst entschieden, eher in die Dirigenten- als in die Komponistenrichtung zu gehen?

Das ist eine berechtigte Frage. Er war ja von der frühen Kindheit an Komponist gewesen. 1961 hat er sein letztes Stück komponiert, das Ballett »Spirale«, das in Hannover uraufgeführt wurde. Dann kam ihn das Dirigentenleben geradezu angerannt und er wurde eingeladen zu diesem und jenem Konzert und der und der Plattenaufnahme. Ich kann gar nicht zählen, wie viele Aufnahmen das waren, überwiegend für den Westdeutschen Rundfunk. Zum großen Teil hat er dabei Zeitgenossen gespielt. Das Dirigieren fiel ihm so leicht und all die Angebote für Gastdirigate, die auf ihn niederregneten – Kopenhagen, Berlin, Wien, sie konnten nicht genug von ihm bekommen –, waren eine große Versuchung für ihn. So wurde das Komponieren in den Hintergrund geschoben. Er war ja auch verheiratet und hatte zwei kleine Kinder. Daran gedacht hat er trotzdem. Als er in Wien 1965 mit den Wiener Symphonikern seine letzte Platte aufnahm, saßen wir einmal im Prater. Wir waren recht schweigsam; wir wussten beide, dass er bald sterben würde. Da hat er gesagt: »Wie fändest du es, wenn ich aufhörte zu dirigieren und wieder zu komponieren anfinge?« Für einen Moment lebte er in dieser Welt, wieder komponieren zu dürfen.

Wie hat er denn komponiert?

Er war keiner, der sich plötzlich todernst zurückzog von allen, um zu arbeiten. Im Grunde hätte er jederzeit loskomponieren können. Natürlich hatten die Ideen schon in seinem Kopf gearbeitet. Und dann setzte er sich und schrieb sie nieder. Es gibt auch wenige Retuschen in seinen Autographen. Am Anfang hatte ich immer Angst, ihn zu stören, wenn ich in so einem Moment in sein Zimmer gekommen bin, aber er sagte: »Nein, bleib nur, du kannst auch ruhig reden. Das stört mich nicht.« Das war mit völlig fremd. Ich wusste von anderen Künstlern, dass sie Ruhe brauchten, und wenn es Kinder gab, sollten sie bitte nicht in der Nähe sein. Das kannte ich von Peter Ronnefeld überhaupt nicht. Wenn ich mit den Kindern in Kopenhagen war, schrieb er in seinen Briefen: »Ich sehne so mich danach, dass du zur Tür reinkommst und ein bissl quatschst mit mir. Ich sitze hier an meinem Schreibtisch und komponiere und langweile mich.« Das erinnert auch ein wenig an Mozarts Art. Ich habe Mozarts Briefe mit großer Begeisterung gelesen und so ähnlich war es auch bei Ronnefeld. Dass er sagte: »Du störst mich ja nicht. Ich vermisse deine Störungen.«

Hatte er spezielle Vorbilder bzw. Richtungen, an denen er sich in seinen Kompositionen orientiert hat?

Ich möchte das vielleicht von einer anderen Seite beschreiben. Er ist nicht mitgegangen mit dem, was üblich war bei seinen Gleichaltrigen. Er ist zum Beispiel nie mit nach Darmstadt gefahren zu den Darmstädter Kursen oder nach Donaueschingen. Er hat sich damit befasst, er war vertraut mit der Zwölftontechnik, hat das alles studiert. Diese neuen Techniken nach dem Zweiten Weltkrieg klingen in seinem Werk mit, sind zum Beispiel in der »Ameise« hörbar. Aber er hat nie der Tonalität völlig den Rücken gekehrt. Er sagte: »Das bin ich nicht«. Peter Ronnefeld ist einen anderen Weg gegangen. Ich kann mir vorstellen, dass er durch diesen eigenen Weg, unbeeinflusst von dem, was die meisten anderen jungen Komponisten in der Zeit taten, ein bisschen auf die Seite geschoben wurde: »Er nimmt unsere Zeit nicht ganz ernst.« Das sind meine Worte. Aber es wäre naheliegend, dass das auch Grund dafür sein könnte dafür, dass er nicht so viel gespielt worden ist. Wir werden es ja sehen, ob man ihn jetzt oder bei einer anderen Gelegenheit wiederentdeckt.

Hat Peter Ronnefeld auch Momente der Stille gebraucht?

Ja! Zu Hause haben wir nie Musik gehört. Er hat ab und zu etwas auf dem Klavier gespielt, aber relativ wenig. Peter Ronnefeld hat kaum geübt. Es gibt Pianisten, die ihr Leben lang fünf, sechs Stunden üben am Tag, er nicht. Dabei ist er auch zu seiner Dirigentenzeit immer wieder als Pianist aufgetreten. Wenn er am Abend Vorstellung hatte, ist er in der Regel zwei oder zweieinhalb Stunden früher von Zuhause weggegangen und zu Fuß zur Oper gelaufen. In Kiel war das etwa eine dreiviertel Stunde. Ich habe ihn mal gefragt, was er da macht, und da hat er gesagt: »Das ist meine Vorbereitung für den Abend. Dann bin ich vollkommen drin.« Das war seine Art, sich innerlich einzustellen und sich zurückzuziehen von dem, was war. Und was auch sehr bemerkenswert war: Wenn er ein – oft auch zeitgenössisches – Stück akzeptiert hat zum Dirigieren, hat er sich mit den Partituren vielleicht eine halbe oder eine ganze Stunde hingesetzt und sie studiert. Manchmal auch während seiner Bahnfahrt. Und die zeitgenössischen Partituren können ja manchmal sehr groß sein. Wenn er sie zugemacht hat, hat er gesagt: »Jetzt kann ich’s.« Er hatte es sich wirklich eingeprägt. Das war fast beunruhigend.

Hatte er eigentlich auch mit Neidern zu kämpfen?

Ja, das bleibt nicht aus in dem Beruf, das hätte er auch weiterhin gehabt. Die, die neidisch waren, sind aber nicht so leicht damit weitergekommen, weil er so ein freundlicher Mann war.

Es klingt so, als hätte Peter Ronnefeld auch sehr viele intensive Freundschaften gehabt.

Er ging sehr sorgfältig mit dem Wort Freunde um. Man war Kamerad, man war Kollege, aber Freund, das war etwas Besonderes. Aber wenn es erstmal eine Freundschaft war, dann war es wirklich auch was.

Welchen Bezug hatte er nach seinem Weggang noch zu Dresden?

Nach der Grenzschließung durfte er ja nicht mehr einfach so nach Dresden. Das Foto von uns mit seinem Vater vor der Semperoper war eine große Ausnahme: Wir waren auf der Durchreise und haben Transitgenehmigung bekommen, da wir zu der Zeit beide die österreichische Staatsbürgerschaft hatten. Seine Eltern durften nicht raus. Sie haben ihren Sohn in diesen vier Jahren nie als Dirigenten erlebt. Nach seinem Tod habe ich manchmal die Schwiegereltern besuchen können. Einmal hatte ich Tonbandaufnahmen aus Köln mitgenommen, damit sie einmal hören konnten, wie ihr Sohn dirigiert hat. Am Grenzübergang in Helmstedt wurden wir immer einer strengen Kontrolle unterzogen. Ich habe gesagt: »Ich habe hier Bänder. Ich habe meinen Mann verloren und ich fahre zu seinen Eltern. Sie haben nichts gehört von ihm.« – »Sie wissen, Sie dürfen das nicht mitnehmen. Sie fahren zur letzten Station zurück in die Bundesrepublik und schicken das wieder zurück nach Kiel.« Später, nachdem Peter Ronnefelds Vater schon gestorben war, hat meine Schwiegermutter eine Ausreisegenehmigung nach Dänemark erhalten. Da habe ich ihr alles von Peter Ronnefeld gezeigt und vorgespielt, was ich hatte.

Gibt es denn irgendeine Situation, an die Sie besonders gern denken, wenn Sie an Peter Ronnefeld denken?

Da gibt es so viele. Er hat so viel Blödsinn gemacht, auch zu Hause. Und daran denke ich sehr gern. Das war jeden Tag, eine gute Vitaminpille für uns. Ich glaube, es fehlt vielen Menschen, so herumblödeln und sich über ein Nichts freuen zu können.

Das Interview führte Anne Gerber.


Peter Ronnefeld (26. Januar 1935, Dresden – 6. August 1965) galt als musikalisches Genie. Nach seinem Studium in Komposition und Klavierspiel in Berlin, wo er auch im RIAS Jugendorchester als Hornist spielte, bekam er einen Lehrauftrag für Gehörbildung am Mozarteum in Salzburg. 1958 ging er an die Wiener Staatsoper als Solorepetitor und Assistent Herbert von Karajans, als dessen potentieller Nachfolger er inoffiziell bezeichnet wurde. In Wien war er zudem Cembalist im Concentus Musicus, einem Ensemble für Alte Musik unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt. 1961 wurde Peter Ronnefeld als Chefdirigent an die Städtischen Bühnen Bonn engagiert. 1963 wechselte er als jüngster Generalmusikdirektor Deutschlands an die Theater Kiel. 1965 erlag Peter Ronnefeld im Alter von 30 Jahren seiner Krebserkrankung. Sein kompositorisches Œuvre umfasst die Opern »Nachtausgabe« (1956) und »Die Ameise« (1961) sowie die Ballette »Peter Schlemihl« (1955) und »Die Spirale« (1962).
Peter Ronnefelds Ehefrau Minna, geb. Lange, ist als Pianistin und Musikwissenschaftlerin tätig und widmete sich in ihren Studien insebesondere der Musikpädagogik. Die gebürtige Dänin lebt in Kopenhagen.